Ulrich Nefzger

Salzburg und seine Brunnen: Spiegelbilder einer Stadt

 

Salzburg
Residenz-Verlag
1980
198 S.

 

Habilitationsschrift [1987], Universität Salzburg

 

Rezensent: Adam Schattauer

Historicum, Winter 1987/1988, 5—8

Eine Vorbemerkung

In der Redaktion bin ich ein Outcast, seit ich eine jüngere Wissenschaftlerin durch eine Habilitationsbesprechung so verärgert habe, daß sie sich zur brieflichen Darlegung ihrer Verachtung von polemisierenden Pseudonymikern veranlaßt sah und deshalb in der Replik der verantwortliche Redakteur unter seinem guten Namen nachpolemisieren mußte.

Nach vier Jahren der Buße — ich durfte keine Habilitationen mehr lesen —, verschärft durch den Auftrag zur Beschäftigung mit Deutsch- und Österreichnationalismus, wurde mir nun das letzte Drittel meiner Strafe bedingt erlassen.

Als schmerzhafter Renatiationsritus in die Redaktionsgemeinschaft wurde mir ein hübscher Band (Leinen) überreicht — eine Habilitationsschrift.

Freilich erschien das opus magnum des nunmehrigen Dozenten im Residenz-Verlag, der auch kürzlich auf eine lyrische Täuschung (unter Pseudonymen!) hereingefallen ist, wogegen eingewandt werden kann, daß im Erscheinungsjahr 1980 ja von einer Habilitation noch keine Rede war.

Doch zurück in die Redaktion. »Nimm das«, sagte der verantwortliche Redakteur, »und wehe Dir, wenn Du wieder unter einem Pseudonym polemisierst. Ich will endlich einmal eine positive Habilitationsbesprechung geliefert bekommen. Also halt Dich zurück, und streng Dich an.«

In zurückhaltender Anstrengung machte ich mich also abends darauf an das Lesen. Das ging so an:

»An den Ursprüngen

Nicht süß und mild bleibt der Name dieser Stadt auf der Zunge dessen, der ihrer Eigenart in ihren Ursprüngen nachspürt, sondern Herbheit und Festigkeit werden darin beredt: Keineswegs leicht eingängig und verführerisch bewahrt Salzburg in seinem Namen das Gedächtnis an den elementaren Quellgeschmack seiner Anfänge.«

Da ich offensichtlich besoffen war, klappte ich das Ding zu, legte es weg und mich zu Bett.

Mit einem schalen Geschmack im Mund erwachte ich am nächsten Morgen. Angestrengt schlug ich erneut die Seite 5 auf und las:

»An den Ursprüngen

Nicht süß und mild bleibt der Name dieser Stadt auf der Zunge dessen, der ihrer Eigenart in ihren Ursprüngen nachspürt, sondern Herbheit und Festigkeit werden darin beredt: Keineswegs leicht eingängig und verführerisch bewahrt Salzburg in seinem Namen das Gedächtnis an den elementaren Quellgeschmack seiner Anfänge.«

Ich zweifelte trotz meiner soliden Arroganz an meinem Verstand. Das Buch ist nicht dick, daher steckte ich es mühelos in meine Aktentasche und nahm es mit zu einem Freund, einem Naturwissenschaftler. Auch er kennt die Universität von innen sehr gut.

»Das ist eine Habil«, sagte ich zu ihm, »lies einmal nur den Anfang«. Er tat, wie ich ihn geheißen hatte. »Ja«, sagte er, »das ist nicht schlecht«. Nun ist mein Freund ein Zyniker, und er grinste.

Eine Bemerkung

Worum geht es? Ulrich Nefzger behandelt Salzburg und seine Brunnen. Keinesfalls uninteressant also. Durchaus bemerkenswert auch für den Leser, welche Vielzahl von Brunnen in Salzburg existieren, welche Vielzahl von Funktionen und welche Bedeutung für Stadtbild und Alltagsleben sie haben und hatten.

Mit dem Leser sind wir am problematischen Punkt, vielmehr der Unzahl problematischer Punkte, der Arbeit: Sie ist — wie schon der erste Absatz zeigt — unlesbar. Nun ist die Präsentationsform einer Forschungsarbeit zweifellos nicht entscheidend für den wissenschaftlichen Gehalt, man denke, um nur im Bereich der Kunstgeschichte zu bleiben, bloß an katalogartige Aufarbeitungen.

