Josef Ehmer

Heiratsverhalten, Sozialstruktur, ökonomischer Wandel. England und Mitteleuropa in der Formationsperiode des Kapitalismus

Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 92 

 

Göttingen
Vandenhoeck & Ruprecht
1991
324 S.

 

Habilitationsschrift [1989]*, Universität Wien

 

Rezensentin: Johanna Tureczek

Historicum, Herbst 1989, 6—9

»Das Heiratsverhalten in England war nie administrativen oder institutionellen Beschränkungen ausgesetzt. Es wurde vor allem von sozial-ökonomischen Entwicklungen beeinflußt, wobei kulturellen und institutionellen Traditionen eine vermittelnde Funktion zukam. Unter ihnen nahmen ›moderne‹ Familienstrukturen einen wichtigen Platz ein. In Mitteleuropa dagegen war die Verzögerung und Beschränkung der Heirat Bestandteil eines komplexen Systems von sozialer Plazierung, Arbeitsorganisation und sozialer Kontrolle. Von konjunkturellen Einflüssen wurde das Heiratsverhalten nur vermittelt und gebrochen durch dieses Netz betroffen. Wenn sich im 19. Jahrhundert unmittelbare ökonomische Faktoren stärker in den Vordergrund schoben, dann führte dies nicht notwendigerweise zur Auflösung des traditionellen Systems, sondern unter Umständen sogar zu seiner Verfestigung« (S. 108).

Soweit die Ausgangshypothese, mit der Josef Ehmer die einleitende theoretische Diskussion und die Ausführungen zu den institutionellen Regelungen der Heirat abschließt.

Vorannahmen

Dieser erste Teil von Das Heiratsverhalten und die Traditionen des Kapitalismus. England und Mitteleuropa im 19. Jahrhundert* beginnt mit einer Darstellung der Theorien Malthus' zur Bevölkerungsentwicklung (demographische Entwicklung in Abhängigkeit von ökonomischen Faktoren, v.a. den Reallöhnen), ihrer Rezeption, der Modifikationen, die sie insbesondere in der englischen Diskussion erfahren haben, und der offenen Fragen, die verbleiben. Hier und in weiterer Folge werden die Auswirkungen der obrigkeitlichen Beschränkungen der Heiratsmöglichkeiten als modifizierende Faktoren ins Spiel gebracht; in England fehlen allerdings derartige Beschränkungen weitgehend.

Die Frage, wieweit das malthusianische Modell, das in der englischen demographischen Forschung nach wie vor von großer Bedeutung ist, auf Kontinentaleuropa anwendbar ist, führt zur deutschen Diskussion. Bei den deutschen Demographen gibt es eine über 200jährige (auf den preußischen Feldprediger Süßmilch zurückgehende) Tradition, Möglichkeiten zur Eheschließung mit der Verfügung über ökonomische Ressourcen zu koppeln. Dabei spielten in weiterer Folge Vorstellungen von sogenannten (insbesondere bäuerlichen) »Stellen« eine Rolle, die jeweils die ökonomische Basis für das Leben einer Familie bilden sollten. Obrigkeitliche Ehebeschränkungen institutioneller Art (die allerdings von Süßmilch noch abgelehnt werden) schaffen im Rahmen dieser Theorien einen Ausgleich zwischen verfügbaren Stellen und der Nachfrage nach ihnen. Diese institutionellen Beschränkungen werden von Ehmer im einzelnen ziemlich ausführlich referiert. Die Schwäche der Stellentheorie liegt, wie Ehmer bemerkt, darin, daß es kaum eine Möglichkeit gibt, die Existenz von »Vollstellen«, »Halbstellen« und dgl. empirisch nachzuweisen — sodaß nur das Vorhandensein einer Familie indiziert, daß es eine Vollstelle gibt, auf der sie sitzt; es handelt sich also um eine Tautologie (S. 88) (nebenbei rechnet Ehmer im einleitenden Teil noch mit den deutschen Klassikern des 20. Jahrhunderts, Gunther Ipsen und Gerhard Mackenroth ab, deren Theorien gewisse Einflüsse nationalsozialistischer Ideologien nicht verleugnen).

