Michael Mitterauer
Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs
München
Becl
2003
352 S.
€ 25,60
Felix Butschek
Europa und die Industrielle Revolution
Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2002
255 S.
€ 29,90
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Winter 2003—2004, 32—35
Zwei Wiener Wirtschaftshistoriker haben Bücher zu einem der großen Themen der Wirtschaftsgeschichte verfaßt: Wo ging Europa eigene Wege in seiner Entwicklung, die seine Geschichte von jener anderer Weltregionen abheben? Warum wurde gerade Europa, im Frühmittelalter noch eine völlig rückständige Weltgegend, in der Neuzeit zur wirtschaftlich erfolgreichsten Region der Welt? Michael Mitterauer, Sozial- und Wirtschaftshistoriker an der Universität Wien und seiner Herkunft nach Mediävist, hat zugleich mit seiner Emeritierung einen Band vorgelegt, der sich im besonderen mit der mittelalterlichen Vorgeschichte des europäischen Erfolgs befaßt.
Sieben Aspekte des europäischen Sonderwegs behandelt Mitterauer:
die Frühformen der Massenkommunikation.
Diese Aspekte kontrastiert er mit den Verhältnissen in den zeitgenössischen höher entwickelten Kulturen, insbesondere mit Byzanz, den islamischen Kulturen und China. Abschließend sucht er die Verbindungen zwischen den genannten Faktoren und der europäischen Sonderentwicklung. Es handelt sich um eine dichte Darstellung von Themen, mit denen sich Mitterauer in seiner eigenen Forschung intensiv befaßt hat und zu denen er im Lauf der Jahrzehnte wesentliche Beiträge geleistet hat, und ist eine vorzügliche Abhandlung über grundlegende Fragen der mittelalterlichen Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Waren die aufgezählten europäischen Besonderheiten durchwegs Beiträge zum späteren europäischen Erfolg? Wenngleich sich Mitterauer auf die Skizzierung des europäischen Sonderwegs als solchen konzentriert und die langfristigen Folgen nicht durchwegs explizit abhandelt, läßt sich doch sagen, daß die »mittelalterlichen Grundlagen« zwar in einigen Bereichen tatsächlich Voraussetzungen für den späteren Erfolg waren, in anderen Bereichen ein solcher Zusammenhang aber nicht so klar erkennbar ist.
Der überzeugendste Zusammenhang liegt in der Agrarrevolution des Frühmittelalters, in der die Verbreitung des Roggen- und Haferanbaus, die Einführung der Dreifelderwirtschaft, die Verbreitung neuer Geräte (schwerer Pflug), der Einsatz von Zugtieren samt dazugehörigen technischen Neuerungen und die Verbreitung der Wassermühle zu einer beträchtlichen Steigerung der Produktivität führten. Die genannten Aspekte stehen alle miteinander in einem engen Zusammenhang, da Roggen und Hafer als Winter- und Sommergetreide in der Dreifelderwirtschaft spezifische Funktion hatten, der effiziente Getreideanbau auf leistungsfähige Geräte und Zugtiere angewiesen war und die Müllerei und andere Gewerbe für die Verarbeitung der Produkte und die Herstellung der Produktionsmittel notwendig wurden. Freilich bestanden weiterhin regionale Unterschiede; so hatte die mediterrane Landwirtschaft mit anderen klimatischen Bedingungen und Bodenverhältnissen zu tun als der Norden, und in Frankreich erlaubte das Klima einen höheren Anteil von Weizenanbau und Weinkulturen. Beträchtlich sind indessen die Unterschiede zum islamischen Gartenbau und zum chinesischen Naßfeldreisbau, die beide die Bewässerungstechnik stimulierten und mit Veränderungen im Verkehrs- und Transportsystem (Kamel und Kanal) einhergingen, für Ackerbaugeräte und Müllerei europäischen Stils aber kein Betätigungsfeld eröffneten. Die mittelalterliche Agrarrevolution war der erste Schritt in einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität, die im 18., 19. und 20. Jahrhundert zur gesicherten Versorgung einer wachsenden Bevölkerung und schließlich zur Überproduktion führen sollte, und sie hatte mit ihren Auswirkungen auf das Gewerbe große Bedeutung für technische Entwicklungen im sekundären Sektor.
