Albert Lichtblau
Antisemitismus und soziale Spannung in Berlin und Wien 1867—1914
Reihe Dokumente, Texte, Materialien 9
Berlin
Metropol
1994
282 S.
Habilitationsschrift [1992], Universität Salzburg
Rezensent: Georg Pammer
Historicum, Herbst 1994, 12—14
Der Habilitationsvorgang ist mir nicht bekannt - ich kenne Herrn Lichtblau nicht. Daher kann ich hier nur auf ein Buch eingehen, das mir vorliegt: Antisemitismus und soziale Spannung in Berlin und Wien 1867—1914.
1. Die Fragestellung
Lichtblau möchte die »soziale Spannungstheorie« überprüfen, eine »der zentralen Theorien zur Erklärung der Attraktivität des antijüdischen Vorurteils für Trägerschichten antisemitischer Politik« (S. 9).
»Die Spannungstheorie besagt, daß zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung tatsächlich soziale und ökonomisch bedingte Reibungsflächen erkennbar seien, für den Zeitraum nach der Emanzipation besonders durch […] die Konzentration von jüdischen Erwerbstätigen in einzelnen Berufssegmenten. Dies hätte die Ablehnung von Juden in den sozial davon betroffenen Gruppen der Nichtjuden deutlich gefördert.« (S. 9)
Seine Arbeit will nun
Das Ergebnis faßt Lichtblau wie folgt zusammen:
»Im Falle der sozialen Spannungstheorie ist es angebracht, eine realistische Bilanz zu ziehen: Sie ist begrenzt anwendbar. Für die historische Forschung ist es unbedingt notwendig, die sozialen Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit als Teil eines Faktorenbündels der Vorurteilsbildung und minderheitenfeindlichen Politisierung zu beachten, aber als einen Faktor, der im Zusammenspiel mit anderen unterschiedliche Effekte hervorrufen konnte.« (S. 241)
Diese sehr allgemeine Ausage bedeutet in den beiden hauptsächlich untersuchten Fällen konkret, daß die Handwerker, die der Konkurrenz modernerer und effizienterer Produktions- und Vertriebsformen ausgesetzt waren, einem traditionellerem Antisemitismus anhingen: »Der jüdische Händler, Kaufmann, Hausierer und Konfektionär symbolisierte für die antisemitischen Handwerker einen Teil desssen, von dem sie sich bedroht fühlten.« (S. 238) »Der auf eher traditioneller Judenfeindschaft fußende Antisemitismus der Konservativen sprach besonders die Handwerker an, welche die Berufe der Juden systemimmanent noch als unmoralisch disqualifizieren konnten. Die persönliche Betroffenheit - die Konkurrenz unterschiedlicher, durch Religionen scheinbar personifizierter Wirtschaftssysteme - förderte die antisemitisch-konservative Politisierung. […] Innerhalb der Handwerker ging der Antismitismus — abgesehen von antisemitischen Funktionären - kaum über den sozialen Aspekt hinaus, das Ideologieangebot des Antismitismus wurde deshalb nur begrenzt adaptiert.« (S. 239)
Demgegenüber bestand bei den Handelsangestellten keine derartige Konkurrenzsituation; von den wirtschaftlichen Erfolgen der als jüdisch apostrophierten Warenhäuser profitierten auch deren — nichtjüdische — Angestellte. Daher: »Im statusnahen Milieu konnte die auf das direkte soziale Verhältnis abzielende Argumentation nicht mehr greifen, eine Abstraktion, eine Abdrängung der Beschuldigungen gegen Juden in den ideologisch, sittlich-moralischen, nationalen, genetisch-rassistischen Bereich trat in den Vordergrund« (S. 239/240) — eine gewissermaßen »modernere« Form des Antisemitismus.
Mir scheint, daß diese zusammenfassenden Feststellungen zwar einleuchtend sind und den referierten Beobachtungen und Daten nicht widersprechen, aber angesichts nicht gegebener Vergleiche letztlich anekdotisch bleiben. Sie beziehen sich auf das »Wie« des Antisemitismus und nicht auf das »Ob« bzw. »Wieviel«. Darin sehe ich die Schwäche der Arbeit, daß die eigentliche — selbst gestellte — Frage nicht beantwortet wird: Haben soziale Spannungen den Antisemitismus hervorgerufen bzw. verstärkt?
