Fritz Peter Knapp
Die Literatur des Spätmittelalters in den Ländern Österreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol von 1273 bis 1439
I. Halbband: Die Literatur in der Zeit der frühen Habsburger bis zum Tod Albrechts II. 1358
II. Halbband: Die Literatur zur Zeit der habsburgischen Herzoge von Rudolf IV. bis Albrecht V. (1358—1439)
Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. von Herbert Zeman, Bände 2/1 und 2/2
Graz
Akademische Druck- und Verlagsanstalt
1999 und 2004
567 u. 744 S., 49 u. 58 Abb.
je € 75,00
Rezensentin: Cäcilia Pfeifer
Historicum, Winter 2004—2005, 38—39
Der erste Band der Geschichte der Uteratur in Österreich erschien 1994 (vgl. die Besprechung in HISTORICUM Sommer 1996, 37—38), der zweite in zwei Teilbänden im Abstand von fünf Jahren. Der Autor ist derselbe, Fritz Peter Knapp, bis 1996 Professor für Ältere deutsche Philologie in Kiel, seither in Heidelberg, der mit diesen zweitausend Seiten ein grandioses Werk vorgelegt hat.
Einbezogen ist nicht nur die Dichtung, sondern die Literatur im weiteren Sinn, also auch das theologische, philosophische, naturwissenschaftliche und historiographische Schrifttum. Die Fülle an spätmittelalterlicher Literatur in Österreich, wie sie dem Leser damit in diesen beiden Bänden entgegentritt, steht in einem krassen Gegensatz zu ihrem Bekanntheitsgrad. Es gibt aus dieser Zeit eine einzige Autorengestalt, die eine wirkliche Popularität erlangt hat und in dieser Hinsicht zu den erstrangigen Dichtern der mittelalterlichen Literatur zu zählen ist, nämlich Oswald von Wolkenstein. Oswalds Werk ist hervorragend dokumentiert, wofür er selbst gesorgt hat, seine Lieder sind in Text und Musik überliefert und seit langem auch in Tonaufnahmen erhältlich. Zu seinem Leben existieren viele Dokumente und mit Dieter Kühns Biographie sogar eine populär gewordene Beschreibung. Kein Wunder, daß Knapp im Kapitel über Oswald, mit dem er die Darstellung zur deutschsprachigen Literatur schließt (es folgt noch ein Anhang zur hebräischen Uteratur), auf eine Fülle von Forschungsarbeiten verweisen kann, ganz im Gegensatz zu den meisten sonstigen Themen, zu denen wenig Literatur vorliegt und bei denen Knapp nicht selten selbst die Grundlagen erarbeiten mußte.
Wie aus den bibliographischen Angaben erkennbar ist, hat der Autor Band 2 zeitlich geteilt, obwohl auch beispielsweise eine regionale Teilung möglich gewesen wäre. Beide Teilbände sind nämlich in sich regional gegliedert, mit jeweils eigenen Abschnitten füir die Literatur in Österreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg (entfallt mangels Masse in Teilband 1) und Tirol. So wie die zeitliche Grenze zwischen den Bänden 1 und 2 mit 1273 eher beliebig angesetzt ist, gibt es auch für die Grenze zwischen den beiden Teilbänden von Band 2 kaum zwingende inhaldichen Gründe — der Tod Albrechts II. liegt zufällig ziemlich genau in der Mitte des Untersuchungszeitraums. Am ehesten könnte man hier vielleicht die Verlagerung des kulturellen Schwerpunkts in den Raum Wien nennen, freilich eine graduelle Entwicklung. Veränderungen wie der Bevölkerungsrückgang vor der Pest und umso mehr in deren Gefolge sowie die daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen erlauben ebenfalls keine scharfe Pcriodisicrung; überdies bleibt der Zusammenhang dieser Prozesse mit der Literatur vage. Anders begründet der Autor den Abschluß der Epoche: Zwar handelt es sich wieder ein dynastisches Datum, doch beginnt im Zusammenhang damit in den vierziger Jahren des 15. Jahrhunderts auch die Wirkung des Frühhumanismus in den österreichischen Ländern in Gestalt von Enea Silvio Piccolomini, der im Dienst Friedrichs III., als Fürstenerzieher und Diplomat wirkte. Wenngleich damit und mit der kunsthistorischen Epochenschwelle dieser Zeit Gründe für eine allgemeine geistesgeschichtliehe Wende vorgebracht werden können, hätte man die Weiterführung des Mittelalterteils dieser Literaturgeschichte über 1439 hinaus mit anderen Argumenten ebensogut rechtfertigen können. Die wesentliche Frage ist aber ohnehin nur, ob die vorgelegte Gliederung des Handbuchs und der Mittelalter Bände Erfordernisse wie Überschaubarkeit des Stoffs und Auffindbarkeit von Informationen erfüllt, die an eine solche Gesamtdarstellung herangetragen werden und hier erfüllt werden.
