Anton Holzer
Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914–1918. Mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Fotografien
Darmstadt
Primus
2008
208 S., 114 SW-Abb., 2 Farbktn.
€ 41,10
Rezensent: Martin Moll
Historicum, Winter 2007/2008—Frühling 2008, 78—79
Anton Holzer, dem einen oder anderen Leser vielleicht als Herausgeber der Zeitschrift Fotogeschichte bekannt, hat 2007 den vielbeachteten Bildband Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg vorgelegt. Mit geringem Abstand folgt nun ein zweiter, deutlich schmälerer Band, der — ausweislich des Untertitels — den Krieg im Krieg, nämlich jenen gegen die Zivilbevölkerung thematisieren will.
Dieser Fragenkomplex hat in den letzten Jahren viel Forschungsinteresse erfahren. Sieht man von der fast schon unüberschaubaren, unlängst in HISTORICUM Nr. 97 bilanzierten Literatur über den Völkermord an den Armeniern ab, stehen die deutschen Kriegsverbrechen in Belgien während des Sommers 1914 im Mittelpunkt.1 Den meisten einschlägigen Arbeiten geht es um die Klärung dessen, was mittlerweile für den Zweiten Weltkrieg nicht mehr strittig ist: Gab es auch schon 1914—1918 — neben quasi spontanen, zeitlich begrenzten Greueln — einen von oben angeordneten oder wenigstens tolerierten, systematischen Terror gegen die Zivilbevölkerung besetzter Gebiete? Gab es im Ersten Weltkrieg eine auf Ausbeutung, Versklavung und eventuell sogar Vernichtung abzielende Besatzungspolitik?
Holzers Bildband steht explizit in dieser Forschungsrichtung. Der Verfasser beantwortet die oben gestellten Fragen bejahend, wobei er nicht die kaiserlich-deutsche, sondern die österreichisch-ungarische Armee als Beweismittel ins Zentrum rückt: Diese habe, so seine durchgängige These, praktisch vom ersten Kriegstag an einen Unterdrückungsfeldzug vor allem gegen Ruthenen beziehungsweise Ukrainer, Serben und Italiener geführt. Symbol dieser schwarz-gelben Brutalität gegenüber eigenen wie feindlichen Staatsbürgern ist für Holzer der Galgen, die bevorzugte Hinrichtungsart jener Jahre, wobei es sich meist um Willkürakte und nur selten um die Vollstreckung halbwegs rechtsförmig zustande gekommener Urteile handelte.
Betrachtet man die zahlreichen in Archiven, aber auch in privaten Beständen ausgegrabenen Photos dieser Publikation, so ist man versucht, von einem eigenen Genre, dem Galgenbild, zu sprechen. Auf den Auslöser gedrückt wurde meist kurz nach Eintritt des Todes der Delinquenten, abgelichtet sind neben den Exekutierten die Vollstrecker sowie mehr oder minder zahlreiche Zuschauer, deren Mimik Gefühle von Zufriedenheit und morbider Neugier auszudrücken scheint. Den Abbildungen ist also viel Gemeinsames und wenig Unterscheidendes zu eigen, was beim Betrachter eine gewisse Monotonie erzeugt. Die wird noch dadurch gesteigert, daß manche Photos gleich mehrfach abgedruckt sind, so etwa die Aufnahme von der Hinrichtung des Tiroler Reichsratsabgeordneten Battisti, die sich einschließlich des Covers nicht weniger als viermal findet!