Hier aber ist die Form der Darstellung nur Ausdruck des substanziellen und konstitutiven Mangels einer Schule der Kunstgeschichte, die sich auf hymnisches Geschwafel und wildes Assoziieren statt präziser Beschreibung und Begründung von Erklärungen verlegt hat.

Natürlich könnte ich jetzt eine Unzahl von Absätzen aus dem Buch zitieren, und es fällt die Auswahl aus der Fülle derart ungeratener Beispiele schwer. Ich beginne daher mit einem schlichten Beispiel — einem schlichten Brunnen, der Zisterne im Hof des Traklhauses: »Ungeglättet, aus rauhem Konglomerat gebildet, weist der Schachtaufsatz, wie die starken Säulen auch, auf die elementare Naturmacht von Wasser und Fels hin, zwischen denen die Stadt erwuchs« (S. 172—173). Wieso weist er auf die »elementare Naturmacht von Wasser und Fels« hin? Wenn der Zisternenaufsatz aus Holzbohlen bestünde, wiese er dann auf den elementaren Zusammenhang zum Holz hin, aus dem wichtige Teile der Häuser sind, und aus dem auch die Brücken über das Wasser — jawohl, das wäre es, schon wieder »Wasser« - waren? Alles Unsinn — immer und überall auf der Welt »verweist« ein steinerner Brunnenaufsatz auf Wasser und Fels, da gibt's nichts hineinzugeheimnissen. Zu klären wäre allenfalls, ob bestimmte Gründe für die Schmuckhaftigkeit bestanden. Diese bestanden wohl in geringer plastischer Bearbeitbarkeit des Konglomerats — weshalb allenfalls weiter zu klären wäre, warum nicht ein anderer Stein verwendet wurde oder bestimmte plastische Applikationen aus anderem Stein erfolgten. Waren es finanzielle Gründe? Oder ästhetische?

So ist dieses Beispiel typisch für den einen Grundzug der Nefzger'schen Arbeit — das dauernde Bemühen um Verbindungen, um die Darstellungen von Beziehungen, die bloße Hypostasierungen von Trivialitäten oder überhaupt schlichte — und schlechte — Phantasie darstellen.

Der zweite Grundzug ist die enervierende Art des Besingens der Kunstwerke selbst. Auch hier zunächst ein schlichtes Beispiel: »Dieses virtuos aus Carraramarmor gemeißelte Konglomerat organischen Lebens zeigt eine vibrierende Oberfläche, in der Vegetabilisches und Animalisches ineinandergleitet, um sich darunter gleichsam zur versteinerten Schneckenmuschel spröd zu erhärten« (S. 115). Es handelt sich um einen römischen Wandbrunnen im Barockmuseum, von dem allerdings nichts über Herkunft oder frühere Verwendung gesagt wird. Nüchtern betrachtet, stellt sich der Aufbau so dar: auf einer Spirale, die als eingeringelter Schlangenleib aufgefaßt werden muß, sitzt ein muschelartiges Wasserbecken. Darüber tritt aus einer die Wandfläche abdeckenden pflanzlichen Kartusche der Kopf jener Wasserschlange, deren Unterteil zusammengeringelt das Becken trägt. Aus ihrem Maul speit sie das Wasser. Was aber ist eine »vibrierende Oberfläche«? Wieso gleitet »Vegetabilisches und Animalisches ineinander«? Die Schlange tritt lediglich z. T. vor das Blattwerk, z. T. verbleibt sie hinter ihm (unsichtbar in der Mauer).

Die Begriffe »gleichsam«, »sozusagen«, »gewiß« und »sicherlich« ziehen sich verräterisch durch die Arbeit.

Die Mariensäule auf dem Domplatz stellt »sozusagen einen dritten Brunnen im Bereich des Doms« (S. 152) dar (neben Residenzplatz- und Kapitelplatzbrunnen). Warum, verdammt, wird eine Säule »sozusagen« zum Brunnen? Antwort: »da Maria dort als ›Brunnquell der Liebe‹ angesprochen wird« (S. 152). Man hält es für einen Scherz — warum wurde nicht ein Marienbrunnen errichtet, wenn es um einen dritten Brunnen gegangen wäre?

