Martina Kaller-Dietrich

Macht über Mägen. Essen machen statt Knappheit verwalten. Haushalten in einem südmexikanischen Dorf

 

Wien
Promedia
2002
263 S.
€ 23,90

 

Habilitationsschrift [1999], Universität Wien

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Herbst 2002, 5—9

Die Habilitationsschrift der Wiener Neuzeit-Historikerin Martina Kaller-Dietrich1 ist der primären Forschungsarbeit nach eigentlich keine historische, sondern am ehesten eine anthropologische Arbeit. Das Untersuchungsgebiet der Autorin ist San Pablo Etla, ein Dorf mit etwa viertausend Einwohnern in Oaxaca, einem Bundesstaat im südlichen Mexiko mit ungefähr der gleichen Fläche wie Österreich, aber nur drei Millionen Einwohnern. Kaller-Dietrich hielt sich mehrmals für mehrere Monate in San Pablo Etla auf, um Essen und Haushalten der heutigen Bewohner zu studieren. Der historische Bezug ergibt sich aus den historischen, insbesondere entwicklungshistorischen, Exkursen und Interpretationen der Autorin.2

Das Hauptthema der Arbeit ist das, was Kaller-Dietrich einleitend als »das Spannungsverhältnis zwischen dem Essen als eigenmächtiges Tätigsein und der diskursiven Macht der Ernährung« bezeichnet: »Vom Essen und nicht von der Ernährung zu sprechen, verweigert den Zugriff der normalisierten Macht und ihres monopolisierenden, techno-wissenschaftlichen Diskurses. Mit dem Begriff des Tätigseins öffnet sich der Blick für jene Eigenmacht, die in der Diskussion um Tschaianows These von der erfolgreichen Lebensweise der selbstversorgenden Bauern/Bäuerinnen als ›l’art de la localité‹ [Fn.] beschrieben wurde. Eigenmächtiges Tätigsein aber bestimmt darüber hinausführend die Lebensorganisation in semiproletarischen Haushalten« (S. 10). Die für die Untersuchung wichtigsten Ideen sind der Gegensatz zwischen Ernährung und Essen und die Vorstellung von Eigenmacht in Selbstversorgerwirtschaften. Diese Überlegungen führen zu einer allgemeineren Auseinandersetzung mit Entwicklung.

Essen und Ernährung

Essen und Ernährung sind im Verständnis Kaller-Dietrichs weniger zwei Aspekte desselben Vorgangs, sondern zwei Vorgänge, die sich nach Akteuren, Ort der Handlung und Gegenstand voneinander unterscheiden. Die Autorin spricht von »Essen als einem schöpferisch aktiven Tätigsein, das sich auf die konkrete Versorgungsgemeinschaft bezieht und in Form und Inhalt ortsbezüglich ist«, und stellt dies »der schöpferisch passiven, von konkreten Menschen und Orten unabhängigen Ernährung« gegenüber (S. 50). Essen ist »schöpferisch aktiv« und »spirituell«, seine Basis ist eine lokale Versorgungsgemeinschaft; Ernährung ist »schöpferisch passiv« und »materiell/stofflich«, sie ist ein weltweites Phänomen (Graphik, S. 51).3 Unter »schöpferisch aktiv« ist zu verstehen, daß die Herstellung von Essen zu einem erheblichen Teil im Weg der Eigenversorgung erfolgt und die Produktion der Zutaten und die Zubereitung Regeln folgen, die man sich selbst gibt; »schöpferisch passiv« bedeutet dementsprechend eine Hinnahme von Produkten und Produkteigenschaften, die von anonymen »Experten« bestimmt werden. Die lokale Versorgungsgemeinschaft ist eine überschaubare Gemeinschaft, die durch nachbarschaftliche oder Verwandtschaftsbeziehungen, durch wechselseitige Hilfe im Alltag und in Notsituationen sowie den Austausch von lebensnotwendigen Dingen geprägt ist. Im weltweiten Ernährungs-System fehlen diese Elemente. Den »spirituellen« Charakter des Essens umreißt die Autorin wie folgt: »die von Frauen gerichteten Speisen vermitteln die Menschen mit den kosmischen Kräften und Erscheinungen: Die Göttin des Erdinneren […], der wütende Kriegsgott […] und die aufgebrachte Wächterin des Trinkwassers werden mit Speisen besänftigt. Aus der spirituellen Perspektive des Essens zeigt sich die Vorstellung vom irdischen und kosmischen Zusammenwirken, das der Vermittlung bedarf. Das kosmische Genährt-Werden wird als Antwort auf die eigenen Bemühungen um das Wachsen-Lassen und Essen-Geben verstanden« (S. 181). Das »Materiell/Stoffliche« an der Ernährung zeigt sich hingegen im analytischen Zugang zu Nahrungsmitteln und ihrer Zusammensetzung (zum Beispiel aus Kohlenhydraten, Proteinen, Fetten, Vitaminen et cetera). Die »Macht über Mägen«, von der der Titel des Buchs spricht, ist die Macht der Frauen, die das Essen zubereiten und bestimmen, was gegessen wird. Die Frauen tragen auch die Verantwortung für die eigene Landwirtschaft, in der sie viele Tätigkeiten alleine ausführen (die Männer sind nur für einzelne Aufgaben wie das Pflügen zuständig und überhaupt viel abwesend, weil sie auswärts gewerblich arbeiten).

