Harold James
Die Deutsche Bank im Dritten Reich
München
Beck
2003,
267 S.
€ 20,50
Rezensent: Stefan Wagner
Historicum, Frühling 2006, 37—38
Im Jahr 1995 erschien zum Bestandsjubiläum der Deutschen Bank, die damals 125 Jahre alt wurde, eine Geschichte dieses Hauses. Besondere Beachtung fand dabei wegen der politischen Aspekte das Kapitel über die Zeit des Nationalsozialismus, verfaßt von Harold James. In den folgenden Jahren erschienen weitere Studien über Fragen, die für das Jubiläumswerk noch nicht erforscht worden waren, weil sie erst später entsprechend beachtet wurden, nämlich Arbeiten über die Goldtransaktionen der Bank in der Zeit des Dritten Reichs und ihre Beteiligung an den Vermögensentziehungen. James legte mit Die Deutsche Bank im Dritten Reich eine zusammenfassende Darstellung all dieser Forschungen vor. Der Titel des Bandes ist nur in einem eingeschränkten Sinn zu verstehen, da hier nicht eine umfassende Geschichte der Bank im Zeitraum 1933 bis 1945 geboten wird, sondern nur die politischen Aspekte behandelt werden, also das Agieren der Bank im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Herrschaft. Einen allgemeinen Überblick über die Geschäftsentwicklung in dieser Zeit darf man sich in diesem Buch nicht erwarten.
Die 1870 gegründete Deutsche Bank war auch in der Zeit des Nationalsozialismus die größte Bank des Landes. Das Bankensystem generell wurde von den Nationalsozialisten aus mehreren Gründen heftig angegriffen: Erstens war die Weltwirtschaftskrise auch die Zeit einer Bankenkrise, die schon vor 1929 begonnen hatte, in der Depression aber ihre ärgsten Ausmaße erreichte; zweitens standen Banken generell unter dem Verdacht, Agenten eines parasitären Ausbeutungssystems zu sein; und drittens wurden Banken auch zum Ziel der antisemitischen Agitation des Nationalsozialismus, da es unter Bankiers und Bankangestellten aller Ebenen eine Reihe von wirklichen oder vermeintlichen Juden gab. Dieser letztere Aspekt verlor, soweit es die Banken selbst betraf, im Zug der Judenverfolgung an Bedeutung, weil das jüdische Personal gehen mußte und die Banken in diesem Sinn keinen Angriffspunkt mehr boten. Die anderen Punkte wie die negative moralische Bewertung des Bankgeschäfts, blieben bestehen. James bringt dies bei seinen abschließenden Überlegungen in einen direkten Zusammenhang mit den Handlungsmöglichkeiten des Managements der Deutschen Bank (die hier für stellvertretend für andere Institute steht), die er mit den Handlungsmöglichkeiten von Militärs oder Politikern vergleicht: »Anders als Generäle und Diplomaten, die auch in der Diktatur noch gebraucht wurden und wichtig waren, wurden die Bankiers grundsätzlich als parasitär angesehen. In dem Maße, in dem sie diese Kritik verinnerlichten, verloren sie die Fähigkeit zu wirkunsvollem politischem Handeln. Soldaten und Generäle spielten eine zentralere Rolle. Dementsprechend begingen viele von ihnen schwerere Verbrechen als ein Bankier, der sich an seinem Schreibtisch mit dem Gleichgewicht zwischen Soll und Haben beschäftigte; aber sie hatten auch mehr Möglichkeiten, moralisch zu handeln. Sie konnten eher zu Schurken werden als Bankiers, aber sie hatten auch eine größere Chance, als Helden in die Geschichte einzugehen. Ihre moralische Bandbreite war weiter gesteckt; sie umfaßte die ruchlose Brutalität und die Grausamkeiten an der Ostfront, aber ebenso die Heldentat des 20. Juli 1944« (222—223). Die Erklärung wirkt nicht besonders überzeugend, da es von Carl Goerdeler abwärts genügend Beispiele für Widerständler gibt, deren Tätigkeiten und Handlungsspielräume mit jenen des Vorstandssprechers einer Großbank durchaus vergleichbar waren. Das verhältnismäßig unauffällig-angepaßte Verhalten der Bankmanager war doch wohl eher in der individuellen Risikoneigung begründet.