Mit der Grundherrschaft hängt die Agrarrevolution insofern zusammen, als das Herrenland die Vorreiterrolle für die Neuerungen übernahm und die Bauern nachfolgten. Ansonsten scheint der Zusammenhang zwischen Agrarverfassung und Produktivität weniger überzeugend. Mitterauer meint, daß die Villikationsverfassung des Frühmittelalters ihre Bedeutung aus der höheren Produktivität gewann, die man mit einer Trennung in Herrenland und Bauernland erzielen konnte: »Mit zusätzlichen Unfreien am Fronhof war wohl eine Ausweitung des Getreidebaus nicht zu bewältigen« (44); die Ansiedlung der Bauern auf Hufenland habe dem Grundherrn Kosten für den Unterhalt unselbständiger Arbeitskräfte erspart, und zugleich standen die Hufenbauern für den Dienst auf dem Herrenland zur Verfügung. Das Argument ist nur bedingt eingängig: Sicherlich senkte der Grundherr seine Fixkosten, indem er die Kosten für ganzjährig beschäftigte Arbeitskräfte und für Zugtiere auf seine Bauern abwälzte. Aber warum soll dies die gesamtwirtschaftliche Produktivität erhöht haben? Dies kann nur dann angenommen werden, wenn man unterstellt, daß die Arbeit auf Hufenland produktiver war als die Arbeit auf Herrenland (zum Beispiel weil sich die Bauern mehr anstrengten, wenn es auf ihre eigene Rechnung ging). Dies war aber keineswegs sicher der Fall; aus einer Reihe andere agrarhistorischer Beispiele ist bekannt, daß die Beschäftigung unselbständiger Arbeitskräfte oder sogar unfreier Arbeiter durchaus effizient sein kann. Weiters sieht Mitterauer eine wichtige Rolle der Agrarverfassung in der Entwicklung der Gewerbe im Rahmen der frühmittelalterlichen Grundherrschaft und (später, nach der Auflösung der grundherrlichen Eigenwirtschaften) im Zusammenhang mit den gewerblichen Bannrechten der Grundherren. Auch dieser Zusammenhang erscheint aber eher zufällig — die Gewerbe entwickelten sich im eben gegebenen Rahmen und wären in Gutswirtschaften ohne Hufenbauern oder in Gemeindeverbänden ohne Grundherrn wohl auch entstanden. Es wird also nicht recht deutlich, ob die Grundherrschaft einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber anderen Agrarverfassungen bot. Daß es sich um eine verhältnismäßig flexible und langfristig stabile Institution handelte, wie Mitterauer hervorhebt, ist hingegen eindeutig.
Daß sich die westeuropäische Familie im Zusammenhang mit der Hufenverfassung entwickelte, macht Mitterauer im folgenden Kapitel deutlich: Geringe Bedeutung der Abstammung für die Familienstruktur, Zweigenerationenfamilie, späte Heirat, Gesindedienst als lebenszyklische Durchgangsstation, Wiederverheiratung verwitweter Bauern und Bäuerinnen, Anerbenrecht und Ausgedinge sind im Frühmittelalter bereits nachweisbar und vielleicht bereits ebenso dominierend wie in der Neuzeit. Mit den Erfordernissen der Bewirtschaftung einer Bauernstelle definierter Größe sind diese Faktoren gut vereinbar; ob andere Familienformen dieselbe Funktion hätten erfüllen können, sei dahingestellt. Umgekehrt zeigt Mitterauer, wie Gesellschaften ohne Hufenverfassung tendenziell vom europäischen Heiratsmuster abwichen, und nennt neben Osteuropa und außereuropäischen Gesellschaften auch einzelne europäische Regionen mit ökotypisch und familiär spezifischen Strukturen. Der Autor spricht die langfristigen Folgen der europäischen Familienform nicht an; als Vorgriff auf den zweiten hier zu besprechenden Band wäre hervorzuheben, daß die selbstverständliche außerhäusliche Erwerbsarbeit für beide Geschlechter im 18. und 19. Jahrhundert wohl die Lohnarbeit im sekundären und tertiären Sektor und damit den sektoralen Wandel erleichtert hat.
