Franz Kirchweger (Hg.)
Die Heilige Lanze in Wien: Insignie, Reliquie, »Schicksalsspeer«
Schriften des Kunsthistorischen Museums 9
Milano
Skira
2005
232 S.
€ 59,90
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Herbst 2004, 36—37
In der Schatzkammer in Wien ist in der Vitrine mit den Reichskleinodien eine karolingische Flügellanze ohne Schaft und dem dazugehörenden edelsteingeschmückten Reichskreuz als Behältnis ausgestellt. Diese Lanze galt im Mittelalter als die Heilige Lanze und als kostbarster Schatz.
1355 beschloß eine Diözesansynode auf Initiative von Kaiser Karl IV., die Feier des Festes der Heiligen Lanze und der Nägel vom Kreuz Christi für Prag anzuordnen, nachdem der Papst ein Jahr zuvor die Feier für Deutschland und Böhmen erlaubt hatte. Mit Karl IV. erreichte die Verehrung dieser Lanze als Passionsreliquie ihren Höhepunkt. Karl IV. ließ die jährliche öffentliche Weisung aller »Heiligtümer« des Reiches institutionalisieren, zunächst in Prag und ab 1424 in Nürnberg. Durch die Reformation wurde die Verehrung zurückgedrängt und die Lanze auf ihre Funktion als Herrschaftszeichen reduziert. Mit Ende des Heiligen Römischen Reichs wurden die Reichskleinodien von den Habsburgern in Wien verwahrt und ab 1827 museal in der kaiserlichen Schatzkammer präsentiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg bemächtigten sich Filme, Romane und Comics der Lanze und machten sie zu einer unheilbringenden Lanze.
Zur Beantwortung der vielen Fragen zur Geschichte und Wirkung der Heiligen Lanze von der Frühzeit bis heute legte das Kunsthistorische Museum erstmals eine umfassende Arbeit zur Heiligen Lanze vor. In insgesamt acht Beiträgen wird dabei auf der Basis neuer naturwissenschaftlicher und technologischer Untersuchungen einerseits die materielle Beschaffenheit des Objektes einer genauen Prüfung unterzogen und andererseits der komplexen und vielfältigen historischen Überlieferung und dem »Nachleben« in Romanen, Filmen et cetera nachgegangen. Einige der Beiträge seien hervorgehoben.
Im Kapitel »Die Forschung zur Heiligen Lanze« (Franz Kirchweger) wird ein Abriß über die verschiedenen Positionen und Interpretationen vom 14. Jahrhundert bis heute referiert. Bereits 1731 vertrat Wolfgang Albert Spies in seiner Dissertation die Ansicht, daß die Lanze in ihren Anfängen ein Herrschaftszeichen war und dies der Grund für ihre herausragende Bedeutung im Reichsschatz wurde. Er legte viele noch heute wichtige einschlägige Belegstellen in den Quellen vor. Spies klammerte in seiner Arbeit bewußt die Frage nach der Authentizität der Lanze als Longinus-Lanze aus. 1827 wurde der gesamte Bestand der Reichskleinodien in der kaiserlichen Schatzkammer museal präsentiert und publiziert. Quirin Leitner erkannte nicht nur die Bedeutung der Lanze als Insignie, er publizierte in Beschreibung und Zeichnungen als erster die Lanze in zerlegtem Zustand: den Bruch, den Reparaturversuch, die angebundenen Eisenblätter, die »Goldkreuze«, den fehlenden unteren Teil des »Nagels vom Kreuz Christi« sowie die drei unterschiedlichen Manschetten. Während für das 1871 ausgerufene Deutsche Kaiserreich die mittelalterlichen Reichskleinodien keinen aktuellen Symbolgehalt hatten, wurde 1938 im Dritten Reich die Überführung der Reichskleinodien nach Nürnberg durchgesetzt und die Heilige Lanze mit germanischen Mythen und Königszeichen in Verbindung gebracht. Nach Kriegsende wurden die Kleinodien wieder an das Kunsthistorische Museum zurückgegeben und in der Schatzkammer ausgestellt. Wichtige neue Impulse brachte die Einbeziehung der Archäologie, die die Lanze als karolingische Flügellanze erkannte und verschiedene Bearbeitungsspuren erkannte und deutete.
