Die billig und gerecht Denkenden in unserem Land beklagen zu Recht den Einfluß von bornierten nationalstaatlich orientierten Parteien wie des Front national, der Ukip, der AfD, des Fidesz, der PVV, der FPÖ und anderer.
Nun hat sich vor einiger Zeit anläßlich eines Berufungsverfahrens an der Universität Graz eine Diskussion über die drohende Überfremdung der österreichischen Universitäten entwickelt. Es ging um um die Nachfolge von Helmut Konrad, der Professor für ›Allgemeine Zeitgeschichte unter Berücksichtigung außereuropäischer Länder und Kulturen‹ war. Im (mittlerweile auf Eis gelegten) Berufungsverfahren waren österreichische Bewerber erfolglos, was den ORF veranlaßt hat, sich zum Sprachrohr einer enttäuschten Bewerberin aus Österreich zu machen.1 Diese Bewerberin war Heidemarie Uhl. Wer die anderen Bewerber waren, wurde nicht gesagt, aber die Darstellung lief darauf hinaus, daß man Frau Uhl nicht hätte übergehen dürfen. Dem HISTORICUM sind die anderen Bewerber nicht bekannt, allerdings gibt es so viele qualifizierte Zeitgeschichtler, daß die Vorstellung, einen Berufungsvorschlag mit anderen Namen zu füllen, und durchaus auch mit lauter Deutschen, überhaupt nichts Abwegiges an sich hat.
Vom ORF besonders hervorgehoben wurde die Behauptung, deutsche Wissenschaftler seien gar nicht in der Lage, auf dem Gebiet der österreichischen Zeitgeschichte, der Wirtschaftsgeschichte oder auch der österreichischen, ähem, Deutschen Philologie zu forschen. Im Standard hat sodann unter anderem der pensionierte Soziologiedozent Reinhold Knoll nachgestoßen:2 mit der Berufung von Deutschen würde es »keine dezidierte Analyse österreichischer Gesellschaft mehr« geben. Deutsche sind nämlich jämmerliche Pseudoempiristen.
Knoll hat auch dargelegt, wie die Berufungen von Deutschen im einzelnen zustande kommen: Aufgrund des Bologna-Prozesses seien Lehrinhalte dogmatisiert worden, und mit so etwas würden Deutsche besser zurechtkommen. Die Deutschen seien rhetorisch im Vorteil. Die Deutschen hätten PowerPoint. All das ist ungerecht.
Wenn die Deutschen, so Knoll, erst einmal da sind, dann verselbständigt sich der Prozeß. Zuerst nehmen die Deutschen Mitarbeiter mit, deutsche natürlich. Diese deutschen Mitarbeiter besetzen die Mittelbaustellen. Dann setzen sich die Deutschen in die Berufungskommissionen an ihrer Universität und berufen zusätzliche Deutsche.
Irgendwann wird man an den Universitäten nur mehr Deutsch sprechen und nicht mehr die gute alte Unterrichtssprache, das Hurdestanische. Dann klingt es wie zu Hause bei Christina Stürmer.3
Soweit Knoll. In der Presse hat sich einige Zeit darauf Michael Hochedlinger in ähnlichem Sinn geäußert, beginnend mit dem Satz »Seit Gewissheit besteht, dass auch der Zeitgeschichte-Lehrstuhl in Graz in nichtösterreichische Hände fallen wird, …«4 — also: Zuerst Schlesien, dann der Grazer ›Lehrstuhl‹, was kommt als nächstes? Jedenfalls »beherrschen deutsche Arbeitsmigranten nicht nur die Zeitgeschichte, sondern die universitäre Geschichtswissenschaft insgesamt«, »Österreichs historische Universitätsinstitute« würden »als Überlaufbecken für die deutsche Privatdozentenschwemme missbraucht«. Dann zählt Hochedlinger einzeln jene Professoren deutscher Herkunft auf, die an den historischen Instituten in Österreich arbeiten. Nur bei der Universität Wien heißt es einmal pauschal: »Unter den drei Professoren für Osteuropäische Geschichte befindet sich gleich gar kein Österreicher.« Tatsächlich ist einer der drei ein Schweizer, eine Professorin ist Deutsche. Wo der dritte Professor einzuordnen ist, sei mangels Kenntnis seiner Personaldokumente dahingestellt, aber da er in Wien geboren, promoviert und habilitiert ist, könnte man in jedem Fall ein Auge zudrücken. Die Auflistung Hochedlingers zeigt die Ergebnisse einer selektiven Auszählung: Wer eine Strichliste führt und dabei nur die Deutschen (oder was er dafür hält) registriert, den Rest aber nicht, wird zum Ergebnis kommen, daß es nur Deutsche gibt.
