Monika Flacke (Hg.)

Mythen der Nationen

1945 — Arena der Erinnerungen

 

2 Bände

Mainz
Verlag Philipp von Zabern
2004
970 S., 551 SW-, 353 Farb-Abb.

€131,60

 

Rezensent: Martin Moll

Historicum, Frühling 2004, 37—38

 

 

 

 

Als nur teilweise zutreffend erweist sich die Annahme, man habe es hier mit einem weiteren Begleitband zu jenen Ausstellungen zu tun, mit denen das Deutsche Historische Museum in Berlin (DHM) in den letzten Jahren Aufmerksamkeit in- und außerhalb Deutschlands weckte. Die entsprechende Ausstellung zum Thema 1945 findet um die Jahreswende 2004/05 herum statt, stand zum Zeitpunkt der Drucklegung also noch bevor. Der Band eilt seiner Zeit voraus. Auf der anderen Seite entspricht die Publikation durchaus einem Mainstream der gegenwärtigen Historiographie, die sich mit Vorliebe Fragen von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, vornehmlich im 19. und 20. Jahrhundert, zuwendet. Das DHM hat sich diesem Trend frühzeitig angeschlossen und 1998 die überaus erfolgreiche Ausstellung Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama veranstaltet, dessen ebenfalls von Monika Flacke herausgegebener gleichnamiger Begleitband zu einem inzwischen neu aufgelegten Verkaufsschlager avancierte. Dies durchaus zu Recht, werden doch darin für die meisten europäischen Staaten die Herausbildung ihres Nationalbewußtseins und die hierfür verwendeten Geschichtsmythen und -bilder sehr anschaulich ausgebreitet. Lag damals das Schwergewicht auf dem 19. Jahrhundert, jedenfalls der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die als Epoche der Gründungsmythen verstanden wurde, so liegt nunmehr eine dezidierte Fortsetzung vor.

Ausweislich des Titels setzt sie mit dem Jahr 1945 ein, faktisch wird der Rahmen jedoch zum Teil erheblich ausgeweitet. Vor allem für viele osteuropäische, erst in der jüngsten Vergangenheit (wieder) selbständig gewordene Staaten ist nämlich zu konstatieren, daß eher deren Gedenken an die nach dem Krieg untergegangene Unabhängigkeit erinnerungsbildend war und ist als Reminiszenzen an 1945.

Es ist dem Team um Flacke gelungen, nahezu Vollständigkeit zu erreichen: Abgesehen von den Zwergstaaten fehlen lediglich Albanien, Estland, Irland, Luxemburg, Moldawien, Portugal und Slowenien. Aus österreichischer Sicht ist das Fehlen unseres südlichen Nachbarn freilich zu bedauern. In anderer Hinsicht wurde durch Beiträge über die USA und Israel der europäische Rahmen wiederum überschritten, und gerade diese beiden Texte sind überaus gelungen.

Nimmt man das Jahr des Kriegsendes 1945 beziehungsweise den Kriegsausgang als Meßlatte, so lassen sich die Staaten Europas grob in drei Gruppen einteilen: Die Neutralen, die Sieger und die Verlierer. Unter der dritten Kategorie nimmt Westdeutschland als »Land der Täter« eine Sonderstellung ein, verstanden sich doch alle anderen Besiegten (mit Ausnahme Finnlands) ebenfalls — zumindest im offiziellen Diskurs — als Befreite, womit der militärischen Niederlage, ungeachtet aller menschlichen Verluste und materiellen Zerstörungen, nachträglich noch etwas Positives abgewonnen werden konnte. Wie des öfteren nachgewiesen wird, behauptete sich unter der Oberfläche freilich nicht selten ein entgegengesetzter Diskurs, der nicht so sehr die Kriegsteilnahme an der Seite Hitler-Deutschlands, sondern die nachfolgende Besetzung durch die Rote Armee als die eigentliche Katastrophe für die eigene Nation wahrnahm. Ungarn kann hierfür als Paradebeispiel stehen. Mit Einschränkungen galt dies lange Zeit hindurch auch für Österreich, über das Heidemarie Uhl einen sehr anregenden Beitrag verfaßt hat. Darin gelingt es ihr, dem von ihr bereits in zahlreichen Publikationen behandelten Themen der österreichischen Erinnerungskultur viele neue Aspekte abzugewinnen.

An dem Band haben 36 Autoren mitgewirkt; gleichwohl hat es die Herausgeberin geschafft, daß die Texte einer ähnlichen — und damit den Vergleich fördernden — Anlage folgen. Sie nehmen zum einen Geschichtsdiskurse in den Blick. Abgesehen von einer verordneten, heroisch-monumentalen Sicht des Krieges und seines Endes, wie sie für die kommunistischen Diktaturen üblich war, geht es hierbei um Themen und Tendenzen der Geschichtsforschung sowie um populäre Diskurse. Beides, die Forschung und das kollektive Gedächtnis, konnten übereinstimmen oder kraß divergieren. Zum zweiten geht es um die Visualisierung der Chiffre »1945«, um Kunstwerke aller Art (insbesondere Filme), um Denkmäler und Gedenkstätten, aber auch um Briefmarken, Münzen, Orden und Gegenstände der Alltagskultur, die allesamt Erinnerung ebenso wachhielten, wie sie diese zugleich formten oder wenigstens formen sollten. Neben den bekannten, unzählige Male reproduzierten Bild-Ikonen haben die Autoren eine unglaubliche Fülle unbekannten Materials zu Tage gefördert. Zu dieser Leistung kann man ihnen nur gratulieren. Die rund 900 zum Teil farbigen Abbildungen sind allesamt in den Text integriert, sie werden in ihm mit ihren zentralen Botschaften erläutert und somit in den allgemeinen Diskurs eingebettet.

