Ute Daniel (Hg.)
Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert
Göttingen
Vandenhoeck & Ruprecht
2006
264 S.
€ 24,90
Rezensent: Martin Moll
Historicum, Frühling 2005, 38
Das seit den neunziger Jahren aufgeflammte Interesse an einer kulturalistisch gewendeten Militärgeschichte hat auch die mediale Präsentation und Vermittlung von Kriegsgeschehen in den Mittelpunkt forschenden Interesses gerückt. Dabei steht die Vorstellung Pate, daß moderne kriegerische Auseinandersetzungen, anders als noch im Zeitalter der Kabinettskriege, zu einer immer stärkeren Verklammerung von Front und Heimat führten, ja im Zeitalter der allgemeinen Wehrpflicht und der Volksheere ohne aktive Unterstützung wenigstens großer Teile der eigenen Bevölkerung schlechterdings nicht führbar sind. Parallel hierzu stellte der schon im 18., vermehrt und nachhaltig dann im 19. Jahrhundert massiv ausgeweitete Medienmarkt mit seinen qualitativ neuen Techniken (Photographie, Film, Rundfunk und so weiter) in materieller Hinsicht das benötigte Rüstzeug zur Verfügung, um immer weiteren Kreisen einer nicht unmittelbar in das Kampfgeschehen einbezogenen Bevölkerung den Krieg zu vermitteln, ja buchstäblich ins eigene Wohnzimmer zu transportieren.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts bildete sich eine neue, nicht mehr sporadische, sondern regelmäßige, über die Tagespresse vermittelte Berichtsform aus, die in weiterer Folge als Kriegsberichterstattung bezeichnet werden sollte und bis in die militärischen Konflikte unserer Tage anhält. Anders als der neutrale Begriff »Berichterstattung« nahelegt, ging und geht es bei den sowohl journalistischen als auch militärischen Praktiken des Berichtens über den Krieg immer auch um Propaganda, um Wahrnehmungen und Deutungsmuster auf Seiten der Protagonisten wie der Rezipienten. Diese eigentlich auf der Hand liegende Historisierung und Kontextualisierung des Verhältnisses von Medien und Krieg wurde bislang jedoch nur ansatzweise geleistet. Noch mehr mangelt es an vergleichenden, länder- und epochenübergreifenden Studien, die für die notwendige Differenzierung innerhalb der zunehmend transnational definierbaren Berufsgruppe der Berichterstatter sorgen können.
Die in dem von Ute Daniel mustergültig redigierten Sammelband vereinigten neun Fallstudien erschließen die letzten rund 250 Jahre der Kriegsberichterstattung vom Siebenjährigen Krieg bis zum Irakkrieg des Jahres 2003. Andreas Gestrich zeigt am Beispiel des »Wienerischen Diariums« die noch rudimentäre Institutionalisierung einer regelmäßigen Berichterstattung von den Schlachtfeldern zwischen 1756 und 1763 auf. Während des Krimkrieges knapp hundert Jahre danach herrschten, wie Ute Daniel nachweist, hinsichtlich Kommunikationstechnik und Medienmarkt grundlegend veränderte Rahmenbedingungen: Für die zunehmend unter Konkurrenzdruck geratenen Zeitungen mutierte Krieg je länger desto mehr zum »event«, mit dem sich Leser mobilisieren ließen. Ökonomische Gesichtspunkte, vor allem der Kampf um Absatzmärkte, entwickelten eine Eigendynamik, die nicht allein die Präsenz der Berichterstatter drastisch steigerte, sondern das nun prekär werdende Verhältnis zwischen Journalisten und Militär in eine neue Phase eintreten ließ: Keine namhafte Zeitung konnte es sich bereits um 1850 mehr leisten, wegen allzu unbotmäßiger Artikel auf Dauer vom Kriegsschauplatz verwiesen zu werden.
Dieses Spannungsverhältnis beziehungsweise diese wechselseitige Abhängigkeit zwischen zumeist zivilen Berichterstattern und den Militärs ist bis in die Gegenwart dem Grunde nach unverändert geblieben. Freilich bildete sich ein investigativer, um kritische Aufklärung der Öffentlichkeit bemühter und daraus sein Berufsethos beziehender Journalismus vergleichsweise spät heraus, wenngleich es schon während des Krimkrieges nicht an kritischen Meldungen über die Inkompetenz des britischen Oberkommandos mangelte. Noch überwog freilich eine wenn auch nicht lückenlose, so doch weitgehende Bejahung der eigenen Nation und deren Kriegsanstrengungen im Sinne eines »right or wrong, my country«. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 wurde so, wie Frank Becker darlegt, geradezu eine mediale Inszenierung der entstehenden nationalen Einheit ins Werk gesetzt, der selbst kritische Nuancen fehlten. Der Burenkrieg von 1899 bis 1902, von Andreas Steinsieck als Südafrikanischer Krieg bezeichnet, war zwar lokal beschränkt, entwickelte sich jedoch gleichwohl zu einem »imperialistischen Medienkrieg« mit weltweiter Anteilnahme.
