Julia Kaser

»Das Kapital des armen Mannes.« Kinderarbeit im Tirol des 19. Jahrhunderts

Geschichte & Ökonomie 19

 

Innsbruck, Wien, Bozen
StudienVerlag
2008
187 S.
€ 19,90

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Winter 2010/2011—Frühling 2011, 64—65

 

 

 

 

Zu den Erscheinungen der Industrialisierung, die diesem Vorgang ein gewisses Imageproblem bereitet haben, gehört der Umstand, daß auch Kinder als Industriearbeiter beschäftigt wurden. Das genaue Ausmaß der industriellen Kinderarbeit und die faktisch geltenden Altersgrenzen sind allerdings über einen langen Zeitraum unklar. Eine umfassende stichprobenartige Erhebung über die Kinderarbeit in Österreich stammt erst aus dem Jahr 1908 (im Druck erschienen 1910—11) und damit aus einer Zeit, in der es gesetzliche Beschränkungen gab und in der die Arbeitsverhältnisse generell für alle Beschäftigten günstiger geworden waren (so wurde die gesetzliche Höchstarbeitszeit, geht man nach der Arbeitszeiterhebung 1906, im allgemeinen nicht mehr ausgeschöpft, und zwar umso weniger, je entwickelter die betreffende Region war). Diese Erhebung über die Kinderarbeit 1908 bildet eine Hauptquelle für Julia Kasers »Das Kapital des armen Mannes — Kinderarbeit im Tirol des 19. Jahrhunderts. Die Arbeit ist die Druckfassung einer Diplomarbeit. Es sei gleich vorweg gesagt, daß dies eine sehr gute Diplomarbeit ist.

Das Hauptproblem, mit dem die Autorin konfrontiert war, lag also in der schlechten Quellenlage. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sind verläßliche Daten zum Thema für Tirol ebensowenig wie für andere Gebiete verfügbar. Erst mit der Erhebung 1908 ist dies wirklich anders. Sie ergab, daß immer noch viele Kinder arbeiteten, je nach Kronland zwischen einem Viertel und der Hälfte, daß dies in den Landgemeinden ausgeprägter war als in Städten (Märkte lagen dazwischen) und daß Waisenkinder (insbesondere unehelich geborene) stärker betroffen waren als andere. Das erstaunlich hohe Ausmaß an Kinderarbeit kommt daher, daß man unter dem Begriff nicht nur gewerblich-industrielle Beschäftigungen verstand, sondern jegliche Art von Arbeit, die Kinder verrichteten, und zwar außer der Arbeit in der Landwirtschaft auch Arbeiten im Haushalt.

Für Tirol bedeutet dies, daß der wichtigste dort anfallende Teil der Kinderarbeit erhebungsrelevant war: Etwa 90 Prozent aller arbeitenden Kinder verrichteten die Arbeit in Haushalt und/oder Landwirtschaft. Auf die Industrie entfielen 2,5 Prozent, auf den Dienstleistungsbereich 1,5 Prozent, der Rest kombinierte verschiedene Tätigkeiten. Obwohl somit auf den sekundären Sektor nur wenige arbeitende Kinder entfielen, bespricht die Autorin diese Fälle detailliert und nach Branchen (die Daten bezieht sie aus der Sozialen Rundschau, die geringe Abweichungen von der Gesamtpublikation aufweist); als vergleichendes Material kann sie auch Erhebungen der Gewerbeinspektion nutzen, deren Daten niedrigere Ergebnisse erbringen (die Unterschiede sind in Anbetracht der Gesamtpopulation und des Stichprobencharakters der Erhebungen wohl nicht wesentlich), ebenso anekdotische Beschreibungen einzelner Fälle.

Quantitativ wichtiger war also die Kinderarbeit in Haushalt und Landwirtschaft. Hier faßt sich die Autorin kürzer; allerdings sind diese Daten auch wesentlich problematischer. Als Kinderarbeit wurde nämlich jedwede Tätigkeit eines Kindes in Familie und Haushalt eingestuft, etwa auch die Beaufsichtigung eines Kindes durch ein anderes Kind (oft ein älteres Geschwister). Als Kinderarbeit galt auch jegliche Mitarbeit in der Küche (explizit zum Beispiel: »Erdäpfel aus dem Keller holen, … schälen, … Kaffee mahlen, … Reinigen des Küchen- und Tischgeschirres« und so weiter [Erhebung über die Kinderarbeit in Österreich im Jahre 1908, II./1, Wien 1911, 26]). Viehhüten war die häufigste Beschäftigung für Kinder in der Landwirtschaft. Wie man dies bewerten will, ist jedem Leser überlassen. Klar ist, daß Beaufsichtigung jüngerer Geschwister, Geschirrwaschen oder Viehhüten wenig mit dem verbreiteten Klischeebild vom Fabrikskind zu tun haben — rachitisch aufgrund des Mangels an Sonnenlicht, krank von gesundheitsschädlichen Flüssigkeiten und Dämpfen, übermüdet durch unmäßig lange Arbeitszeiten.