Insgesamt kann für beide referierten Ansätze gesagt werden, daß sie die Bevölkerungsbewegung in Abhängigkeit von ökonomischen Lagen sehen; der Unterschied liegt im Übertragungsmechanismus: während in der englischen Diskussion konjunkturelle Schwankungen direkt die individuellen Reaktionen beim Heiratsverhalten hervorrufen, nimmt die mitteleuropäische Diskussion eine dominierende Rolle der obrigkeitlichen institutionellen Regelungen an. Die Schwäche beider Theorien liegt allerdings genau in dieser generellen Behauptung des direkten Zusammenhangs zwischen verfügbaren Ressourcen und Heiratsverhalten; sie läßt offen, welche ökonomischen Bedingungen welches Heiratsverhalten hervorrufen würden, wie also die Elastizitäten gestaltet sind (die primären Bedürfnisse hätten im allgemeinen ja auch bei höheren Heiratsquoten befriedigt werden können, spielen also wohl nicht die entscheidende Rolle) (S. 87).

Ehmers Alternative zum demographischen Ansatz liegt für Mitteleuropa in einer sozialhistorischen Analyse des Heiratsverhaltens, die folgende Punkte umfaßt:

  • die Rolle von Chancen auf die Erlangung bestimmter sozialer Positionen bei der Entscheidung zur Heirat; z. B. im Handwerk Aufschub einer Heirat, um die Möglichkeit zur Erlangung des Meisterrechts zu bewahren; oder im agrarischen Bereich Heirat nach den Möglichkeiten der Hofübernahme;
  • die Bedeutung von Faktoren, die in der Arbeitsorganisation liegen; Kategorien ergeben sich dabei z. B. in der Landwirtschaft aus Betriebsgrößen und der Beschäftigung von Gesinde und Taglöhnern;
  • die soziale Kontrolle der Eheschließung durch Vorschriften von Seiten des Staats, der Grundherren, Städte oder Hausväter.

Die gleichen Parameter sind auch für England verwendbar, wenn auch, wie erwähnt, die Heiratsbeschränkungen hier kaum eine Rolle spielen.

Analyse

Die darauf folgende Analyse umfaßt zwei Teile: Eine regional differenzierte Untersuchung des Heiratsverhaltens in England, Deutschland und Österreich (Alpenländer, Böhmische Länder, Galizien) auf der Basis aggregierter Daten; und eine Untersuchung des Heiratsverhaltens im englischen und deutschen Handwerk auf der Basis von Individualdaten.

Daraus geht bereits hervor, daß es sich um eine quantifizierende Untersuchung handelt; ein ziemlich kurzes Kapitel am Ende des Abschnitts über das Handwerk nimmt zwar Autobiographien als Grundlage, hat aber nur illustrativen Charakter.

Ehmer verwendet als Indikatoren für das Heiratsverhalten v.a. die Ledigenquoten für die 25—29jährigen und für die 45—49jährigen, die jeweils für kleinere regionale Einheiten vorliegen. Der Grund dafür liegt darin, daß Ledigenquoten Information über die ganze Bevölkerung bieten (während das Heiratsalter naturgemäß nur die Verheirateten betreffen kann). Die Auswahl altersspezifischer Daten schließt sonst mögliche Auswirkungen des Altersaufbaus auf die untersuchte Ledigenquote aus. Die Alterskohorte der 25—29jährigen trennt frühe Heiraten von späten Heiraten, die 45—49jährigen trennen lebenslang Unverheiratete vom Rest. Die beiden Ledigenquoten stehen also für zwei Parameter — Heiratsalter und Ehelosigkeit —, die nicht vollständig miteinander korrelieren müssen.