Um diese Frage zu beantworten, müßten ja folgende Prämissen be- bzw. widerlegt werden:
a) Eine Gruppe ist überdurchschnittlich antisemitisch.
b) Diese Gruppe ist überdurchschnittlichen sozialen Spannungen ausgesetzt. Oder:
b*) Diese Gruppe steht in überdurchschnittlichen Spannungen zu Juden/jüdischen Gruppen.
Das tut aber Lichtblau nicht, und — so scheint mir — das kann man mit zwei Fallstudien auch nicht tun, weil man daraus nicht Abweichungen von einem Durchschnitt nachweisen kann.
Betrachten wir daher genauer, was Lichtblau tatsächlich untersucht hat.
2. Darstellung des Ansatzes der sozialen Spannung
In diesem Abschnitt weist Lichtblau auf zwei wesentliche Elemente hin: Soziale Spannung kann einerseits aus Konkurrenz entstehen. Lichtblau weist nach einem Referat vorliegender Arbeiten zu Recht auf die Notwendigkeit der Differenzierung diese Konzepts hin: »Einerseits das direkte horizontale Konkurrenzverhältnis zwischen unterschiedlich sich definierenden oder definierten Bevölkerungsgruppen, die Konkurrenz auf annähernd gleicher sozialer Position. Von ihr zu unterscheiden wäre die Ebene der vertikalen Konkurrenz, einer Konkurrenz, in der bereits Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Bevölkerungsgruppen miteinbezogen sind. Ausgehend davon, daß ein in ökonomischer Konkurrenz Stehender diese nicht als statisch fixierbare wahrnimmt, sondern als eine seiner Wahrnehmungsrealität und seinen Interessen an- und eingepaßte, ist die subjektive Konkurrenzwahrnehmung eigens zu interpretieren.« (S. 15)
Der andere Ansatzpunkt für soziale Spannung wird von Lichtblau unter Statusmobilität und Krisentheorie zusammengefaßt. Gemeint ist, daß der Wandel des wirtschaftlichen und sozialen Systems Abstiegsängste und generelle Verunsicherung hervorgerufen hätte, für die dann Antisemiten die Juden als Sündenböcke verantwortlich gemacht hätten. Eine Bewertung derartiger Theorien durch Lichtblau wird für mich nicht recht ersichtlich, insbesondere ist in diesem ganzen theoretischen Abschnitt die Trennung zwischen dem Referat der Positionen anderer Forscher und den eigenen Ansichten Lichtblaus verschwommen. Auch wird die Frage, wie sich Konkurrenzängste und Abstiegsängste zueinander verhalten haben sollen, nicht einmal angesprochen.
Zum Teil sind die Ausführungen Lichtblaus in ihren Formulierungen ausgesprochen unklar oder schlicht unverständlich. Dies gilt schon für das obige Zitat, noch mehr aber beispielweise für folgenden Satz: »Daß die Konkurrenzthese sich in einem sensiblen Tabubereich bewegt, liegt auf der Hand, denn würde die Ursache des Antisemitismus monokausal auf der Ebene der Konkurrenz zwischen Juden und Nichtjuden vermutet werden, wäre dies eine antisemitische Sichtweise.« Warum eigentlich, bzw. warum wäre eine solche Hypothese antisemitischer als etwa die Krisentheorie? Sie wäre zwar — wie die meisten monokausalen Erklärungsversuche — von vornherein kein sehr erfolgversprechender Erklärungsansatz, aber ob sie eine richtige oder eine falsche Hypothese ist, muß doch anhand von Daten entscheidbar sein und nicht danach, ob das eine antisemitische Sichtweise wäre.
Ich habe den Eindruck, daß Lichtblau zu wenig für den Leser schreibt und allzu oft dessen Vertrautheit mit bestimmten Teilen der Literatur oder Quellen wie selbstverständlich annimmt und daher zu Unklarheiten tendiert.
3. Juden und Nichtjuden in Wien und Berlin
Lichtblau gibt als Zweck dieses Abschnittes eine »breite Basis der Information« an (S. 21). Es seien hier nur die wichtigsten Feststellungen zusammengefaßt:
Der Anteil der Juden stieg von einer annähernd gleichen Ausgangsbasis 1857/1858 von 3,2 bzw. 3,4 % bis 1910 in Wien auf 8,6 %, in Berlin auf 4,3 %. In Wien lebten bis zu 62,8 % der Juden in drei Bezirken (1900), in Berlin 45,8 % (1910).
