Siegfried Mattl
Beiträge zu einer Geschichte des Körpers
Wien
1994
446 S.
Habilitationsschrift, Universität Wien
Rezensent: Elmar Wolfurter
Historicum, Sommer 1995, 7—10
Die Geschichte des Körpers ist derzeit ein ausgesprochenes Modethema, wie sich auch an der Zahl einschlägiger Publikationen und Beiträge bei kulturgeschichtlichen Tagungen ablesen läßt. Freilich heißt »einschlägig« hier noch nicht allzuviel, deckt doch die Geschichte des Körpers ein weites Feld von Fragestellungen der politischen und Verwaltungsgeschichte, Mentalitätengeschichte, Geistesgeschichte im engeren Sinn und anderer Bereiche ab. Die Unterschiedlichkeit der möglichen Ansätze und Fragestellungen zeigt die vorliegende Arbeit von Siegfried Mattl, für die dem Autor an der Universität Wien die Lehrbefugnis für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte verliehen wurde. Das Werk umfaßt vier Teile sehr unterschiedlicher Thematik und Methodik, deren gemeinsamer Nenner tatsächlich auch im besten Fall nicht viel kleiner ist, als es im Titel der Arbeit zum Ausdruck kommt, obwohl der Autor versucht, »verschiedene Ebenen von Realhistorie, Diskursgeschichte und Geschichtstheorie zwar in logischer, aber nicht unbedingt linearer Form zu verbinden« (S. 17), was immer das heißen soll.
Turnunterricht
Im ersten Teil gibt Mattl einen Abriß der Geschichte des Turnunterrichts in Österreich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Ausgangspunkt ist die seit den sechziger Jahren zu beobachtende Tendenz, die Leibesübungen als Ergebnis oder Umsetzung sportwissenschaftlicher anstelle pädagogischer Bemühungen zu verstehen. Während, so Mattl, vor 1914 die Ausbildung des Körpers (»Gewandtheit«, »Ausdauer« etc.) bzw. die Beherrschung des Körpers durch den Geist im Vordergrund der Überlegungen stand, wurde in der Zwischenkriegszeit der Turnunterricht als Einüben in soziale Regeln (»Selbstbeherrschung«, »Einordnung in die Gemeinschaft« etc.), d. h. eher unter Nützlichkeitsaspekten, aufgefaßt und in den letzten Jahrzehnten das Selbstzweckhafte und Spielerische im Sport betont.
Soweit die große Linie in Kürzestform. Der Autor stützt sich bei seinen Ausführungen auf ministerielle Akten, Lehrpläne und die Schriften von Lehrplanautoren. Die Gedankengänge der an den Diskussionen beteiligten Beamten und Fachleute werden ausführlich wiedergegeben; dies eröffnet Einblicke in die bestehenden Vorstellungen hinsichtlich der Steuerung körperlicher Vorgänge durch mentale oder äußere Einflüsse oder der »Natürlichkeit« verschiedener Arten körperlicher Betätigung. Die Gewichte mochten sich für einzelne Autoren im Lauf der Zeit etwas verschieben, auch im Zusammenhang mit den politischen Konjunkturen, so bei Margarete Streicher, einer Propagandistin des »natürlichen« Turnens, die etwa 1940 auch politische Kriterien einfließen lassen wollte (konkret bezogen auf bestimmte Beschränkngen beim Turnen von Frauen, vgl. S. 40). Welcher Art die subtilen Unterscheidungen waren, sei am Beispiel des Wiener Sportpädagogen und Universitätsprofessors Hans Groll exemplifiziert, der in einer Schrift aus den fünfziger Jahren Gesundheit nicht im Sinn der WHO als »körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden« verstehen wollte, sondern als »Leben in der Ordnung und nach den Gesetzmäßigkeiten des Seienden« (S. 43). Nun ja. Jedenfalls änderte sich — abgesehen von einem Etikettenwechsel von »Natur« zu »Kultur« — auch nach dem Krieg zunächst nicht viel.
