Renate Mercsanits in Zusammenarbeit mit Martha Bernardi, Evelyn Hadler, Michaela König, Peter Waschulin
Radetzkyschule 1938. Eine Spurensuche. Projektdokumentation und Erinnerungstexte
Wien
Ueberreuter
2011
193 S.
€ 15,00
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Frühling—Sommer 2010, 74-75
Ich bin 1922 in Wien geboren worden. Meine Eltern waren geborene Österreicher. Meine Mutter war Nichtjüdin und von Beruf Modistin. Der Vater war Jude und von Beruf Handelsangestellter, wurde später arbeitslos und zum Schluß ausgesteuert. […]
Wir haben im 3. Bezirk, in der Posthorngasse, gewohnt. Nach der Volksschule bin ich in die Mittelschule gegangen. Im Jahr 1938 bin ich aus dem geordneten Schulbetrieb hinausgeworfen worden. In der ersten Zeit habe ich verschiedene Umschulungskurse besucht, weil ich natürlich an eine Emigration gedacht habe. […] Ich bin in einer sehr toleranten, liberalen Familie aufgewachsen. Wir haben sowohl die jüdischen als auch die christlichen Feiertage miteinander gefeiert. Ich bin dazu erzogen worden, Respekt vor dem Glauben des anderen zu haben. […]
Ich bin mosaischen Glaubens und bin in den Religionsunterricht gegangen. […] In der Volksschule war es überhaupt vollkommen uninteressant, wer Jude oder Katholik war, wir waren damals einfach Kinder. In der Mittelschule, in der Radetzkyschule, waren in der Klasse, wo ich war, ziemlich viele Juden. Da hat es eigentlich, soweit mir erinnerlich ist, keine Differenzierungen gegeben. Ich erinnere mich sehr gerne an meinen nichtjüdischen Freund Zagorsky, der mir zu meiner Bar Mizwa seinen Anzug geborgt hat. Wir waren sehr gut miteinander.
Allerdings muss ich sagen, in den späten 30er Jahren war es schon irgendwie erkennbar, dass der eine oder der andere Sohn von einem Nazi war. Wir haben das damals alle gar nicht sonderlich ernst genommen. Ich weiß nicht einmal, wie weit die Eltern das damals ernst nahmen, obwohl zu der Zeit ja schon Juden aus Deutschland nach Österreich gekommen sind und natürlich erzählt haben, was los ist. […]
Mein Vater ist dem Zionismus absolut ablehnend gegenübergestanden, weil er überzeugter Österreicher gewesen ist. Im Ersten Weltkrieg ist er hochdekoriert und schwer verletzt worden. Er war ein bewusster österreichischer Jude, noch dazu Sozialist. […] Man hat Antisemitismus vor 1938 gespürt, auch von der damaligen Christlich-Sozialen Partei ist ja ununterbrochen Antisemitismus ausgegangen. Aber irgendwie wusste man, dass das nicht das Extremste war. […] Für uns war Religion kein Glaubensbekenntnis, sondern ich würde eher sagen, ein aus der Familie herüberreichendes Zugehörigkeitsgefühl.
Martin Vogel, geboren 1922, in den dreißiger Jahren Schüler der Radetzkyschule, Gespräch mit Schülern 2001/2002.
Das 1851 gegründete Radetzkygymnasium im dritten Wiener Gemeindebezirk hat als ältestes Realgymnasium in Österreich eine wechselvolle Geschichte. Ein besonderes Kapitel wurde in einem ambitionierten schuleigenen Projekt erforscht.
Die Radetzkyschule gehörte zu jenen Schulen, die 1938 für einige Monate zu »Sammelschulen« für jene Schüler erklärt wurden, die im Sinn der nationalsozialistischen Gesetzgebung als jüdisch galten. Die entsprechenden Maßnahmen nahm der Stadtschulrat für Wien bald nach dem deutschen Einmarsch in Angriff. Die Weisung des Präsidenten des Stadtschulrats erging in mündlicher Form an 27. April 1938 und lautete (in der schriftlichen Ausfertigung vom 1. Juni), »daß an allen staatlichen Wiener Mittelschulen die jüdischen Schüler und Schülerinnen sofort ausgeschult und vorläufig in eigenen von mir bestimmten Schulen untergebracht werden«. Bestimmt wurden zwei Gymnasien, ein Realgymnasium sowie zwei Realschulen. An zwei weiteren Realgymnasien wurden jüdische Schüler zu eigenen Klassen zusammengefaßt. Hinsichtlich der Lehrer bestimmte die Verordnung: »Bis zu endgültigen Regelung der Judenfrage an den Wiener Mittelschulen müssen an den genannten jüdischen Schulen arische Lehrer den schweren Dienst auf sich nehmen.«
Die neue Schuleinteilung galt nur für den Rest des Schuljahres 1937/38. Ab Herbst gab es für jüdische Schüler nur mehr das Chajes-Realgymnasium, eine Privatschule der jüdischen Gemeinde; die Radetzkyschule war dann nicht mehr Sammelschule. Im Oktober 1939 wurde auch das Chajes-Gymnasium geschlossen. Für jüdische Mittelschüler galt in diesem letzten Jahr ein Numerus clausus, der vorsah, daß nur 2 Prozent von ihnen weiterhin eine Mittelschule besuchen durften.
