Bertrand Perz
Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart
Innsbruck
Studienverlag
2006
348 S.
€ 37,90
Habilitationsschrift [2004], Universität Wien
Rezensent: Martin Moll
Historicum, Sommer 2005, 5—7
Historische Ereignisse, zumal solche epochalen Zuschnitts, hinterlassen Spuren. Hier soll nicht von jenen die Rede sein, an die der Historiker als erstes zu denken neigt, die schriftlichen Quellen in den Archiven. Daneben gibt es noch die besser oder schlechter konservierten, mehr oder weniger sichtbaren Hinterlassenschaften menschlichen Handelns dreidimensionaler, dinglicher Art, Spuren im Raum sozusagen, sei es in der freien Natur oder innerhalb verbauten Gebiets. Mitunter sind solche Spuren in der Landschaft wörtlich zu verstehen: Man denke an die bei Verdun oder in Flandern noch heute deutlich erkennbaren Reste der Kampfhandlungen während des Ersten Weltkrieges, ob halbverfallene Schützengräben oder Granattrichter auf dauerhaft kontaminierten Feldern.
Die bauliche Hinterlassenschaft vergangener Epochen ist im Alltagsleben stärker gegenwärtig. Einen Teil dieser Bauwerke nehmen wir bloß als »alt, nicht modern« wahr, andere können wir direkt einem mehr oder minder entfernten, kürzer oder länger währenden Zeitalter zuordnen wie eine gotische Kirche, während eine dritte, zahlenmäßig sehr kleine Gruppe von Bauten geradezu Symbole einer bestimmten Zeit darstellen: Man denke etwa an die Pyramiden, die Akropolis oder das Schloß Versailles.
Für das bauliche Erbe des »Dritten Reiches«, soweit es überhaupt die Kriegshandlungen und diverse spätere Abriß-Aktionen überdauerte, gilt im Prinzip ähnliches. Im Prinzip. Denn die hochgradige Politisierung dieser Art von Architektur, die sie schon zur Zeit ihrer Errichtung und erst recht nach 1945 weit über bloße Zweckbauten hinaushob, macht die Wahrnehmung dieser Objekte und noch mehr die post-nationalsozialistische Nutzung (oder Nicht-Nutzung in Form der Beseitigung) zu einem Politikum ersten Ranges.
Lassen wir die Masse der (scheinbar oder wirklich) unpolitischen, reinen Funktionsbauten der Jahre 1933—1945 wie Wohnhäuser außer Betracht, selbst wenn der Trend immer stärker dahin geht, in der bescheidensten Villa versteckte politische Botschaften zu entdecken. Vielmehr soll hier die Rede sein von jenen Bauten, die nicht von Privatpersonen, sondern von Parteidienststellen oder Behörden des NS-Staates errichtet wurden und die mit einer expliziten, seinerzeit intendierten und für die Zeitgenossen deutlich wahrnehmbaren politischen Aussage behaftet sind. Da gibt es zum einen Funktionsbauten, die heute anderweitig genutzt werden, ohne daß ihre braune Vergangenheit allgemein bekannt wäre (zum Beispiel das Reichsluftfahrtministerium in Berlin, die SS-Kaserne am Chiemsee und andere), oder denen wie den Flaktürmen jede Funktion abhanden gekommen ist. Einige prominente, ganz oder teilweise erhaltene Objekte können vom Publikum besichtigt werden, wobei der Besucher zumeist auf irgendeine Form von Gedenkstätte oder Museum trifft (zum Beispiel das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, Hitlers Refugium auf dem »Berghof«, das Führerhauptquartier »Wolfsschanze« in Polen). Die Entstehung von Pilgerstätten für Alt- oder Neo-Nazis ist hingegen nur punktuell erfolgt (Hitlers Geburtshaus in Braunau). Über eine weitere Gruppe zerstörter oder abgetragener NS-Paradebauten kann sich der Interessierte immerhin anhand seriöser oder auch fragwürdiger, weil apologetischer Bildbände kundig machen: Görings nicht mehr vorhandene Prunkvilla »Karinhall« nördlich von Berlin oder der heute unzugängliche »Führerbunker« im Zentrum der deutschen Hauptstadt seien hier beispielhaft genannt. Der Vollständigkeit halber sollen noch einige vor 1933 errichtete, wegen ihrer Nutzung durch die braunen Machthaber kontaminierte Gebäude wie der Wiener Heldenplatz, die zur SS-Weihestätte umfunktionierte Wewelsburg bei Paderborn, der Quedlinburger Dom als (angebliche) Grabstätte des vom Reichsführer-SS Himmler verehrten Königs Heinrich I. oder das Berliner »Haus der Wannsee-Konferenz« erwähnt werden.
