Burkhard Pöttler

Zur Analyse historischer Alltagskultur

 

Graz
2011

 

Habilitationsschrift, Universität Graz

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Winter 2010/2011 — Frühling 2011, 12—15

Die Habilitationsschrift von Burkhard Pöttler vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz trägt den Titel Zur Analyse historischer Alltagskultur und ist eine 2011 eingereichte Sammelhabilitation aus den unten aufgelisteten achtzehn Aufsätzen, zu einem beträchtlichem Teil mit ähnlichem Inhalt, und einer Einleitung. Wie bereits die Titel der Aufsätze erkennen lassen, hat die Sammlung einen deutlichen methodologischen Schwerpunkt, dazu kommen Beiträge über die historische »Alltagskultur« selbst.

Themen

Geht man nach der Einteilung des Autors, sollen die ersten sieben Beiträge Forschungsgeschichte und Methodologie behandeln, die anderen elf die historische »Alltagskultur« selbst. Tatsächlich ist die Trennung so klar nicht, was ja auch naheliegt. Es lassen sich folgende Themen unterscheiden:

  • Verlassenschaftsinventare als Quelle in der historischen Forschung: Dieses Thema wird überwiegend methodologisch und arbeitstechnisch behandelt, dazu kommen diverse Ergebnisse in der Sache selbst, also Auswertungen von Inventaren, die aber unergiebig ausfallen (zum Beispiel die Aufsätze VIII und IX; dazu noch unten).
  • »Dinge« als Forschungsgegenstand: Dazu gibt es einen Aufsatz, der sich vor allem forschungsgeschichtlich mit dem Thema befaßt, sowie einen Aufsatz, in dem Ergebnisse einer praktischen Übung mit Studenten wiedergegeben werden (Sachen in oberösterreichischen Haushalten nach 1945).
  • Volkskultur bei Erzherzog Johann und Peter Rosegger: Hier beschreibt Pöttler die Rezeption der Volkskultur durch Erzherzog Johann und dessen Umgang mit diesen Fragen; ein Aufsatz über Rosegger gibt vor allem dessen Beschreibungen des »Volkslebens« wieder.
  • Bauten, Wohnen und damit zusammenhängende Fragen: Diese Arbeiten schließen an die Dissertation des Autors an,1 durchaus im Sinn thematischer Erweiterungen, etwa im Hinblick auf bestimmte Hausformen oder das Thema »Feuer«.
  • Ein Aufsatz behandelt Konflikte im Zusammenhang mit dem Gesindezwangsdienst in einer steirischen Herrschaft im 18. Jahrhundert.

Verlassenschaftsinventare

Methodologisch steht ein Thema im Vordergrund, nämlich die Verwendung von Verlassenschaftsinventaren als Quelle in historischen Untersuchungen, in diesem Fall in Untersuchungen historischer Alltagskultur. Verlassenschaftsinventare sind Listen von Vermögenswerten, die anläßlich von Todesfällen erstellt werden (seltener erfolgen Inventarisierungen aus anderen Gründen). Zweck ist die Feststellung des Vermögens, das der Verstorbene besessen hat, um die Aufteilung des Vermögens unter die Erben und andere Zwecke wie Vergebührung, Besteuerung und so weiter sicherstellen zu können. Eine Inventarisierung ist dann notwendig, wenn minderjährige Erben vorhanden sind, wenn es Streitigkeiten zwischen Erben gibt oder wenn ein Erbe die Inventarisierung verlangt. Wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind, tritt an die Stelle des von einem Gerichtssachverständigen erstellten Inventars ein eidesstättiges Vermögensbekenntnis der Erben selbst. In allen Fällen kann es vorkommen, daß im Lauf eines Verlassenschaftsverfahrens mehrere derartige Listen erstellt werden, die auch voneinander abweichen können, weil manchmal Vermögenswerte erst später hervorkommen, sich die Wertfeststellung ändert und anderes mehr.

Ein Verlassenschaftsinventar enthält jedenfalls in der Regel nur die Vermögenswerte, die dem Verstorbenen gehört haben, in Fällen von gemeinschaftlichem Eigentum auch Werte, die einer anderen Person zukommen. Die Ausgestaltung von Inventaren war nicht immer einheitlich. Fest steht nur, daß ein komplettes Inventar den Wert der gesamten Aktiva und der gesamten Schulden angeben muß. Wie detailliert diese Vermögenswerte aufgelistet werden und in welcher Reihenfolge dies geschieht, ist hingegen variabel. Es gibt beispielsweise Inventare, denen man entnehmen kann, was in jedem einzelnen Raum der Wohnung vorhanden war, Gegenstände geringfügigen Werts inbegriffen; andere Inventare machen dagegen nur pauschale Angaben für Bargeld, Immobilien, Fahrnisse und so weiter, ohne sich mit den Einzelheiten zu befassen. Eidesstättige Vermögensbekenntnisse sind tendenziell weniger detailliert als Inventare von gerichtlichen Schätzern.

