Joachim Hösler
Slowenien. Von den Anfängen bis zur Gegenwart
Regensburg
Friedrich Pustet Verlag
2006
264 S.
€ 25,60
Rezensentin: Gudrun Baumgartner
Historicum, Sommer 2005, 38—39
In den letzten Jahren erschien im Pustet-Verlag eine Reihe historischer Gesamtdarstellungen von ost- und südosteuropäischen Ländern, die jetzt um die erste deutschsprachige Geschichte Sloweniens von Joachim Hösler, Privatdozent an der Universität Marburg/Lahn, erweitert wurde.
Sowohl der Titel als auch der Klappentext versprechen die gesamte Geschichte Sloweniens von der Urgeschichte bis zum EU-Beitritt 2004 darzustellen — und das alles auf weniger als 300 Seiten! Man darf gespannt sein, ob dem Autor sein anspruchsvolles Projekt gelungen ist. Hat er es geschafft, die wichtigsten historischen Stationen des slowenischen Nationswerdungsprozesses anschaulich darzustellen?
Einleitend begründet Hösler seine Verwendung des nicht historisch gewachsenen Begriffs der »Alpen-Adria-Region«, die auch das Gebiet des heutigen Slowenien umfaßt, damit, daß man von »Slowenien« bestenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg sprechen kann, als eine Teilrepublik des titoistischen Jugoslawien diesen Namen erhielt. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der Kelten und Römer im Gebiet des heutigen Slowenien wird die slawische Landnahme thematisiert. Das Mittelalter, eine bekanntlich sehr lange historische Epoche, findet hier Eingang in der Christianisierung der Region, der Einführung der karolingischen Rechtsordnung im Jahre 828 in Karantanien, wobei dieses Jahr einen Wendepunkt darstellte, denn ab diesem Zeitpunkt bis 1918 wurde die überwiegend slawische Bevölkerung der Region von landfremden Obrigkeiten regiert. Die nachkarolingische Kolonisation (10. bis 14. Jahrhundert) brachte einen Zustrom von deutschsprachigen Bauern in die Region, die im Gottschee-Gebiet dann 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung ausmachten (1941/42 verließ die Mehrzahl von ihnen das Gebiet, um sich zwischen Brežice und dem Zusammenfluß von Sotla und Sava anzusiedeln; die verlassene Gottschee wurde zum wichtigsten Rückzugsgebiet der Partisanen; 168). Mit der aus Steyr stammenden Familie der Traungauer, die seit der Mitte des 11. Jahrhunderts die Markgrafen in der Karantaner Mark stellten, entwickelte sich die Karantaner Mark zur »Marchia Styriae«.
In das für das spätere Slowenien so prägende Mittelalter fällt auch der Aufstieg der Habsburger, die dann bis 1918 federführend für die weitere Entwicklung der Region waren. Die Reformation war sprachpolitisch für die Geschichte Sloweniens bedeutsam, erschienen doch damals die ersten Bücher in »windischer« beziehungsweise altslowenischer Sprache. In der Zeitspanne vom Josephinismus bis zum Vormärz begann man sich mit dem Phänomen der Sprache wissenschaftlich auseinander zu setzen, wobei hier natürlich die Beschäftigung mit der »windischen« und »crainerischen« Sprache artikuliert wird. In dieser Zeit lebte der für den slowenischen Patriotismus noch heute bedeutsame Dichter France Presˇeren, dessen Bildnis die seit 1991 eingeführte Tausend-Tolar-Note ziert. Nach der Revolution von 1848 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam es zu einem immer mehr erstarkenden nationalen Bewußtsein, einer Slowenisierung der Region, die sich zum Beispiel auch in der architektonischen Umgestaltung der krainischen Hauptstadt zu einem slowenischnationalen Zentrum zeigt.
Das 20. Jahrhundert nimmt circa die Hälfte des Buches ein, was auch gerechtfertigt ist, da dieses Jahrhundert für die Nationswerdung Sloweniens bedeutsame Ereignisse beinhaltet: Dazu gehören das Ende der Habsburgermonarchie und die anschließende Vereinigung der Kroaten, Serben und Slowenen in einem eigenen Königreich beziehungsweise Staat, der Widerstand gegen die Besatzung im Zweiten Weltkrieg, Slowenien im titoistischen Jugoslawien und dann 1991 die Gründung des Staates Slowenien. Vervollständigt hat Hösler sein Werk durch eine Zeittafel, Kurzbiographien wichtiger Persönlichkeiten und komprimierte Darstellungen historischer Stätten im Anhang. Ein Fehler ist Hösler aber am Beginn seines Werkes unterlaufen, wenn er den Fürstenstein, ein römerzeitliches ionisches Säulenfragment, auf dem die Herzogseinsetzung erfolgte, mit dem Herzogsstuhl gleichsetzt beziehungsweise behauptet, daß der Fürstenstein sich zum Herzogsstuhl entwickelte (18 f.).
Insgesamt ist Hösler ein sehr gutes Buch gelungen. Obwohl die geschichtliche Entwicklung des heutigen Slowenien von der grauen Vorzeit bis ins 21. Jahrhundert verständlicherweise sehr komplex ist, hat er es geschafft, den LeserInnen einen guten Überblick über die Nationswerdung unseres Nachbarn zu verschaffen; er versteht es meisterhaft, seine profunden Literatur- und Quellenkenntnisse in einem gut leserlichen Werk zu vereinigen, wobei er neben den Fakten auch Fragen der Interpretation durch die Historiographie einfließen läßt.