Martin Mosser
Judenplatz. Die Kasernen des römischen Legionslagers
Wien archäologisch 5
Wien
Phoibos
2008
92 S.
€ 14,90
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 65—66
Das kleine, reichbebilderte Büchlein wendet sich an ein breites Publikum. Grundlage für das Buch sind die von 1995 bis 1998 durchgeführten Ausgrabungen am Judenplatz in Wien im Vorfeld für das geplante Holocaust-Mahnmal. Das untersuchte Areal liegt im Bereich des römischen Legionslagers Vindobona und im Bereich des spätmittelalterlichen Judenviertels, dessen Synagoge durch das Pogrom der Jahre 1420 und 1421 systematisch geschleift wurde. Die Wissenschaftlichen Ergebnisse wurden in der Reihe Monografien der Stadtarchäologie Wien veröffentlicht.
Ziel dieses Bandes ist es, die Geschichte des römischen Legionslagers von seiner Errichtung gegen Ende des 1. Jahrhunderts bis zum Ende der Besiedlung im 5. Jahrhundert in bezug auf den Judenplatz zu beschreiben. Das reichhaltige Fundmaterial gibt auch einen Blick in das Alltagsleben der einfachen Soldaten.
Mit der Errichtung der römischen Provinz Pannonien 9 n. Chr. kam auch das Wiener Becken unter römische Verwaltung. Wenige Funde sind für die ersten Jahre faßbar, erst mit dem Reiterkastell der ala I Flavia Augusta Britannica mil.c.R. unter Kaiser Domitian im Bereich des heutigen Schottenklosters auf der Freyung werden römische Siedlungsstrukturen hier klar sichtbar.
Das römische Legionslager entstand zwischen 97 und 102 für die legio XIIII gemina Martia victrix. Von Kaiser Hadrian bis Kaiser Marc Aurel war die legio X gemina hier stationiert. Nach den kriegerischen Auseinandersetzungen, den Markomannenkriegen, kam es ab 193 zu einem Aufschwung, da der Provinzstatthalter Septimus Severus von den Truppen in Carnuntum zum neuen Kaiser ausgerufen wurde. Im letzten Drittel des 3. Jahrhunderts schrumpfte Vindobona wieder, die Legionsvorstadt wurde aufgelassen. Die Unterspülungen durch die Donau und Hochwässer des Wienflusses und des Ottakringerbachs führten zum Absturz eines beachtlichen Teils des Lagerplateaus. Das Lager mußte dem neuen Gelände angepaßt werden. Durch die Tetrachie und die Militärreform durch Kaiser Diokletian veränderte sich Vindobona zu einer befestigten Siedlung mit Militärbesatzung. Ende des 4. Jahrhunderts begannen sich die militärisch strukturierten und verwalteten befestigten Siedlungen an der mittleren Donau aufzulösen, ein Münzdepotfund vom Fleischmarkt 6 hat die Schlußmünze 408. Im ersten Drittel des 5. Jahrhunderts wurde der Kernraum des römischen Vindobona — das alte befestigte Lager — endgültig verlassen.
In den groben geschichtlichen Hintergrund werden die Ergebnisse der durch Bautätigkeiten späterer Jahrhunderte stark gestörten Grabung eingehängt und interpretiert. Die römischen Mauern befinden sich in zwei bis drei Metern Tiefe. Auf einem Areal von circa 250 Quadratmetern wurden vier römische Gebäude mit Straßen und Wegschotterung freigelegt, die zum Lager gehörten. Schematisch werden die Bauten — Mannschaftsunterkünfte — rekonstruiert und erklärt. So werden zum Beispiel die Themen Aufbau einer Legion, wirtschaftliche Tätigkeiten (Ziegelproduktion), Lageralltag, Bewaffnung, Nahrung, Religion und Götterverehrung, Keramik, Wohnkomfort, Ende des Lagers behandelt. Interessant ist der spätantike Befund einer kleinen Glaserzeugungswerkstatt am Judenplatz. Die Deutung beruht auf der Form von gefundenen Ofenresten. Da die Funde im dicht verbauten Gebiet waren, dürfte es sich um eine Rohglas weiterverarbeitende Hütte gehandelt haben, da zur Erzeugung des Rohglases höhere Temperaturen notwendig waren. Wegen der Brandgefahr hat man diese Öfen nicht im Wohngebiet gebaut.
Im frühen Mittelalter verödete das Lager, und die Ruinen wurden nach archäologischen Funden als Begräbnisplätze genutzt. Erst im 12. Jahrhundert finden sich am Judenplatz wieder Reste von einer neuen Besiedlung.
Sehr aussagekräftig sind schematisierte Karten, zum Beispiel eine Karte, in der das römische Legionslager mit seinen Straßen über den heutigen Stadtplan gelegt ist. Durch die Beschriftung der wichtigen heutigen Straßen wird ein Gefühl für die Ausdehnung des römischen Lagers vermittelt. Eine andere Karte legt die Detailrekonstruktion des römischen Lagers mit eingezeichneten Gebäuden und Straßen über den heutigen Plan. Photos und Rekonstruktionszeichnungen von Funden (Keramik, Waffen, Münzen, Grabsteine et cetera) ergänzen und veranschaulichen den Text. Das Büchlein bietet die Geschichte des Judenplatzes in der Antike und gibt einen Überblick über Wien zur Römerzeit.