Die regionale Differenzierung erfolgt für England nach den Counties (1851), für Deutschland nach Regierungsbezirken (1880), für Österreich nach Bezirken (1880); die unterschiedlichen Erhebungsjahre hält Ehmer im Hinblick auf den unterschiedlichen Stand der ökonomischen Entwicklung in den betreffenden Ländern für vertretbar.

Was die statistischen Verfahren betrifft, begnügt sich Ehmer im wesentlichen damit, die Ledigenquoten für die einzelnen Untersuchungseinheiten tabellarisch bzw. auf Landkarten darzustellen, allenfalls auch parallel dazu andere Daten zu setzen (z.B. solche zur sozialen Zusammensetzung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte). Gelegentlich gibt er Korrelationen mit Koeffizienten bekannt (z. B. Korrelationen zwischen Selbständigenquoten in der Landwirtschaft und den Ledigenquoten).

Im allgemeinen beziffert Ehmer aber derartige Zusammenhänge nicht, sondern erklärt die dargestellten Ledigenquoten verbal; natürlich fließen in diese verbalen Erklärungen Erkenntnisse über Besonderheiten in den Strukturdaten der einzelnen Regionen ein. Diese verbalen Erklärungen erweisen sich als äußerst differenziert und ermöglichen neben einer allgemeinen Gegenüberstellung von England, Deutschland und Österreich eine Unterscheidung auf mittlerer Ebene (in Österreich wären das z.B. Vergleiche zwischen Kronländern), aber auch die Einschätzung von Bedingungen, die kleinräumig (etwa auf der Basis ganz weniger Bezirke) von Bedeutung sind.

Wenn solche differenzierten Ergebnisse auch nicht vollwertig hier wiedergegeben werden können, möchte ich doch einige Einzelheiten aufzählen, die mir als Illustration von Ehmers Erklärungsweise geeignet erscheinen.

England

Ich folge den Abschnitten der Arbeit und beginne daher mit England. England zeigt generell eine geringe Streuung der Heiratsdaten, v. a. im Vergleich mit Mitteleuropa. Hohe Ledigenanteile bei den 25—29jährigen finden sich hier v. a. in den »Regionen mit einer stagnierenden gewerblichen Produktion, und die Extremwerte finden sich dort, wo eine traditionelle Landwirtschaft die ökonomische Struktur beherrschte« (S. 165); letztere Gebiete sind die kleinen Familienfarmen mit Gesinde im Süden wie im Norden Englands.

Den Gebieten mit niedrigen Ledigenanteilen ist gemeinsam, »daß sie von entwickelten und expandierenden kapitalistischen Produktionsverhältnissen geprägt sind, allerdings in unterschiedlichen Formen: Landwirtschaft, Hausindustrie, Fabriksarbeit, Bergbau. Es scheint, daß in England zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Heiratsverhalten stärker von der Gemeinsamkeit kapitalistischer Lohnarbeit beeinflußt war, als von ihren konkreten Formen« (S. 165). Solche Bedingungen finden sich also in kommerziell geführten agrarischen Großbetrieben mit männlichen Landarbeitern (u. U., wenn auch nicht unbedingt, durch Heimarbeit ergänzt) im Süden; in den gewerbe- und industriedominierten Gebieten des Nordens; in den gewerblich hochspezialisierten Gebieten der Midlands, in denen es auch noch eine Landwirtschaft gibt, die zwischen Familienbetrieb und kommerzieller Großproduktion die Mitte hält; bereits etwas höher sind die Quoten in traditionellen Industriegebieten, in denen ganze Familien in der Produktion beschäftigt werden; die Bergbaugebiete zeigen niedrige Anteile von Ledigen trotz fehlender Arbeitsmöglichkeiten für Frauen — Ehmer erklärt das mit möglichen Wünschen nach Absicherung der Frauen und Nebenerwerbslandwirtschaft kleinsten Stils in diesem Bereich (S. 165).