Begegnet man den genannten Typen der architektonischen Hinterlassenschaft des NS-Regimes — von Ausnahmen wie dem »Berghof« oder der »Wolfsschanze« abgesehen — vornehmlich in städtischen Agglomerationen, so trifft auf den eigentlichen Gegenstand dieser Habilitationsbesprechung durchgehend das Gegenteil zu: Die Relikte der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager befinden sich fast alle in dünn besiedelten Gebieten abseits von Großstädten. Ausnahmen wie die Lager Dachau und Buchenwald am Rande von München beziehungsweise Weimar bestätigen die Regel.
Wie erwähnt, sind heute nahezu alle der nicht anderweitig genutzten NS-Bauten zu Gedenk- und Mahnstätten umgewandelt, wobei sich die kaum noch überschaubare Landschaft dieser »Gedächtnisorte« im Sinne Pierre Noras keineswegs ausschließlich an aus der Zeit vor 1945 stammende Objekte anhängt. Hinzu treten zahlreiche neu und mit höchstens indirektem räumlichen Bezug zur Vergangenheit errichtete Gedenkstätten wie der »straßenwaschende Jude« in Wien oder das Holocaust-Denkmal in Berlin. Mittlerweile gibt es eine Fülle einschlägiger Bibliographien und (touristischer) Führer durch diese Gedenkstättenlandschaft, was deren inationäres Auftreten unterstreicht. KZ-Gedenkstätten und sonstige »Memorials« geben eigene Zeitschriften heraus (beispielsweise die Dachauer Hefte und anderes). Und nicht zuletzt wurde kürzlich die Berliner Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße, verantwortlich für die Einweisungen in die Lager, ebenfalls in eine Gedenkstätte umgewandelt (»Topographie des Terrors«).
Mit diesen über ganz Europa verstreuten Mahnmalen wird, wie allein ein üchtiger Blick in die Tagespresse ausweist, Erinnerungspolitik betrieben; Norbert Frei und Edgar Wolfrum haben in den neunziger Jahren für die Bundesrepublik Deutschland den Begriff »Geschichtspolitik« geprägt. Der Prozeß ist noch im Gange. Unzählige lokale Initiativen haben sich mit wechselndem Erfolg das Ziel gesetzt, an weiteren Orten nationalsozialistischer Gewaltverbrechen Gedenkzeichen verschiedenster Art anzubringen. Ermöglicht wurde dies alles durch Fortschritte der historischen Forschung, die inzwischen nicht nur die Stammlager vom Typ Auschwitz, Dachau und Buchenwald, sondern auch deren Tausende, über halb Europa dislozierte, kleine und kleinste Außen- und Nebenlager untersucht hat. Ein neuer österreichischer Beitrag zu diesem Diskurs liegt seit kurzem vor: Bertrand Perz: Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart.
Die — zugegeben mehr als ausführliche — Einleitung war notwendig, um eine mentale Landschaft zu skizzieren, die spätestens seit den neunziger Jahren durch eine Europäisierung, wenn nicht Globalisierung des Erinnerns an die NS-Verbrechen charakterisiert ist. Nationale Erinnerungskulturen treten demgegenüber mehr und mehr zurück. Was sagt es vor diesem Hintergrund aus, wenn sich Bertrand Perz in seiner 2004 an der Universität Wien angenommenen Habilitationsschrift nahezu ausschließlich mit der KZ-Gedenkstätte Mauthausen nahe Linz, dem wohl zentralen Erinnerungsort an die Jahre 1938—1945 auf österreichischem Boden, beschäftigt? Rechtfertigt sich die Themenwahl beziehungsweise die Begrenzung des Gegenstandes aus einer Rückständigkeit der hiesigen Forschung gegenüber der Bundesrepublik, aus einem Nachhinken hinter aktuellen Trends, wie für Österreich immer wieder behauptet (und ebenso selten schlüssig bewiesen) wurde?
