Albert Groiss, Werner Telesko
Benediktinerstift Altenburg. Mittelalterliches Kloster und barocker Kosmos
Wien
Brandstätter
2008
176 S.
€ 29,90
Rezensentin: Christine Haberkorn
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 68—70

Das Benediktinerstift Altenburg im Waldviertel wurde 1144 gegründet, Gründer waren die Gräfin Hildburg von Poigen und ihr Sohn Hermann. Die Burg Poigen war dort, wo das Kloster steht, und wurde möglicherweise in den Klosterbau integriert; sie war frei geworden, weil der Graf von Poigen sich zuvor eine neue Burg hatte bauen lassen. Seit der Gründung ist Altenburg fast ununterbrochen in Betrieb. Die Ausnahme war die Aufhebung während der nationalsozialistischen Herrschaft: Im Frühjahr 1940 wurde der Abt wegen »Beihilfe zur Fahnenflucht« verhaftet, im September desselben Jahres mußten die Patres innerhalb weniger Stunden das Kloster verlassen. Interventionen machten eine Rückkehr möglich, es wurde jedoch nur gestattet, Stiftskirche und Sakristei, nicht aber die Konventsgebäude zu benützen, und im Frühjahr 1941 kam es zur Enteignung des Stiftsvermögens. Vom früheren Kloster blieben nur mehr die Pfarrseelsorger im Ort. Nach Kriegsende zog die Rote Armee ein, 1946 wurden die Stiftsgebäude an den Orden zurückgegeben, und nach den erforderlichen Sanierungsarbeiten begann 1947 wieder das Klosterleben. Restitution und überhaupt die Neuordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse zogen sich jahrelang hin. Den historischen Rückblick, in dem man diese Informationen findet, hat Albert Groiss, der Prior des Stifts, verfaßt.
Die Aufhebung des Stifts war sicherlich der deutlichste Einschnitt in der Geschichte von Altenburg, doch schwere Krisen gab es auch früher schon. Kriegerische Einfälle im 13. Jahrhundert und mehrmals im 15. Jahrhundert (vor allem im Zusammenhang mit den Hussiteneinfällen) sowie ein Großbrand 1380 richteten jeweils schwere Zerstörungen an. Tiefer ging dann allerdings die durch die Reformation ausgelöste Krise, da sich in Niederösterreich die lutherische Lehre weithin durchsetzen konnte. Der Adel wurde lutherisch, durch seine Patronatsrechte setzte er damit auch lutherische Prediger als Seelsorger ein, und Auseinandersetzungen zwischen dem Adel der Region und dem Kloster, für die es ohnehin immer wieder Anlässe gab, bekamen auch eine konfessionelle Note. Schwerer wog für das Kloster aber der Umstand, daß sich die Reformation in der Bevölkerung insgesamt ausbreitete, weshalb die Zahl der Klostereintritte abnahm und in weiterer Folge selbst in den inkorporierten Pfarren die katholische Seelsorge nicht mehr gewährleistet war. Der Höhepunkt der Krise wurde um 1600 erreicht, als das Kloster zwar noch bestand, aber der Konvent verschwunden war. Mehrmals wurden Äbte durch den Kaiser eingesetzt, weil es zu wenige Wähler gab oder sogar (was wiederholt der Fall war) überhaupt kein Konvent mehr bestand. Auf diese Weise bestand das Kloster als solches weiter, es bekam auch einen Abt, und dieser Abt sollte sich um einen neuen Konvent bemühen, was schließlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach und nach gelang. Die große Zeit von Altenburg war das 18. Jahrhundert, in dem das geschaffen wurde, was heute den kunsthistorischen Rang des Klosters ausmacht
Ein großes Kloster war Altenburg nie. Zehn bis fünfzehn Mönche (und manchmal weniger) im Mittelalter, neun Mönche Mitte des 17. Jahrhunderts, aber schon über 31 im Jahr 1674, dreißig bis vierzig im 18. Jahrhundert, um 25 im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Heute hat der Konvent 13 Mitglieder, die Hälfte davon Priester
Was geschah im 18. Jahrhundert, das Altenburg zu einem herausragenden Werk der Barockkunst machte? Unter der Regierung des Abts Placidus Much, der 1715 sein Amt antrat (er regierte bis 1756), wurde das Kloster in großem Stil umgebaut, wobei es gelang, diese Neu- und Umbauten nicht nur wirklich zu Ende zu bringen, sondern sie ohne Verschuldung des Stiftes zu finanzieren. Der Abt war offenbar ein sehr guter Ökonom, der auch einträgliche Ämter in den niederösterreichischen Ständen übernahm und so das Einkommen des Stifts steigern konnte. Für die Neugestaltung von Altenburg engagierte er unter anderem den Architekten Josef Munggenast und den Maler Paul Troger. Das Ergebnis wird in diesem reich bebilderten Band eingehend von Andreas Gamerith, Friedrich Polleroß, Herbert Karner und Werner Telesko dokumentiert und beschrieben, und es kann die Lektüre vor dem ohnehin empfehlenswerten Besuch von Altenburg nur dringend angeraten werden.