Wie gesagt, ist Kaller-Dietrichs Gegenüberstellung von »Essen« und »Ernährung« eine Gegenüberstellung von zwei nach handelnden Personen und Ort verschiedenen Mustern. »Essen« wäre demnach das, was beispielsweise die Gesprächspartnerinnen der Autorin in San Pablo Etla tun, »Ernährung« das dominierende Muster in einer Industriegesellschaft (vgl. S. 31). Die Autorin stört schon der Begriff Ernährung, den sie als »Plastikwort« bezeichnet und für etwas Schlimmes hält: »Es gibt Wörter, die Realitäten wie Ernährung erst schaffen. Unter den vielen Merkmalen solcher Wörter beeindruckt, dass sie nicht durch Ton, Mimik oder Gestik verdeutlicht und nicht durch sie ersetzbar sind« (S. 74). Wo dabei das Problem liegt, ist allerdings nicht recht erfindlich. Es gibt eben abstrakte Begriffe, was ist daran schlecht?4 Wesentlicher ist aber, daß das Wort Ernährung die Ernährung nicht schafft, sondern nur bezeichnet. Ernährung besteht in der Zufuhr von Substanzen, die in unterschiedlicher Zubereitungsart daherkommen, und passiert prinzipiell unabhängig davon, ob man sich darüber Gedanken macht und vielleicht darüber spricht oder nicht. Wenn man sich doch darüber Gedanken macht und womöglich sein Essen nach diesen Erwägungen aussucht, was viele Leute tun, dann verändert das unter Umständen die Art der Ernährung, ist aber keine Voraussetzung für Ernährung schlechthin. Die Vorstellungen der Autorin werden etwas konkreter bei der Besprechung von atole, einem Maisgetränk, bei dessen Zubereitung unter anderem auch Milch verwendet wird. Die befragte Gesprächspartnerin nimmt dafür nicht Schaf- oder Ziegenmilch von ihren eigenen Tieren, weil sie diese gar nicht melkt. Vielmehr verwendet sie Trockenpulvermilch von Nestlé, was Kaller-Dietrich erstaunt. Das Resümee der Autorin: »Heute verwendet eine Bäuerin in Oaxaca Pulvermilch aus der Dose. Eine geistige Trennung in kulturspezifische und regionale Lebensmittel, industrielle Nahrungsmittel und deren idealtypische ausschließliche Verwendung kann vor keiner Wirklichkeit bestehen. Nur — für Doña Sofia steht fest, dass sie atole zubereitet. Sie führt ihrem Körper keineswegs jene Proteine und Vitamine zu, die als Inhaltsstoffe auf der Nestlé-Dose angepriesen werden. Das macht einen entscheidenden Unterschied« (S. 82). In Wirklichkeit führt Doña Sofia ihrem Körper selbstverständlich sehr wohl die angegebenen Substanzen zu. Möglicherweise geht es der Köchin bei der Verwendung der Milch nicht um diese Stoffe, sondern zum Beispiel um den Geschmack, und vielleicht denkt sie über die Inhaltsstoffe nicht nach. Aber das spielt doch keine Rolle dafür, was beim Konsum ihres atole passiert. Zuzustimmen ist der Autorin hingegen, daß eine Trennung in »kulturspezifische und regionale Lebensmittel« und »industrielle Nahrungsmittel« Unsinn ist — industriell bezieht sich nur auf den Produktionsvorgang und sagt nichts über die regionale Herkunft und die kulturelle Bedeutung eines Nahrungsmittels aus (Kaller-Dietrich selbst verwendet den Begriff industrielle Nahrungsmittel immer im abwertenden Sinn).

Lebensmittel

»Essen« und »Ernährung« im Verständnis Kaller-Dietrichs unterscheiden sich zunächst durch die verwendeten Produkte. Beim »Essen« werden demnach tendenziell die im eigenen Haushalt oder in der »Versorgungsgemeinschaft« selbst produzierten Lebensmittel verzehrt – tendenziell, denn wie soeben zu sehen war, greift man unter Umständen lieber zu Nestlé-Milchpulver, und auch andere Lebensmittel werden im Laden gekauft. Aber das Ideal sind die selbst produzierten Lebensmittel, die unter dem Druck der Marktgüter stehen: »Der Mais, die Bohnen, die Kürbisse und das Wildgemüse, die auf Doña Elviras Boden wachsen, gelten nichts in der Welt, in der die Macht der industriellen Produktion die Ohnmacht der konsumierenden Körper ständig bestätigt und erneuert« (S. 20). Die »Macht der industriellen Produktion«, die »diagnostische Macht der Ernährung« sind die Instrumente, die hier ihre Wirkung entfalten: »Dabei geht es nicht um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln bzw. deren Aneignung und/oder Verteilung, die mittels Besitzmacht offensichtlich monopolisiert ist. Die Macht der Diagnose ist verborgener als die Besitzmacht. Sie wirkt verschwiegener. Das ›Normalitätsmonopol‹ der Experten und deren Professionalität bilden ihr Rückgrat. Die Macht der Experten baut auf die Diagnose. Diagnose bedeutet wörtlich ›auseinander kennen, diskriminieren‹. […] Die Experten diskriminieren aber nicht nur, sondern die Diagnose von Missständen schließt einen ›Beseitigungsimperativ‹ [Fn.] ein. So stellen sie Normalität her« (S. 94). Der Konsument läßt sich entmündigen: »Die Macht der Ernährung reduziert die Frage nach der Herkunft der Lebensmittel auf den Ort des Supermarkts. Die Sorge über den Zustand der Lebensmittel delegiert sie an Experten« (S. 90).