Die Wiener Juden waren überdurchschnittlich selbständig (46,7 % i. V. z. 27,8 % der Nichtjuden), überdurchschnittlich Angestellte (26,2 % i. V. z. 10,5 % der Nichtjuden) sowie unterdurchschnittlich Arbeiter (21,1 % vs. 46,3 % — alle Werte 1910). In Berlin waren 1907 34,1 % der Juden selbständig (16,3 % der Nichtjuden), die Unterschiede bei den Arbeiter- und Angestelltenzahlen sind ähnlich wie in Wien.
Ich halte es für bedauerlich, daß Lichtblau an diese Makrodaten keine theoretische Ansätze knüpft und diese überprüft. Also etwa: Mehr Nähe und persönliche Kenntnis führt zu weniger Antisemitismus. Statt dessen gibt er eine grobe Übersicht über die Entwicklung des Antisemitismus (Christlichsoziale, Konservative, deutschnational-rassistische Antisemiten), aber vor allem in organisationsgeschichtlicher Hinsicht. Ein mentalitäts- oder alltagsgeschichtlicher Ansatz wird nicht angesprochen.
4. Soziale Basis der antisemitischen Bewegungen in Berlin und Wien
Lichtblau charakterisiert den Zweck dieses Abschnittes so: »Anhand von Mitgliederlisten zweier antisemitischer Berliner Vereine und Wahlanalysen kann die Feststellung, inwieweit sich ein soziales Nahverhältnis von Juden und Nichtjuden auf die antisemitische Politisierung auswirkte, statistisch interpretiert werden.« (S. 21)
Er beschreibt also kurz die Entwicklung des Deutschen Antisemitenbundes (gegründet 1884) mit einer Mitgliederzahl von bis zu etwa 3.000 Personen und seiner teilweisen kleineren Vorläuferorganisation, der Antisemiten-Liga (gegründet 1879). Recht knapp wird auch die Mitgliederstruktur von Bürgervereinen in zwei Berliner Bezirken, die mit den Christlichsozialen zusammenhingen, dargestellt. Vergleichbare Analysen für Wiener Organisationen gibt es nicht.
Das Ergebnis für 1895 kurz gefaßt: Juden waren im Handel deutlich überrepräsentiert, ebenso ist dort ein höherer Anteil antisemitisch Organisierter festzustellen. Dieses Phänomen ist aber vor allem auf die besonders ausgeprägte Relation im Warenhandel zurückzuführen (Antisemitenanteil 19 % erhöht, Anteil dieser Wirtschaftsgruppe in der jüdischen Bevölkerung 41,7 %, Nichtjuden 11 %). Andererseits waren in der Landwirtschaft, in den freien Berufen und im Staatsdienst Juden unterrepräsentiert, und trotzdem ist in diesen Wirtschaftsklassen kein überdurchschnittlicher organisierter Antisemitismus festzustellen (S. 65/66 u. Tab. 10). Lichtblau vermutet daher, aber nur mit »Vorsicht«, daß in kleineren Gruppen, mit mehr persönlichen Kontaktmöglichkeiten, der Antisemitismus geringer blieb als im großen Bereich des Warenhandels. Mir scheint selbst dies angesichts der relativ schmalen Datenlage nicht wirklich plausibel. Hier müßten wohl Vergleiche über Zeit und Raum erfolgen, um das generelle Theorem stützen zu können.
Bei den Wähleranalysen stellt sich das grundsätzliche Problem, daß natürlich Wähler etwa der Christlichsozialen in Wien nicht von vornherein Antisemiten gewesen sein müssen (im Unterschied zu den untersuchten Vereinigungen, deren einziger Zweck der Antisemitismus war). In Berlin ist es noch verwickelter durch die Existenz der Konservativen, die ab 1892 eine antisemitische Passage im Programm hatten, und die gleichzeitige Entwicklung von radikal-antisemitischen Parteien sowie dem — je nach Kandiatenaufstellung — partiellen Wählertausch zwischen diesen Gruppen. Derartige Wähler waren aber offensichtlich zumindest bereit, den Antisemitismus in Kauf zu nehmen.