»Allein in Firmians Schlafzimmer befanden sich sechs Uhren, darunter eine mit einem Globus und eine beleuchtete Nachtuhr — gewiß eine Uhrenleidenschaft, die sich der Fürstentugend der Mäßigung ebenso verbunden weiß wie der Wachsamkeit« (S. 109). Gewiß eine Uhrenleidenschaft — aber ist es ebenso »gewiß«, daß »sie sich der Fürstentugend der Mäßigung ebenso verbunden weiß wie der Wachsamkeit«? Warum nicht einem memento mori? Im übrigen — da sich die Arbeit mit Brunnen befaßt: Hier geht es um die 1732 neu aufgestellte Marstallschwemme (beim heutigen Neutor).

»Sigismund Christoph Schrattenbach war in seinen Charakterzügen widersprüchlicher Art gewiß phänotypisch für Wesenszüge des zur Neige gehenden Barock im 18. Jahrhundert« (S. 117). »Gewiß«? Die Charakterzüge des Bischofs Schrattenbach? »Gewiß«? Die Wesenszüge des zur Neige gehenden Barocks? Nun stellt sich die Frage, welcher Brunnen hier meditiert wird. Antwort: kein wirklicher! Es geht nur um die Huldigungsschrift zu seiner Wahl 1753, auf deren Titelkupfer unter anderem ein Brunnen abgebildet ist!

Ob unter Umständen in der Regierungszeit Schrattenbachs doch irgendwelche Brunnen errichtet wurden, ist nicht so einfach zu klären, da ein Register oder ähnliches fehlt. Aufgefallen ist mir nur, daß das Becken des Brunnens an der Monikapforte von 1756 ist. Diese Monikapforte wurde zur Verstärkung der Augustinuspforte 1638 erbaut. Durch diese Verstärkung »verdoppelt sich der gegen die Irrgläubigkeit gerichtete Bollwerkscharakter durch den Anruf, daß Monika den Augustinus ›zweimal geboren hat‹. Damit wird auf die Bekehrung des Heiligen durch seine Mutter hingewiesen — und so mögen die von Augustinus selbst überlieferten Worte eines frommen Bischofs, womit dieser der weinenden Mutter Zuversicht für die Bekehrung gab, den insgeheimen, tröstlichen Sinn des Brunnenwassers an der Monikapforte entdecken: ›Gehe ruhig hin, der Sohn von so viel Tränen wird nicht zugrunde gehen‹« (S. 150—151).

Derart »insgeheimer« Sinn — der Brunnen entstand schlicht an der Stelle einer alten Zisterne der Schanze — wird nur noch von einer »insgeheimen ikonographischen Wechselbeziehung« überboten:

Am Treppenaufgang des Eingangs zur Nonntaler Kirche (St. Erhard) befindet sich ein Brunnen, dem zeitweise Wunderkraft zugeschrieben wurde. »Sicherlich [sic!] liegt diesem Volksglauben die Legende zugrunde, wonach die blindgeborene Ottilie bei der Taufe durch Erhard das Augenlicht erhielt. Nach heftigem Widerstreit mit ihrem Vater räumte ihr dieser zu einer Klostergründung einen Platz auf der Hohenburg ein, dem späteren Kloster Ottilienberg im Elsaß. Auch der zweiten Gründung am Fuße des Berges, dem Niedermünster von Spital und heilkräftiger Quelle, stand sie als Äbtissin vor. Aus der Topographie dieser Legende erweist sich die alte Verbindung des Erhardspitals mit dem direkt darüberliegenden Kloster Nonnberg« (S. 153). So weit, so gut. Nun — in unmittelbarer Fortsetzung — zur »insgeheimen ikonographischen Wechselbeziehung«: »Als insgeheime ikonographische Wechselbeziehung zeugt davon die salzburgisch-spätgotische Figur der hl. Ottilie am rechten Zugang zur Krypta der Gründerin von Nonnberg, der hl. Erentrudis.« Bleibt also nur noch offen: Haben die spätgotischen Plastiken — »insgeheim« — schon vom Treppenbrunnen um 1685 gewußt? Oder bloß die barocken von der Kryptafigur? Oder haben die Gläubigen ganz schlicht auf die Patronanz des hl. Erhard vertraut und ist die Sache von Nefzger zwar gut ausgedacht, aber doch nicht »sicherlich«?