Es ist verwunderlich, daß man solche Sätze in einem Buch lesen kann, das im Land der Biobauern erscheint. Warum ist jeder zehnte landwirtschaftliche Betrieb in Österreich ein Biobetrieb? Warum unterschreiben 1,2 Millionen Österreicher ein Anti-Gentechnik-Volksbegehren? Warum haben alle relevanten Supermarktketten eine Biolinie bei den Lebensmitteln? Warum werden Batterieeier und Eier aus Bodenhaltung, Freilandeier und Bioeier peinlich unterschieden? Warum stehen Name und Adresse des Bauern auf den Fleischpackungen im Kühlregal? Die richtige Antwort lautet: Weil die Konsumenten die Sorge über den Zustand der Lebensmittel eben nicht delegieren, sondern wissen wollen, woher ihr Essen kommt, und Lebensmittel nachfragen, von denen sie meinen, daß sie besser sind. Die Bio-Agitation der Kronen-Zeitung kommt nicht von einer Marotte des Herausgebers, sondern aus der Erkenntnis, daß das Thema den Nerv der Leser trifft. Der Clou ist aber, daß diese Qualitätsvorstellungen der Konsumenten und ihr Interesse für die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert werden, genau durch die von Kaller-Dietrich beklagte diagnostische Macht der Experten und die dadurch geprägten Annahmen über Ernährung zustandegekommen sind: Die Analysen und die Mutmaßungen über schädliche Auswirkungen mancher Inhaltsstoffe stammen von Experten, denn herausschmecken würde man die wirklich oder vermeintlich schädlichen Inhaltsstoffe im Regelfall nicht, und ein Zusammenhang zwischen Gesundheit und Nahrungsmittelqualität ist bestenfalls in der statistischen Untersuchung herstellbar. Die Experten haben also tatsächlich diagnostiziert, das ist richtig. Aber die Nachfrage nach der einen oder der anderen Art von Lebensmitteln kommt aus der freien Entscheidung der Konsumenten, und wunderbarerweise richtet sich das Angebot danach. (Der Satz über die monopolisierte Aneignung der Nahrungsmittel — oder monopolisierte Aneignung der Verfügbarkeit? — ist leider unverständlich).

Selbstversorgung

Die Qualität der Lebensmittel kommt, wie beschrieben, in der Sicht der Autorin bereits durch die Produktion zustande: »In dieser entwickelten Welt ist Doña Elvira ein ›Anachronismus‹: Gegen die Modernisierungswut ihrer eigenen Kinder sieht sie sich gewappnet. Sie hat ihr Feld, ihre milpa. Diese bestellt sie und erfährt sich in Gemeinschaft. In ihren Händen und im Vertrauen auf die kosmische Antwort auf ihre Bemühungen erweist sich ihre Welt als beständig. Doña Elvira weiß auch um die Konsequenzen, wenn sie davon spricht, dass das, was auf dem Feld gedeiht, nicht durch Geld aufgewogen werden kann: Sie liebt ihre Saaten« (S. 23). Dennoch wendet sich Kaller-Dietrich explizit gegen romantisierende Vorstellungen von einem autarken Bauerntum und betont als »sehr wesentliche Komponente der bäuerlichen Ökonomie, […] dass das bäuerliche Wirtschaften mit dem einen Fuß in der Subsistenz und dem anderen in der Warenproduktion steht«. Die »Idee einer zwangsläufigen Entwicklung von der Bodenständigkeit hin zu einer entfremdeten Mobilität« werde in einem Teil der Literatur »zum zentralen Thema der Angstszenarien« (S. 147).

Dagegen ist nichts zu sagen. Kaller-Dietrichs eigene Sicht ist allerdings eher als Realitätsverweigerung einzustufen: »Die Idee von einer unweigerlichen Transformation von Gemeinschaften in marktindustrielle Gesellschaften, wie es Zivilisations- und Entwicklungstheorien darstellen, hält den Aussagen meiner GesprächspartnerInnen nicht Stand« (S. 11). Die Aussagen der Gesprächspartnerinnen sind in diesem Zusammenhang aber nicht so wesentlich: Erstens nehmen die einzelnen Wirtschaftssubjekte langfristige wirtschaftliche Umformungsvorgänge oft nicht wahr, und zweitens könnte es ja sein, daß San Pablo Etla die genannte Transformation noch vor sich hat. Immerhin handelt es sich um eine nach mexikanischen Maßstäben besonders rückständige Region (vgl. S. 227, Anm. 3). Darüber hinaus legen die zitierten Aussagen der Gesprächspartnerinnen nahe, daß es auch in San Pablo Etla Unterschiede zwischen den Generationen gibt: Die ältere Generation verhält sich »anachronistisch«, die jüngere Generation legt eine »Modernisierungswut« an den Tag (S. 23). Aber was heißt schon »unweigerlich«? Vielleicht gibt es ja irgendwann und irgendwo einmal eine Ausnahme von der Regel. Diese Regel heißt: Tendenziell treten im Lauf der wirtschaftlichen Entwicklung Marktmechanismen an die Stelle von Selbstversorgung. Und — sowohl gegen die Subsistenzromantiker als auch gegen Kaller-Dietrichs Gerede von der »Modernisierungswut« gerichtet — diese Veränderung ist ein Gewinn.

Daß Selbstversorgung dem Markt weicht, ist offensichtlich und auch nicht schwer zu erklären. Man denke etwa an die Veränderungen in der österreichischen Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten. Heute ist es nicht ungewöhnlich, daß etwa ein steirischer Biorinderbauer sein Milchkontingent verkauft und nur mehr Fleisch produziert. Aber hält er sich nicht doch noch eine Milchkuh für den Eigenbedarf? Die Melkmaschine hat er ohnehin noch, und was er selbst nicht braucht, könnte er problemlos am Finanzminister vorbei verkaufen, wenn er es nicht verfüttert. Der Bauer, an den ich denke, tut das aber nicht, sondern er geht ins Lebensmittelgeschäft, genauer in die Filiale der Supermarktkette, und kauft dort die Milch. Ist das ein Verlust? Nein, es ist ein Gewinn: Bauer und Bäuerin ersparen sich eine Menge Arbeit, die ohnehin nur wenig Ertrag bringen würde.

