Erich Bernard und Astrid Göttche (Hg.)
Das Gschwandner. Ein legendäres Wiener Etablissement
Wien
Metroverlag
2012
160 S.
€ 35,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Winter 2010/2011—Frühling 2011, 65—66
Das »Gschwandner« in der Geblergasse 38 in Hernals war ein Stück Alt-Wien. Das Gebäude steht noch und soll jetzt, nachdem es seit 1960 zuerst der Radiofabrik Ingelen als Lager und Büro diente und dann Kulissenlager eines Filmausstatters war, wieder renoviert und als Veranstaltungzentrum genutzt werden. Im Rahmen der Vorarbeiten zur Renovierung und Revitalisierung hat ein Team von Historikern und Architekten die Geschichte des Gebäudes aufgearbeitet. Die Ergebnisse mit vielen Abbildungen sind in diesem Buch zusammengefaßt und wurden in die Entwicklung von Hernals, vom Dorf in den Weinbergen zu einem dichtverbauten Stadtteil von Wien, eingebettet.
1838 gründete die Weinbauernfamilie Gschwandner innerhalb ihrer Weingärten einen Heurigen. Johann Gschwandner sen. hatte neben seinem Heurigen die größte Weinpresse in Österreich, die um 1900 in das heutige Wienmuseum kam. Das Geschäft entwickelte sich gut, sein Sohn Georg wurde Weinbauer, und der andere Sohn Johann Gschwandner jun. wurde erfolgreicher Baumeister. Er baute viele Wohnhäuser und das Gemeindeamt und 1877 im Schank-Salon einen großen Saal mit Podium, Säulen mit korintischen Kapitellen und Nebenräume. So konnten verschiedenste Veranstaltungen mit Musik, Tanz, Sport, Akrobatik und später Kino (1907 wurde ein Kinematograph eingebaut) veranstaltet werden.
Aus dem Heurigen entwickelte sich ein »Schank-Salon« und daraus das »Grand Etablissement Gschwandner«. Gleichzeitig entstand aus den Weingärten ein Wiener Gemeindebezirk mit dichter Verbauung mit in späthistoristischem Stil gehaltenen Mietshäusern. Die Familie Gschwandner verstand es, die Entwicklung zu nutzen. Um 1900 musizierten die Schrammeln und Kapellen zahlreicher k. k. Infanterieregimente dort, in der Zwischenkriegszeit wurden sportliche Aktivitäten wie Boxkämpfe ausgetragen. Nach 1946 wurden Varieténummern wie Zauberkünste und Akrobatik geboten, bis durch das Radio und Fernsehen diese Art von Unterhaltungen zurückgedrängt wurde.
Das Interessante am Buch ist, daß anhand dieses einen Lokals die soziale und wirtschaftliche Entwicklung von Hernals erzählt wird. So wird gezeigt wie sich der Wiener Heurige der Vororte mit den vornehmen innerstädtischen Ballsälen zu einer neuen Form von Vergnügungsstätte verbunden hat. Es gab viele solche Vergnügungsstätten in Hernals, die von den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten besucht wurden. Als Gebäude hat sich nur dieses eine Haus mit seinen Sälen erhalten. Erhalten haben sich viele Photos, Weinettiketten, Speisekarten, Einladungskarten, Plakate, Karikaturen, Zeitungsartikel, Eintrittskarten, Postkarten mit Abbildungen des Etablissements Gschwandner und Pläne. Das reichhaltige Material gibt Einblick in 120 Jahre Unterhaltungsgeschichte. So kann der große Saal in Photos aus verschiedensten Zeiten betrachtet werden, die die Entwicklung der Beleuchtung, zeigen. Erhalten haben sich auch Photos der auftretenden Künstler, Akrobaten et cetera. Diese Quellen zeigen eine spezifische Seite der Wiener Unterhaltungskultur.
Wer sich für Unterhaltungskultur der Wiener Vororte interessiert, wird an diesem gut recherchierten Buch nicht vorbeigehen.