Von diesen geistigen Höhenwanderungen zurückgekehrt, wird der Leser dann mit der Beschreibung der praktischen Einführung des Turnunterrichts im 19. Jahrhundert eine Zeitlang dem Mief der Turnsäle ausgesetzt; Durchsetzung und Umfang des Fachs in den Lehrplänen, die Turnlehrerausbildung und die Art der Übungen werden hauptsächlich nach ministeriellen Akten dargestellt. Die privaten Turnvereine und ihre politische Differenzierung führen weiter zum Arbeitersport, der ebenfalls mit entsprechenden ideologischen Überhöhungen versehen wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es Bemühungen um eine Förderung des Sports aus gesundheitlichen Gründen, was sich auf staatlicher Seite im wesentlichen auf die Schule konzentrierte (dazu auch wieder Beschreibungen der Zustände im Unterricht, in der materiellen Ausstattung, der Turnlehrerausbildung und dgl.), privaterseits auf die Vereine; v. a. zu Beginn gab es eine Kooperation zwischen dem Heeres- und dem Arbeitersport, auch wurden Sportvereine vom Bund gefördert. Die institutionelle Verschiebung der Sportagenden vom Sozial- zum Unterrichtsressort wertet Mattl als bezeichnend für die verstärkte Einbindung des Sports in allgemeinere erzieherische oder politische Anliegen. Die ersten 15 Jahre nach 1945 erscheinen dann als eine Übergangsperiode, in der neben der Lösung organisatorischer Probleme wie z.B. dem Neuaufbau von Sportstätten der Übergang zur »Versportung« (S. 89) erfolgte, gefolgt von zahlreichen Neuerungen bei der Finanzierung (Sporttoto) und Organisation von Veranstaltungen.
Diese Geschichte des Turnunterrichts in Österreich wird dem Gegenstand gerecht: Die Erwägungen aus der zeitgenössischen Diskussion, die Maßnahmen der Behörden, die organisatorischen Veränderungen werden in adäquater Weise dargestellt, auch die Methode (v. a. Verwaltungsakten und Publizistik als Quelle) ist adäquat. Mehr über den Turnunterricht wünscht man sich wirklich nicht.
Die diesen Teil abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse sei in extenso zitiert, auch um einen Eindruck davon zu geben, wie Mattl seine Hypothesen oder theorieartigen Einordnungen formuliert: »Im Feld der ›Leibesübungen‹ läßt sich also eine Weise des ›Verschwindens des Körpers‹ beobachten: die Dressurakte des 19. Jahrhunderts wie die ›biologische‹ Erziehung zielen darauf, die Sprache des Körpers diskret zu machen, die nach dem Verlust seiner Metaphernfunktion letztlich nur in Verweigerung, Opposition, Entartung, kurz in Negativität wahrgenommen wird. Die scheinbaren Befreiungen des Körpers (Körperkulter, Lebensreform, Luft-, Licht- und Sonnenbäder) sind zugleich Zeichen seiner sozialen Beherrschung und individuellen Meisterung (bzw. der Beherrschung seiner Geschlechtlichkeit). Insoweit sind sie aber an das Fortbestehen symbolischer Ordnung gebunden, die dem Individuum überzeugende Orientierungen in der Gemeinschaft geben, um ihm die Distanz zu sich selbst zumuten zu dürfen. Mit der wachsenden Individuierung jedoch wird dieser diskrete Modus durch eine Strategie der Affektuierung des Körpers abgelöst. Die 1970er und 80er Jahre sind Zeiten einer ›Wende‹ zum ›Showsport‹, die nicht nur in der ungeheuren Zunahme von Sporttreibenden und Zusehern und dem Aufkommen neuer Sportarten und Vereinsstrukturen geprägt sind, sondern auch von der kalkulierten Ästhetisierung und Erotisierung des Sports, die von Massenmedien zusätzlich stimuliert werden. [Fn.] Diese Wende ist mit einem Paradigmenwechsel verbunden: Die Sorge um den Körper gilt nicht mehr seiner Eigenschaft als Molekül des (sozialen) ›Volkskörpers‹, sondern den Risken eines selbstgewählten ,Lebensstils'. Die eigentlich verpönten Phänomene ›physiologischer Ursprünglichkeit‹ werden nun zu Referenten eines ›Sinnes‹ außerhalb von Gemeinwohl und Produktion. [Fn.] Der Körper erhält eine neue Funktion (ohne das [sic] die bisherigen Zuschreibungen damit völlig ausgelöscht werden): Er wird vom sozialen Medium zum Moderator …« (S. 110—111).