Zweites Beispiel: In den hochalpinen Gebirgstälern gab es vor wenigen Jahrzehnten noch einen Ackerbau, der Getreide, Hackfrüchte und Hülsenfrüchte, zum größten Teil für den Eigenbedarf, hervorbrachte. Heute ist dieser Ackerbau verschwunden, die Bauern produzieren entweder Fleisch oder Milch. Niemand versucht mehr wie noch in der Zwischenkriegszeit, auf einer Höhe von 1100 Metern (wieder ein konkreter Fall, dieses Mal aus dem Rauriser Tal) mit miserablem Ertrag Weizen für den Eigenbedarf zu produzieren. Es ist viel einfacher, Weizenmehl in der Filiale der Supermarktkette, die übrigens die örtlich erzeugte Biomilch österreichweit vermarktet, zu kaufen. Fraglos ein Gewinn.

Ein Gewinn ist es nicht deshalb, weil der Rezensent unromantischerweise die heutige Lebensweise sympathischer finden würde als die frühere, sondern weil die Bauern ihren eigenen Präferenzen folgen können und das auch tun. Ein Bauer, der statt des Marktes gerne etwas anderes haben möchte, ist frei, seinen Neigungen zu folgen und sich wieder auf Selbstversorgung zu verlegen. Mein steirischer Biobauer hält sich zum Beispiel zwei Schweine für den Eigenbedarf — Edelschweine, eine Rasse mit guter Fleischqualität, die aber langsam Gewicht zulegt und daher nicht mehr sehr verbreitet ist. Auch ein Gewinn, schließlich hat er seine Freude daran. Nicht wenige Hobbygärtner produzieren ein wenig Gemüse für die eigene Küche, oft in guter Qualität, oft aber auch nicht besser als die Ware vom Markt. Ich selbst habe heuer zum Spaß Erdäpfel gesetzt (experimentelle Archäologie eines Agrarhistorikers). Das Schöne an all dem ist, daß man es im nächsten Jahr nicht wiederholen muß, wenn es einen nicht freut.

Ganz anders sieht es aus, wenn man diese Entscheidungsfreiheit nicht hat und zur Selbstversorgung gezwungen ist. Die meisten Leute selbst unter jenen, die den erforderlichen Grundbesitz hätten, haben nämlich gar keine Lust, Landbau für den Eigenbedarf zu betreiben, weil das für den Lebensunterhalt zu ineffizient ist und als Liebhaberei nur für eine Minderheit interessant ist. Das gilt für Europa und Nordamerika ebenso wie offensichtlich für Mexiko und jede andere Region, die einen Entwicklungsstand erreicht hat, der den Menschen die Wahl zwischen Subsistenzwirtschaft und Markt eröffnet. Würde man die Selbstversorgung wieder als normale Bewirtschaftungsform einführen, wo immer sie möglich ist, würde man Menschen nötigen, etwas zu tun, was sie nicht gerne machen. Es muß betont werden, daß dieses Argument primär nichts mit Produktivitätserwägungen zu tun hat, sondern hauptsächlich mit den Präferenzen der betreffenden Wirtschaftssubjekte. Manchmal richten sich die Präferenzen zwar sehr wohl nach der Produktivität (zum Beispiel bei der Spezialisierung österreichischer Bauern), manchmal aber auch gar nicht (zum Beispiel bei den agrarischen Hobbies). Es geht also nur um die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will.

Vorbereitung des Essens

Dasselbe Muster wie beim Anbau findet man bei der Vor- und Zubereitung des Essens. Zunächst geht es um das Kochen, für das die älteren Frauen mehr Zeit aufwenden als die jüngeren:

»Entwicklung bricht aber nicht nur mit den agrikulturellen Rhythmen, sondern spiegelt sich auch auf den Tellern und in den Mägen der Menschen wider. Kaum jemand hat noch Zeit für die Feldarbeit, fürs Kochen und fürs Essen: ›Alles muss heute schnell gehen‹ [Fn.], klagen die älteren Leute im Dorf und kritisieren damit, dass ihre Töchter und Enkeltöchter keine Zeit mehr haben, um die tortillas herzustellen oder die Bohnen am offenen Feuer, am fogón, zu garen. Lieber verwenden sie den Gasherd und braten Eier, als in der Früh schon ein richtiges almuerzo, eine warme Speise, auf den Tisch zu bringen.
Die Zutaten für die Speisen werden schnell und verbrauchsfertig in die Häuser geholt. Die Sorge um die tägliche Mahlzeit verschwindet, weil die Nahrungsproduktion auch im Dorf zunehmend zu einer industriellen Routineangelegenheit geworden ist«
(S. 23).

Anders ausgedrückt, die jüngeren Leute benehmen sich bereits wie Europäer: »Eine jüngere Studie aus Deutschland belegt, dass, unabhängig von der Schichtzugehörigkeit, der Zubereitung der Speisen die wenigste Bedeutung zugemessen wird und deshalb besonders die Frauen, für die es lästige Pflicht darstellt, möglichst beim Kochen Zeit einsparen. [Fn.] Die Verlagerung der Nahrungszubereitung von der Küche über das Labor in die Fabrik wird von den modernen Konservierungsformen begleitet. Dahinter verschwinden Wissen und Praxis der Zubereitung von Lebensmitteln zu Essen. Weder besondere Kenntnisse noch großer Zeitaufwand sind nötig, um ein Essen auf den Tisch zu bringen. Der Preis für diesen Komfort ist ein System, das Nahrungsmittel behandelt und ›gestaltet‹ wie jeden anderen Konsumartikel auch. [Fn.] War bei unseren Vorfahren, nachdem sie die Lebensmittel eventuell gepflanzt und geerntet, auf jeden Fall aber berührt hatten, ›der Mund der point of no return‹ [Fn.] […], so treten heute bei der Entscheidung, dem Körper ein Nahrungsmittel zuzuführen, unsere taktilen Sinne vermehrt hinter die Bilder und Verlockungen zurück, die auf der Verpackung der Lebensmittel verheißen werden« (S. 165).