Für die 45—49jährigen können z. T. konjunkturelle Einflüsse von Bedeutung sein: so könnte in den industriellen und proto-industriellen Grafschaften der krisenhafte Strukturwandel um 1830 die mittelhohen, jedenfalls nicht besonders niedrigen Ledigenwerte in dieser Kohorte verursacht haben (S. 168—170).

Deutsches Reich

In Deutschland findet sich eine größere Streuung der Ledigenquoten als in England.

Niedrige Werte finden sich in den Gebieten mit gutsherrschaftlichen Eigenwirtschaften in den fast rein agrarischen östlichsten Gebieten Preußens; diese Wirtschaften sind als kommerziell organisierte Großbetriebe geführt und auf Taglöhner gestützt. Der Übergang nach Westen ist kontinuierlich: die westlich anschließenden (aber noch immer östlich der Elbe gelegenen) preußischen Gebiete stellen Übergangsregionen mit teilweisem Gesindedienst und bereits etwas höheren Ledigenanteilen auf. Die hessischen Gebiete weisen trotz kleinbäuerlicher Struktur ebenfalls niedrige Ledigenanteile auf — hier gibt es nämlich hohe Landarbeiteranteile unter den Nichtselbständigen in der Landwirtschaft. Weiters sind unter den Gebieten mit niedrigen Ledigenquoten die sächsischen und thüringischen traditionellen Gewerbe- und Hausindustriezentren, die sich neuerdings zu Fabrikszentren entwickelt haben. Höher liegen die Werte dagegen schon in den Industriegebieten mit schwachen oder fehlenden Kontinuitäten von der Hausindustrie her (v. a. Rhein-, Ruhrregion), wobei auch die hier hohe Zuwanderung aus dem Osten mit den sozialen Anschlußschwierigkeiten eine Rolle spielen könnte.

Wirklich hohe Ledigenanteile zeigen allerdings: die mecklenburgischen Gutswirtschaften (!), die mit Taglöhnern arbeiten — dies wegen der rigiden Ehebeschränkungen durch Gutsherren und Obrigkeit; die großen Meierhöfe des Münsterlands mit Anerbenrecht und zahlreichem Gesinde; die mittelbäuerlichen Regionen Bayerns mit familienangehörigen Arbeitskräften und Gesinde, aber ohne Taglöhner; die Realteilungsgebiete mit Besitzzersplitterung und Parzellenwirtschaft im Südwesten und im Rhein- und Moselland mit wenig Gesinde und wenig Taglöhnern (die Heirat wird hier hinausgezögert, um Teilungen hinauszuschieben); das nach wie vor zünftig organisierte Handwerk mit der hausrechtlichen Abhängigkeit der Gesellen.

Allgemein führt Ehmer zu den deutschen Gebieten mit hohen Ledigenquoten aus: Es scheint, »daß Erbrecht und durchschnittliche Besitzgrößen in bezug auf Heiratsalter und zeitlebens Lediggebliebene keine große Trennschärfe aufweisen. Gemeinsam ist den verschiedenen Formen bäuerlicher Reproduktion allerdings eine komplexe und reich differenzierte Sozialstruktur. Überall gab es eine fließende Skala von großen, landwirtschaftlich lebensfähigen Höfen und Kleinbauern, Häusler und Gewerbetreibende bis hin zu landlosen Inwohnern, wenn auch die Anteile der einzelnen Gruppen und damit die durchschnittlichen Besitzgrößen enorm variierten. [Fn.] Muster des Heiratsverhaltens können damit nicht nur aus den Lebensbedingungen der einzelnen Schichten abgeleitet werden. Auch die zwischen ihnen bestehenden sozialen Beziehungen, die Abhängigkeits- und Machtverhältnisse des gesamten Dorfs, sind in Betracht zu ziehen« (S. 185—186).

Österreich

Österreich weist beim Heiratsverhalten die größten Streuungen von den drei untersuchten Fällen auf. Die Unterschiede sind großräumiger Art.