Vielleicht müßte man stärker in den »Diskurs« (um das einzige hier passende Wort zu verwenden) eingebunden sein, um solches besser würdigen zu können. Auf alle Fälle ist Mattls Terminologie anerkennenswert bemüht. Ansonsten muß man sagen, daß seine Kategorien, trotz des fraglos gegebenen losen Zusammenhangs mit den zuvor gemachten Ausführungen, kaum operationalisierbar sind oder jedenfalls in dieser Arbeit nicht operationalisiert werden — es wird also die Antwort auf die zentrale Frage: »Nämlich?« nicht gegeben: An welchen äußeren Merkmalen erkennt man »Referenten eines ,Sinnes' außerhalb von Gemeinwohl und Produktion«? Wie mißt man die Distanz eines Individuums zu sich selbst?
Doch ist dies in diesem Abschnitt nicht so schlimm - die wesentlichen Passagen enden bereits einige Seiten vor den eben zitierten Sätzen.
Philosophie
In zweiten Teil, der »Genealogie einer Philosophie des Leibes«, geht es darum, »eine Spezifizierung derjenigen philosophischen Tendenzen durchzuführen, der die führenden Repräsentanten des ›österreichischen Turnens‹ systematische Bestandteile entlehnt haben, und die Diskursformation zu bestimmen, der dieses System zurechenbar ist« (S. 112). Dies erfolgt mittels einer Besprechung der Werke von neun Philosophen, nämlich von Arthur Schopenhauer, Henri Bergson, Friedrich Nietzsche, Ludwig Klages, Martin Heidegger, Arnold Gehlen, Michel Foucault, Paul Virilio und Jean Baudrillard. Bei den österreichischen Turnpädagogen handelt es sich um Karl Gaulhofer, Margarete Streicher und Hans Groll; dem oben gebrachten Zitat Grolls dürften beliebig viele ähnliche Formulierungen dieser Autoren an die Seite zu stellen sein, so etwa Vorstellungen vom »Weltganzen«, von »Urformen«, von »Tiefenschichten« und ähnlicher Tiefsinn (S. 115).
Die neun »Referenzphilosophen« werden in der Form durchbesprochen, daß Mattl in je einem Abschnitt pro Philosophen die Werke, soweit sie für das Thema von Bedeutung sind, inhaltlich zusammenfaßt und auch ausführlich aus ihnen zitiert. Dann und wann werden die »Lesarten« der Turnpädagogen kritisch gewürdigt: »Schopenhauer kann nicht simpel als Theoretiker der ,Intuition' bezeichnet werden, als den ihn Gaulhofer und Streicher erkenntnistheoretisch vereinnahmen wollten. Denn der als Leib objektivierte Wille zum Leben befindet sich ständig in der Gefahr der Selbsttäuschung: der Moment der Befriedigung verdrängt das Gefühl des Mangels und schafft die Illusion einer möglichen leidlosen Welt. So bleibt letztlich nur die Todesfurcht, als die gegen Täuschungen am stärksten resistente Welterfahrung übrig, um als spezifisch menschliche Seinsweise die Metaphysik [Fn.] zu begründen: d.h. die Suche nach einer Welt hinter der Welt der Dinge.« (S. 126) Die Qualität dieser exegetischen Bemühungen auf allen Seiten kann hier nicht eingeschätzt werden. Die Frage, wie wichtig das richtige oder falsche Schopenhauer-Verständnis bei den österreichischen Turnpädagogen ist, ist schon gar nicht zu erörtern — es gibt keine Grenzen des Wissenswerten.