Manchmal handelt es sich eher um die Bilder und Verlockungen, die auf den Seiten des Kochbuchs verheißen werden. Wie kommt die Autorin (die im Zusammenhang mit ihrer eigenen Befindlichkeit schreibt: »Die Zubereitung der Ware Nahrungsmittel sollte ich als Nebenbei-Hausfrau mit einem Maximum an Effizienz weitgehend aus meinem Alltag marginalisieren«, S. 31) eigentlich auf die Idee, Wissen und Praxis der Zubereitung von Lebensmitteln zu Essen würden verschwinden? Es war noch nie so einfach wie heute, sich über die Zubereitung verschiedenster Gerichte aus allen Ecken der Welt zu informieren. Praktisch jede Buchhandlung hat ihre Kochbuch-Abteilung. Der Fernsehkoch zeigt vor, wie es geht. Der Gourmet vom Dienst gibt im Wochenmagazin seine saisonalen Kochtips. Wer will, kann kochen, und erstaunlich viele tun sich auch wirklich eine Menge an. Man fragt sich, was der im Vorwort bedankte Vorsitzende der Habilitationskommission, Anton Staudinger, selbst branchenintern als vorzüglicher Koch bekannt, zu den Ausführungen Kaller-Dietrichs gesagt hat.

Aber es ist richtig, daß andere Leute weniger Ambitionen haben. Zum Beispiel nehmen sich die Jüngeren in San Pablo Etla, so sehen es zumindest die Älteren, nicht genug Zeit für die tortillas und das offene Feuer. Na und? Wahrscheinlich tun sie lieber etwas anderes. Gut, daß sie die Möglichkeit dazu haben. Auch hier gibt der Markt den Menschen mehr Freiheit, sogar noch mehr Freiheit als beim Landbau, weil Kochen nichts voraussetzt außer der Verfügung über eine Küche. Es hat daher wirklich jeder die Möglichkeit, den gesamten Zubereitungsvorgang selbst durchzuführen, wenn er möchte, oder es sein zu lassen, wenn er keine Lust hat.

Kaller-Dietrich überhöht die Kochkunst ihrer Gesprächspartnerinnen zur »Eigenmacht« (gegen das »in Apparaturen und Bürokratie versteinerte ›anonyme Leben‹«, S. 128): »Beim Essen geht es nicht darum, das ›Überleben zu machen‹. Es geht um das Machen selbst, jenes Machen, das Eigenmacht stofflich, emotional und spirituell vermittelt. Eigenmacht meint ein Vermögen, eine Fähigkeit, eine schöpferische Möglichkeit, die konkreten Menschen eigen ist« (S. 129). In den Formulierungen der Gesprächspartnerinnen, wenn sie über die Zubereitung von Essen sprechen, heißt das: »das muss man halt wissen«, »das können nur wir Frauen«, »so habe ich das von meiner Mutter gelernt« (S. 132). Gemessen an derlei Harmlosigkeiten wirkt die Eigenmacht-Rhetorik doch etwas übertrieben. Wenn ich nicht die fertigen industriellen Nudeln ins Wasser werfe, sondern mir den Teig selbst knete, womöglich aus selbstgemahlenem Mehl, und die Ravioli selbst fülle, womöglich mit Gemüse aus dem Garten meines Schwiegervaters (Versorgungsgemeinschaft!) — beweise ich damit Eigenmacht? Vielleicht nicht, zum Beispiel weil ich die kosmische Antwort auf meine Nudeln überhöre. Vielleicht aber doch; dann ist aber nicht viel dahinter.

Zur Eigenmacht gehört nicht nur das Kochen, sondern auch die Beschaffung der Nahrungsmittel. Kaller-Dietrich erinnert sich daran, wie sie sich die Zutaten für einen Hühnereintopf verschafft hat, indem sie mit ihrer mexikanischen Nachbarin verschiedene Stationen abgefahren ist — bei der Nichte der Nachbarin hat sie das Huhn gekauft, beim Cousin Gemüse, bei einem weiteren Bekannten Orangen. Jedes Mal ergab sich eine Plauderei: »Wir waren geschlagene dreieinhalb Stunden unterwegs, um die Zutaten für ein relativ einfaches Sonntagsgericht zu besorgen« (S. 167). Der Erwerb der Zutaten macht das Essen zu etwas Besonderem: »Dass eine Person, die zum persönlichen Beziehungsgeflecht gehört, hinter den Zutaten steht und was, wann und wie an den Zutaten einer Speise verrichtet, erfasst einen wesentlichen Unterschied zu Techniken der Macht der Ernährung. Letzterer bedeuten Zusammenhänge und Zugehörigkeiten nichts, wie sie Doña Refugio unabdingbar für das Gelingen ihres Essens ansieht. Sie sind darauf bedacht, dass die KonsumentInnen so wenig Zeit wie möglich bei deren Beschaffung und so wenig Handgriffe wie möglich an den Nahrungsmitteln durchführen. Die KäuferInnen sollen sich möglichst in ihr ›Schicksal‹ als DulderInnen, als PatientInnen der Machtapparate und -technologien der Normalisierungsgesellschaft fügen. Die vielfältigen Formen des Tätigseins am Essen lassen sich aber meine eigenmächtigen Gesprächspartnerinnen nicht aus der Hand nehmen« (S. 167). Dazu wäre anzumerken, daß der beschriebene Vorgang auch in der Welt der Ernährung nichts Unbekanntes ist: Der Konsument geht zum Bauern seines Vertrauens, um Fleisch oder Milch oder Wein zu kaufen. So etwas heißt Ab-Hof-Verkauf, und oft ergibt sich dabei eine Plauderei über die Ware oder die Kinder oder was auch immer. Die Ähnlichkeiten mit der mexikanischen Einkaufstour gehen bis ins Detail: So vermittelte die Hühnerzüchterin der Autorin das Gefühl, es sei ein »Privileg, diese Hühnchen kaufen ›zu dürfen‹« (S. 167), ähnlich den Bauern zu Zeiten der BSE-Hysterie, die der gefährdeten Menschheit das dringend benötigte Biorindfleisch im Gnadenweg ab Hof verkauften.