Der extreme Fall einer Kombination von später Heirat bzw. Ehelosigkeit (und hohen Illegitimitätsquoten) findet sich im Kern der Alpenländer (heutiges Österreich und die südlichen Gebiete): In den inneralpinen Bezirken zeigen sich Ledigenanteile bei den 25—29jährigen von 80—90 %, bei den 45—49jährigen von 40—50 % (im Bezirk St. Veit/Kärnten sogar 61,8 %). Von besonderer Bedeutung ist in diesen Gebieten die Gesindewirtschaft in einer speziellen Ausprägung: Der Dienst stellt nicht einen Lebensabschnitt (Jugend und junges Erwachsenenalter) dar, sondern ist eine lebenslange Tätigkeit; daher heiratet gleich jeder zweite Bewohner dieser Gebiete nicht.

Etwas niedriger sind in den Alpenländern die Werte in den kleinbäuerlichen Wirtschaften ohne Gesinde und Taglöhner (international gesehen sind sie aber immer noch hoch). Die Realteilung mit der Folge der Besitzzersplitterung geht in Vorarlberg und Tirol ebenso wie in Deutschland mit hohen Ledigenquoten einher. Eine Sonderstellung nehmen alpenländische Taglöhner aufgrund ihres Inwohnerstatus und ihrer starken Einbindung in die bäuerliche Wirtschaft ein: sie zeigen kein eigenständiges Heiratsverhalten wie etwa in Galizien. Die handwerklichen Strukturen der Alpenländer sind ebenfalls durch hausrechtliche Abhängigkeit mit entsprechender Senkung der Heiratschancen gekennzeichnet.

Die Alpenländer zeigen also generell hohe Ledigenquoten. In Böhmen ist das Gegenteil der Fall, wenn es auch Ausnahmen gibt, nämlich die nordwestböhmischen Gebiete mit traditionell organisierter Landwirtschaft mit Realteilung, mit einer krisengeschüttelten Hausindustrie und neuen Industrien mit hoher Mobilität der Arbeitskräfte; und — die Verbindung zu den Alpenländern — die klein- und mittelbäuerlichen Viehzuchtgebiete mit Gesindewirtschaft im Böhmerwald.

Generell liegen die Ledigenanteile in Böhmen (v. a. in der nordböhmischen Industriezone und der nordböhmischen kommerzialisierten Landwirtschaftszone) relativ niedrig. Das eigentliche Gegenbeispiel zu den hohen Werten der Alpenländer ist aber Galizien mit seiner Kombination von agrarischen Zwergwirtschaften und einem Großgrundbesitz, der seine Arbeitskräfte aus den Zwergbetrieben holt; in den polnischsprachigen Gebieten ist diese Situation aufgrund der Familienverfassung (die der Mitteleuropas ähnelt) weniger extrem als in den ruthenischen (hier ist auch die Besitzzersplitterung am ausgeprägtesten). Insgesamt sind die ethnischen Bedingungen allerdings von geringer Bedeutung, da sich verschiedene ethnische Gruppen bei räumlicher Nähe in der Familienstruktur einander annähern.

Städte

Einen eigenen Abschnitt widmet Ehmer dem Verhältnis zwischen Stadt und Land. Die Ergebnisse mögen zwar wegen der raschen Umformungsvorgänge im Bereich der Städte im Untersuchungszeitraum auch vom Zeitpunkt der Erhebung abhängig sein, insgesamt können aber für die englischen Städte offenbar höhere Heiratschancen als für das flache Land konstatiert werden; für die mitteleuropäischen Städte stellt Ehmer dagegen fest: »Dies deutet für mitteleuropäische Städte die Existenz eines generellen Musters späten und behinderten Heiratens an, das von den Verhältnissen des jeweiligen regionalen Einzugsbereichs betont oder abgeschwächt, aber nicht grundsätzlich aufgehoben wurde. Die hohen Ledigenanteile vieler deutscher, österreichischer und schweizerischer Städte liegen in gemeinsamen Zügen ihres sozialökonomischen Profils begründet. Ein kleingewerblich geprägter Industrialisierungsverlauf dieser Städte und insbesondere die beharrungskräftigen sozialen Traditionen des mitteleuropäischen städtischen Handwerks werden damit zu entscheidenden Erklärungsfaktoren des Heiratsverhaltens in diesem Raum« (S. 261).