Dennoch galt auch für die Tätigkeiten in Haushalt und Landwirtschaft, daß sie zu einer spezifischen Benachteiligung führten, nämlich bei der Schulausbildung. Die Schulpflicht war bei ihrer Einführung in vielen Gebieten unbeliebt, nicht nur unter Kindern, sondern auch unter Eltern, die ihre Kinder zuhause benötigten. Anfänglich mit einer Dauer von normalerweise sechs Jahren bemessen, wurde die Schulpflicht im Lauf des 19. Jahrhunderts bis zum Alter von vierzehn Jahren ausgedehnt. Einschränkend bestand die Möglichkeit von »Schulbesuchserleichterungen« ab dem Alter von zwölf Jahren, das heißt faktisch eine Verringerung der in der Schule verbrachten Zeiten. Tirol war in diesem Punkt ein besonderer Fall, da die Ablehnung einer längeren Schulpflicht hier besonders heftig war und auch das Ausmaß von Schulbesuchserleichterungen deutlich höher als in den anderen Kronländern ausfiel. Der Einsatz von Kindern für Tätigkeiten überwiegend in Haus und Betrieb der Eltern kostete also Ausbildungszeit. Die Autorin beschreibt die gesetzliche Situation in den betroffenen Bereichen (Schulpflichtregelungen, Arbeiterschutz für Kinder) ebenso wie Reaktionen der Bevölkerung.

Die Arbeit ist eine lesenswerte Regionalstudie, die einen Vergleich mit den anderen Kronländern und eine umfassende Auswertung der Erhebung von 1908 (die viel weiteres, regional nicht aufgeschlüsseltes Material beinhaltet) reizvoll erscheinen läßt.

Noch eine Bemerkung zum politisch korrekten Vorwort, das der Reihenherausgeber Josef Nussbaumer mit Helmut Alexander verfaßt hat. Darin wird die »traurige Aktualität« des Themas, das »Skandalon« heutiger Kinderarbeit beschworen: »Diese Tatsache wird von der Weltgemeinschaft als Faktum akzeptiert, ohne dass man dabei besondere Skrupel empfinden würde. Nicht nur der arme Teil, auch der reiche Teil des Globus konsumiert dabei die von Kindern der ›Dritten Welt‹ billigst produzierten Güter wie Textilien, Sportartikel, Teppiche, Rohstoffe (Coltan/Handys), aber auch Schokohasen und Ostereier sowie touristische Leistungen (Prostitution) etc. etc.« Das ist nicht ganz richtig, weil zum Beispiel die touristische Leistung Kinderprostitution nicht ohne Skrupel hingenommen wird (sondern vielmehr mit einer Strafdrohung für den Touristen belegt ist). Abgesehen davon: Ja, Kinderarbeit ist unerfreulich, da erntet man leicht Kopfnicken.

Die beiden Herausgeber schließen mit den Worten: »Wie lange wird es noch dauern, bis eine Entwicklung, die sich in Tirol im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich durchsetzte, im ganzen Dorf GLOBO endlich auch Wirklichkeit werden kann?« Es ist enttäuschend, wenn Ökonomen nicht mehr als solche Ratlosigkeiten im Predigerton anzubieten haben. Die Antwort ist nicht schwer: Es wird so lange dauern, bis die Pro-Kopf-Einkommen so stark angewachsen sind, daß sich Kinderarbeit erübrigt. Geht man nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, ist dies schon bei einem Einkommen der Fall, das weit unter dem heutigen westeuropäischen Niveau liegt. Ein Ende ist also absehbar. In den asiatischen Volkswirtschaften, sofern sie nicht ohnehin schon westeuropäische Standards erreicht haben, wird es früher soweit sein, aber auch große Teile Afrikas (darunter gerade auch Länder mit extrem niedrigen Einkommen) haben seit Jahren ein beträchtliches Einkommenswachstum, das günstige Erwartungen rechtfertigt.