Als historische Quelle sind Verlassenschaftsinventare daher für die Feststellung von Vermögen und Vermögensstruktur geeignet, aber eben auch für die Beantwortung von Fragen nach der materiellen Kultur. Sie ermöglichen es, die persönlichen Daten des Erblassers mit den ihm gehörenden Gegenständen zu verknüpfen und damit zum Beispiel Aussagen darüber zu treffen, wer bestimmte Arten von Sachen besaß, etwa bestimmte Arten Kleidung, Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Wertsachen und so weiter.

Klarerweise ergibt sich bei der Verwendung von Inventaren eine Reihe von methodologischen Fragen. Inventare geben nicht Auskunft über beliebige Personen, sondern nur über Personen, die aufgrund eines ganz bestimmten Umstands (ihres Todes) ausgewählt wurden; sie verzeichnen möglicherweise nicht alle Vermögenswerte, obwohl sie das tun sollten; sie bewerten möglicherweise Vermögenswerte falsch;2 es sind nicht alle Inventare erhalten, und die dafür bestimmenden Faktoren sind nicht immer klar. Es gibt also alle möglichen Verzerrungen, die je nach Forschungsfrage unterschiedlich wichtig sind.

All das ist längst bekannt, weil Inventare seit Jahrzehnten als historische Quellen verwendet werden. Darüber hinaus sind Inventare als gerichtliche Quellen mit Funktion in Justiz und Verwaltung auch aus juristischer Sicht in ihren Eigenarten wohlbekannt; als Aktentyp sind sie übrigens seit Jahrhunderten bemerkenswert gleichgeblieben. Manche Probleme mit dieser Quelle, die sich in historischen Untersuchungen stellen, sind für Justiz und Verwaltung in gleicher Weise relevant, zum Beispiel die Frage, ob ein Inventar komplett oder lückenhaft ist und wie hinterlassene Gegenstände zu bewerten sind.

So gesehen gab es für Pöttler in methodologischer Hinsicht kaum etwas Neues zu holen, jedenfalls soweit es um die Quelle in ihrem Zustandekommen, in ihren Eigenarten und den daraus resultierenden Interpretationsfragen geht. Anders sieht es bei der Verarbeitung der Quelleninhalte aus. Naheliegenderweise verarbeitet man Informationen, die man aus Verlassenschaftsinventaren gewinnt, elektronisch. Die Möglichkeit dazu besteht seit Jahrzehnten, in Österreich gibt es solche Anwendungen in der Geschichtsforschung vereinzelt seit den siebziger Jahren, ziemlich selbstverständlich seit den achtziger Jahren. Pöttler ist schon seit geraumer Zeit tätig (seine Dissertation hat er 1984 fertiggestellt, im selben Jahr wurde er Universitätsassistent), er hat daher verschiedene Etappen dieser Entwicklung mitgemacht. Die älteren Texte muß man unter diesem Gesichtspunkt lesen; man erinnert sich dann, wie mühsam es einmal war.

Ziel des Autors ist es, die Inhalte von Verlassenschaftsinventaren in Datenbanken einzuspeisen (dazu noch unten). In einem Teil seiner Aufsätze (etwa in IV) bespricht er, wie man das macht. Konkret geht es um die Verwendung einer Software namens Kleio, die seit 1978 von Manfred Thaller in Göttingen entwickelt wurde und den besonderen Anforderungen des Datenbankmanagements bei der Aufnahme historischer Quellen gerecht werden sollte. Kleio hatte, wie das im EDV-Bereich öfters vorkommt, eine überzeugte Anhängerschaft, darunter eine Gemeinde in Graz (Thaller, der mittlerweile in Köln lehrt, hat in Graz studiert), wurde aber nie zum Standard in der historischen Datenverarbeitung. Wie bei Computerprogrammen nicht unüblich, gab es immer auch Publikationen in der Art von Benutzerhandbüchern und die Beschreibung von konkreten Anwendungen. Das war schon deshalb ein Thema, weil das Programm am Anfang als DOS-Programm mit den entsprechenden Befehlsfolgen zu bedienen war (die Befehle waren anfänglich stilechterweise lateinisch); das war mühsam und beeindruckend genug, daß manche Anwender diese Dinge, die als rein arbeitstechnische Vorgänge eigentlich im Hintergrund zu verbleiben hätten, auch dem staunenden Publikum vorführten. Dementsprechend findet man zum Beispiel in Aufsatz IV, der aus einem Band mit Kleio-basierten Studien stammt und in dem es um Verlassenschaftsinventare als Quelle geht, auch ausführliche Befehlsfolgen, aus denen ersichtlich ist, welche Steuerbefehle Pöttler eingegeben und mit welchen Zahlen er gewisse in den Inventaren vorkommende Gegenstände codiert hatte. Auch sonst ist vieles an den besprochenen »methodologischen« Fragen in Wirklichkeit nur Technik des wissenschaftlichen Arbeitens.

