Bundesdenkmalamt (Hg.)

Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Topographisches Denkmalinventar. Band Oberösterreich II: Linz. Bearbeitet von Beate Auer, Brigitta Fragner, Ulrike Knall-Brskovsky, Paul Mahringer

 

Horn/Wien
Berger
2009
LXXVIII u. 643 S.
54,00

 

Rezensent: Georg Pammer

Historicum, Winter 2008/2009, 39

Ein neuerliches Beispiel für die Linzer Unkultur des Abreißens: In einer Volksbefragung sprachen sich zwei Drittel der Linzer Stimmbürger für den Abriß der 1900 errichteten Eisenbahnbrücke aus. Die Brücke wurde 2016 beseitigt.

 

Bild: Die Eisenbahnbrücke während der Errichtung, März 1900. Quelle: Wikipedia

 

Rechtzeitig noch im Kulturhauptstadtjahr ist ein für Linz wichtiges Buch zu vermelden. Lesern, die mit den (neuen) Dehio Bänden vertraut sind, braucht der Band nicht speziell empfohlen zu werden, jenen, die sie noch nicht benutzen, sei er umso mehr ans Herz gelegt. Zugegeben: es braucht ein nicht bloß ganz oberflächliches Interesse an der Stadt und ihren Kunstwerken, wenn die Menge der Information genutzt werden soll, die hier bereitgestellt wird.

Daher erst kurz zur Nutzbarkeit: die Schriftgröße und der Durchschuß sind größer geworden, die Stege großzügig. Der Leser dankt es im Dunkel der Kirchen. Das Register ist ein bißchen idiosynkratisch: Die Tabakfabrik (immerhin der architektonisch bedeutendste Industriebau, vielleicht in ganz Österreich) findet sich als solche nicht im Objektregister (dieses wiederum ist zwischen Straßen-, Personen und ikonographischem Register einzwängt). Auch nicht Industriegebäude als Kategorie (wohl aber beispielsweise Freisitze), erst unter Fabrikanlagen wird man fündig.

Noch lästiger für die Nutzbarkeit ist die Gliederung des Bandes in Altstadt — Obere und Untere Neustadt — Linzer Außenbereiche zwischen Donau und Traun — Linz nördlich der Donau — Linz südlich der Traun. Diese Gliederung weist zwar auf die Stadtgeschichte hin (dazu noch unten) und wird auch mit der Herstellung »historischer Zusammenhänge« begründet (VI), ist aber im praktischen Gebrauch sinnlos. So findet sich etwa die Martinskirche (für Nicht-Linzer: direkt neben dem Schloß gelegen) im Abschnitt »Außenbereiche«! Ganz besonders ärgerlich ist, daß diese Kapitel nicht im Seitenkopf bezeichnet werden, was ein rasches Blättern/Durchsuchen sehr erschwert.

Die Gebäudeskizzen sind großzügig, der Stadtplananhang für den zentralen Bereich der Stadt ebenso, den auf 26, natürlich recht kleine, Blätter zerlegten Gesamtstadtplan hätte man sich wegen Unübersichtlichkeit sparen können.

Damit aber zum Inhalt: Der Dehio ist, wie sein Reihentitel sagt, ein Handbuch der Kunstdenkmäler. Diese sind hier in großer Zahl und sehr detailliert erfaßt — allerdings in der Masse nur bis in die Zwischenkriegszeit (Kirchen sind allerdings bis zur Gegenwart berücksichtigt worden).

Die Auswahl folgt einem etwas merkwürdigen Denkmal-Begriff: »Auch viele Schöpfungen der Wiederaufbauzeit werden bereits unter dem Blickwinkel der Erhaltungswürdigkeit gesehen und verdienen damit einen Eintrag im ›Dehio‹. Dasselbe gilt für einige, in der Hauptsache öffentliche Bauten der jüngeren Vergangenheit, die dank hoher Qualität und eines gewissen monumentalen Anspruchs erwarten lassen, dass Ihnen [sic!] auch in Zukunft ein entsprechender Stellenwert zugemessen werden wird.« (VII).

Ein Beispiel: die Ferihumerstraße in Urfahr wird wie folgt charakterisiert: »Verbauung u.a. späthistorist. bzw. secessionist. mit Anklängen an den Heimatstil; durchwegs 3geschoßig meist auf Souterrain und mit orig. Türen.« Dementsprechend werden fünf Objekte beschrieben, bis zur Straßennummer 11, also im Zentralbereich Urfahrs. Allerdings finden sich in der Fortsetzung der Ferihumerstraße Richtung Osten zwischen der Wildbergstraße und der Eisenbahnbrücke eine beträchtliche Zahl von Wohnbauten, und zwar durchaus proportionierte (entworfen von Perotti mit Appel, Fanta und Schmuckenschläger 1958, errichtet bis 1961), die die nördliche Donauuferlinie ganz wesentlich bestimmen, also städtebaulich von hoher Bedeutung sind. Halten die Autoren sie für nicht erhaltungswürdig? Ich wäre mir da nicht sicher, aber obwohl ich beispielweise das Lentia 2000 (ein grauenhaftes Hochhaus in Urfahr zwischen Blütenstraße und Schmiedegasse, das zusammen mit dem Neuen Rathaus [dazu sind wenigstens die Verantwortlichen genannt — Falkner und Fürtler, 1981—85] und dem Sparkassenturm [ebenfalls unter Nennung des schuldigen Radler; 1977/79] den Pöstlingbergblick ruiniert hat) definitiv für nicht erhaltenswürdig halte, würde ich gerne auch dazu die wesentlichen Daten dazu finden.