Lehenswesen und Ständeverfassung behandelt Mitterauer als Vorgeschichte der repräsentativen Demokratie. Hinsichtlich der Entstehung des Lehenswesens beginnt er mit der »Ausgangshypothese [...], dass es Sonderentwicklungen des Kriegswesens waren, die dasljehenswesen als europäischen Sonderweg des Feudalismus bewirkten« (111), und bekräftigt diese Annahme schließlich explizit: »Das Lehenswesen als europäischer Sonderweg des Feudalismus verdankt seine Entstehung primär militärischen Neuerungen, nämlich dem Auflau eines Panzerreiterheeres im Frankenreich der Karolinger auf der Basis der Vasallität« (147). Dazu kommt die hervorgehobene Bedeutung des herrschaftlichen Faktors, nach Mitterauer anscheinend eher eine Folge der militärischen Ordnung und unter anderem im Zusammenhang mit dem Bau von Herren
burgen stehend. Eine alternative Erklärung wäre allerdings, daß der herrschaftliche und der militärische Aspekt bloß dieselbe Wurzel hatten, nämlich die beschränkten Handlungsmöglichkeiten des Königs, sprich die fehlende Möglichkeit, königliche Zentralbehörden auf lokaler Ebene tätig werden zu lassen, und die fehlenden Mittel für die Ausrüstung eines königlichen Heeres in Eigenregie. Wie dem auch sei, das politische Ergebnis des Lehenswesens, die Ständeverfassung, war zwar keine zwingende Folge, ist aber in ihren langfristigen Auswirkungen nicht zu unterschätzen. Mitterauer betont zwar die Umwege, die von der ständischen Vertretung zur repräsentativen Demokratie führten, und hebt die langdauernden Unterbrechungen der ständischen Vertretung hervor, hält aber auch die bleibenden Ergebnisse hervor. Besonders wichtig ist dabei wohl das vom Autor genannte langfristig bestehen bleibende Bewußtsein der Legitimität einer Vertretung (der Stände oder später des Volkes) gegenüber dem Fürsten.
Ganz plausibel erscheint weiters der Zusammenhang zwischen dem mittelalterlichen Expansionismus in Form von Kreuzzügen und protokolonialen Unternehmungen im Mittelmeerraum, den italienische Seerepubliken betrieben, und dem europäischen Expansionismus der frühen Neuzeit. Besonders gilt dies für die protokolonialen Unter-nehmungen Pisas, bei denen die religiöse Motivation klar hinter die wirtschaftlichen Gründe (die von schlichten Plünderungszügen bis zur Handelstätigkeit reichen) zurücktritt; diese wirtschaftlichen Gründe standen offensichtlich auch bei der neuzeitlichen Expansion im Vordergrund. Der Zusammenhang zwischen Kreuzzügen und europäischer Expansion in der Neuzeit ist, wie auch Mitterauer schreibt, weitaus schwächer. Hier sind die Verbindungen am ehesten in den missionarischen Ideen zu suchen, die neuzeitliche Unternehmungen begleiteten; der von Mitterauer hervorgehobene aggressive und abwertende Umgang mit fremden Kulturen ist hingegen wohl eine Begleiterscheinung jeglicher Art von Expansion und Eroberung. Insgesamt tritt in diesem Kapitel der kommerzielle Aspekt gegenüber der Religion zurück. Abseits der protokolonialen Unternehmungen ist wohl der mittelalterliche Fernhandel, den Mitterauer ausläßt, die wichtigere Voraussetzung für die Expansion Europas in der Neuzeit.