Aber was hat all das mit Techniken der Macht der Ernährung und mit Eigenmacht zu tun? Eigenmacht ist in der Bedeutung, die die Autorin unterlegt, auch Selbstbehauptung, Beharren auf einer Lebensweise in der Versorgungsgemeinschaft gegen die diagnostische Macht, gegen den Markt, gegen die systematische Ausschaltung (S. 131) und Verdrängung; wer eigenmächtig handelt, verweigert die Unterwerfung (S. 127). In Wirklichkeit geht aber alles viel weniger zwanghaft vor sich. Wer seine Lebensmittel nicht selbst anbaut, sondern über den Markt bezieht, wer zum Nahversorger geht, statt ab Hof einzukaufen, wer Fertiggerichte ißt, statt selbst zu kochen, entscheidet sich frei für die bequemere von zwei Möglichkeiten. Wer die andere Möglichkeit wählt, hat nicht eine Unterwerfung verweigert und einem Zwang widerstanden, sondern hat ebenso frei seinen Neigungen nachgegeben – weil er halt gerne gärtnert oder kocht und weil — sagen wir’s, wie es ist — der selbst ausgezogene Strudelteig einfach besser schmeckt als die fertig gekauften Teigblätter.

Esoterik, Experten und Entwicklung

Wie bereits die zitierten Stellen erkennen lassen, versieht die Autorin ihre Konzepte von »Essen« und »Ernährung« mit einer deutlichen Wertung, die sich durch den ganzen Band zieht. An manchen Stellen nimmt dies Formen an, die eine ernsthafte Auseinandersetzung schwer machen: »Das, was bei der Manipulation und Entrhythmisierung der zeit- und bodenlos gezogenen Nahrungsmittel herauskommt, verdient die Bezeichnung Lebensmittel nicht. Lebendigkeit wird nicht vermittelt. Bestenfalls kann von einem energetischen ›Überleben‹ kaufkräftiger Lebewesen gesprochen werden, auch wenn das Essen von industriellen Nahrungsmitteln auf Dauer krank macht« (S. 164—165). Wie nennt man das? Parawissenschaft? Esoterik? Was heißt »Lebendigkeit wird nicht vermittelt«? Wieso sollen industriell verarbeitete Nahrungsmittel krank machen? Fraglos gibt es auch im Nahrungsmittelangebot entwickelter Gesellschaften grausige Dinge und kaum einmal ein kosmisches Genährt-Werden, aber es ist doch überhaupt kein Problem, sich qualitativ hochwertige Produkte zu verschaffen.

Schlimm, sehr schlimm findet Kaller-Dietrich den Apparat und die Experten. Die diagnostische Macht der Experten, die, wie bereits gezeigt wurde, die Konsumenten entmündigt und ihnen die Fähigkeit zu kochen nimmt, ist ein Dauerthema. Die Entmündigung geht noch weiter, wenn sich der Apparat bewußtloser Patienten bemächtigt, um ihnen Nährlösungen zu verabreichen, wo man sie doch auch unbehelligt lassen könnte: »Nährlösungen, direkt ins Blut injiziert, werden bewusstlosen Menschen — die ›am Tropf hängen‹ — zugemutet. Das Überleben des Patienten am Tropf hängt also direkt vom bürokratisch medizinischen Apparat ab« (S. 76). Man sollte die Bewußtlosigkeit abschaffen.

Eng verflochten mit den Experten, dem Apparat und der diagnostischen Macht ist Entwicklung. Kaller-Dietrich bewertet »Essen« und »Ernährung« im Bezugssystem von Entwicklung und Entwicklungspolitik. Sie kommt dabei wiederholt auch zu allgemeinen Einschätzungen von Entwicklung; ein Beispiel:

»Entwicklung ist auch in […] San Pablo Etla […] trotz der vielen Enttäuschungen, welche die Entwicklungsversprechungen bereits ausgelöst haben, immer noch ein Zauberwort: die Einrichtung einer Vorschule, die Ausbesserungsarbeiten an der geschotterten Hauptstraße, die chemischen Düngemittel für den Maisanbau, die Wiederaufforstung am Berg, Fließwasser im Haus, Milchpulver aus der Dose, Masernimpfungen für die Kinder, gekühltes Coca-Cola und die immer beliebter werdenden Metalltüren an den Häusern, hinter denen der Fernseher und die Hausfrau — ›privates Eigentum‹ — des meist als Bauarbeiter tätigen Mannes verschwinden. All das wird mit dem Zauberwort desarrolo, Entwicklung, umschrieben.
Wenn es aber ums Essen geht, verhalten sich die Menschen in San Pablo Etla viel weniger innovationsbereit […]. Die tortillas werden von den Frauen täglich frisch zubereitet. Wenn Virginia García Acosta für die präkolumbianische Zeit feststellt, dass das Mahlen am metate und das Backen der tortillas am comal den Frauen vor der Einführung elektrischer Mühlen und der Industrialisierung der tortilla-Fabrikation 35 bis 40 Arbeitsstunden wöchentlich abverlangte, so traf das bis zur Einführung der elektrischen Maismühlen vor rund dreißig Jahren in San Pablo Etla z. B. noch zu. Dies wird von Frauen in San Pablo Etla durchwegs positiv beurteilt«
(S. 46–47).

