Edda Engelke
»Einem besseren Leben entgegen?« Ungarische Flüchtlinge 1956 in der Steiermark
Innsbruck
Studienverlag
2006
259 S.
€ 29,90
Rezensent: Martin Moll
Historicum, Winter 2005/2006, 38
Das im Zeichen der fünfzigsten Wiederkehr des Jahrestages des Ungarischen Volksaufstandes vom Oktober/November 1956 in Österreich vielfältig zelebrierte Gedenken hat der breiten Öffentlichkeit vermittelt, daß es sich bei diesem Aufstand und der durch ihn ausgelösten Massenflucht nach Österreich auch um ein zentrales Ereignis der österreichischen Nachkriegsgeschichte handelt. Anläßlich des Jahrestages wurde hierzulande wie auch in Ungarn die nachhaltig positive Erinnerung an die von österreichischer Seite den Flüchtlingen gewährte Hilfe unterstrichen.
Bei soviel Erinnerungsrhetorik überrascht, daß bislang über die konkreten Umstände der Fluchtwelle wie etwa die Motive der Flüchtenden, die Umstände des Grenzübertritts, die Aufnahme der Ungarn in Österreich sowie über deren weiteres Schicksal kaum etwas bekannt war. Für dieses Manko ist nicht primär Desinteresse der Forschung verantwortlich. Wie man der nunmehr gedruckt vorliegenden Grazer Dissertation von Edda Engelke
entnehmen kann, sind im Wiener Staatsarchiv praktisch sämtliche zentralen Quellen zu den Ereignissen von 1956, vornehmlich jene des federführenden Innenministeriums, »unauffindbar« (14). Engelke konnte allerdings auf eine umfangreiche Ersatzüberlieferung zurückgreifen, die erst kürzlich — und auch hier staunt man über die archivalische Sorgfalt — im Grazer Schloßbergstollen entdeckt wurde: Die Steirische Sicherheitsdirektion und die Verwaltungsbehörden dieses Bundeslandes erfaßten rund neuntausend Ungarnflüchtlinge mit Personalbogen; daneben ermöglicht dieser Bestand wenigstens teilweise Einblicke in die Weisungen der Zentralstellen sowie in die Korrespondenz der involvierten Behörden untereinander.
Bei diesen neuntausend namentlich und mit ihrer Vita bekannten Flüchtlingen handelt es sich zwar lediglich um rund fünf Prozent der insgesamt im Herbst und Winter 1956 über die Grenze gekommenen Ungarn, doch ist die Zahl mehr als ausreichend, um verallgemeinernde Aussagen treffen zu können. Problematisch ist freilich, daß die in die Personalfragebögen aufgenommenen Daten durchgehend auf den Aussagen der Flüchtlinge beruhen, eine Nachprüfung durch österreichische Behörden war nur ausnahmsweise möglich, wenn sie überhaupt versucht wurde. Mit der Quellenproblematik setzt sich Engelke einleitend ausführlich auseinander. Für die Glaubwürdigkeit der Angaben spricht unter anderem, daß die Flüchtlinge überraschend häufig wirtschaftliche und nicht etwa politische Motive für ihre Flucht nannten.
Nicht weniger verblüffend sind die Befunde, welche die Verfasserin für die Vorgeschichte der Massenflucht in einem vergleichsweise langen Kapitel darlegt: Wegen der wirtschaftlichen Misere in Ungarn setzte eine signifikante, wenn auch im Vergleich mit dem Herbst 1956 noch bescheidene Fluchtbewegung bereits Ende der vierziger Jahre ein, die ihren Weg bevorzugt über Jugoslawien nahm. Im Zuge der Versöhnung zwischen Tito und den Sowjets wurden diese Ungarn dann um 1955 bei Nacht und Nebel über die österreichische Grenze komplimentiert.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht naturgemäß die Fluchtwelle, die in den letzten Oktobertagen 1956 einsetzte und erst zu Anfang des folgenden Jahres abebbte, nachdem die Budapester Regierung die Grenze erneut hermetisch abgeriegelt hatte. Engelke liefert zunächst Hintergrundinformationen über die Maßnahmen auf österreichischer Seite, wobei sie sich vorrangig mit der Unterbringung der Geflüchteten in mehr oder minder improvisierten Lagern beschäftigt. Im wesentlichen bietet der Hauptteil eine große Zahl von Fallgeschichten, die vor allem hinsichtlich der Fluchtmotive ausgewertet werden. Die Schilderung endet in den meisten Fällen, ebenso wie in den amtlichen Akten, mit der Weiterreise der Flüchtlinge zum Zweck der Auswanderung nach Übersee. Die Integration der in Österreich Verbliebenen wird lediglich für die ersten Monate und da mit Schwerpunkt auf dem Unterricht beziehungsweise der Ausbildung von Jugendlichen behandelt.
Das Schwergewicht dieser Studie liegt eindeutig auf der menschlichen, individuellen Ebene. Auch wenn die Verfasserin quantifizierende Fragestellungen nur am Rande berücksichtigt, entsteht durch die Fülle der Fallbeispiele doch in Konturen das Bild des »typischen« Ungarnflüchtlings: Er war in der Regel ein junger Mann, der in der Hoffnung auf ein besseres Leben, nur sekundär wegen erlittener oder drohender politischer Repression, seine Heimat verließ. Daneben enthält das Buch eine Reihe atypischer, ja abenteuerlicher Lebensgeschichten, die den Reiz der Lektüre noch erhöhen.
Die überragende Stellung eines einzigen Quellenbestandes formt im vorliegenden Fall sehr stark die Anlage der Arbeit und bedingt deren Stärken wie Schwächen. Vermutlich hätten die gewonnenen Erkenntnisse durch die Auswertung der Tagespresse noch erheblich bereichert werden können; stattdessen wäre auf die eine oder andere Wiederholung zu verzichten gewesen. Dessenungeachtet führt diese spannende Darstellung den Leser so dicht an die Lebensschicksale der Ungarnflüchtlinge, wie dies bei der gegebenen Quellenlage überhaupt denkbar ist.