Die verbleibenden Aspekte des europäischen Sonderwegs sind demgegenüber in ihren langfristigen Auswirkungen weniger klar. Unter dem Titel »Papstkirche und universale Orden« diskutiert Mitterauer die Besonderheiten der mittelalterlichen Kirchengeschichte. Er beginnt mit der offenkundig richtigen Feststellung, daß das Europa, dessen Sonderweg er erklärt, auch das Europa der lateinischen Kirche ist, und endet das Kapitel mit der Feststellung: »Es ist das Europa von Renaissance und Humanismus, von Reformation und Gegenreformation, von Absolutismus und Aufklärung, von Ständewesen und kontrollierter Fürstenmacht, von Softaldisftplinierung und Individualisierung von Universitäten und säkularisierter Wissenschaft, von lateinischer Sprache und lateinischer Schrift. Alle die beispielhaft aufgezählten Phänomene sind aufden Sozialraum Europa beschränkt. Und sie alle haben — mehr oder minder vermittelt — ihren Ursprung in der Papstkirche des Mittelalters« (198). Dazwischen liegt eine Beschreibung der Eigenarten der Papstkirche und der Orden und ein Vergleich mit der institutioneilen Ausgestaltung anderer Religionsgemeinschaften der Zeit. Gerade der Zusammenhang zwischen Kirchengeschichte und Wirtschaft, Recht, Bildung, allgemeiner Kultur und so weiter wird aber nicht begreiflich gemacht. Etwas unbestimmt bleibt auch die spezifisch europäische Rolle in der Massenkommunikation, wo Predigt und gedrucktes Buch bereits im Mittelalter wichtige Medien wurden. So wird nicht recht klar, warum in der Ostkirche die Vorbehalte gegen den Druck religiöser Schriften stärker als im Westen waren (Mitterauer nennt die geringere Bedeutung der individuellen Laienfrömmigkeit im Osten), zumal hier die technischen Probleme, die es etwa mit der arabischen Schrift gab, nicht bestanden.
Was vermißt man in Mitterauers Band? Erst in der Zusammenfassung geht der Autor kurz auf den europäischen Kommunalismus als Voraussetzung für die Entwicklung ein und spricht vorsichtig von einer europäischen Besonderheit in diesem Bereich; die europäische Stadt war sicherlich eine wesentliche Basis für die Entwicklung im sekundären und tertiären Sektor. So gut wie völlig ausgeblendet bleibt der ganze Komplex von unternehmerischer Kultur und den für ihr Funktionieren erforderlichen rechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen — Rechtssicherheit und Schutz des Eigentums als Voraussetzung für langfristig angelegte Unternehmungen, funktionierende Märkte als Ort des Handels.
Solche Dinge kommen im zweiten hier zu besprechenden Band zur Sprache. Felix Butschek, habilitierter Wirtschaftshistoriker und bis zu seinem Ruhestand stellvertretender Leiter des WIFO, folgt in seiner Untersuchung einem ganz anderen Ansatz als der eben besprochene Band. Auch hier erscheint das Mittelalter als eine Periode, in der sich Konstellationen herausbildeten, die in der Neuzeit ihre Wirkungen entfalten sollten. Aber es sind andere Konstellationen als bei Mitterauer.
Der Titel täuscht: Wo man eine europäische Wirtschaftsgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts erwarten würde, findet man eine über Jahrtausende gehende Untersuchung im interkulturellen Vergleich. Die Industrialisierung in Europa ist Anlaßpunkt für die bei Mitterauer titelgebende Frage: Warum Europa? Warum ging die Industrielle Revolution nicht von China, nicht vom römischen Reich, nicht von der arabischen Welt aus, alles Kulturen, die schon lange vor dem neuzeitlichen Europa ein beachtliches technisch-wissenschaftliches Niveau erreicht hatten? Warum holte das rückständige Europa im Lauf des Mittelalters seinen Rückstand auf, startete im 18. und 19. Jahrhundert in die Industrialisierung und dominierte um 1900 die Welt?
Das Erfreuliche an Butscheks Band ist sein theoretischer Zugang, der die wesentlichen Aspekte deutlich hervortreten läßt und so dieser Abhandlung eines umfangreichen Stoffs eine klare, einheitliche Struktur gibt. Der Autor bedient sich insbesondere bei der sogenannten Neuen Institutionenökonomie, einer Denkrichtung, die die Komplexität und Vielfalt menschlichen Verhaltens in Rechnung stellt und eine Basis für historische Vergleiche bietet. Ansatzpunkt sind Institutionen, und zwar solche formeller (dies sind insbesondere Rechtsnormen) wie informeller Art; letztere sind Verhaltensnormen, die auf nicht näher festgelegte Art zustandegekommen sind, auf keinen vorgefaßten Plan zurückgehen und brauchartigen Charakter haben. Formelle Institutionen gehen manchmal aus bestehenden informellen durch Kodifizierung hervor. Verstöße gegen formelle wie informelle Institutionen werden formell wie informell sanktioniert. Die Wirtschaftsentwicklung wird auf diese Weise auf das Verhalten der Beteiligten und die Normen, die das Verhalten bestimmten, zurückgeführt.