Die Radetzkyschule war normalerweise eine achtstufige Schule (1937/38 gab es allerdings keine achte Klasse, weil der betreffende Jahrgang zwei Jahre davor wegen ungenügender Leistungen vollständig aufgelöst worden war [!]). Sie hatte an die vierhundert Schüler, im Schuljahr 1937/38 waren 121 von ihnen jüdischer Religion (nicht gerechnet sind dabei Schüler, die im Sinn der nationalsozialistischen Gesetze »Mischlinge« waren; ein Fall ist im vorliegenden Band dokumentiert). Auch acht der Lehrer waren jüdisch.
Der Übergang zur Sammelschule spielte sich so ab, daß über Auftrag der Hitler-Jugend die jüdischen Schüler von den anderen Schülern am 25. April aus den Klassen gewiesen und am 28. April am Betreten der Anstalt gehindert wurden. Tags darauf fand der Austausch statt, jüdische Schüler aus anderen Schulen wurden in die Radetzkystraße »umgeschult«, nichtjüdische Schüler der Radetzkyschule wanderten in die Gegenrichtung. Bereits Ende März waren die jüdischen Lehrer und Schulärzte suspendiert worden. Ende Mai wurden diese Lehrer zwangspensioniert. (Zu Beginn des folgenden Schuljahres wurden weitere Lehrer enthoben, insgesamt wurde die Hälfte der Lehrerschaft ausgetauscht.) Zu den 121 angestammten jüdischen Schülern waren nun 161 Schüler aus anderen Schulen dazugekommen.
Diese Geschichte wurde im Rahmen eines längerfristigen Projekts der Schule erforscht und dokumentiert. Am Werk waren Lehrer und Schüler, das Projekt umfaßte die Arbeit mit schriftlichen Dokumenten ebenso wie Korrespondenz und Gespräch mit Zeitzeugen. Neben einer Gedenktafel in der Schule ist das sichtbare Ergebnis der vorliegende Band. Er dokumentiert das Geschehen jener Zeit auf unterschiedliche Weisen.
Im Hauptteil findet man Erinnerungen von überlebenden jüdischen Schülern des Sommersemesters 1938. Die Texte wurden teils auf Anfrage verfaßt, teils lagen sie schon vor und wurden für diesen Band zur Verfügung gestellt. Manches hat sich zufällig erhalten (etwa der Brief des früheren Schülers, der sich selbst als »Mischling« bezeichnet), manches entstand bei Zeitzeugengesprächen mit heutigen Schülern (siehe dazu den Kasten). Die Erinnerungstexte beschreiben die Zeit vor dem deutschen Einmarsch, die eigene Wahrnehmung der Verfolgung, in größerem Umfang und mit vielfältigem Ergebnis auch die Geschichte der Emigration.
Ganz anders die dann folgende Dokumentation von Schule, Lehrern und Schülern in Form von Tabellen und kurzen biographischen Notizen. Man findet hier eine vollständige Liste der eigenen und des Großteils der »zugeschulten« Schüler, mit Adressen und Herkunftsschule der »Zugeschulten«, nach Klassen gegliedert. Die jüdischen Lehrer werden in kurzen Biographien vorgestellt.
In diesem Teil werden auch in Einträgen von jeweils einigen Zeilen alle ermordeten Schüler beschrieben, mit diversen Daten einschließlich Ort und Zeitpunkt der Ermordung. Von den 282 jüdischen Schülern wurden 28 ermordet. Auch der Religionslehrer Siegbert Pincus wurde ermordet, den sieben anderen Lehrern gelang die Flucht.
Selbst diese kurzen Einträge ergeben zusammengenommen mehr, als man von ein paar Zeit-und Ortsangaben erwarten würde. Schon aus dieser überschaubaren Zahl erhält man einen Eindruck von der Art, wie Deportation und Mord abliefen — Schüler der Radetzkyschule wurden zum Teil miteinander deportiert und miteinander ermordet. So wurden etwa Artur Sternbach, Anny Ormianer und Leopold Steiner alle am 23. November 1941 nach Kowno deportiert und dort am 29. November ermordet. Erika Gottesmann, Fritzi Rosenstrauß und Liesl Künstler gingen im selben Transport am 11. September 1942 nach Theresienstadt, zwei Wochen später folgten Gertrud Raubitschek und Gertrude Sohr nach. Fritzi Rosenstrauß und Gertrud Raubitschek waren miteinander in dieselbe fünfte Klasse gegangen; am 16. Mai 1944 wurden die beiden gemeinsam mit Liesl Künstler weiter nach Auschwitz transportiert und dort ermordet. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.
Es ist schwer vorstellbar, daß Schüler, die mit solchen Geschichten oder eben mit den Erinnerungen der Überlebenden zu tun haben, unberührt bleiben. In diesem Sinn ist das Projekt Radetzkyschule 1938 auch unter geschichtsdidaktischen Gesichtspunkten, die für die Motivation zu Beginn besonders wichtig waren, als sehr erfolgreich anzusehen. Darüber hinaus verdient das Buch aber auch für sich genommen und als Teil der sonstigen reichhaltigen Erinnerungsliteratur großes Interesse auch jenseits der konkreten Schule und der Personen, die mit ihr zu tun haben und hatten. Mit seiner Konzentration auf einen überschaubaren Lebensbereich, der speziellen Zusammenstellung der Quellen und der sorgfältigen und seriösen Ausführung kann der Band als Vorbild empfohlen werden.