Die Analysen sind durch die Wahlrechtsentwicklung erschwert, überdies gibt Lichtblau leider nicht den jüdischen Bevölkerungsanteil in den Wahlbezirken Berlins an. Die Darstellung, auch die der Ergebnisse, ist eher narrativ parteiengeschichtlich und gibt auf die Fragestellung der Arbeit bzw. auf Vorfragen ebenso wie im 3. Abschnitt wenig Antwort. In aller Kürze: Die Wiener antisemitischen Parteien erreichten gehobenere soziale Gruppen als ihre Berliner Pendants. »Angesichts des breiten antisemitischen Trägerschichtenspektrums wäre es müßig, für Wien den Erfolg der Antisemiten primär oder allgemein auf die Wirkung der sozialen Spannung zwischen Juden und Nichtjuden zurückzuführen. Die Antisemiten gewannen auch jene Gruppen, in denen kein wirtschaftliches Kontakt- oder Konkurrenzverhältnis bestand.« (S. 85)
5. Schneidermeister
Dieses Feld will Lichtblau besonders beleuchten, weil in dieser Berufsgruppe »jüdische Berufstätige überdurchschnittlich hohe Anteile erreichten oder exponierte Positionen einnahmen« und weil sie »in der antisemitischen Politisierungswelle auffallend hervortraten.« (S. 21)
Leider wird aber genau dieser Ausgangspunkt nicht quantifiziert: »Das exakte Ausmaß der Verbreitung der Judenfeindlichkeit unter den Schneidermeistern muß unbekannt bleiben, weil feinere Instrumente der Messung nicht vorhanden sind.« (S. 152) Wenn man Lichtblaus eigene Zahlen zu den antisemitischen Vereinen nimmt, so liegt der Prozentsatz der Wirtschaftsgruppe »Bekleidung« unter den Antisemiten nur bei 7,3 %, bei den Nichtjuden allgemein aber bei 9 %, wobei die Wirtschaftsgruppe allerdings erheblich mehr als die Schneidermeister umfaßt.
Lichtblau gibt in diesem Abschnitt durchaus interessante Einblicke in den Strukturwandel der Bekleidungsproduktion (Vordringen der Konfektion), in die wirtschaftsorganisationsrechtliche Entwicklung (Gewerberecht, Innungswesen), er skizziert den hohen jüdischen Anteil in der Unternehmerschaft, er schildert den Antisemitismus der Gewerbetreibenden bis hin zu sehr spezifischen Vorurteilen: »Allein alles, was der Jude arbeitet, ist sehr lose gearbeitet, und hält die Vergleichung mit der festen Arbeit eines deutschen Schneidergesellen nicht aus. Der Jude will den Zwirn sparen; daher macht er breite Stiche. Er will sich ein Tuch erübrigen; daher spannen alle seine Kleider, indem er weniger Zeug hierzu verwendet, als man ihm gab. Seine ganze Arbeit ist auf den Schein angelegt; sie nimmt sich manchmal sogar schön aus, allein sie reißt bald.« (S. 127 Zitat nach Josef Rohrer: Versuch über die jüdischen Bewohner der österreichischen Monarchie, 1804)
Für die Fragestellung kann als Ergebnis die Konklusion gelten, die ich oben schon wiedergegeben habe: Konkurrenzangst und Angst vor Statusverlust und die Verbindung der Konkurrenz mit dem — z. T. durchaus richtigen — Attribut Jüdisch, führen zur moralischen Ablehnung des Wirtschaftssystems und zum Wunsch nach der Restauration der guten alten zünftischen Ordnung. Eine politische »Legitimation« für derartige Vorstellungen durch starke christlichsoziale oder konservative Parteien festigt den damit einhergehenden »traditionellen« Antisemitismus. Alles das ist plausibel, aber bestätigt oder widerlegt keinen Theorieansatz, weil es dazu eine statistische Signifikanz bräuchte, die aber fehlt.
Dort wo die großen Zahlen vorliegen, wird das Modell nicht getestet. Wo empirische Ergebnisse geboten werden, kann das Modell mangels Zahlen nicht getestet werden.
6. Handelsangestellte
Hier gilt grundsätzlich ähnliches wie bei den Schneidermeistern. Zwar ist der hohe jüdische Anteil unter den Handelsangestellten nachgewiesen (25,2 % 1910 in Wien bei einem Gesamtanteil der Juden von 8 %; 12,3 % 1895, 9,5 % 1907 in Berlin bei 4,6 bzw. 4,2 % Gesamtanteil). Aber die Sache mit dem Antisemitismus wird auch hier nicht wirklich deutlich.