Dies klingt in gewisser Weise banal; es muß aber betont werden, daß sich ein solcher Ansatz sehr wohl von anderen Ansätzen abhebt und insofern keine bloße Selbstverständlichkeit darstellt. Butschek selbst weist daraufhin, daß nach dem Verständnis der Institutionen-Ökonomie die Industrialisierung beispielsweise nicht als Ergebnis eines Zufallsprozesses zu erklären ist. Auch geographische oder klimatische Erklärungen, die auf die Oberflächengestalt Europas oder klimatische Besonderheiten rekurrieren, scheiden aus — ein fragwürdiges Ergebnis, denkt man an das zitierte Beispiel der mittelalterlichen Agrarrevolution, die zwar von den Umweltbedingungen nicht zwingend vorgegeben war, aber in einer anderen Umwelt so nicht hätte passieren können.
So wie Mitterauer geht auch Butschek bei seiner Suche nach dem Grund für die Sonderrolle Europas historisch weit zurück, und er greift geographisch weit aus. Die Entwicklung innerhalb Europas untersucht er in vier Abschnitten, die antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Grundlagen der Industrialisierung und schließlich diese selbst behandeln. Unterbrochen wird diese europäische Geschichte von zwei Abschnitten über die islamischen und die asiatischen Kulturen als alternative Kandidaten für eine erste Industrialisierung. Kulturübergreifend beziehungsweise -vergleichend wird in einem eigenen Abschnitt die Rolle der Frauen in den europäischen und den außereuropäischen Kulturen behandelt. Die Integration der außereuropäischen Gebiete in das nunmehr bestehende kapitalistische System ist Thema des abschließenden Abschnitts.
Welche Umstände verschafften nun Europa einen Vorteil gegenüber anderen Kulturen, und wamm begann die Industrialisierung nicht schon früher? Butschek benennt sechs Faktoren, die notwendig und hinreichend gewesen seien, um die Industrialisierung in Gang zu bringen:
die Einkommensmaximierung durch Produktion und Produktivitätssteigerung anstelle von gewaltsamem Vermögenserwerb oder Rentiersmentalität.
Besonderheiten Europas entdeckt Butschek bereits in der Antike in der relativ großen Bedeutung der Städte, die in einem funktionierenden Fernhandel ihre wirtschaftliche Basis hatten; dazu kam ein Verwaltungs- und Rechtssystem, das den beteiligten Wirtschaftssubjekten ein beachtliches Maß an Rechtssicherheit verschaffte, obwohl die politischen Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung insgesamt de facto gering waren. Wamm wurde das Römische Reich nicht der erste Industriestaat? Butschek sieht den Grund in der Rentiersmentalität der oberen Klassen, die aufgrund ihres Reichtums zwar ungeheure wirtschaftliche Möglichkeiten hatten, diese aber nicht nutzten. Arbeit, Gewerbe, Handel und Unternehmertum fanden in dieser Schicht keine Basis, der technische Fortschritt erschöpfte sich in einzelnen Erfindungen, die in keine planmäßige Auswertung führten.
Die Änderung im Stellenwert der Arbeit sollte sich langfristig als hochbedeutsam erweisen. Dieser Prozeß, der aufs engste mit der Ausbreitung des Christentums zusammenhing, begann in der Spät- antike, setzte sich im Mittelalter fort und gipfelte im Protestantismus. Nicht Arbeit, sondern Müßiggang wurde nun verächtlich. Freilich wurde diese Position christlicher Theologen keineswegs allgemeinverbindlich und verhinderte nicht das Fortbestehen einer müßigen Klasse, in diesem Fall Feudalherren. In einem wichtigen Teilbereich wurde die christliche Arbeitsethik aber sehr wohl wichtig: Der Aufschwung der mittelalterlichen Städte stand einerseits in einem engen Zusammenhang mit der gestiegenen Produktivität in der Landwirtschaft — überhaupt erst eine Voraussetzung für die Versorgung einer nichtagrarischen Bevölkerung - und der Entstehung eines funktionierenden Agrarmarkts, andererseits aber eben auch mit einer Ethik, die Gewerbe, Handel, Transport und Finanz als per se wichtige und legitime Beschäftigungen ansah.