»Sicherlich« auch »stellt das Geschenk des Erzbischofs, der Delphinbrunnen im Klostergarten von St. Peter, eine Geste dar, um das überdies in Fragen des zeremoniellen Vortritts recht angespannte Verhältnis zwischen Erzstift und Domkapitel wieder milder und versöhnlicher zu gestalten.« Drei Zeilen weiter jedoch: »notierte dann 1664 Abt Armand Pachler die endliche Fertigstellung des fürstlichen Geschenks in seinem Tagebuch, wobei seine Verdrießlichkeit ob der durchaus noch erheblichen Installierungskosten für das Kloster recht merkbar ist« (S. 69). Sicherlich eine Geste?

Aber bisher bin ich nur — mit Ausnahme der Marstallschwemme — auf recht kurz abgehandelte Brunnen zu sprechen gekommen.

Ausführlich werden der Residenzplatzbrunnen, die Kapitelplatz- und Marstallschwemme, der Herkulesbrunnen in der Residenz und Hellbrunn behandelt. Da diese ausführlichen Abhandlungen wiederum, zumindest teilweise, aus vielen derart schwer nachvollziehbaren Elementen bestehen, können sie hier weder referiert noch kritisiert werden.

Ich darf aber einige Anmerkungen zur Behandlung des Residenzplatzbrunnens machen. Nefzgers Beschreibung: »Dabei ist es nicht so sehr die Einmaligkeit seiner Motive, sondern deren Formulierung als Elementargewalt, die ihn derart mit der Weite des Platzes verklammert, daß der ganze Platz zu pulsieren beginnt. Von seinen unmittelbaren architektonischen Begrenzungen her steht der Raum im Spannungsfeld von weltlicher Hoheit und sakraler Würde. Sein Zentrum verdichtet sich zur schön gesetzten Geometrie einer Basis, deren Disposition dem kristallinen Grundriß einer Festungsanlage gleicht. Nur spröd bewegt und voll profilierter Exaktheit fügen sich die Teile des Beckenrandes zueinander, so daß das amorphe Wasser in der Zucht einer komplex konzentrierten Form gehalten wird« (S. 60—61).

Zu dieser Baedeker-Lyrik (eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Reiseführer!) ist an sich jeder Kommentar überflüssig.

Nefzger stellt dann sophistische Überlegungen im Zusammenhang mit der Beobachtung an, "daß die Silhouette des Brunnens mit der Spitze der Fontäne in das Zentrum der Turmuhr" (des Neugebäudes) weise: »Die Uhr, die im Rund der Zeiger den Lauf der Sonne angibt, erscheint gleichermaßen durch den olympisch-zeitenthobenen, apollinischen Abglanz gelöscht, wie sie damit auch als ein beständig unnachsichtiger Hinweis die Endlichkeit zeitlichen Verströmens hinter der Pracht der Stunde anmahnt« (S. 62).

Allerding nur in einer Idealansicht (Paul Seer vor 1665), denn er muß dann ausführen, daß es erst 1680 gelang, den Wasserdruck so zu stabilisieren, daß die Fontäne 16 Schuh Höhe hielt.

Zum kunsthistorischen Zusammenhang: »Sicher ist jedenfalls, daß der ausführende Leiter des tatsächlich gebauten Brunnens zwei Brunnen Berninis in Rom — den Triton- und den Vierströmebrunnen — nicht nur gekannt, sondern auch verstanden hat, um dann ihren Sinngehalt glänzend auf Salzburg und den Bauherrn zu transponieren« (S. 63). Nun wird im Bildhandbuch der Kunstdenkmäler Rom (Bd. II) zum Vierströmebrunnen festgehalten, daß sein Konzept »in den Bereich des Fürstenlobes mit dem Herrscher als Wasserspender« gehöre, was nicht einmal Nefzger für den Residenzplatzbrunnen behauptet — Guidobald Thun muß sich also zumindest nicht mit dem hornblasenden Triton vergleichen lassen.