Leider — und hier ist eine ganz wesentliche Kritik anzubringen — sind die Abbildungen zum Großteil derart winzig, ja mikroskopisch klein, daß sie nicht einmal mit Hilfe einer Lupe halbwegs anschaulich werden. Man liest dann zwar im Text, was die Bilder darstellen, kann sich jedoch keinen eigenen Eindruck davon verschaffen. Auch die Qualität vieler Reproduktionen läßt sehr zu wünschen übrig. Häufig sind ganze Seiten etwa aus Schulbüchern wiedergegeben, obwohl nur ein Photo unter mehreren für den Text von Belang ist. Die Quellennachweise der Illustrationen sowie die Objektbeschreibungen sind akribisch genau, die Bildlegenden zweisprachig. Bedauerlicherweise werden fremdsprachige Buchtitel, denen viele Quellen entnommen sind, nicht übersetzt. In Summe muß die formale Gestaltung der Abbildungen als völlig mißglückt, ja dilettantisch bezeichnet werden. Auch die Texte selbst sind zu klein gesetzt.

Am Ende jedes Beitrags finden sich eine im Schnitt fünf bis sechs Seiten lange Chronologie sowie Landkarten, welche die Grenzveränderungen im Lauf des 20. Jahrhunderts veranschaulichen sollen. Die Betonung liegt auf »sollen«, denn die Karten sind auf weiten Strecken unverständlich, weil sie keinerlei Erläuterungen der eingezeichneten Linien beziehungsweise verwendeten Farben bieten. Um sie zu verstehen, muß man all das bereits wissen, was einem die Karten eigentlich nahebringen wollen. Gelungen ist hingegen ein rund siebzigseitiges Glossar am Ende des zweiten Bandes, das die in den Texten verwendeten zentralen Begriffe, Ereignisse, Personen und Gedenkorte in Form lexikalisch knapper Artikel erläutert.

Das monumentale Werk hinterläßt somit einen zwiespältigen Eindruck. Da es gerade um die Verbildlichung von Erinnerung geht, können die aufgezeigten formalen Defizite nicht als nebensächlich abgetan werden. Im Gegensatz dazu werden die Texte den Erwartungen vollauf gerecht. Sie bieten auf knappem Raum (im Schnitt jeweils rund zwanzigDruckseiten) eine übersichtliche und vor allem verständliche Einführung in das Thema. Selbst Benutzer, die über die Geschichte eines Landes wenig oder gar nichts wissen, können den Darlegungen mühelos folgen. Für nicht wenige Staaten haben wir es hier überhaupt mit der ersten deutschsprachigen Abhandlung ihrer Geschichtsdiskurse nach 1945 zu tun. Erfreulich ist auch, daß nahezu alle Beiträge bis in die unmittelbare Gegenwart führen. Selbstredend sind die Umwälzungen, die der Zusammenbruch der kommunistischen Regime vor rund fünfzehn Jahren für die Erinnerungskulturen mit sich brachte, breit thematisiert. Alle Autoren vermeiden eine einseitige oder lineare Sicht, vielmehr stellen sie gegensätzliche Diskurse, ja den Kampf um das kollektive Gedächtnis in den Mittelpunkt. Deutlich wird, daß sich praktisch in allen hier behandelten Staaten die Diskurse seit 1945 verändert haben, die Bandbreite dieses Wandels divergiert jedoch sehr stark von geringfügigen Modifikationen bis zu einer völligen Neubewertung. Selbst neutrale Länder wie Schweden oder die Schweiz, die sich lange als Inseln der Humanität in einem Meer von Krieg und Gewalt sahen, blieben von kritischen Fragen nicht verschont. Selbstverständlich gibt es daneben massive Beharrungstendenzen, die sich einer Neubewertung der eigenen Geschichte widersetzen. Dies trifft etwa auf manche osteuropäische Staaten zu und kann bis zur Reaktivierung bereits überwunden geglaubter, stalinistischer Geschichtsbilder reichen, interessanterweise aber auch auf Spanien. In den Texten finden sich hierzu zahlreiche, zum Teil bedrückende, zum Teil skurrile Belegstellen. Nahezu überall rückt das Thema »Holocaust« sehr stark in den Vordergrund, wobei auffällt, daß sich zunehmend eine international gleichförmige, wenn nicht standardisierte Gedenkkultur herausbildet.

Wer immer sich mit dem neuerdings so beliebten Thema Geschichtsbilder befaßt, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Die beiden Bände werden mit Sicherheit weitere Auflagen erleben, und das ist ebenso freudig zu begrüßen wie deren weite Verbreitung. Es bleibt freilich der dringende Wunsch auszusprechen, die Gestaltung des Bildteils benutzerfreundlicher zu machen. Dann, erst dann, wird man der Herausgeberin und den Autoren zu diesem Panorama der (vornehmlich) europäischen Erinnerungslandschaften der Nachkriegszeit ab 1945 bis heute uneingeschränkt gratulieren können.