So wirklich läßt sich Perz nicht in seine Karten blicken. Er spricht wohl einleitend davon, sein Thema sei weitgehend unerforscht — dies ist akademische Rhetorik, die man in diesem Fall umso weniger ernst nehmen kann, als gerade dieser Autor seit Jahren eine Reihe einschlägiger Mauthausen-Studien im Auftrag staatlicher Behörden erstellt hat. Auch existiert, wie Perz den Leser en passant wissen läßt, eine von ihm selbst 1998 mitherausgegebene Spezialbibliographie zur Geschichte von Mauthausen. Die enthält zwar auch zahlreiche Titel zur Lagergeschichte bis zum Mai 1945 (mit der sich Perz nicht befaßt), deutet aber durch ihr bloßes Vorhandensein nicht eben darauf hin, daß das Thema bisher stiefmütterlich behandelt worden ist.
In einem einleitenden Kapitel referiert Perz die angeschwollene, theoretisch ausgerichtete Literatur zu den Bereichen kollektives Gedächtnis, Erinnerungs- und Geschichtspolitik sowie Gedächtnisorte. Damit soll eine Grundlage bereitgestellt werden für die nachfolgende Analyse der Konstruktion(en) von Vergangenheitserzählungen am konkreten Beispiel Mauthausen. Dieses Lager und alles, wofür es steht: NS-Verbrechen an Österreichern und anderen Opfergruppen, ist nach Perz keineswegs ein beliebiger, sondern ein säkularer heiliger (Gedächtnis-)Ort, der nachhaltigen Einfluß auf die Herausbildung einer österreichischen Identität ausübt(e): »Das Lager Mauthausen wurde weitgehend in eine politisch wie religiös/christlich wahrnehmbare martyrologisch geprägte, dominant auf Österreich bezogene Gedächtnislandschaft transformiert« (77). Dies erscheint prima vista logisch, wenn auch nicht unbedingt überraschend. Schon weniger klar ist, ab wann Mauthausen diese Funktion zukam, denn im selben Zusammenhang weist Perz zutreffend darauf hin, daß das Lager innerhalb der Ikonographie und des Narrativs des Wiederaufbaus nach 1945 zunächst keinen Platz hatte (29). Plakativ ausgedrückt: Mauthausen war chancenlos gegen Kaprun. Warum und unter welchen innen- wie außenpolitischen Rahmenbedingungen sich dies schließlich änderte, will dieses Buch aufklären.
Perz geht also von einer Transformation des Umgangs mit dem KZ aus, die er aber nicht als eine Erfolgsgeschichte verstanden wissen will (30). Hingegen versteht er — und auch darin wird man ihm mühelos folgen können — die unterschiedlichen Nutzungs- und Präsentationskonzepte innerhalb des behandelten Zeitraums von rund sechzig Jahren nicht zuletzt als Gradmesser für den ambivalenten Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit. Als Methode zur Darstellung und Analyse dieser Transformation bietet sich dem Autor insbesondereeine Beschäftigung mit den materiellen und immateriellen Interventionen und Investitionen rund um Mauthausen an. Als leitende Kategorien dienen die divergierenden Funktionen des Lagerkomplexes: Dieser war zugleich, wenn auch mit wechselnder Schwerpunktsetzung, eine archäologische Stätte, Friedhof, Denkmal und Museum.
Die im wesentlichen chronologische Darstellung in neun Kapiteln und einem kurzen Ausblick behandelt schwerpunktmäßig die Jahre bis 1970; lediglich das letzte Kapitel ist auf rund 25 Seiten der »Entwicklung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zum zentralen österreichischen Erinnerungsort an NS-Verbrechen« zwischen 1970 und 2000 gewidmet. Das Buch setzt ein mit der Befreiung des Lagers durch die US-Army und die anschließende, rund zweijährige Verwaltung durch die sowjetische Besatzungsmacht, die das Gelände 1947 an die österreichische Bundesregierung zurückgab. In dieser ersten Phase stand das weitere Schicksal des Lagers durchaus noch zur Disposition, die Debatte bewegte sich zwischen den Polen Demontage (zur Baumaterialgewinnung und anderweitigen Nutzung der dringend benötigten Baracken) und dem, was Perz als »Reinszenierung« bezeichnet (92). Bekanntlich setzte sich die zweite Perspektive durch, denn die Politiker der Republik erkannten schnell, daß sich bei einem entsprechenden Umgang mit dem Lager außenpolitischer Nutzen erzielen ließ. Dieser sollte maximiert, die nötigen Investitionen jedoch minimiert werden (96).