Handwerk

Das mitteleuropäische städtische Handwerk ist auch gleich der Übergang zum letzten Teil der Arbeit, in dem die Heiratsgewohnheiten der Gesellen untersucht werden.

Sie sind gewerblich differenziert: traditionell gibt es überwiegend verheiratete Gesellen im Baugewerbe und in einigen Textilgewerben (besonders im Verlag). Ausgeprägt sind die Ehebeschränkungen dagegen in der sogenannten »kleinen Warenproduktion« für die lokale und limitierte Nachfrage; die Trennung zwischen diesen Gewerbsarten ist allerdings aufgrund von Ausnahmen nicht ganz scharf. Diese Bedingungen werden von Ehmer für einige Regionen dargestellt (z. T. mit ausgewählten Zahlen) und allgemein nach den institutionellen Regelungen und den kulturellen Implikationen erörtert. Für das Deutsche Reich nimmt Ehmer schließlich eine eingehendere zahlenmäßige Darstellung nach Gewerben, örtlichen Bedingungen und Ortsgrößen vor. Dabei zeigt sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Fortbestehen traditioneller Muster, in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts ein relativ rascher Rückgang der Beschränkungen, die aber verglichen mit England noch immer von großer Bedeutung sind.

Denn in England hat sich die hausrechtliche Abhängigkeit der Gesellen schon viel früher aufgelöst (abgesehen von der überhaupt etwas anderen Handwerksverfassung in England). Diesen Vergleich der hausrechtlich eingebundenen mitteleuropäischen Gesellen mit den schon traditionellen verheirateten "free journeymen" exemplifiziert Ehmer an den Schustern als dem zahlenmäßig bedeutendsten Gewerbe.

Für England kommt er zu folgendem Schluß:

  • "vor allem die Haushalte der Gesellen waren die Orte der Produktion;
  • die meisten arbeitsfähigen Familienmitglieder nahmen an der Produktion teil;
  • die Arbeitseinheit setzte sich nicht nur aus den Mitgliedern eines Haushalts zusammen, sondern wurde durch Burschen und Mädchen aus der Nachbarschaft ergänzt" (S. 359—360).

Die Gesellenfamilie als zentrale Arbeitseinheit der englischen Schuherzeugung beruhte auf zwei zusammenführenden Entwicklungen: dem Niedergang der proto-industriellen Textilerzeugung, deren Arbeitskräfte das Produkt wechselten, und dem direkten (u. U. von Arbeitskämpfen begleiteten) Übergang von der Meisterwerkstatt zur Familienproduktion im Gesellenhaushalt.

In Mitteleuropa blieb dagegen der Einfluß der Zünfte erhalten, was den Meisterbetrieben das Überleben ermöglichte: es wurden jugendliche Arbeitskräfte rekrutiert, die später zum großen Teil aus dem Beruf ausschieden. Meiner Meinung nach ist die Darstellung dieser späten Blüte des Handwerks einer der einprägsamsten Teile der Arbeit: »In Mitteleuropa erwies sich der Handwerkerhaushalt mit ledigen und hausrechtlich abhängigen Arbeitskräften als adäquater Rahmen für die Entwicklung der kapitalistischen Produktion. Nicht trotz, sondern wegen des ökonomischen Wandels behielt er seine bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts so erstaunliche Stabilität. Deren Kehrseite war aber eine zunehmende Instabilität und Vereinzelung im Leben der einzelnen Lehrlinge und Gesellen, eine überaus hohe regionale Mobilität und äußerst fragwürdige Berufsperspektiven« (S. 367—368).