Überdies spielt dieser Aspekt nur eine geringere Rolle, da die bloße zusammenfassende Betrachtung der philosophischen Werke dominiert und die Bezugnahmen auf den österreichischen »Turndiskurs« nur ganz im Hintergrund bleiben. Dieser ganze Abschnitt ist zwar über weite Strecken (besonders bei Schopenhauer, Bergson, Gehlen und auch bei Klages) nur eine Exzerpierübung, doch soll der Aufwand, den ein Exzerpt Schopenhauers, Bergsons und der anderen verlangt, nicht unterschätzt werden (»Spekulation ist Luxus, Handeln Notwendigkeit« — à propos Bergson, S. 137). Im Nietzsche-Abschnitt und teilweise auch bei Heidegger und Foucault wird allerdings mehr auf die Rezeptionsgeschichte eingegangen.
Da das Thema dieses Abschnitts eine methodisch biedere, vorwiegend textimmanent operierende Philosophiegeschichte ist, stellt sich die Frage nach der empirischen Seite weniger. Dennoch berührt es merkwürdig, wenn Mattl zu seiner eigenen Wiedergabe eines eher abwegigen Gedankengangs Virilios (»Das erste ›Fahrzeug‹ - eine Terminologie, die die Dominanz der Struktur ›Geschwindigkeit‹ über ein menschliches ›Subjekt‹ klarstellt - bildet die Frau. Als Unterworfene hat sie nicht nur den Transport von Lebensmitteln und lebensnotwendigen Gegenständen zu besorgen, sondern auch auf ihrem Rücken den Mann zur Jagd […] zu tragen, ehe diese Funktionen auf das Pferd übergehen«, S. 218) lediglich anmerkt: »[E]s zählt zu den Eigenwilligkeiten Virilios, daß er der argumentativen Logik mehr Bedeutung zuweist als der Rückversicherung durch Zitate und Quellen. Auch die Rolle der Frau als frühes ›Lasttier‹ gehört zu den schwer nachprüfbaren Figuren bei Virilio, indes würde auch eine empirische Widerlegung nichts an der Grundargumentation ändern, sondern nur den anekdotischen Stil hervorstreichen, den er bevorzugt« (S. 218, Fn. 222). Ein interessanter Gedanke, er läßt sich auf jede Verstiegenheit anwenden. Aber vielleicht hat Mattl gar nicht so unrecht: Schlagobers soll man nicht widerlegen.
Und wo ist der Zusammenhang zwischen der Reihe getreulich zitierter Geistesriesen und der Stirnreihe im Turnsaal? Er ist eigentlich nicht besonders stark, ja das standardisierte Turnübungsprogramm der österreichischen Turnphilosophie ist, so erfahren wir von Mattl, in Wahrheit nichts anderes als ein grundlegendes theoretisches Mißverständnis - ein »Thema verfehlt« (Metapher, Metapher!, und nicht einmal von Mattl), denn »[d]ie Lebensphilosophie begründet sich aus der Annahme der Existenz nicht-kommunizierbarer, vorsprachlicher Erfahrungen heraus, die an den Leib gebunden sind« (S. 237). Hingegen haben immerhin »die österreichischen Turnpädagogen mit dem ›Leib‹ einen fundamentalen Begriff der Lebensphilosophie gesichert« (S. 238).
Filmbegutachtungsstelle
Im dritten Teil des Werkes soll herausgefunden werden, »ob die Leibespädagogen ein Monopol bei der Formulierung eines Körperimages hatten oder wieweit sie nur selbst einen Fragmentierungsdiskurs führten« (S. 249). Gegen alle literarischen Regeln sei die Spannung gleich wieder zerstört: Die Leibespädagogen hatten kein Monopol bei der Formulierung eines Körperimages, sie führten vielmehr, ohne selbst die leiseste Ahnung davon zu haben, einen Fragmentierungsdiskurs! (Was ist ein Fragmentierungsdiskurs?)