In weiterer Folge schildert Perz — mitunter allzu detailreich — die unzähligen Baumaßnahmen auf dem weitläufigen Lagergelände, die sich keineswegs in der bloßen Konservierung oder Renovierung der Substanz erschöpften, sondern Umbau- und Abrißarbeiten einschlossen. 1948/49 wurde der Komplex »entkontextualisiert«, indem der gesamte Bereich der Täter, versinnbildlicht in den Villen der SS-Lagerführung, ausgegliedert beziehungsweise reprivatisiert wurde (101).
Im Mittelpunkt des Buches steht jedoch, wie der Titel zutreffend ausweist, die schon im Übergabevertrag von 1947 den Sowjets zugesagte Errichtung einer Gedenkstätte auf dem ehemaligen KZ-Gelände. Es war eine jahrzehntelange, zum Teil bizarre Auseinandersetzung über die Inhalte und Details dieser später mit einer Dauerausstellung verbundenen Stätte. Perz behandelt ausführlich die Akteure in diesem langwierigen Konflikt: Die österreichischen Behörden unter Federführung des Innenministeriums (ab Herbst 1948) und unter Beteiligung der oberösterreichischen Landesregierung; die politisch fragmentierten österreichischen Opferverbände sowie last but not least deren ausländische Pendants. Diese spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle, hatte sich doch die Lagergesellschaft Mauthausens aus Angehörigen der meisten europäischen Staaten zusammengesetzt, Österreicher stellten nur eine kleine Minderheit. Im Kern ging der Streit darum, eine kompromißfähige Formel zu finden, die den unterschiedlichen Opferkategorien gerecht werden und für diese akzeptabel sein konnte. Den Ton gaben dabei, wenig verwunderlich, ehemalige politische Häftlinge (nach den Kategorien der SS) an; die in Mauthausen ebenfalls zu Tausenden inhaftierten Kriminellen wurden dabei früh herabgesetzt beziehungsweise aus der Opfergruppe überhaupt ausgeschlossen (68). Leider geht Perz auf diesen ebenso interessanten wie delikaten Aspekt, der nicht zum wenigsten die vor 1945 im Lager herrschenden Machtstrukturen unter den Häftlingen perpetuierte, nur am Rande ein. Problemzonen gab es genug: Daß die beiden deutschen Staaten jeweils eigene Denkmäler errichteten, überrascht nicht (das DDR-Objekt ist noch vorhanden, 187). Wenig bekannt dürfte hingegen sein, daß die in Mauthausen eingekerkerten »Rotspanier«, die auf Seiten der Republik am Bürgerkrieg 1936—39 teilgenommen hatten, sich partout nicht durch die Fahne des siegreichen Franco-Spanien repräsentiert sehen wollten, was diplomatische Verwicklungen auslöste (180 f.).
Alle diese Konflikte verzögerten die Ausgestaltung der Gedenkstätte durch viele Jahre hindurch. War es ursprünglich darum gegangen, »an die durch nazistische Henkersknechte hingemordeten Opfer« angemessen zu erinnern, so setzte sich je länger desto mehr eine österreichzentrierte Perspektive durch: Obwohl weit von der historischen Wahrheit entfernt, wurden die Häftlinge schließlich als Kämpfer für ein »freies unabhängiges demokratisches Österreich« präsentiert und damit ungefragt für die österreichische Nationalgeschichte vereinnahmt (108). Kein Wunder, daß es neben verbalen Disputen, ausgetragen mittels diametral entgegengesetzter Gestaltungskonzepte, bei Gedenkfeiern, Einweihungen und ähnlichen Anlässen mehrfach zu einem Eklat kam. Innenminister Helmer (SPÖ) legte die Kontakte zum kommunistischen Opferverband zeitweilig auf Eis, eine Taktik, die sich gegenüber den von ihren Regierungen nachdrücklich unterstützten ausländischen Verbänden freilich nicht anwenden ließ.