Die Folgen sieht Hochedlinger ähnlich wie Knoll: Die deutschen Professoren holen sich Assistenten und Projektmitarbeiter aus Deutschland, ja, sogar die Ehepartner kommen nach! Mit österreichischen Themen befassen sich Deutsche nicht, können es auch nicht. Knoll: der Deutsche »findet sich in den Untiefen örtlichen Geisteslebens kaum zurecht«.
Ja, man hat es auch schon von anderer Seite ähnlich gehört, aber es klingt immer wieder schlimm: Arbeitsmigranten kommen daher, besetzen die Arbeitsplätze, dann holen sie die Familie nach, und die kulturelle Integration verweigern sie. Das Ergebnis: eine ›—isierung‹, in diesem Fall eine »Germanisierung«. Hochedlinger: »Ortlosigkeit«!
Berufungsverfahren
Wie laufen Berufungen tatsächlich ab? Der Wissenschaftsmarkt ist ein internationaler Markt, in dem die nationale Herkunft im Idealfall keine Rolle spielt. Prinzipiell geht es bei Berufungen um Qualität. Qualitätsvorstellungen sind gewiß nicht einheitlich, aber die nationale Herkunft gehört definitiv nicht zu den in Frage kommenden Qualitätsmerkmalen. Andererseits: Was heißt schon nationale Herkunft? Geht es um die Staatsbürgerschaft? Um das Land, in dem man promoviert wurde? Um das Land, in dem die Habilitation erfolgt ist? Die folgenden Auszählungen stammen aus einem Berufungsverfahren im Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Linz 2015. Bei diesem Verfahren gab es 51 Bewerbungen. Das Land der Staatsbürgerschaft war in 80 Prozent der Fälle das gleiche wie das Land der Promotion und in 75 Prozent das gleiche wie das Land der Habilitation. Die Ergebnisse unterscheiden sich nicht sonderlich, ob man nun die nationale Zuordnung anhand von Staatsbürgerschaft oder Promotion vornimmt.
Nehmen wir also an, daß durchschnittliche Bewerber aus Deutschland ungefähr so gut sind wie durchschnittliche Bewerber aus Österreich oder durchschnittliche Bewerber aus dem Rest der Welt. Die Einteilung folgt praktischen Gesichtspunkten: In dem genannten Verfahren gab es, nach Promotionen gezählt, viele Bewerber aus Deutschland (knapp 60 Prozent), eine mittelgroße Gruppe aus Österreich (25 Prozent) und eine kleine Gruppe aus einer Handvoll anderer Länder (17 Prozent). Nach Staatsbürgerschaft gezählt, war die Zahl der Deutschen noch höher, nämlich dreimal so hoch wie die Zahl der Österreicher.
Dieses Szenario aus einem einzelnen Verfahren (wenn auch mit einer stattlichen Anzahl von Bewerbungen) ist für große Teile der historischen Wissenschaften typisch: Bei allen Unterschieden im Detail gilt, daß sich viel mehr Deutsche als Österreicher bewerben. Bei einer halbwegs fairen Durchführung von Berufungsverfahren ist es unvermeidlich, daß mehr Deutsche als Österreicher berufen werden. Im Einzelfall kann natürlich jedes Resultat herauskommen, aber im Durchschnitt ist es klar, daß an den österreichischen Universitäten mehr Deutsche als Österreicher lehren sollten.
