Geralf Gemser

Darf eine Schule diesen Namen tragen? Zur Vorbildwirkung des Wehrmachtsgenerals Erich Hoepner

 

Marburg
Tectum Verlag
2005
271 S.
€ 24,90

 

Rezensent: Martin Moll

Historicum, Frühling 2005, 38—39

 

 

 

 

Seit 1956 gibt es in Berlin eine Erich-Hoepner-Oberschule. Sie trägt ihren Namen nach einem wegen seiner Beteiligung an dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichteten Generaloberst der Wehrmacht.

Seit der Namensverleihung haben Tausende Schüler diese Bildungsanstalt durchlaufen. Ich unterstelle einmal, daß die meisten sich über den Namenspatron keine Gedanken gemacht haben. Gegenteiliges behauptet auch Gemser nicht — und der wäre gewiß jeder Spur noch so bescheidenen Protests nachgegangen. Denn über die Absicht des Verfassers wird der Leser nicht im Unklaren gelassen: Auf Grund seiner Recherchen sollen Schüler, Eltern und Lehrer aufstehen und soll der Sturm gegen Hoepner losbrechen. Nach allem, was man heute über Hoepners zwielichtige Rolle im Dritten Reich weiß, könne dieser niemals ein Vorbild für die Schuljugend sein, so Gemsers These in Kurzform.

In Österreich werden solche von political correctness inspirierte Debatten weniger engstirnig und auch nicht so verbissen geführt wie bei unserem bundesdeutschen Nachbarn. Dennoch kann dieses Berliner Skandälchen auch hierzulande von Interesse sein, steht es doch im Kontext einer breiten Diskussion rund um Begriffe wie kollektives Gedächtnis, Erinnerungsorte und Geschichtspolitik. Wenn Politiker ein ihnen erwünschtes Geschichtsbild in den Köpfen der Menschen verankern wollen, bieten sich neben Denkmälern und Museen aller Art auch Namensgebungen an, wobei in erster Linie an Straßen und Plätze sowie an öffentliche Gebäude zu denken ist, unter den letzteren besonders an Kasernen und Bildungseinrichtungen. Warum sich gerade diese für den bezeichneten Zweck so gut eignen, warum es nach kriegerischen Gestalten benannte Kasernen, aber kein Hans-Kelsen-Gericht gibt, kann dahinstehen. Klar ist zweierlei: Daß mit solchen Namensgebungen seit langem Politik gemacht wird und daß nur ein kleiner Teil der Bevölkerung über die Hintergründe reflektiert, ja über Wissen rund um den Namenspatron verfügt. Ich unterstelle erneut, daß den meisten Zeitgenossen dieses Thema herzlich egal ist.

In einer ersten Welle führte political correctness dazu, die Namen von einstigen Weltkriegshelden aus dem Erscheinungsbild der Städte und Dörfer zu tilgen; ältere Feldherren wie Schwarzenberg, Radetzky oder Conrad von Hötzendorf werden noch geduldet. Eine zweite, vor wenigen Jahren losgebrochene Welle nimmt sich Männer aufs Korn, die bislang als sakrosankt galten: Die Gruppe um den Hitler-Attentäter Graf Stauffenberg. Daß nicht alle, die bei dem erfolglosen Anschlag und Staatsstreich ihre Finger im Spiel hatten, lupenreine Demokraten waren, wußte man seit langem. Neuerdings stehen jedoch wesentlich schwerwiegendere Vorwürfe im Raum: Die Zeithistoriker Christian Gerlach und Johannes Hürter glauben nachweisen zu können, daß viele der Offiziersverschwörer aktiv an Verbrechen des NS-Regimes, besonders in der Sowjetunion, mitwirkten; erst als die Niederlage Deutschlands drohte, fünf Minuten vor zwölf sozusagen, habe man sich zur Beseitigung Hitlers entschlossen.

Für Gemser gehört auch Erich Hoepner zu dieser Gruppe. Damit hat er allem Anschein nach recht. Hoepner machte den Expansionskurs Hitlers jahrelang mit, stieg zum Oberbefehlshaber einer Armee auf und beendete seine Karriere nicht etwa freiwillig aus Protest gegen Hitlers Gewaltpolitik, sondern weil er von seinem Führer wegen eines eigenmächtigen Rückzugs in die Wüste geschickt wurde. Danach bemühte er sich um seine Wiederverwendung, schrieb Denkschriften zur Steigerung der deutschen Schlagkraft und spielte am 20. Juli 1944 eine von Eitelkeit und Entschlußlosigkeit gekennzeichnete, überaus klägliche Rolle. Mit Recht kann man bezweifeln, ob ausgerechnet dieser Mann der Schuljugend als Vorbild präsentiert werden soll. In der Tat berührt es seltsam, daß dieser Namensgeber in der bekannten »Wehrmachtsausstellung« mit mehreren seiner kriminellen Befehle vertreten war.

Wenn Gemsers Buch aus wissenschaftlicher Sicht dennoch als ein Ärgernis bezeichnet werden muß, so liegt dies an der Art, wie der Verfasser sein im Prinzip berechtigtes Anliegen vorträgt. Gemser will keine Biographie schreiben; herausgekommen ist eine Anklageschrift, die nur Belastendes vorträgt. Wo es einen Staatsanwalt gibt, ist ein Verteidiger nicht weit, und tatsächlich gibt es zwei ältere, apologetische Lebensabrisse Hoepners, mit denen sich Gemser nicht nur auseinander setzt, sondern die er ermüdend Seite für Seite zu widerlegen trachtet. Niemand wird bestreiten, daß ältere, oft von Kriegskameraden verfaßte Lebensbeschreibungen von Generälen hagiographische Züge tragen. Deshalb muß man aber keine Gegenschrift verfassen, zumal diese Huldigungen von der Forschung nicht (mehr) ernstgenommen werden. Gefragt wäre eine eigenständige, nicht von irrelevanten Schriften diktierte Fragestellung, bei der das Ergebnis des Forschens nicht schon von Haus aus feststeht.