Dennoch vermeidet es Perz, im Sinne einer simplen Schwarz-Weiß-Zeichnung in eine billige Österreich-Kritik einzustimmen: Die Bundesregierung wollte weder aus Mauthausen bloß Kapital für die »Opfertheorie« herausschlagen noch gab es nennenswerte Versuche offizieller Stellen, das wichtigste KZ auf österreichischem Boden gänzlich totzuschweigen oder in Vergessenheit geraten zu lassen. Perz bemüht sich durchaus um Objektivität, mag diese auch nicht immer politically correct klingen. Er benennt die nicht geringen Schwierigkeiten, mit denen es die Regierung zu tun hatte, einen akzeptablen Mittelweg zwischen extremen Positionen zu finden. Für eine bewußte Strategie, »die Sache in die Länge zu ziehen« und die bis etwa 1970 noch offene Gedenkstätten- und Ausstellungsfrage auf kaltem Weg zu entsorgen, fehlen die Belege.
Eingangs hatte der Verfasser, wir haben es zitiert, davon gesprochen, sein Thema sei alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Und doch konstatiert er gegen Ende seiner Arbeit: »War es in der Selbstdarstellung des neutralen Österreichs bis Ende der 1980er Jahre der Staatsvertrag und der Beschluß zur ›immerwährenden Neutralität‹ gewesen, die als zentrale Bezugspunkte für die Herstellung einer österreichischen Nation in ritualisierter Form beschworen wurden, so rückte nun die Gedenkstätte Mauthausen in den Vordergrund. Stand das ehemalige Lager noch in den 1970er Jahren als Beleg für die Opferthese, so war Mauthausen in den 1990er auch ein Beleg der österreichischen Partizipation am Nationalsozialismus geworden …« (236). Man mag bezweifeln, ob ein so grundlegender Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Wenn Perz dies jedoch annimmt, es aber nicht als Erfolg verbuchen will, so fragt man sich, was dann die Kriterien für Erfolg oder Mißerfolg sein können.
Vom Handwerklichen her ist an dieser Habilitationsschrift nichts Wesentliches auszusetzen. Perz hat einen beträchtlichen Quellenbestand in in- und ausländischen Archiven erschlossen und zudem die Berichterstattung einer großen Zahl an Periodika ausgewertet. Dabei handelt es sich zumeist um die tonangebenden Zeitungen und Zeitschriften dieses Landes; unnötig ist es hingegen, nahezu eine Druckseite lang aus dem völlig irrelevanten Echo der Heimat Grieskirchen zu zitieren, um damit die Forderung nach einem Abriß Mauthausens zu belegen (114 f.). Wenig benutzerfreundlich ist die Gestaltung der rund 1100 Anmerkungen als Endnoten. Das Buch endet ziemlich abrupt mit einem Abriß der jüngsten Reformkonzepte; eine Zusammenfassung fehlt hingegen. Erfreulich ist die aussagekräftige Illustrierung des Bandes.
Meine Einwände und Kritikpunkte — viele sind es ohnedies nicht — sind mehr grundsätzlicher Natur. Fraglich scheint mir, ob Perz’ auf Österreich zentrierte Perspektive wirklich angemessen ist. Gewiß, er behandelt durchaus die Initiativen ausländischer Opferverbände, dennoch wird man den Eindruck nicht los, daß nach seiner Auffassung die Fragen der Gestaltung von Gedenkstätte und Dauerausstellung primär und mehr oder weniger autonom in Wien entschieden wurden. Auf Grund der Häftlingszusammensetzung war Mauthausen jedoch schon in der NS-Zeit ein, wenn man so will, internationales Unternehmen, und dies blieb nach 1945 so. Dieses Spannungsverhältnis zwischen der Federführung durch österreichische Stellen und den massiven, vom Mai 1945 an gegebenen Beeinflussungen durch das Ausland kann Perz nicht wirklich überzeugend auflösen, was nicht zuletzt an seiner Konzentration auf heimische Archivquellen liegen dürfte. Dabei ist die Problematik dem Verfasser durchaus bewußt, so wenn er schon einleitend davon spricht, die heutige Bedeutung der Gedenkstätte für Österreich könne nicht losgelöst von ihrem Stellenwert für andere Nationen analysiert werden (30). Dies hätte aber einen anderen Zugang und vor allem eine andere, breitere Quellenbasis erfordert, mag diese Forderung auch schwer zu realisieren sein. Und vollends widersprüchlich wird Perz’ soeben zitiertes Postulat, wenn er wenige Zeilen vorher die Gedenkstätte in den ersten Nachkriegsjahrzehnten »fast ausschließlich« als Agitationsfeld von Regierung, Ministerialbürokratie und Opferverbänden verortet (29).