Gebrochen wurde das Monopol durch den Film, den Mattl nur mit gewissen Einschränkungen in zeitlicher Hinsicht und entsprechend dem interessierenden »sozialen Raum« analysiert, auch soll — wegen der Probleme der Rezeptionsforschung — bei der Beobachtung eines »hermeneutisch offenen Diskurs[es]« (S. 249) angeknüpft werden; alles Einschränkungen, die dem Autor vertretbar erscheinen, »da zwischen den Intentionen der Produzenten, analysierbaren (Routine-)Code-Operationen und der Rezeption des Publikums keine unmittelbaren und zwingenden Beziehungen bestehen« (S. 249). Kürzer und profaner: Es werden die Verfahren untersucht, die die österreichische Filmbegutachtungsstelle zwischen 1930 und 1938 durchführte.
Nach einer kurzen Wiedergabe von Thesen Rudolf Arnheims und Béla Balázs' skizziert Mattl knapp die Geschichte des Kinos von den Anfängen bis zu den dreißiger Jahren, wobei besonders die Situation in Österreich (Filmproduktion, Besucherzahlen, Filminhalte, wirtschaftliche Aspekte) interessiert. Die Filmbegutachtung ging auf die Lizenzregelungen der ersten Jahre zurück und erfolgte nach 1918 zunächst als Zensur, auch im Einvernehmen mit den Kinobesitzern, die davon zumindest eine Garantie für die ungestörte Vorführung freigegebener Filme erhofften. Die Zensur erwies sich zwar dann als verfassungswidrig, doch gab es weiterhin einen differenziert ausgestalteten Zwang zur Vorführung vor den Behörden. Als störend wurde anscheinend die Zuständigkeit der Länder in dieser Sache empfunden, weil die Genehmigungsverfahren deshalb mehrfach durchgeführt werden mußten; dennoch wurde das Verfahren bis 1938 nicht vereinheitlicht. Es wurde jedoch 1930 die Filmbegutachtungsstelle geschaffen, die Filme auf ihren kulturellen Wert zu begutachten hatte und mit den Steuerbegünstigungen, die aus dieser Einstufung resultieren konnten, auch lenkende Wirkung haben sollte.
Die Filmbegutachtungsstelle arbeitete in Kommissionen, deren Zusammensetzung auf die zur Begutachtung anstehenden Filme abgestimmt wurde. Die Kriterien, nach denen entschieden wurde, folgten nicht einem feststehenden Kanon. Mattl zitiert die Entscheidungen in einer Reihe von Einzelfällen und auch den Entwurf für ein Filmzensurgesetz, weiters Richtlinien für die politische Beurteilung von Anfang 1938 und die Vereinbarungen der amerikanischen Filmstudios, was alles die angewendeten Prinzipien in programmatischer Art zeigt.
Instruktiver ist die Auflistung der Gründe für die Jugendverbote, die bei einer kleineren Zahl von Filmen Gewaltszenen und politisch Bedenkliches beinhaltet, in der Mehrzahl Stillszenen, Kußszenen, Tanzereien und sonstige pornographische Darstellungen. Man war offenbar genau, aber dafür auch empfindsam: anscheinend weinten manche Kommissionsmitglieder bei ergreifenden Filmen, zumindest wurde dies einmal, nämlich bei der Begutachtung von Alles für mein Kind, zu Protokoll gegeben (S. 309).
Die Zitate aus den Sitzungsprotokollen sind zum Teil wirklich amüsant, ob es um zu schneidende Dialogstellen geht (in Der Wildfang etwa: »Im Badeanzug Englisch lernen? Genierst du dich denn gar nicht vor Peter? — Vor Peter? Aber Papa! Ein Diener ist doch kein richtiger Mann!«, S. 314) oder um Überlegungen zur weiteren Vorgangsweise (zu Kopfjaeger auf Borneo: »Im Burgenland z. B. könne sich Ref. den Film höchstens vor der Intelligenz Eisenstadts vorstellen. Wisoko hält entgegen, dass wir nur über den absoluten Wert, unabhängig vom geistigen Niveau der einzelnen Besucherschichten, zu urteilen haben. Hesse regt eine Einschränkung des k. w. [kulturell wertvoll; Rez.] auf städtische Kreise an«, S. 319).