Angesichts dessen, was man in dieser Arbeit an Phantasien über Frauen als »Eigentum« europäischer Bauern zu lesen bekommt,5 darf auch bezweifelt werden, daß die mexikanischen Bauarbeiter ihre Frauen just als »Eigentum« ansehen. Und daß manche Gesprächspartnerinnen nicht nur eine ausgedehnte tortilla-Fabrikation begrüßen, sondern sich auch beschweren, daß die jüngere Generation diese Neigung nicht so sehr teilt, wurde bereits beschrieben. Aber wie steht es mit Entwicklung — ist ein solches Zauberwort (immerhin: spirituelle Dimension!) etwas Positives? Nein, das zeigt sich an zahlreichen Bemerkungen, etwa: »Nachdem klar geworden ist, dass Entwicklung nichts mit einer Verbesserung der persönlichen noch der gemeinschaftlichen Lebensumstände zu tun hat […]« (S. 128), »[…] daß Entwicklung die Vernichtung von schöpferisch aktiven und spirituell gehaltvollen Formen des Tätigseins sowie von vielfältigen Lebensformen und kulturellen Lebensweisen bedeutet« (S. 48), »Es geht bei Entwicklung um die Vernichtung ›des Anderen, des Fremden‹« (S. 119), und so weiter. Richtig, Masernimpfungen sind viel weniger gemeinschaftlich als Masernparties (die freilich unter Umständen in die Intensivstation führen, an den Tropf, doch das passiert nur in der Welt der bürokratisch medizinischen Apparate).

Das Bild wird nur dadurch etwas gestört, daß die von Kaller-Dietrich aufgezählten Dinge von der örtlichen Bevölkerung offenbar gewünscht werden. Eine funktionierende Straße, eine Vorschule für die Kinder, Kühlgeräte im Haus — alles keine Verbesserung der Lebensumstände, alles nur eine Vernichtung von Lebensweisen? Es stimmt, daß Entwicklung in einem gewissen Sinn vielfältige Lebensformen zerstört: Zum Beispiel eine Lebensweise ohne Fließwasser im Haus oder die traditionelle lateinamerikanische Lebensweise mit periodischen Masernepidemien. Seltsamerweise erkennen die Dorfbewohner nicht, daß das Leben ohne Fließwasser im Haus eine wertvolle und erhaltenswürdige kulturelle Lebensweise ist, so wie sie auch nicht erkennen, daß es besser wäre, auf Fernsehapparate zu verzichten. Offenbar haben die Leute ein falsches Bewußtsein. Diese Erkenntnis tippt man dann in das mitgebrachte Notebook und speichert ab.

Die Folgen von Entwicklung für die Umwelt erscheinen in diesem Buch in einer ungewohnten Perspektive. Die nächstliegende und häufig zu hörende Erwägung wäre ja, daß ein starkes Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern eine enorme Belastung für die Umwelt zur Folge hat. Kaller-Dietrich verzichtet darauf, daraus ein weiteres Argument gegen Entwicklung zu machen, und schenkt solchen Fragen, die sie für eingebildete Probleme der entwickelten Länder hält, kaum Beachtung. Eher verteidigt sie ressourcenintensive herkömmliche Lebensformen: »Eine Passage aus dem Brundtland-Report veranschaulicht die Überlebenspanik der marktindustriellen Gesellschaft [Fn.], die stets auf Kosten eigenbezüglicher Gesellschaften geht. […] [Die] Forderung nach Eigenständigkeit […] wird jedoch geflissentlich übersehen. Im gleichen Dokument heißt es […]: ›Eine Frau, die in einem irdenen Topf über offenem Feuer kocht, verbraucht etwa achtmal mehr Energie als ihre wohlhabende Nachbarin mit einem Gasherd und Aluminium-Pfannen.‹« (S. 108) Die Eigenständigkeit wird, wie aus den zitierten Textstellen zu sehen war, im Fall von San Pablo Etla dazu führen, daß der Gasherd in absehbarer Zeit ohnehin obsiegen wird. Aber in anderen Bereichen ist das Ergebnis nicht von vornherein klar; so zum Beispiel im Fall der brandrodenden Wanderbauern in Amazonien, die nicht wenig Regenwald vernichten und deren Seßhaftwerdung von verschiedenen Seiten betrieben wird. Die Konstellation ist die gleiche, aber das Problem ist viel komplexer. Die Eßkultur ist eben nicht das beste Beispiel für Probleme und Folgen von Entwicklung.

Zusammenfassung

Die Autorin untersucht in dieser Arbeit die Eßkultur in San Pablo Etla und Veränderungen der Eßkultur im Zug des Entwicklungsprozesses. Die Beschreibung der Erzeugung von Lebensmitteln, der vorbereitenden Tätigkeiten, des Kochens und des Essens in San Pablo Etla erscheint durchaus glaubhaft. Demgegenüber fehlt der Darstellung derselben Dinge in entwickelten Ländern jede Plausibilität. Die Autorin stellt ein karikaturartig konstruiertes Gegenmodell vor, demzufolge in entwickelten Volkswirtschaften die Konsumenten auf Erzeugung und Auswahl von Lebensmitteln sowie auf die Zubereitung von Essen keinen wesentlichen Einuß mehr nehmen, sondern hilflos einem von »Experten« gesteuerten Geschehen ausgesetzt sind.