Ebensowenig stimmt die optische Einschätzung: »Dort antwortet die reine Absolutheit der zu anorganischer Steinglätte geschliffenen und dem Wasser entzogenen Unterseite der zentralen Brunnenschale auf die animalische Vielfältigkeit des Felsenberges, aus dessen wasserüberglänzter Bewegtheit auch die dumpfe Körperkraft der Giganten aufwächst« (S. 64). Wie sich jeder selbst überzeugen kann, erscheinen die Giganten, die die Brunnenschale tragen, einfach ebenso hell und glänzend wie die Schalenunterseite, während die Felsengebirge tatsächlich dunkel sind.

Eine Zwischenbemerkung

Ich selbst habe übrigens alles Mögliche — nicht nur verschiedenste andere Lektüre — versucht, um nicht mittendrin im Band ganz aufzugeben:

Mehrmals habe ich die Wohnung ordentlich aufgeräumt, mehrmals habe ich den Geruch der Pferdescheiße am Residenzplatz (Fiaker!) in Kauf genommen beim Versuch der Nachmeditation, mehrmals habe ich es mit Alkohol versucht, gezielt hochprozentig, was aber nur zum Geruch des Pferdemists im Haar den des Grappa im Atem gebracht hat.

Allerdings wurde damit die Entlehnfrist in der Salzburger UB kräftig überzogen, was mir schon wegen der Mahngebühr den Groll des verantwortlichen Redakteurs und Entlehners eingetragen hat. Ich bitte alle die, denen dadurch die Lektüre verwehrt war, um Entschuldigung und verweise auf mein schlußendliches Mittel der Rettung in der Lektürenot: Nach dem Prinzip der Selbstbelohnung geht es von Farbbildteil zu Farbbildteil. Von den etwa 190 Seiten sind 80 Seiten Farbbilder, wozu noch einige Kupfer-Reproduktionen kommen.

Noch eine Bemerkung

Je mehr der Autor seiner Phantasie die Zügel schießen läßt, umso schlimmer nicht nur für Stil und Verständlichkeit, umso schlimmer auch für die Fakten:

1699 reist die Braut Josephs I., Amalia Wilhelmina von Braunschweig-Lüneburg, durch Salzburg. Sie wird beschenkt: »eine kunstvolle Tischuhr, ein Spiegel und — anspielend auf die Zahl der Planeten und der Kurfürsten — eine Siebenzahl von Pferden, die dem herrscherlichen Reitpferd zugeordnet sind« (S. 77).

Schön wär die Anspielung gewesen, wenn nicht 1654 schon die 8. und 1692 die 9. Kurfürstenwürde vergeben worden wären (welcher Brunnen übrigens? Klar: Pferde — Marstallschwemme).

Oder: »So wurde bei diesem feierlichen Anlaß das ›Festgefügte‹ und ›Festhaltende‹ des Empfangs vor allem gegenüber dem amorph-besinnungslosen Wasser (wie auch gegenüber der verzehrenden Macht der Zeit) programmatisch betont, weil das ›Fest‹ tatsächlich bis in seine Wortwurzel dem ›Feststehenden‹ entspringt« (S. 53).

Pech: Das Fest kommt von lateinisch festum und ist mit Feier, Ferien etc. verwandt, fest hat eine Vielzahl indoeuropäischer verwandter Wörter, die auf fester Wohnsitz, Haus und Hof etc. zurückgehen. Nix Ferien also — Alltag.

Und: Die Salzach ist kein Strom, so gerne Nefzger dies aus stilistischen Gründen hätte (S. 40).

Nefzger geniert sich aber seiner wilden Assoziiererei durchaus nicht. Er wendet sie geradezu quasi-theoretisch: »So wenig die Aufeinanderfolge geglückter Reime in einem Gedicht Zufall ist, sondern diese sich gleichsam aus innerer Notwendigkeit so und nicht anders fügen, ebensowenig ist auch das Ensemble der barocken Brunnenanlagen Salzburgs in seiner Gestaltungsvielfalt etwas Heterogenes. In ihrer räumlichen und zeitlichen Folge mag manches Überraschende sein, doch stehen sie bei näherer Betrachtung untereinander in einer gedanklichen Filiation, deren variierende Thematik von den sich wandelnden Vorstellungen im Lauf der Zeit bestimmt wird« (S. 70). Reime stehen aber nicht aus »innerer Notwendigkeit« so und nicht anders, sondern weil sie der Autor so und nicht anders gesetzt hat. Und wenn die Übertragung eines — schlechten — Bildes aus der Poetik auf die Realität der Stadtlandschaft auch sprachlich wirr ist, steht doch fest, daß die »gedanklichen Filiationen« — vornehm ausgedrückt — Rezeptionsweisen sind. Solche können aber, wenn Wissenschaft betrieben werden soll, nur empirisch beobachtet oder theoretisch begründet werden. Bloße Darstellung genügt nicht, auch wenn im Gedankenstrom richtige Elemente vorbeischwärmen mögen. Der Bezug auf den barocken Glauben ist halt verfänglich: »Es gibt keine Vereinzelung — alles ist Zusammenhang und belebt sich darin durch den Geist über Raum und Zeit hinweg« (S. 64).