Warum wohl das Lentos kurz, das Brucknerhaus ausführlich, inklusive Planskizzen, nicht aber das Ars Electronica Center abgehandelt wird, ist mir rätselhaft, ebenso wieso man für die Johannes Kepler Universität, von der richtig gesagt wird, daß sie der erste Uni-Neubau im 20. Jahrhundert in Österreich war, mit lediglich fünf Zeilen auskommt.

Ich mache hier Schluß mit der Kritikasterei, und hebe noch einmal die vorzügliche Bearbeitung der traditionellen Denkmäler und auch einer Vielzahl historischer Gebäude hervor. Es ist natürlich ein Genuß, sich von Altar zu Altar leiten zu lassen und über Künstler, Material und Ikonographie informiert zu werden. Vergleichbares gibt es in dieser Handlichkeit nicht.

Was aber bei diesem Linz-Band im Vergleich zu den bisher erschienen Bänden auffällt, sind die umfangreichen archäologischen (Marianne Pollak, 26 Seiten) und stadthistorischen/städtebaulichen (Willibald Katzinger, 37 Seiten) Teile. Nicht alles ist Linz-spezifisch, aber auch die allgemeineren Ausführungen sind interessant.

Besonders bemerkwert sind die Hinweise auf die spezielle Linzer Unkultur des Abreißens bedeutender Objekte:

  • 1930 wurde St. Quirinus in Kleinmünchen abgetragen, der erste Bau dort stammt aus der Zeit vor 1000, war mehrmals neu- und umgebaut worden.
  • 1938 wurden St. Peter (urkundlich schon 885) und Zizlau beseitigt, um den Hermann-Göring-Werken Platz zu machen.
  • 1975 (!) mußten die Reste der Nikolai-Kirche (1505 geweiht) dem gräßlichen Neuen Rathaus weichen, und
  • knapp vorher, 1969, war die Wollzeugfabrik, gegründet 1672, von Johann Michael Prunner 1722 monumental erbaut, die bedeutendste Manufaktur Österreichs, der Spitzhacke zum Opfer gefallen.

Wäre das in den anderen österreichischen Landeshauptstädten denkbar gewesen?
Ein Teil dieser Untaten war mir bekannt, die Kirche St. Quirinus neu. Auch sonst bietet die Linzer Stadtgeschichte viele Merkwürdigkeiten, zum Beispiel:

  • Der starke Salzburger Einfluß auf die Siedlung(en) vor der Stadtgründung (nach dem Kauf durch die Babenberger 1205/07).
  • Die Grenze des Burgfrieds im 15. Jahrhundert, also des Gebiets des Stadtrechtes und der Zuständigkeit städtischer Institutionen: bis zur Eisernen Hand im Südosten, zum Kaufmännischen Vereinshaus im Süden, nicht aber das Schloßareal inklusive Tummelplatz.
  • Bau der ersten Donaubrücke 1497 (1870/72 Eisenbrücke, in der NS-Zeit durch die Nibelungenbrücke ersetzt), dadurch Funktionswandel Urfahrs, das bis dahin das Überfuhrrecht hatte.
  • Linz als Weinlagerstadt mittig am Weg zwischen den salzburgisch/bayerischen Salzbergwerken und den Weinbaugebieten in NÖ und Wien (Fuhr/Gegenfuhr mit Pferdewägen), bis im 16. Jahrhundert der Salztransport aus dem österreichischen Salzkammergut auf der Traun nach Böhmen zu dominieren begann.
  • Der Zusammenbruch der bedeutenden Linzer Messen im 18. Jahrhundert durch die hohen Zölle auf holländisches und englisches Tuch zum Schutz der Wollzeugfabrik und damit der Wandel von der Bürgerstadt Linz zur Beamtenstadt.
  • Gründung der Firma Sprecher & Schuh im Franckviertel (keine Erwähnung im Objektteil!) als Tochter eines schweizerischen Elektroapparatebauers für Hochspannungsschaltanlagen schon 1912/13 — wie viel elektrische Leistung wird damals in OÖ installiert gewesen sein?

Man sieht: Linz hat eine vielfältigere Vergangenheit, als manche glauben würden. Die (baulichen) Reste derselben ragen in die Gegenwart. Besichtigen Sie diese – schöner Überblick von der Terrasse des erst im Sommer 2009 eröffneten und im Dehio schon aufgenommenen Neubaus des Südflügels des Schlosses, der seit dem Brand 1800 gefehlt hat! — und lassen Sie sich dabei vom Dehio führen.