Welche Umstände hinderten eine der europäischen vergleichbare Entwicklung in Kulturen, die im Mittelalter noch in vieler Hinsicht einen Vorsprung besessen hatten? Der Islam, der mit seiner Arbeitsethik und seiner hohen Wertschätzung für den Handel auch Voraussetzungen für eine weitere günstige Entwicklung gehabt hätte, scheiterte, so Butschek, an einer Reihe von Punkten: an der herrschenden Theokratie, die die Herausbildung einer relativ autonomen weltlichen Sphäre verhinderte; an seinem Rechtssystem, das durch willkürliche Entscheidungen gekennzeichnet war und nicht genügend Rechtssicherheit bot; und an den politischen Strukturen in den Städten, in denen sich ein freies Bürgertum gegenüber der herrscherlichen Bürokratie nicht durchsetzen konnte. Kurz bespricht der Autor auch die asiatischen Kulturen: In China habe ein übermächtiger Staat, der aus sich heraus keinen Veränderungswillen entwickelt habe, alle Möglichkeiten einer dynamischen Wirtschaft systematisch gelähmt; die Städte seien von der Bürokratie beherrscht worden, gewinnbringende Wirtschaftszweige wurden zum Staatsmonopol, der Seehandel wurde im späten 15. Jahrhundert für beendet erklärt, ln Indien verhinderten das Rechtssystem mit seinen mangelhaft definierten Eigentumsrechten, die Regulierung des Gewerbes, das Kastenwesen und die ungeheuren Einkommensunterschiede zwischen einer parasitären Oberschicht und einer am Existenzminimum lebenden Unterschicht eine Entwicklung ähnlich der europäischen. Die große Ausnahme war Japan mit seinem Feudalsystem, dem europäischen ähnlich, mit einer beträchtlichen Steigerung der Produktivität im Agrarsektor und dem Arbeitsethos seines selbständigen städtischen Bürgertums; ein Hemmnis war lediglich die Abschließung des Landes im 17. und 18. Jahrhundert, die den Transfer europäischer Technologie auf längere Zeit behinderte. Kein Zufall, daß das Land nach der erzwungenen Öffnung im 19. Jahrhundert als erstes außereuropäisches Land Anschluß an die Industrienationen fand.
Die Rolle der Frauen in der europäischen Industrialisierung und in außereuropäischen Kulturen sieht Butschek wie folgt: Zwar seien Frauen in allen Kulturen gegenüber den Männern derselben Kultur benachteiligt gewesen, was sich je nachdem in schlechteren Bildungschancen, geringerer Mobilität, geringerer bis fehlender Beteiligung am Kommerz und zwangsweiser Vertretung durch den Mann ausdrückte. In Europa hätten allerdings einige Besonderheiten dazu geführt, daß die Position der Frauen einen spezifischen Beitrag zur Industrialisierung ermöglicht habe. Dazu gehört vor allem, wie erwähnt, die selbstverständliche außerhäusliche Erwerbstätigkeit unverheirateter Frauen; die damit einhergehende hohe Erwerbsquote insbesondere in den Städten mit den daraus folgenden niedrigen Löhnen und entsprechend höheren Investitionen; die spezifische Bedeutung der weiblichen Arbeitskräfte für den Leitsektor der frühen Industrialisierung, die Textilindustrie; und die prinzipielle allgemeine Schulbildung auch für Frauen ab dem späten 18. Jahrhundert mit positiven Folgen für die Kinder, zumal die Mütter die meiste Erziehungsarbeit leisteten (letzteres ein altes Argument, das man schon bei Gottfried van Swieten findet). In außereuropäischen Kulturen war die außerhäusliche Erwerbsarbeit von Frauen unüblich, entweder aus prinzipiellen Gründen wie im Islam oder einfach deshalb, weil das europäische Muster einer späten Heirat und (außerhäuslichem) Gesindedienst als Durchgangsstadium kein Pendant hatte.
Es sollte deutlich geworden sein, daß beide hier besprochenen Bände wichtige Aspekte des europäischen Sonderwegs thematisieren. Butschek konzentriert sich stärker auf jene Faktoren, deren unmittelbare Auswirkung auf die Industrialisierung offensichtlicher ist. Bei Mitterauer ist die Entwicklung offener: Die europäische Sonderentwicklung des Mittelalters geschah auch in Bereichen, deren Wirkung auf die Geschichte der letzten zwei-, dreihundert Jahre weniger klar ist. Die Empfehlung lautet: Beide lesen.