Anton Dolleczek

Geschichte der österreichischen Artillerie von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart. Nach authentischen und größtentheils officiellen Quellen verfaßt

Reprint der Originalausgabe Wien 1887

 

Wien
Archiv Verlag
2005
734 S., 280 Abb., 8 Farbtafeln
€ 148,00

 

Rezensent: Philipp Moser

Historicum, Herbst 2006, 33—34

 

 

 

 

»Und nun übergebe ich das Buch in erster Linie den Kameraden der eigenen Waffe, dann jenen der Armee und dem Publikum; möge es die Liebe zu unserer Waffe und ihrem erlauchten Vorstand kräftigen und mehren« (XV). Die Bemerkung des Autors im Vorwort  läßt erkennen, welchen Zweck Militärgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert erfüllte: Neben der Geschichte von Krieg, Feldzügen und Schlachten, oft patriotischen Zuschnitts, entstand eine Fülle von Werken, die sich mit der Geschichte von Truppenkörpern oder Waffengattungen beschäftigten. Vielfach ging es um Identitätsstiftung, um die Darstellung der eigenen ruhmreichen Geschichte für die Angehörigen eines Regiments; tatsächlich verfügten schließlich die meisten Regimenter irgendwann über eine solche Darstellung der eigenen Geschichte.

Die Artillerie hatte es dabei insofern schwerer, als sie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Kriegsfall nur in Form von Batterien eingesetzt wurde. Feldartillerieregimenter wurden erst 1850 gebildet, 1854 wurden sie verkleinert und ihre Anzahl erhöht. Regimentsgeschichten der üblichen Art konnten daher mangels Regimentstradition nicht geschrieben werden. Anton Dolleczek, der dem mit seinem umfassenden Werk über die österreichische Artillerie schlechthin begegnete, war so wie viele Militärhistoriker selbst Offizier (er kam auch aus einer Offiziersfamilie). Seiner Ausbildung nach war er Artillerist, außerdem hatte er sich schon vor seiner Artillerie-Geschichte mit Kriegs- und Militärgeschichte beschäftigt und Arbeiten in der Österreichischen Militärischen Zeitschrift publiziert.

Die Geschichte der österreichischen Artillerie ist aber weit mehr als ein erbauliches Werk für Artilleristen der k. u. k. Armee, und es ist auch mehr als eine Geschichte der Waffengattung in Österreich. Gewiß findet man vieles Militärgeschichtliche im allerengsten Sinn, die Truppengliederung zum jeweiligen Zeitpunkt etwa, die Adjustierungen, die Schlachtbeschreibungen, Orden und Medaillen und die abschließenden Kurzbiographien der aus der Artillerie hervorgegangenen Mitglieder des Maria Theresien-Ordens. Das Werk erschöpft sich aber nicht in diesen Fragen. Große Teile geben eine Geschichte der Geschütztechnik unter Einschluß aller betroffenen Bereiche, Geschützkonstruktion, Gußtechnik, Sprengchemie, Ballistik und so weiter. Der Autor interessierte sich nicht nur für die Technik als solche, sondern auch für die Vorstellungen, die man sich in vorangegangenen Jahrhunderten von den Vorgängen beim Schießen machte: Was passiert bei der Explosion? Welche Bahn nimmt die Kugel? Dolleczek referiert die dazu überlieferten Auffassungen, allenfalls auch mit kritischem Kommentar. In den Bereich der Technik gehören auch die Wirkung der Artillerie, die Tragweite der Geschütze, die Treffgenauigkeit und die Durchschlagskraft; auch über diese Fragen informiert das Werk. Zur Durchschlagskraft im 18./19. Jahrhundert vor der Einführung gezogener Geschütze weiß Dolleczek etwa plastisch zu sagen: »Auf 800 Schritte durchschlägt eine 12pfündige Kugel 36 Mann, eine 6pfündige 28, eine 3pfündige 19 Mann, und dringt in gut gestampftes Erdreich 2,5, 2,2 und 1,5 m tief ein« (319).

Dolleczek behandelt auch sozialgeschichtliche und wirtschaftshistorische Fragen, die über den militärischen Aspekt hinaus Interesse verdienen. So informiert der Band über Besoldung und Verpflegung, unterschieden nach Kriegs- und Friedenszeiten und nach dem Dienstrang, teils auch über die Kosten der Geschütze. Bei den Besoldungs- und Verpflegungssätzen wird die große Spanne deutlich, die zwischen Spitzenverdienern und dem Fußvolk bestand; das galt in der zivilen Bürokratie ebenso, aber es ist gut, hier Angaben für das Militär geliefert zu bekommen. Andererseits erhält man auch Informationen über den absoluten Standard; so wird die Verpflegung etwa in der Menge Brot ausgedrückt, die die Mannschaften erhielten. Gesamtkosten der Artillerie findet man allerdings nicht, auch nicht schätzungsweise, damit auch keinen Vergleich des Aufwands für die Artillerie mit dem Aufwand für andere Waffengattungen. Merkwürdig ist auch, daß Dolleczek die strategische Bedeutung der Artillerie praktisch nicht thematisiert, wohingegen die taktische Seite sowohl dem Prinzip nach als auch in den zahlreichen Beschreibungen historischer Schlachten eingehend zur Sprache kommt.

Der Band ist in einigen Aspekten eine wertvolle Sekundärquelle, als umfassende Darstellung des Themas erstaunlicherweise auch nicht überholt. Aufgrund der kleinteiligen Gliederung ist er auch gut verwendbar: Er folgt im großen einer Epochengliederung, innerhalb der Epochen einer Gliederung, in der zuerst Material und Technik zur Sprache kommen, zweitens Truppe, Truppengliederung, Personal und so weiter, drittens der Einsatz der Artillerie einschließlich historischer Schlachten.

Dolleczeks Buch wurde bereits 1973 von der Grazer Akademischen Druck- und Verlags-Anstalt unverändert nachgedruckt, diese Ausgabe ist so wie das Original auch antiquarisch nicht leicht zu bekommen. Die nunmehr vorliegende Reprint-Ausgabe des Archiv Verlags, für die das Exemplar des Heeresgeschichtlichen Museums Wien verwendet wurde und für die M. Christian Ortner von diesem Museum ein Vorwort geliefert hat, ist, wie es zum Stil des Hauses gehört, sorgfältig und liebevoll gemacht. Die Abbildungen wurden von Schmutz und Flecken gesäubert, der schöne Einband (in Lederfaserstoff) und Bindung sind tadellos, der Band ist mit Goldschnitt versehen. All dies, der beträchtliche Umfang und die limitierte Auflage (499 Stück) erklären den Preis.

Abschließend noch der Hinweis auf eine denkwürdige Bemerkung Dolleczeks, wie man sie in heutigen Forschungsarbeiten nicht findet: »Eine besondere Angabe der Quellen, aus denen ich geschöpft habe, glaubte ich unterlassen zu sollen, einerseits um dem Vorwurfe der Grossprecherei zu entgehen (denn die Zahl der durchgegangenen Werke ist eine sehr stattliche und ihre Aufzählung würde einige Blätter füllen)« — das klingt sehr überzeugend; allerdings fährt der Verfasser dann fort: »andererseits weil ich, namentlich beim Beginne meiner Arbeiten, es oft unterlassen habe die genauen Titel der erforschten Quellen zu notiren« (XVII). Ein offenes Wort; so etwas erlaubt sich heute niemand mehr.