Hat dieser dritte Teil soweit mit der Geschichte des Körpers nur am Rand zu tun, so spricht Mattl diesen Aspekt im letzten Fünftel noch einmal ausdrücklich an. Leider bleibt dabei der Bezug zu dem, was die Filmbegutachtungsstelle tat, und zu der Rezeption von Kinofilmen durch das österreichische Publikum der dreißiger Jahre eher unbestimmt: »Kino funktioniert nur, soweit innerhalb stabiler Schemata der Erzählung unerwartete Verknüpfungen und nicht-linear [schon wieder linear — was heißt das?; Rez.] erzählte Haupt- und Nebenhandlungen auftreten; sonst wäre mit einem Film das ganze Genre schon ausgeschöpft. Der Sekundärcharakter des Diskurses der Filmbegutachtungsstelle ist nun leicht einsichtig, weil er nur ex post Ordnungen einführen kann, wenn er den Film nicht als Ganzes abschaffen will. Damit wird der Diskurs aber nicht bedeutungslos. Seine sekundäre Qualität deutet in einer andere Richtung, nämlich dahin, durch negative Selektion einen Sinn des Körpers in der modernen Gesellschaft zu stabilisieren. Dieser Sinn ist allerdings gegenüber dem Körper in der Leibespädagogik und -philosophie extrem reduziert. Im wesentlich [sic] geht es nur noch um die Verteidigung einer sexuellen Moral, die durch eine angenommene visuelle Verführungskraft des Bildes von Auflösung bedroht erscheint. Die Filmbegutachtung läßt sich aber auch als Versuch interpretieren, die Wandlungen des Körperverständnisses in der modernen Gesellschaft über die Fiktionalisierungen des Mediums Film unter Kontrolle zu bekommen. Der Film würde dann zumindest für eine dazu von staatlicher Seite berufenen [sic] Diskurs-Elite ein Surrogat für eine verschwundene personale Erfahrung bieten. In gewissem Sinn wäre dann der Diskurs ein halluzinierender, und möglicherweise erklärte gerade dieser Umstand die Heftigkeit und Bestimmtheit der Argumente« (S. 327).
»Der Diskurs ist ein halluzinierender« — das klingt wie eine Lateinübersetzung oder eine Rede des Bundeskanzlers. Mattl zitiert dann ausführlicher aus Äußerungen von Filmtheoretikern über Filme; der Zusammenhang mit dem Rest des dritten Teils bleibt aber vage, abgesehen davon, daß die österreichischen Filmbegutachter anscheinend einen strikteren Zusammenhang zwischen Film und Verhalten des Publikums annahmen als die Theoretiker.
Tatsächlich sind die zitierten Ausführungen teils trivial, teils unklar. Offensichtlich ging es um Sexualmoral, nona. Und, ja, es ging um Kontrolle, wenn auch vielleicht nicht gleich um die Kontrolle sämtlicher Wandlungen des Körperverständnisses in der modernen Gesellschaft. Der Rest ist unklar, jedenfalls kommt bei den zitierten Quellen nicht heraus, daß die Filmbegutachter gemeint hätten, dem Publikum fehlten personale Erfahrungen, weshalb die Filme so wichtig für sein Körperverständnis wären. Oder geht es um die personale Erfahrung der Begutachter? Wohl nicht.
Technologie
Der letzte Teil ist übertitelt mit »Geschichte als technologische Substitution menschlicher Wahrnehmung«. Gemeint ist allerdings eher »Geschichte der technologischen Substitution menschlicher Wahrnehmung«, immer noch bombastisch genug formuliert, handelt es sich doch lediglich um einige Ideen zur Entwicklung von Abbildungstechniken von der Camera Obscura bis zur Computertomographie.