Zusammenfassend können aus den Beispielen folgende Faktoren für das Heiratsverhalten herausdestilliert werden:

  • Behindert wurden Heiratschancen offensichtlich durch obrigkeitliche Beschränkungen, durch die hausrechtliche Einbindung der Unselbständigen (in landwirtschaftlichen Gesindebetrieben ebenso wie in traditionell organisierten Handwerksbetrieben), durch die Realteilung in der Landwirtschaft auch in gesindeärmeren Gebieten, durch hohe räumliche Mobilität von Arbeitskräften und durch wirtschaftliche Stagnation. Nicht zu vergessen ist die lebenszyklische Bedeutung des Gesindedienstes, die, wie erwähnt, den ohnehin hinderlichen Effekt dieser arbeitsorganisatorischen Form gegebenenfalls noch verstärken kann.
  • Gefördert wurden Heiratschancen durch die Einbindung ganzer Familien in den Erwerb (durch Lohnarbeit oder durch landwirtschaftlichen Nebenerwerb), weiters generell durch Lohnarbeit im weitesten Sinn (der Begriff umfaßt gleichermaßen Tätigkeiten in der Landwirtschaft, Hausindustrie, Fabriksarbeit, Bergbau) sowie durch die (gewerbliche oder landwirtschaftliche) Organisation in Klein- und Kleinstbetrieben ohne familienfremde Arbeitskräfte bzw. ohne hausrechtlich eingebundene familienfremde Arbeitskräfte. Räumliche Stabilität und gute Konjunktur wirken natürlich — in Umkehrung des oben Gesagten — ebenfalls fördernd.

Erfahrene historicum-Leser werden sich vielleicht wundern, daß ich mich bisher auf ein schlichtes Referat von herausgesuchten Ergebnissen der Arbeit Josef Ehmers beschränkt habe und daß abfällige Bemerkungen über diese Habilitationsschrift gefehlt haben.

Der Grund ist ganz einfach: Ich finde die Arbeit ausgezeichnet. Die Ergebnisse umfassen als wesentliche Determinanten des Heiratsverhaltens ökonomische Bedingungen in Form sektoraler und branchenmäßiger Konjunktur und die Arbeitsorganisation, ebenso institutionelle Faktoren wie ehe- und erbrechtliche Vorschriften. Mit den eingangs dargestellten traditionellen Theorien (so wie mit allen plump ökonomistisch-ideologischen Ansätzen), die wohl auch Ökonomie und Institutionen kombinieren mögen, hat sie aber nichts zu tun. Davor bewahrt sie der differenzierte Einsatz der Parameter, der die regionalen Besonderheiten, wie sie sich aus den empirischen Befunden ergeben, nicht verwischt.

Wohltuend ist auch die Darbietung: Eine einleitende Diskussion von Forschungsansätzen leitet zu den eigenen theoretischen Annahmen über; dieses erste Viertel der Arbeit klärt und rechtfertigt wirklich einmal die einzelnen Schritte der Analyse. Diese selbst ist dann nach einem relativ klaren Schema aufgezogen; wie sehr die beziffernde Darstellung der determinierenden Faktoren hätte erweitert werden können (wie oben angemerkt, beschränkt sie sich auf wenige Fälle der Auflistung von Stellungen im Beruf oder im Haushalt und dgl.) und wieweit höhere statistische Verfahren hätten eingesetzt werden können (in der Darstellung tauchen sie jedenfalls nicht auf), kann ich mangels Kenntnis der Datenlage nicht beurteilen. Gewiß würde die zahlenmäßige Erfassung und Darstellung der determinierenden Größen und der statistischen Abhängigkeiten die Kritisierbarkeit der Befunde noch verbessern.

Unabhängig davon finde ich die Ergebnisse aber auch in der hier gebotenen verbalen Form sehr überzeugend.

 

* Der Rezensentin lag das ungedruckte Manuskript der 1989 eingereichten Habilitationsschrift vor.