Christian Brandstätter (Hg.)

Wien. Die Welt von gestern in Farbe

 

Wien, München
Brandstätter
2007
312 Abb., 11 Pläne
€ 39,90

 

Rezensentin: Doris Preindl 

Historicum, Sommer—Herbst 2008, 74—75

 

 

 

 

Dieses Buch mit 312 Abbildungen nach handkolorierten Glas-Diapositiven der Wiener Urania, elf Plänen der Reichs- und Residenzstadt Wien aus dem Jahr 1891 und Texten von Christian Brandstätter, Gerald Piffl und Christian H. Stifter kann unter mehreren Gesichtswinkeln gelesen werden. Er informiert über Architektur und Leben in Wien ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert; unter dem Blickwinkel der Photogeschichte ist interessant, wie Schwarzweißphotos koloriert wurden; und für jeden an der Mode vergangener Zeiten Interessierten sind die unterschiedlichen Kleider der einzelnen Gesellschaftsschichten auf den Photos eine Fundgrube.

In den Kellern der 1897 gegründeten Wiener Urania fanden sich 60 000 in originalen Holzkistchen aufbewahrte Glas-Diapositive, die einzeln handkoloriert waren. Die Dias dienten zur Veranschaulichung von Vorträgen in den Bereichen Geschichte, Gesellschaft und Kunstgeschichte. 1885 wurde das Skioptikon, ein Vorläufer des heutigen Beamers, nach Wien gebracht. Das Skioptikon bestand aus einem Gehäuse, einer Lichtquelle – zumeist einer mit Starkstrom betriebene Bogenlampe – sowie einem Objektiv. Das Projektionsobjekt waren photographische Glasbilder, bestehend aus einer dünnen Glasplatte, auf der sich eine lichtempfindliche Schicht (Chlorsilbergelatine) befand, die das Bild nach Belichtung des photographischen Negativs entstehen ließ. Projiziert wurde in gut abgedunkelten Räumen auf eine möglichst helle Projektionsfläche. Das Standardformat war 8,5 mal 8,5 Zentimeter. Herkömmlich waren die Bilder monochrom, die handkolorierten Aufnahmen, wie die Urania sie bei den Vorträgen einsetzte, waren sehr teuer. Die Bilder sollten »Anschaulichkeit« vermitteln und die Vorträge anziehender machen. Die Aufnahmen sollten volksbildnerisch wirken.

Aus diesem einmaligen Material aus der Zeit um 1900 wurden die Abbildungen für dieses Buch ausgewählt. Die nuancierte Farbigkeit der damals vollführten Handkolorierung gibt den Photographien vor allem in der Schilderung des Alltagslebens eine einzigartige Dimension von Authentizität und sinnlichen Reizen.

Die einzelnen Kapitel mit den Abbildungen zeigen zuerst einen Ausschnitt auf einer alten Landkarte mit dem gezeigten Bezirk oder Bezirken, dann Bilder mit jeweils kurzer Beschreibung und Datierung. Das Buch gliedert sich in Kapitel, die jeweils einen oder mehrere Bezirke umfassen, dazu ein Einführungskapitel »Die Wiener Welt von gestern« und Kapitel über die Skioptkon-Lichtbildervorträge der Wiener Urania und das Bild als Bildungsmedium.

Das Bildmaterial ist bunt gemischt, umfaßt Architekturaufnahmen bedeutender Gebäude, wie zum Beispiel die Hofoper, das Palais Erzherzog Viktor, Brücken, das Gaswerk in Simmering in Innen- und Außenaufnahmen, Innenszenen wie zum Beispiel eine Ballettprobe in der Hofoper oder die Anprobe eines Kleides im Probierzimmer eines Kaufhauses in der Kärntnerstraße, offizielle Anlässe wie die Fronleichnamsprozession oder das Begräbnis von Kaiser Franz Josef, viele Alltagsszenen mit Blumenverkäuferinnen, spielenden Kindern, Gastgartenszenen mit Brezenverkäuferin, den Prater mit seinen vielfältigen Freizeitangeboten. Die Abbildungen im Buch sind in hervorragender Druckqualität wiedergegeben und vermitteln die kühle, bunte Farbigkeit einer vergangenen Zeit.