Daraus ergibt sich der allgemeinere Einwand, ob die Fokussierung auf einen einzelnen Erinnerungsort, mag er noch so zentral sein, heutzutage überhaupt noch Sinn hat. Gedenkstätten stehen in der Gegenwart nicht nur in einer reichlich, wenn nicht sogar zu reichlich bestückten Gedächtnislandschaft, sie konkurrieren untereinander um Besucher und, auf Basis dieser Zahlen, um Dienstposten und Finanzmittel, was Perz kritisch als Entwicklung hin zu einer Eventkultur festhält. Ähnliche Gedanken wie dem Rezensenten scheinen auch dem Verfasser gekommen zu sein, denn gelegentlich schweift er zu deutschen Entwicklungen ab oder erwähnt streiflichtartig das Nachkriegsschicksal der zahlreichen Mauthausener Nebenlager auf österreichischem Boden. Das alles geschieht jedoch viel zu sporadisch und unsystematisch, um gewinnbringend zu sein. Wenn, wie eingangs erläutert, die Forschung heute von einer durch zahlreiche Gedächtnisorte gebildeten, ständig im Fluß befindlichen Geschichtslandschaft oder -landschaften ausgeht, dann hat die Verengung des Blicks auf einen kleinen Ausschnitt dieses weitläufigen Panoramas nur mehr wenig Sinn, will man nicht das Argument der »Arbeitsökonomie« bemühen. Mehr noch: Eine solche Selbstbeschränkung läuft Gefahr, österreichische Spezifika zu konstatieren, wo es sich vielleicht — wie ein Blick über die Grenzen eventuell zeigen könnte — um generelle Probleme dieser Spezies von Gedenkstätten handelt. Schmerzlich vermißt der Leser somit einen wenn auch nur versuchsweisen Vergleich mit ähnlich geprägten Orten wie Dachau, Buchenwald oder Auschwitz.
Gegenüber diesen grundlegenden Einwänden fällt weniger ins Gewicht, daß die Themenwahl für eine Habilitationsschrift im Fach Zeitgeschichte doch ziemlich spezialisiert wirkt und zudem nicht ganz deutlich wird, inwieweit der Text aus älteren Aufsätzen, Gutachten und Konzepten desselben Autors zusammengesetzt wurde. Das Literaturverzeichnis nennt immerhin nicht weniger als 14 von Perz verfaßte oder mitverfaßte Publikationen, von denen sich zumindest neun explizit mit der Lagergeschichte nach der deutschen Kapitulation und mit Mauthausen als Erinnerungsort befassen. Obwohl der Band nicht besonders dick ist, hätte der Verzicht auf manche allzu abwegigen Details die Lesbarkeit noch gesteigert.
Dessenungeachtet liest man das Buch mit Gewinn, stellenweise sogar mit Spannung. Es ist durchgehend aus Primärquellen gearbeitet, in einer angenehmen Sprache verfaßt und — was am wichtigsten ist — es vermeidet einen anklägerischen Ton und Pauschalurteile, beides gerade bei der historiographischen Aufarbeitung des österreichischen Umgangs mit seiner NS-Vergangenheit keine Seltenheit. Die wichtigste Aussage, die Perz vermutlich gar nicht intendiert hat, scheint mir daher zu sein, daß die Zweite Republik auch schon vor der Waldheim-Affäre keinesfalls nur eine Gesellschaft von Opfern, Verdrängern und Leugnern gewesen ist.