Dieses zu trauriger Berühmtheit gelangte Photo mit dem grinsenden Scharfrichter steht gleichsam stellvertretend für die konzeptionellen wie begrifflichen Probleme, die mit diesem Band verbunden sind: Der österreichische Staatsbürger und Abgeordnete Battisti war zu den Italienern desertiert und freiwillig in deren Armee eingetreten. Er ist folglich kein Zivilist. Als wieder eingefangener Überläufer wäre er in jedem politischen System bestraft worden, wenn auch vielleicht nicht in der tatsächlich praktizierten Form. Holzer bezeichnet ihn durchgängig als italienischen Patrioten. Nimmt man die Herleitung dieses Begriffs vom lateinischen patria (Heimat) als Ausgangspunkt, so fragt sich: Was war die Heimat des österreichischen Italieners (oder italienischen Österreichers) Battisti? Doch wohl kaum das Königreich Italien, wo er niemals gelebt hatte. Kurzum, wenigstens einige der hier präsentierten Fälle, nämlich die — mit oder ohne Feldgerichtsurteil — erfolgten Hinrichtungen von Deserteuren, richteten sich weder, wie nicht eigens betont werden muß, gegen die Zivilbevölkerung, noch können sie einfach als Akte reinen Terrors abgetan werden.
Die moralische Empörung Holzers über die in der Tat oft willkürlichen und gegen unbeteiligte Zivilisten, einschließlich Frauen und Kinder, gerichteten Exekutionen sowie sein Abscheu angesichts in die Kamera grinsender Henker und Zuschauer, all das ist vollkommen verständlich. Damit ist aber noch nicht viel gewonnen, bestenfalls trägt dies dazu bei, ein wenig bis gar nicht bekanntes Thema ins allgemeine Bewußtsein zurückzuholen (wo es, wie der Verfasser belegt, Ende 1918/Anfang 1919 durchaus noch präsent war). Die zahlreichen langen Zitate aus Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit beweisen zwar dieses Wissen der Zeitgenossen, sie tragen jedoch nur wenig zur historischen Analyse der von Kraus unnachahmlich gezeichneten Ereignisse bei. Für eine Aufhellung der Vorgeschichte sowie der Begleitumstände der Hinrichtungen liefert Holzer zwar einige Mosaiksteine, meist durch die Kontextualisierung der Photos. Umfassende Archivstudien anhand von schriftlichen Quellen hat er freilich nicht angestellt; auch ist die Sekundärliteratur nur teilweise ausgewertet: Es fehlt etwa die Studie Doppelbauers über die Pflichtverletzungen in der k. u. k. Armee (»Zum Elend noch die Schande«).
Die Begleittexte sind engagiert geschrieben, die Kapiteleinteilung ist jedoch nicht recht durchdacht, sodaß bestimmte Themen immer wieder aufgegriffen werden, was zahlreiche Wiederholungen bedingt. Mit dem sehr breit formulierten Untertitel hat der Verfasser dem dünnen Band einfach zuviel aufgeladen: Statt einer Darstellung »des« Krieges gegen die Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg liefert er einen schmalen, gänzlich auf Österreich-Ungarn beschränkten Ausschnitt. Das ist beim gegenwärtigen, unbefriedigenden Forschungsstand nicht einmal wenig! Daher ist der Band wichtig und verdient eine breite, wenn auch kritische Rezeption. Photos wie die hier abgedruckten eignen sich bestens zur Irritation des Betrachters und als Anstoß, neue Fragen zu stellen. Um diese Fragen halbwegs überzeugend zu beantworten, scheint eine enge Kooperation der Photogeschichte mit der klassischen Historiographie, insbesondere mit der Militärgeschichte, unverzichtbar. Die Basis für diesen überfälligen Dialog hat Holzer gelegt, nicht zuletzt, indem er den Historiker daran erinnert, daß morbide Galgenphotos eine lange Vorgeschichte (am Beispiel der Exekution der Mörder Abraham Lincolns veranschaulicht) und eine bis heute anhaltende Aktualität (Stichwort Abu Ghraib) haben. Für die Nachwirkung stehen hier, neben jüngsten Aufnahmen aus dem Iran, Bilder der Lynchmorde im Süden der USA in der Zwischenkriegszeit. Mit diesen wichtigen Hinweisen auf Kontinuitäten eines Genres wird es freilich nicht leichter, den spezifischen Stellenwert des Ersten Weltkrieges zu bestimmen.