Der 1885 gegründete Verein Österreichischer Handels-Angestellter (VÖH, div. Vorbezeichnungen) gewann 1867 alle Mandate der Gehilfenvertretung bei den Wahlen zu den Gremien der Wiener Kaufmannschaft. 1889 erreichte die konservativ-deutschnational-katholische Koalition 56 %, die Liberalen 44 %; 1892 stand es 59 % zu 29,6 %, dazu waren die Sozialdemokraten mit 11,4 % getreten. Erst damals wurde im VÖH der Antisemitismus zu einem prägenden Element, das immer rabiatere Formen annahm. 1895 hatte die »rechte« Koalition noch 58,9 %, die Sozialdemokraten den Rest. 1898 hatten die Sozialdemokraten schon 51,6 %, die Christlichsozialen nur mehr 42,2, die Deutschnationalen 5,3 %. 1902 lagen die Sozialdemokraten, die grob antisemitisch attackiert wurden, bei 57%, sie stiegen in der Folge auf bis zu 74,3 %. Der Antisemitismus hatte dem VÖH, der zu keiner klaren Rolle der Interessensvertretung finden konnte, nichts gebracht.
Demgegenüber sieht Lichtblau den Deutschnationalen Handlungsgehilfen Verband (DHV), gegründet 1893, als ausgesprochen erfolgreiches Modell einer modernen Massenorganisation (inkl. entsprechender Organisationstechnik, Mediennutzung etc.) an. Die Mitgliederzahl stieg von 76 auf 148.079 im Jahre 1913. Er stellte eine gewerkschaftsähnliche schlagkräftige Interessensvertretung dar, mit weit darüber hinausgehender Prägung des Selbstverständnisses und Lebensstils (z. B. Richtung Jugendbewegung, Wandervogel).
Der DHV war von Anfang an antisemitisch, und zwar ausgehend »von der angestrebten Organisation der Gesellschaft nach nationalen Kriterien« (S. 203). Sein Anteil bei den Kaufmannsgerichtswahlen lag 1905 in Berlin bei 31 %, 1908 bei 31,5 %, 1911 bei 27,3 % und 1914 bei 25,9 %. Das ist insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Frauen, die überdurchschnittlich sozialdemokratisch wählten, im Unterschied zu Wien ausgeschlossen waren, m. E. nicht um so viel erfolgreicher als die »Rechten« in Wien. Auch geht Lichtblau auf die anderen Organisationen der kaufmännischen Angestellten, die z. T. fast gleich große Mitgliederzahlen hatten, nicht ein. Wie stand es um deren Antisemitismus?
Festzuhalten ist, daß insbesondere in diesem Abschnitt Antisemitismus praktisch nur organisationsgeschichtlich abgehandelt wird. Gerade aber der »moderne« Charakter des DHV hätte mentalitätsgeschichtliche Beobachtungen besonders interessant gemacht. Teilten die Mitglieder den offiziellen Antisemitismus der Organisation? Welche Elemente werden wahrgenommen? Usw. usf. Aber es ist klar, daß hier die Quellenlage nicht gerade als erfolgversprechend anzunehmen ist.
Die zusammenfassende Beurteilung aus dem Vergleich der österreichischen und deutschen Entwicklung stellt auf die unterschiedliche Statusdifferenz zwischen Arbeitern und Angestellten in Österreich und Deutschland ab: In Österreich sei sie geringer gewesen, deshalb der starke Anteil der Sozialdemokraten, in Deutschland hätten sich die Angestellten klarer als eigene soziale Gruppe wahrnehmen können, deshalb der Erfolg des DHV, der gerade diese Ideologie vertrat (S. 213). Dieser entscheidende Sachverhalt wird aber weder unter dem objektiven (Welche Unterschiede gab es wirklich?) noch unter dem subjektiven (Wie unterschiedlich haben sich die Angestellten wahrgenommen?) Aspekt belegt.
Soviel zum Inhalt dieser Arbeit. Wie ich bei verschiedensten Einzelaspekten angemerkt habe, wäre diese Arbeit, obwohl sie ihre selbst gestellte Hauptaufgabe nicht leisten kann (aber wenigstens hat sich jemand eine Aufgabe gestellt!), vielfach recht interessant. Wenn, ja, wenn sie nicht so langweilig geschrieben wäre. Es ist eine Qual, sich durch den Text zwängen zu müssen — auf die vielen Unklarheiten und merkwürdigen Formulierungen habe ich schon hingewiesen — und das halte ich für wirklich schade.