Daß der Anteil der Österreicher unter den Bewerbern überhaupt so hoch ist, hat mehrere Gründe. Ein Grund liegt darin, daß der Arbeitsmarkt für Wissenschaftler stark segmentiert ist. Die dabei wirksamen Faktoren wirken in unterschiedlichen Fächern unterschiedlich stark; in den historischen Wissenschaften (so wie in vielen anderen) ist es offenkundig, daß die Sprache eine große Rolle spielt. Die meisten Wissenschaftler weltweit können weder Deutsch noch Hurdestanisch. In manchen Universitäten oder an einzelnen Departments (auch in Österreich) löst man entsprechende Probleme, indem man Englisch zur Geschäftssprache und Unterrichtssprache erklärt. Selbst wenn dies allgemein geschehen würde, bliebe selbst bei einem Anstieg der Zahl Nicht-Deutschsprachiger immer noch eine Marktsegmentierung, wie man am Zahlenverhältnis zwischen Deutschen, Österreichern und Schweizern im besprochenen Verfahren sieht: Eigentlich müßte es im Vergleich mit österreichischen Bewerbern zehnmal so viele deutsche und etwa gleich viele Schweizer Bewerber geben. Tatsächlich beträgt die Zahl der Deutschen das Dreifache, jene der Schweizer ein Zehntel.
Soviel zu den Bewerbern. Aber wie werden die Verfahren selbst durchgeführt? Wer keine Deutschen möchte, könnte die vielen deutschen Bewerber mit der Begründung ausscheiden, daß die Österreicher im Durchschnitt einfach viel besser als die Deutschen sind. Das ist allerdings schwierig, weil es für eine solche Annahme keinen Anhaltspunkt gibt. Die Alternative wäre, mit der Berufung auf politische Zwecke Deutsche auszuschließen und Österreicher zu berufen (Hochedlinger: »Österreicher sein hieß lange so viel wie ›nicht-deutsch sein‹. Die entnazifizierte österreichische Geschichtswissenschaft hatte daran tatkräftig mitzuarbeiten.«) Das wäre wiederum rechtswidrig.
Wie sieht es faktisch aus? Werden in den Verfahren die Deutschen bevorzugt und die Österreicher benachteiligt? Man kann ein solches Verfahren, das ja in mehreren Runden abläuft, in der Art einer Sterbetafel untersuchen: Wie hoch ist die Chance, daß ein Bewerber eine Runde überlebt? Ist diese Chance unabhängig von nationalen Kriterien?
Eher nicht. Zum Beispiel betrug im genannten Verfahren in Linz die Wahrscheinlichkeit, daß ein Bewerber die erste Runde überlebte, unter den Österreichern etwa 60 Prozent, unter den Deutschen 25 Prozent, unter den sonstigen 55 Prozent. In der zweiten Runde waren die Überlebensraten knapp über 60 Prozent bei den Österreichern, 30 Prozent bei den Deutschen und 40 Prozent beim Rest. Folgerichtig (Multiplikation der Quoten) kamen knapp 40 Prozent der Österreicher zum Berufungsvortrag, aber nur 7 Prozent der Deutschen und etwas über 20 Prozent der sonstigen. Diese Zahlen indizieren, daß entweder die Österreicher herausragend waren oder daß das Verfahren nicht perfekt nach den Vorschriften des Bundes-Gleichbehandlungsgesetzes durchgeführt worden ist. (Ähnlich erstaunlich war die Wirkung des Faktors Geschlecht: Bis zum Vorsingen überlebten 63 Prozent der Bewerberinnen, aber nur 9 Prozent der Bewerber — ein eindrucksvolles Beispiel für die höhere Lebenserwartung von Frauen.) Um zu einem realistischen Gesamtbild zu kommen, würde bereits eine gleichartige Untersuchung einer überschaubaren Zahl von Berufungsverfahren ausreichen.
Qualität
Die billig und gerecht Denkenden können sich also beruhigt zurücklehnen. Ja, es gibt Fremde, Ausländer, die aus anderen europäischen Ländern daherkommen, weil sie es halt dürfen. Aber das ist nichts Böses und sogar eine kulturelle Bereicherung, solange sich diese Leute in anderen Branchen bewegen. Im universitären Bereich spielt sich zum Glück nicht viel ab, denn die meisten Ausländer, die fachlich in Frage kämen, bewerben sich erst gar nicht. Das ist beruhigend, weil damit unsere Offenheit, die Offenheit der Gebildeten, der Aufgeklärtesten der Aufgeklärten, der politisch auf der richtigen Seite Befindlichen, mit einem Wort: die Offenheit der Universitätslehrer, im einzigen Bereich, der uns höchstpersönlich betrifft, nämlich bei der Bestellung von wissenschaftlichem Personal an den Universitäten, nicht auf die Probe gestellt wird. Oder vielleicht doch ein bißchen, denn Xenophobie lebt ja mehr von der Verlustangst als vom wirklichen Verlust. Trotzdem: Die Ausländer nehmen uns die Stellen nicht weg. Die Ausnahmen sind die paar Deutschen.