Was nun das von Gemser lang und breit ausgeführte Sündenregister Hoepners betrifft, so sind zwei Kategorien zu unterscheiden. Da gibt es zum einen die zahlreichen Duldungen, die vielen Fälle von Wegschauen, aber auch das aktive Tun und Befehlen, sei es im Kampf oder im besetzten Feindgebiet, etwa im Partisanenkrieg. Wenn es auch schwer fällt, »normales« militärisches Handeln wie die Beschießung einer verteidigten Stadt und echte Kriegsverbrechen säuberlich zu trennen, so besteht kein Zweifel, daß Hoepner einigen Dreck am Stecken hat. Umso unbegreiflicher ist aber, daß Gemser ebenso ausführlich eine zweite Kategorie von Verfehlungen konstruiert, die nicht nachvollziehbar oder schlicht lächerlich ist. Unerklärlich ist etwa, welcher Zusammenhang zwischen Hoepners Dienst als Standortkommandant in Wuppertal vor Kriegsbeginn und den dort in der zweiten Kriegshälfte eingesetzten Zwangsarbeitern bestehen soll. Vor allem aber gefällt sich Gemser in der Rolle des Moralapostels: Selbstredend quartierte sich Hoepner mit seinem Stab im besetzten Frankreich in einem Schloß ein und selbstredend wurde dabei die eine oder andere Flasche Wein requiriert. Darüber ein großes Geschrei anzustimmen (125 f.) ist ebenso weltfremd wie die Behauptung, Hoepner sei als Namenspatron einer Schule ungeeignet, weil er beim Vormarsch in Polen kurzzeitig in einem beschlagnahmten Schulgebäude genächtigt hatte (94). Ebenso sei Hoepner moralisch disqualifiziert, weil er sich von Hitler das Ritterkreuz umhängen und zum Essen einladen ließ (107).

Damit sind wir mitten in der diffizilen Debatte über die Handlungsspielräume jener Generäle, deren Einstellung dem Nationalsozialismus gegenüber nicht hundertprozentig bejahend war. Dies billigt Gemser seinem Protagonisten zu; dem Autor fehlt jedoch selbst der leiseste Ansatz von Einfühlungsvermögen und Verständnis für die konkreten historischen Umstände, die Chancen und Möglichkeiten dieses Mannes. Zwischen den Polen Mitmachen und totaler Verweigerung gibt es für Gemser nichts. Er ist außer Stande, den Leser auch nur ahnen zu lassen, in welchen Gewissenskonflikten sich Männer wie Hoepner befunden haben mögen und warum er, wie so viele andere Verschwörer auch, erst so spät und so zögerlich den Entschluß zum Widerstand faßte. Paradoxerweise wird betont, auch Stauffenberg und andere seien nicht als Verschwörer vom Himmel gefallen. Trotzdem unterläßt es Gemser, die unzureichend erforschten Wege in den Widerstand anhand eines prominenten Beispiels aufzuklären.

Enervierend ist auch der Ton dieser im Stil eines Großinquisitors vorgetragenen, moralinsauren und besserwisserischen Streitschrift. Die polemische Diktion, die zahllosen Suggestivfragen an den Leser sowie die oberlehrerhaften Werturteile über Gott und die Welt sind für eine Magisterarbeit (auf der dieses Buch beruht) mehr als ungewöhnlich. Lange Abschweifungen zu hinreichend bekannten politischen Hintergründen sind ein besonderes Steckenpferd dieses Autors — so als ob Hoepner für alles Unglück dieser Welt verantwortlich wäre, weil er es nicht zu verhindern wußte oder — noch schlimmer — gar nicht verhindern wollte.

Gegen Ende verrät Gemser das Motiv für seine Leidenschaft. Es ist der Umstand, daß nach dem Untergang der DDR inmitten zahlloser Um- beziehungsweise Rückbenennungen auch einige, nach Ansicht des Verfassers »wirkliche« Vorbilder ihre Straßen verloren, weil sie Kommunisten waren (230 f.). Das mag so sein, doch sind derartige Vergleiche für die Beurteilung der Persönlichkeit Hoepners aus der Sicht des Historikers ohne Belang. Sie zeigen jedoch zusammen mit der ganzen Vorgangsweise des Autors, wie ungeniert sich seine angeblich aufklärerisch-kritische Haltung von den elementarsten Regeln wissenschaftlichen Arbeitens entfernt, ohne dies auch nur zu kaschieren.

Bei Gemser findet sich der Vorwurf an Hoepner, der aus der NS-Ideologie abgeleitete Zweck habe für ihn die Mittel geheiligt. Diese Kritik fällt auf ihren Urheber zurück, denn dieses Buch ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein prinzipiell berechtigtes Anliegen durch untaugliche, ja unredliche Mittel in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Bei Hoepner lag, wie Gemser zu Recht festhält, weit mehr vor als bloß eine anfängliche Nähe zu Hitler; er ist als Namenspatron einer Schule gelinde gesagt eine Fehlbesetzung. Aber das alles wußte man im Grunde bereits vor dieser Erstlingsarbeit. Wenn das Buch von Schülern der Erich-Hoepner-Oberschule gelesen wird, so werden diese darin eines mit Sicherheit nicht finden: Verständnis für eine historische Situation sowie die in ihr lebenden und handelnden Menschen. Und daß zumindest der Geschichtsunterricht sich um eine derartiges Verständnis bemüht, scheint mir ebenso wichtig zu sein wie die Frage, welchen Namen eine Schule trägt oder nicht trägt.