Vor den Barock-Kapiteln gibt es aber eine gründliche Beschreibung des mittelalterlichen Stifts, insbesondere auf der Grundlage archäologischer Quellen. Doris Schön, Martin Krenn und Johannes M. Tuzar erläutern für das ganze Gebiet des Klosters abschnittweise die historische Situation, machen verständlich, wie die Ausgrabungen vor sich gingen und wie die Grabungsergebnisse die Vorstellungen vom mittelalterlichen Altenburg veränderten. Dabei kommt nicht nur die Baugestalt der mittelalterlichen Anlage zur Sprache, sondern es wird auch manches am Klosteralltag deutlich, sei es als Aspekt der Architektur selbst (zum Beispiel bei der Beschreibung der Heizanlage), sei es in sonstiger Hinsicht (die archäologischen Funde erlauben auch eine Erforschung des Nahrungsmittelkonsums im mittelalterlichen Kloster). Ein kürzeres Kapitel über Handschriften und liturgische Geräte (Werner Telesko) und eine Beschreibung des Stiftsarchivs (Karin Winter und Kathrin Kininger) ergänzen den Mittelalter-Teil.
Der Barock-Teil beginnt mit einem Kapitel über die in Altenburg tätigen Künstler, über die Pläne und Planänderungen und über praktische Fragen wie Termine und Kosten der künstlerischen Arbeiten. Dann werden die einzelnen Teile der Anlage der Reihe nach analysiert. Hier findet man überwiegend genaue stilistische Beschreibungen, Erläuterungen der ikonographischen Programme und so weiter, aber auch manches an Kunsthistoriker-Poesie, die man nicht so dringend benötigt. Der Band kann mit diesem Aufbau und Inhalt wie ein (etwas großformatiger) Kunstführer bei einer ausgedehnten Besichtigung dienen; im großen und ganzen reicht die großzügige Bebilderung, um die Beschreibungen direkt nachzuverfolgen, manche Einzelheiten sieht man freilich nur vor Ort.
Die Krypta, um ein Beispiel herauszugreifen, wird zunächst dem allgemeinen Eindruck nach beschrieben, der mit zwei großformatigen Farbbildern auch gut und realitätsnahe vermittelt wird — die Krypta ist ein langgestreckter Raum, in den man, von der Bibliotheksvorhalle kommend, hinuntersteigt. Der Eindruck wird von den kräftigen Farben der Secco-Malerei bestimmt, die den ganzen Raum überzieht; das heutige Erscheinungsbild weicht von der historischen Situation wegen des Verschwindens von Farben (siehe unten) ab. Die Beschreibung der Bildthemen ist im wesentlichen ganz sachlich gehalten. Die Malereien der Krypta variieren verschiedene Todesthemen, Totentanz, Vanitasbilder und so weiter. Das ist alles verständlich und nachvollziehbar. Die allgemeinen Assoziationen des Autors (Andreas Gamerith) wirken dagegen merkwürdig: »Nicht der zarte Pastellton von Trogers Fresken in der Bibliothek, nicht die leuchtende Helligkeit des Vestibüls Zeillers, erdverhaftet überzieht ein dichtes Netz aus rot-gelb-schwarzen Zierformen grell Gewölbe und Wände.« Und: »Wenngleich ursprünglich ein ausgewogeneres Maß an Blau- und Grüntönen nachzuweisen ist […], unterstreicht gerade der heute dominante Farbakkord mit rot, schwarz und gelb vor prägendem weißen Grund den morbiden Reiz der malerischen Gestaltung, ihre welke ›Eythelkeit‹, ihre schrille Dissonzanz.« (123) »Erdverhaftet«, »morbid« und »schrill« zugleich? »Schrill«, das ist in Anbetracht der überaus kräftigen Farben noch zulässig. Von »morbid« kann hingegen wirklich keine Rede sein, denn die Wirkung dieses Raums ist gerade wegen der Spannung zwischen dem Thema von Tod und Verfall einerseits und der höchst lebendigen Farbigkeit so ungewöhnlich. Und ob bei alldem auch noch etwas »erdverhaftet« ist, muß mangels Verständlichkeit dieses Begriffs offen bleiben.
Das gibt es also auch in diesem Buch. Daneben findet man aber durchgehend präzise Beschreibungen, die nicht freie Assoziationen des Autors sind, sondern das Werk selbst zum Thema haben, auf Einzelheiten hinweisen, Inhalte erklären und aus dem historischen und künstlerischen Zusammenhang begründen. Und das prägt eigentlich den Eindruck von diesem Buch vorrangig.
Dies ist also ein Band, der beim Besuch des Stifts Altenburg nützlich ist, der aber auch unabhängig davon ein genußreiches Lese- und Seherlebnis bietet.