Damit noch einmal zurück zu den Deutschen. Herr Knoll hat diagnostiziert, daß die Deutschen, die nach Österreich berufen werden, zweitklassig sind. Hochedlinger schreibt unter der Überschrift »Billigkräfte statt Starforscher«, es handle sich bei den Professoren deutscher Herkunft um »verzweifelte Vertreter des deutschen Jungakademikerprekariats«. Anscheinend ist das ein markanter Unterschied zu österreichischen Bewerbern, die sich ja bekanntermaßen von sicheren, hochbezahlten unkündbaren Stellen aus bewerben. Warum sollte ein erstklassiger Deutscher nach Wien gehen, wenn er auch in Gießen oder Siegen sein kann? Wegen der Lebensqualität? Oder wegen der bekannten Großzügigkeit des Rektors bei Gehaltsverhandlungen? Offenbar nicht, denn die Leute, die kommen, sind ja schlecht, die schiere Not treibt sie.
Damit zur unmittelbaren Einschätzung. Ich verfüge nicht über den großen Überblick über alle Fächer, den Herr Knoll hat, und nicht einmal über den Überblick über die gesamte Geschichtswissenschaft, über den Herr Hochedlinger verfügt. Daher nur zum Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte, laut ORF ein Fach »mit Österreich-Fokus« und daraus resultierenden »Schwierigkeiten« wegen zu vieler Deutscher. Abgesehen davon, daß sich das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der gesamten Welt befaßt (nur ein Fach ›Österreichische Wirtschafts- und Sozialgeschichte‹ hätte definitionsgemäß einen »Österreich-Fokus«), lehren in Österreich derzeit fünf Österreicher, drei Deutsche und ein Schweizer. Das sind die Professoren, dazu gibt es eine beträchtliche Zahl von Dozenten, die fast alle Österreicher sind. An der Universität Wien lehrten bis zum Vorjahr allerdings noch ein weiterer Deutscher und ein Niederländer, die aber wieder abgewandert sind. Die Nachfolge mit einer Schweizer Professorin ist in einem Fall so gut wie geklärt, und bei einer anderen Stelle ist ebenfalls ein Wechsel fix, der das Gesamtbild nicht wesentlich verändern wird.
Qualitativ war die Berufung der Nichtösterreicher eindeutig eine Verbesserung des Fachs, die Abwanderung der beiden Professoren aus Wien im Vorjahr war ein Verlust. Diese Berufungen haben nämlich etwas gebracht, was Leute wie Herrn Knoll kopfscheu macht: Andere Fragestellungen als bisher üblich, andere methodische Ansätze, in zwei Fällen überhaupt ein völlig anderes wissenschaftliches Profil und ausbildungsbedingt einen anderen Hintergrund. Wenig Austrizität eben. Also, es stimmt: Die Berufung von Ausländern kann bedeuten, daß plötzlich Leute da sind, die eine internationale (nicht nur deutsche) Karriere hinter sich haben und die ganz selbstverständlich andere Sachen von sich geben, in anderen Zeitschriften publizieren, andere Kontakte haben und sich auf anderen Tagungen tummeln als die Leute, die schon da sind.
Das ist eine Chance, und zwar die einzige Chance für die, die nachkommen. Wer auch immer heute im Mittelbau eine wissenschaftliche Karriere beginnt (die meisten Deutschen umgeben sich übrigens in Wirklichkeit gar nicht mit Deutschen), wird sich alsbald ins Ausland bewegen müssen, es geht heute nicht mehr anders. Und auf internationale Karrieren bereitet man sich besser so vor, wie das auch in anderen Ländern passiert, und nicht à l’autrichienne.
Denn die internationale Community kann mit den Untiefen des österreichischen Geisteslebens leider gar nichts anfangen.