So wie im ersten Band beschränkt sich Knapp auch im Spätmittelalter-Teil nicht auf die deutschsprachige Literatur, sondern bezieht die lateinische und, wie erwähnt, die hebräische Literatur mit ein. Die Trennung zwischen deutscher und lateinischer Literatur ist hier sogar noch weniger strikt als im ersten Band (und findet auch in der Kapitelgliederung keinen Niederschlag mehr), weil auch die literarische Produktion selbst in dieser Hinsicht nicht immer deutlich trennt: anderssprachige Werke mögen teilweise nur in Übersetzung überliefert, beide Sprachen in verschiedenen Teilen eines Werks verwendet worden sein. Ein beträchtlicher Teil der literarischen Produktion richtete sich an ein klerikales Publikum und war in lateinischer Sprache geschrieben, manches davon war aber Gebrauchsliteratur, die dann auch auf deutsch verwertet wurde, etwa Predigten in lateinischer Vorlage und deutschem Vortrag. Abgesehen davon entfallen auf die lateinische Literatur einige der bedeutendsten Beiträge, die der österreichische Raum zur europäischen Literatur geliefert hat. Hier ist etwa die lateinische geistliche Lyrik von Christian von Lilienfeld, Prior im dortigen Stift, und dem Kartäuser Konrad von Hainburg, der an verschiedenen Orten wirkte, zu nennen, eine vielfältige und kunstvolle Produktion. Die verhältnismäßige Bedeutung der lateinischen Literatur variiert regional und zeitlich und nicht immer leicht erklärlich. So ist an Person und Werk des Geschichtsschreibers Johann von Viktring, der eine einsame Erscheinung im Kärnten der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bildet, vieles unbekannt. Auch Engelbert von Admont, 1331 gestorben, der Verfasser einer Vielzahl von theologischen, naturphilosophischen und moralphilosophischen Werken, ist biographisch nicht lückenlos faßbar.
Knapp beschränkt sich in diesem Spätmittelalter-Teil nicht auf edierte Texte, sondern bezieht auch Literatur ein, die bisher nur handschriftlich überliefert sind. Dies ist sehr positiv, da so auch interessante und in der Forschung wichtig gewordene Autoren einbezogen werden konnten, beispielsweise der sogenannte Österreichische Bibel-Übersetzer, der neben apologetischer Literatur eben auch Übersetzung und Kommentar von Teilen der Bibel produzierte. Eine bekannte Schriftstelle in seiner Übersetzung (vor 1330) sei zitiert: »Es geschach in den tagen, das der cheyser augustus gepot, das alle die werlt angeschriben würd; di erst anschrift geschach von dem richter cyrino zu syria. Vnd alle leut gingen, ein icleich mensch in sein stat, das si da veriahen vnd sich erzeygten. Nu ging auch joseph in Judeam, in die stat chunig davids, di da heiset Bethleem, darumb wen er was von dauids haus vnd von seinem gesinde, das er da veriebe vnd sich erzeygte mit Marien seiner chonen, di swanger was. Nu geschach, di weil [si] da warn, da waren di tage erfullet, das si gepar, vnd gepar iren erst gepornen sun vnd windelt den in tuch vnd legte den in ein crippen, wen si nicht stat gehaben mocht vnter dem obdache« (I/227).
Es gehört ganz wesentlich zur Qualität dieser Literaturgeschichte, daß der Autor die zitierten Textbeispiele analysiert, in diesem Fall auch mit späteren Übersetzungen vergleicht und Eigenarten der Übersetzter identifiziert und erklärt. Auch sonst findet man inhaltliche und formale Textanalysen, die durchwegs weit über den Grad von Gründlichkeit hinausgehen, den man von einem literaturgeschichtlichen Handbuch erwarten darf. Bereits die erste Durchsicht zeigt daher auch, daß bei einer Reihe von Autoren die Vorstellung den Raum umfangreicherer Zeitschriftenaufsätze einnimmt.
Welches Bild der Epoche ergibt sich aus dieser Darstellung? Angesichts der ungeheuren Fülle von Material, das Knapp ausbreitet, ist die am Ende jedes Teilbands stehende Reflexion der Epochencharakteristik absolut notwendig. Der Autor skizziert hier einerseits den kulturgeschichtlichen, insbesondere kunsthistorischen, Rahmen, in dem sich die literarische Entwicklung vollzog, andererseits stellt er die literaturgeschichdiche Entwicklung im großen dar und erhält so den Hintergrund, der eine klarere Einordnung der Literatur im österreichischen Raum erlaubt. Damit wird auch deutlich, in welchen Bereichen diese Literatur im europäischen Rahmen hochrangig und wo sie eher provinziell war, eine Wertung, die sehr sinnvoll ist. Und es wird deudich, wie die Entwicklung innerhalb der Literatur im Raum des heutigen Österreich verlief, wo die Schwerpunkte lagen und welche Zentren sich bildeten. Im langfristigen Maßstab konstatiert Knapp vor allem eine regionale Verlagerung nach Nordosten: Während in Früh- und Hochmittelalter die verschiedenen Regionen in vergleichbarer Stärke zur Literatur beitrugen, wurde mit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der Raum Wien zum ausgeprägten Zentrum in der Weise, »daß Steier, Kärnten, Salzburg und Tirol zusammen nach gröbster Schätzung vielleicht ein Zehntel, Österreich aber neun Zehntel der beschriebenen Seiten auf die Waage bringen« (II/616), und innerhalb Österreichs das Land ob der Enns praktisch keine Rolle spielt. Knapp bringt dies in Zusammenhang mit der Kulturpolitik Rudolfs IV., namentlich mit der Universitätsgründung und der vergleichsweise gewaltigen Produktion der Universitätslehrer. Diese handelt der im zweiten Teilband ausführlich ab, fünf von ihnen besonders genau, zwei Dutzend weitere im Überblick.
Mit der inhaltlichen Breite dieses Handbuchs, der daraus resultierenden großen Zahl von Autoren und der gründlichen Abhandlung ihres Werks hat Fritz Peter Knapp eine bewundernswerte Darstellung vorgelegt, die schwer zu überbieten sein wird. Wenngleich die Forschung in Einzelfragen selbstverständlich darüber hinausführen wird, wird diese Geschichte der mittelalterlichen Literatur in Österreich noch lange Zeit das Standardwerk zum Thema bleiben.