Dieser Teil besteht, dies läßt sich ohne Übertreibung sagen, ausschließlich aus Lesefrüchten des Autors, der die Technikgeschichte Revue passieren läßt, ohne indessen die Entwicklung der Funktionsweise der erwähnten Apparaturen näher zu beschreiben, und dabei aus den Interpretationsübungen diverser Autoren zitiert. Zwischendurch findet sich die eine oder andere Zusammenfassung: »Die Auflösung des symbolischen Universums traditioneller Gesellschaften vollzieht sich unter dem Druck einer neuen Maschine, der Camera Obscura. Sie schiebt auf mechanischem Weg zwischen den Menschen und die Dinge die Repräsentationen. In der dunklen Kammer nun entsteht die Illusion einer reinen, von jeglicher Organisierung der Materie unabhängigen Intelligenz, die mit den Regelhaftigkeiten der Welt der Körper kongruent ist, da diese sich als reicher räumlicher Sachverhalt, ohne verzerrende Intervention des Menschen, darstellt« (S. 366). Usw. Oder: »Der Mensch versetzt sich durch technische Apparate in die Lage der Selbstbeobachtung. Doch diese Selbstbeobachtung betrifft nicht sein ›Wesen‹, sondern Fragmente seines Leibes. (Die Kritik zeigt, daß umgekehrt das ›Wesen‹, d. h. die Annahme eines souveränen Subjekts, selbst ein zeitbedingtes Produkt von kulturellen Technologien ist, wie etwa die moderne ›Seele‹ des Privatmannes als ein Ergebnis des allgemeinen Postbriefverkehrs — über den imaginären intimen Dialog zwischen den Briefpartnern — angesprochen werden kann. [Fn.]) Solange es sich um Analogspeicher handelt täuscht die Isomorphie von Geste und Wiedergabe über den transformatorischen Aspekt noch hinweg. Die Beobachtung (in ihrer institutionalisierten Form als naturwissenschaftliche ›Psychophysik‹) erfolgt dagegen schon im Referenzsystem des Mediums (d. h. als ›Frequenz‹, ›Impuls‹, ›Sequenz‹ usw.). Medien isolieren individuelle Ausdrücke aus dem leiblichen Zusammenhang aus, um sie zu standardisieren und nach eigenen Regeln zu verknüpfen« (S. 380—381). Usw.
Irgendwie wartet man darauf, daß noch etwas kommt. Vergeblich — Mattl beschränkt sich hier auf eine Zitierübung, sodaß man zum Schluß die möglicherweise vollständige Meditation der Camera Obscura hat, daß man nun weiß, was man immer schon gewußt hat, aber nichts essentiell Neues mitgeteilt bekommt.
Zusammenfassung
Das auffälligste an den Beiträgen zu einer Geschichte des Körpers ist das Mißverhältnis zwischen empirischer Basis und rhetorischem Getöse. Die neuen Erkenntnisse, d. h. die Ergebnisse einer quellenorientierten Historiographie, liegen in der Erforschung der österreichischen Turnpädagogik im 20. Jahrhundert und der Tätigkeit der Filmbegutachtungsstelle in den dreißiger Jahren, also zwei ziemlich stark eingeschränkten Fragestellungen. Beim ersten Thema handelt es sich sicherlich um einen Beitrag zu einer Geschichte des Körpers. Beim zweiten Thema ist dies nur insoweit der Fall, als sexualmoralische Kriterien an Filme angelegt wurden (was zwar der wichtigste, aber nicht der einzige Gesichtspunkt bei Abqualifikationen war); auch sonst ist dieses Kapitel aber für die Geschichte der österreichischen Kulturpolitik von Interesse. Der philosophiehistorische zweite Teil ist extrem auf die textimmanente Analyse hin ausgerichtet, die hier über weite Strecken den Charakter des Exzerptes annimmt. Ähnliches gilt für den letzten Teil, der ebenfalls als Übung im Dauerzitat erscheint und insofern nicht erkennbar über das hinausführt, was mit der zitierten Literatur bereits vorliegt.
Eine Kritik, die sich wahrlich nicht exklusiv an Siegfried Mattl richtet, ihm aber auch nicht erspart werden soll, betrifft den rhetorischen Bombast, mit dem in dieser Arbeit selbst banalste Einsichten umkleidet werden. Zu kritisieren ist dies deshalb, weil so umkleideten Erkenntnissen in der Vermittlung ein Gewicht gegeben wird, das ihnen in Wahrheit nicht zukommt; und in weiterer Folge reißt die Zelebration von Trivialitäten den Autor zu Ausschweifungen hin, die phantasievoll sein oder allenfalls auch von Belesenheit zeugen mögen, mit der Welt der Beobachtungen aber nichts mehr zu tun haben.