Unauffällig war dieses Verhalten tatsächlich. Die Deutsche Bank funktionierte im nationalsozialistischen Deutschland einwandfrei, das heißt das Management funktionierte einwandfrei — und doch wurde Hermann Josef Abs, Vorstand von 1938 bis 1945, im Jahr 1952 wieder Vorstand, 1957 bis 1967 Vorstandssprecher und der »größte Banker der Welt« (David Rockefeller). Man war also nicht im Widerstand, war aber auch nicht Parteisoldat. Gewiß gab es auch andere Manager, dezidierte Nationalsozialisten, den sportbegeisterten Karl Ritter von Halt etwa, der zur Deutschen Bank kam, weil man einen Nationalsozialisten im Vorstand brauchte; auch Halt agierte aber nach Maßstäben rabiater Parteimitglieder als Feigenblatt, lobte den unangenehmen Betriebszellenleiter Hertel weg und konnte dem Unternehmen eine Art Normalität sichern.
Freilich bedeuten »Unauffälligkeit« und »Normalität« aber nicht, daß die Deutsche Bank im Dritten Reich so agiert hätte wie im Kaiserreich oder später in der BRD. Die Bank paßte sich äußerst flexibel an die Bedingungen an, die das nationalsozialistische Regime schuf: Das begann mit den erwähnten Kündigungen der jüdischen Mitarbeiter, es ging weiter mit der tatkräftigen Beteiligungen an den sogenannten »Arisierungen« von Unternehmen jüdischer Eigentümer, und es wurde immer interessanter, als das Deutsche Reich seine Eroberungszüge begann. Die annektierten oder sonst unter deutsche Kontrolle geratenen Gebiete hatten Banken, die attraktive Objekte für die Expansion der deutschen Großbanken wurden. Große Erwerbungen der Deutschen Bank waren die Creditanstalt-Bankverein in Österreich und die Böhmische Union-Bank in der früheren Tschechoslowakei. Anteile an Industrieunternehmen erwarb die Deutsche Bank in einer Reihe von Ländern, andere Übernahmeversuche scheiterten. Dabei profitierte die Bank offenbar von den vorteilhaften Bedingungen, die sich aus der deutschen Expansionspolitik ergaben, wenngleich die Vorgangsweise nicht in allen Fällen so brutal ausfiel wie bei der Übernahme der Böhmischen Union-Bank, bei der die British Overseas Bank und die belgische Société Générale den Schaden hatten.
Einen Abschnitt des Bandes widmet James dem Wirken von Emil Georg von Stauß, einem früheren Abgeordneten der Deutschen Volkspartei, deren Zwei-Mann-Fraktion im Reichstag nach der Wahl 1933 mit der NSDAP fusionierte (Stauß wurde aber nicht Mitglied der NSDAP). Stauß war von 1915 bis 1932 Vorstand der Deutschen Bank gewesen und blieb in der Folge als eine Art Konsulent in der Bank, wobei er sich vor allem um politische Verbindungen kümmerte und Projekte in einzelnen Wirtschaftsbereichen (etwa in der Filmindustrie oder bei der Kooperation von Daimler-Benz mit BMW) betrieb. Das Fazit dieser Tätigkeit: »Stauß verfolgte in erster Linie geschäftliche Ziele und wollte Geld verdienen. Der Wunsch nach tatsächlichem politischen Einfluß stand dahinter zurück. Er nutzte jedoch die Politik, um seine wirtschaftlichen Interessen voranzutreiben« (99). Dies könnte auch eine Beschreibung der Tätigkeit der Deutschen Bank im Dritten Reich insgesamt sein.
Daß dieser Aspekt der Geschäftstätigkeit — Geschäfte unter Ausnutzung der Vorteile, die sich aus der politischen Situation ergaben — hier nicht explizit von den Geschäften abgegrenzt werden, die es auch in einer »Normalperiode« gegeben hätte, ist bedauerlich. In einigen Punkten ist das Ergebnis klar: »Arisierungen« waren eben eine Besonderheit der nationalsozialistischen Herrschaft. In anderen Punkten ist die Antwort nicht so klar: Zwar erhält man aus diesem Band den Eindruck, daß die Übernahme der Böhmischen Union-Bank unter normalen Bedingungen so nicht hätte passieren können, doch läßt sich dieser Befund nicht verallgemeinern — Unternehmensübernahmen gibt es schließlich immer. Eine klare Unterscheidung zwischen Geschäftsfällen der möglichen Arten und damit eine Abschätzung des Nutzens, den die Deutsche Bank aus den besonderen politischen Umständen erzielte, wäre wünschenswert gewesen.
Mit dieser Einschränkung ein informativer Band, und ohne Einschränkung eine äußerst kenntnisreich geschriebene Studie.