Grundlegend andere Bedingungen herrschten während des Ersten Weltkrieges, auf den Almut Lindner-Wirsching am Beispiel französischer und deutscher Berichterstatter eingeht. Sie befaßt sich mit den von den Heeresleitungen eingeräumten Bewegungsspielräumen der Journalisten, wobei auffällt, daß die französische Politik weitaus ängstlicher und restriktiver gehandhabt wurde als die deutsche, allen anders lautenden Vermutungen zum Trotz. Gerhard Paul, bislang vor allem mit Arbeiten zur NS-Propaganda hervorgetreten, analysiert den Spanischen Bürgerkrieg als ersten »Krieg der Photographen«, ermöglicht durch handlichere Kameras, die erstmalig Aufnahmen mitten aus dem Kampfgeschehen heraus gestatteten. Die Kameraleute auf Seiten der Republik begründeten Paul zufolge eine eigene und neue Photoästhetik des Krieges, die für den Rest des Jahrhunderts Maßstäbe setzen sollte.
In weiterer Folge unternimmt es Kay Hoffmann, am Beispiel der Großdeutschen Wochenschau deren angeblichen »Mythos der perfekten Propaganda« aufzudecken. Zwar präsentiert Hoffmann zahlreiche Beispiele für eklatante technische Mängel der filmischen Kriegsberichterstattung zwischen 1939 und 1945, doch läßt er sich dabei zu stark von heutigen, an Perfektion gewöhnten Sehgewohnheiten leiten, ohne die Erwartungshaltungen des zeitgenössischen Publikums – über die wir nach wie vor viel zu wenig wissen – angemessen in Rechnung zu stellen. Ein Muß für einen derartigen Sammelband stellt naturgemäß der Vietnamkrieg dar, dem sich Lars Klein widmet. Für diesen Krieg kann der Historiker erstmals auf eine Fülle von Selbstzeugnissen der Kriegsberichterstatter, von denen viele noch am Leben sind, zurückgreifen. Überzeugend kann Klein aufzeigen, daß nicht die Reporter mit ihren realistischen Reportagen die Schuld an der amerikanischen Niederlage trugen. Sie artikulierten lediglich ein in der Öffentlichkeit der USA weit verbreitetes Unbehagen über den schleppenden Fortgang des Krieges entgegen ständigen Ankündigungen eines baldigen Sieges, ohne dieses den Sinn des Kampfes mehr und mehr in Zweifel ziehende Gefühl geschaffen zu haben. Schon gar keine Rede kann Klein zufolge davon sein, daß die Berichterstatter den US-Rückzug aus Vietnam herbeischreiben oder -filmen wollten.
In den »neuen Kriegen nach 1989«, auf die Karl Prümm eingeht, wurden gleichwohl die vermeintlichen Lehren aus Vietnam gezogen und von Haus aus dafür gesorgt, den Spielraum der nun als »eingebettet« bezeichneten Berichter eng zu begrenzen. Damit wurde ein zum geflügelten Wort avancierter Begriff geschaffen, den es der Sache nach jedoch schon seit dem 19. Jahrhundert gab.
Die Erkenntnis erstaunlicher Kontinuitäten ist nur eines der frappierenden Resultate, zu denen die durchwegs gelungenen Beiträge dieses Bandes gelangen. Besonders erfreulich ist, daß die Autoren von einheitlichen, von Ute Daniel einleitend skizzierten Fragestellungen ausgehen, die es ermöglichen, Kontinuität und Wandel der Kriegsberichterstattung während der letzten 250 Jahre bilanzierend zu vergleichen. Wenngleich einige Beiträge mehr die legistischen und institutionellen Rahmenbedingungen als die eigentliche Berichterstattung in den Blick nehmen, so treten doch in sämtlichen Texten die Medien als eigenes, vom Militär deutlich zu unterscheidendes und nicht zum Geringsten ökonomischen Grundsätzen gehorchendes Subsystem in den Vordergrund. Bei diesem multiperspektivischen Zugang, der die Eigengesetzlichkeit der stürmischen Entwicklung des Medienwesens und der Öffentlichkeit seit etwa 1750 beachtet, wird jede anachronistische Perspektive von agierenden Berichterstattern und reagierenden Militärs (oder auch umgekehrt!) konsequent vermieden: Kurzum: Ein überaus gelungener und Maßstäbe setzender Band, den man mit Spannung von der ersten bis zur letzten Seite liest. Eine kluge Illustrierung sowie eine wertvolle, kommentierte Bibliographie verstärken noch den rundweg positiven Eindruck.