An der Darstellung der Folgen von Entwicklung ist lediglich der eine Punkt zutreffend, daß die wirtschaftliche Entwicklung und die Einbindung in den Markt tatsächlich die Möglichkeit eröffnet haben, Essen auf allen Stufen der Zubereitung bis hin zum fertigen Gericht zu erwerben und auf diese Weise den eigenen Beitrag zur Erzeugung von Essen zu bestimmen und allenfalls auch zu minimieren. Auch ist empirisch in entwickelten und sich entwickelnden Gesellschaften feststellbar, daß diese Möglichkeiten in allen Varianten genutzt werden, sobald sie verfügbar sind. Entwicklung führt somit entgegen der These der Autorin nicht zu einem Verlust von Eigenständigkeit und freier Selbstbestimmung, sondern eröffnet im Gegenteil größere Freiräume, weil sie die Menschen aus den Fesseln der Subsistenzwirtschaft befreit, ohne ihnen aber die Selbstversorgung zu verbieten.
Die weiteren, eher metaphysisch ausgerichteten Thesen des Buches werden von der Autorin zwar für wesentlich erklärt, sind aber einer wissenschaftlichen Kritik nicht zugänglich.

 

 

  1. Martina Kaller-Dietrich, Macht über Mägen. Essen machen statt Knappheit verwalten. Haushalten in einem südmexikanischen Dorf, Wien (Promedia) 2002, 263 S., € 23,90.
  2. Der Forschungsüberblick (S. 49—56) wirkt stark auswahlhaft, in einer nicht nachvollziehbaren Weise. Kaller-Dietrich vermißt vor allem Einzelstudien etwa zum Kukuruz, ein Thema, zu dem es außer einem von ihr selbst herausgegebenen Sammelband »nur eine Monographie«, nämlich jene von Arturo Warman gebe (S. 52). Es gibt wahrscheinlich wirklich nicht besonders viele weitere Monographien zu diesem Thema (ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Luigi Messedaglia, Il mais e la vita rurale italiana. Saggio di storia agraria, Piacenza 1927; Gauro Coppola, Il mais nell’economia agricola lombarda dal secolo XVII all’Unità, Bologna 1979; Roland Walcher, Geschichte und Kultur des Maisanbaus im Überetsch und Südtiroler Unterland, Diplomarbeit, Universität Innsbruck 2000), aber eine Reihe von Aufsätzen, zum Beispiel von Jean-Jacques Hémardinquer, Simonetta Meoni, Franco Cazzola oder Tojan Stoianovich, um nur einige zu nennen; darüber hinaus wurde der Kukuruz selbstverständlich im Kontext allgemeiner Konsum- und Ernährungsgeschichten immer wieder behandelt. Auffallend ist, daß im Zusammenhang mit Nahrungs- und Genußmitteln, die im Zug der kolonialen Expansion nach Europa gelangten, etwa die umfang- und zahlreichen einschlägigen Arbeiten von Roman Sandgruber mit keinem Wörtchen erwähnt werden.
  3. Zusätzlich meint die Autorin über das Essen unter anderem: »Wenn wir heute meinen, dass das Essen der einzige physiologische Akt ist, den die Menschen in Gesellschaft vollziehen, spiegelt sich darin eine Vorstellung vom Menschen, der nicht sein Leib ist, sondern einen Körper hat« (S. 68). Abgesehen davon, daß sich die Physiologie zum Organismus so verhält wie die Nationalökonomie zur Wirtschaft, ist Essen sicher nicht der einzige physische Akt, den Menschen in Gesellschaft vollziehen. Zum Beispiel vollziehen Menschen den Geschlechtsverkehr mit anderen Menschen, Menschen betreiben gemeinsam Sport, und sie schwitzen miteinander in der Sauna. Manche Menschen frequentieren Klubs, deren Zweck in der Organisation gemeinschaftlicher Abmagerungskuren besteht. In totalen Institutionen wie Krankenhäusern, Gefängnissen und dem Militär wird teilweise, allerdings meist gezwungenerweise, in Gesellschaft defäziert.
  4. Die Bemerkung wirkt besonders komisch, wenn man daran denkt, welcher Terminologie die Autorin selbst sich bedient. Man stelle sich eine Pantomime vor, die etwa den Beginn des nächsten Kapitels zum Ausdruck bringen soll: »Die Konstruktion des Körpers und seine totale Beherrschbarkeit kennen keine kulturelle Rückbindung — gerade so wie die universale Sprache der Plastikwörter kulturelle Eigenständigkeit vereitelt« (S. 78).
  5. Die Autorin zitiert zustimmend Veronika Bennholdt-Thomsen: »Weil auch der Bauer, genau wie der Adelige, der Bürger, der Proletarier ein scheinbar müßiggehendes ›schönes‹ Eigentum, die Hausfrau, haben wollte, […] machte er sich daran, seinen Hof in einen Betrieb zu verwandeln und damit letztlich zu ruinieren« ( S. 136—137). Es ist ein Rätsel, von welcher Landwirtschaft hier die Rede sein soll. Hausfrauen waren in der Landwirtschaft immer unbekannt. Bäuerinnen führen keine müßige Existenz, sondern sind vollbeschäftigte Arbeitskräfte. Sowohl hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse am Betrieb als auch hinsichtlich der Arbeitsorganisation sind Bäuerinnen normalerweise Selbständige; aus diesen Gründen zeigt die Landwirtschaft, die überhaupt traditionell der egalitärste Sektor der Wirtschaft ist, auch hinsichtlich der Verteilung von Chancen zwischen Männern und Frauen die ausgeglichensten Verhältnisse.