Ich kann nun nicht beurteilen — zumindest in der gedruckten Ausgabe wird nur in allgemeiner Form auf Literatur und Quellen verwiesen —, wieweit in positivistischer Form eigene Forschungsergebnisse Nefzgers vorliegen, also etwa Datierungen, Zuschreibungen etc. Falls derartige Leistungen vorliegen, gehen sie im Wust der z. T. grotesken Bemerkungen und Gedankensprünge unter. Wenn aber der wissenschaftliche Gehalt in diesen (Pseudo)Deutungen und (Pseudo)Interpretationen bestehen soll, dann ist ein ernsthafter Selbstklärungsprozeß der Kunstgeschichte als Wissenschaft notwendig. Im Vergleich zum Gebotenen stellt nämich eine Horoskoperstellung präzise Wissenschaft dar. Und gelesen werden Horoskope bekanntlich eher als derartige Elaborate.

Eine Nachbemerkung

Unter dem Titel »Professorenloch« — mein Gott, was drängen sich einem da für Assoziationen auf — hat Gustav Seibt kürzlich (27.1.88) in der großformatigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben: »Unter jüngeren Studenten, die über einen Universitätswechsel nachdenken, kursiert ein neues Wort: das Wort vom ›Professorenloch‹.«

Nun habe ich mit jüngeren Studenten nicht mehr so viel zu tun und hänge dem Vorurteil an, daß die jüngeren WU'ler oder Juristen den »Universitätswechsel« vielleicht für ein Wertpapier halten. Ich habe daher mit Interesse zur Kenntnis genommen, was es tatsächlich damit auf sich hat: »Mit ihm notieren die, welche sich ihren Studienort unter dem Gesichtspunkt aussuchen, wer ihr Lehrer sein werde, den Rückzug einer ganzen Generation von Professoren aus dem universitären Lehrbetrieb. […] Die Rede vom ›Professorenloch‹ meint nicht, daß Lehrstühle unbesetzt bleiben; sie benennt die Tatsache, daß die Zahl der akademischen Lehrer, deretwegen man die Mühe eines Studienortwechsels auf sich nimmt, augenblicklich klein zu werden scheint.«

Doch bisher war dies nur die Vorbemerkung der Nachbemerkung, ich komme vom Thema ab — der Gegenstand prägt den Beobachter. Was ich eigentlich aus der FAZ zitieren wollte, war dies: »[…], daß sich vielen Beobachtern der Eindruck von Stagnation, von solider, aber ideenloser Routine aufdrängt. Die Doktorarbeiten und die Habilitationsschriften werden immer dicker und sind immer mühsamer zu lesen, aber immer öfter ist ihre Hauptqualität, daß sie erschöpfend sind, anstatt anregend und erhellend zu wirken. Und daneben lassen hektische Versuche, die Kette der Innovationen nicht abreißen zu lassen, den Rand des Verrückten und Verstiegenen, ohne den Geisteswissenschaft nie auskommt, zur Zeit wieder breiter werden.«

Ja — dem dürfte nur in einem Punkt zu widersprechen sein: Die Habilitationsschriften müssen nicht »dicker werden«.

Sonst aber überlasse ich es den Lesern: War diese erschöpfender oder verstiegener? Mühsamer zu lesen oder verrückter?

Und wenn sich Herr Nefzger über Polemik beklagen sollte — das war nicht ich, das war Gustav Seibt. Aber ich stehe dazu, und wenn ich jetzt acht Jahre (zwei Jahre Strafrest plus neuerliche Verurteilung) keine Habilitationen besprechen dürfte.