Günther G. Wolf (»Nochmals zur Geschichte der Heiligen Lanze bis zum Ende des Mittelalters«) beschäftigt sich mit der mittelalterlichen Tradition unter Berücksichtigung der schriftlichen und bildlichen Quellen. In der christlichen Tradition ist die Lanze diejenige, mit der der tote am Kreuz hängende Christus vom Soldaten Longinus durchbohrt wurde. Daraus bezog die Heilige Lanze ihre »Kraft« als Heiltum und Kontaktreliquie. Daneben gibt es eine Tradition, die die staatsrechtliche Bedeutung als Herrschaftszeichen betont. Heinrich I. erwarb die »lancea sacra« als Lanze des Mauritius, und seitdem verblieb sie in den Reichskleinodien.
Besonders interessant ist das Kapitel »Die Heilige und die Unheilige Lanze — Von Richard Wagner bis zum World Wide Web« (Volker Schier und Corine Schleif). Die Lanze führt sozusagen ein Doppelleben. In der Welt des Cyberspace und der Computeranimationen, in Büchern mit fiktiven Inhalten und auch in Filmen mit dokumentarischen Anspruch wird die Lanze mit unheilbringenden Kräften in Verbindung gebracht. 1955 erschien der erste neuzeitliche Lanzenroman The Spear von Louis de Wohl. Der Autor wendet sich an ein religiöses Publikum und erzählt die Überlieferung nach. Eine neue Bedeutung bekam die Lanze noch nicht. Das änderte das Buch von Max Caulfield Der Speer des Schicksals. Wie Hitler durch den Speer lebte, der durch Christus gestoßen wurde. Der Speer wird als alter Talisman für Unbesiegbarkeit stilisiert, und Hitler soll damit Zugang zu satanischen Kräfte erhalten. Die Handlung ist fiktiv, obwohl sie sich historisch gibt. Caulfelds Buch wurde erfolgreich vermarktet, und der Stoff wurde von Trevor Ravenscroft zu einem neuen, noch wirksameren pseudowissenschaftlichen Buch verarbeitet: The Spear of Destiny. Ungeachtet der zahlreichen historischen Verfälschungen sahen auch noch andere Autoren den großen Marktwert des Materials und inkorporierten die Kernelemente in ihre eigenen Fiktionen. In den achtziger Jahren wurde das Motiv der Heiligen Lanze, die mit unfaßbaren übernatürlichen Kräften ausgestattet ist, in die sich entwickelnden globalen Konspirationstheorien eingebunden und in diesem subkulturellen Bereich ständig ausgebaut. Auch im Comic und im Film etablierte sich die Heilige Lanze. Immer neue Erklärungen wurden erfunden, um die Diskrepanz zwischen der unscheinbaren und offenkundig wirkungslosen Lanze in der Schatzkammer und der unheilvollen Superwaffe in den Romanen, Filmen und Comics zu überbrücken. Allen gemeinsam ist, daß die Lanze in einem neuen Metatext systematisch und erfolgreich entchristianisiert wird und nun als Objekt eine eigene immanente böse Kraft besitzt. Bemerkenswert ist, daß die Medien ein ganz neues, von der historischen Wirklichkeit entferntes Bild schaffen konnten, das erfolgreich vermarktet wurde und in einem bestimmten sozialen Umfeld seine Anhänger findet.
Im Kapitel »Naturwissenschaftliche Untersuchungen an der Heiligen Lanze« (Manfred Schreiner, Vladan Desnica und Dubravka Jembrih-Simbürger) werden die Ergebnisse der Röntgenradiographie, die den Aufbau des Objekts sichtbar machen, und der Röntgenfluroreszenzanalyse, die die chemische Zusammensetzung der verwendeten Materialien erkennen läßt, beschrieben und interpretiert.