Datenbanken

Die vorgeführten Kleio-Übungen wirkten schon 1996 eher antiquiert, heute sind sie überhaupt nicht mehr von Interesse. Aktuell ist aber eine damit zusammenhängende Frage, nämlich jene nach dem Zweck von Datenbanken, die Inhalte historischer Quellen speichern. Eine allgemeine Antwort läßt sich darauf nicht geben. Für manche Zwecke sind Datenbanken sinnvoll, nämlich dann, wenn wiederkehrende Suchprozeduren zu erwarten sind. So etwas ist zum Beispiel bei Quellenbeständen zu erwarten, die einen wichtigen Forschungsbereich abdecken und daher wahrscheinlich für eine größere Zahl von Benutzern auch in Zukunft interessant sein werden. Auch für die Zwecke eines einzelnen Projekts kann die Erstellung einer Datenbank sinnvoll sein, wenn aus irgendeinem Grund immer wieder Inhalte gesucht werden und dabei eine Strukturierung sinnvoll ist. Für die meisten kleinen Projekte (etwa in der Größe eines Dissertationsprojekts) ist der Aufbau einer Datenbank allerdings eine Fleißaufgabe, weil man die Datenbank selbst gar nicht braucht und die erhobenen Daten nach Abschluß des Projekts nie mehr von jemand anderem genutzt werden. Das ist zwar unbefriedigend, und es gibt immer wieder mehr oder weniger geglückte Versuche, Plattformen für die Darbietung solcher Daten einzurichten (die dann auf normaler Datenbanksoftware und nicht auf Kleio basieren), aber in der Mehrzahl der Fälle werden Daten einmal verwertet, und damit ist es zu Ende.

Wie begründet Pöttler seine Herangehensweise, und was kommt dabei heraus? Aufsatz IX aus dem Jahr 2002 bringt Ergebnisse einer Arbeit, für die der Autor 1070 Inventare aus dem Domstift Seckau aus dem Zeitraum 1665 bis 1787 sowie 180 weitere Inventare aus Graz und anderen Archiven verarbeitet hat. Zunächst definiert er den Zweck der Untersuchung als »qualitativ«: »Für die Untersuchung der materiellen Kultur konnte die Quantifizierung allein aber auf Dauer nicht befriedigen, weshalb auch in gross angelegten volkskundlichen Projekten qualitative Auswertungen auf konventionelle Art durchgeführt wurden« (IX 256; fast gleichlautend I 379, VI 53, VII 269). Die Unterscheidung zwischen »qualitativen« und »quantitativen« Auswertungen ist zumindest mißverständlich, da es sich in den meisten Fällen nur um zwei Aspekte derselben Tätigkeit und nicht um verschiedene Arbeitsgebiete handelt (jedenfalls gibt es keine quantitativen Auswertungen ohne qualitative Überlegungen); gemeint ist offensichtlich nur eine Unterscheidung zwischen Auswertungen, die multiple Rechenmodelle verwenden, und solchen, die sich mit einfachen Auszählereien oder schlichten Einzelbeobachtungen begnügen. Jedenfalls fährt Pöttler fort: »Neuere datentechnische Konzepte erlauben es, archivalische Quellen samt ihren Unregelmässigkeiten und Ambiguitäten in sehr quellennaher Form einzugeben und so für qualitative und quantitative Analysen aufzubereiten. Dies ermöglicht nicht nur eine flexiblere Auswertung des Inhalts der Inventare, sondern auch eine differenzierte Quellenkritik, die sich etwa an der Orthografie, bei der Einbindung der Quellen als Images aber auch an der Handschrift orientieren kann. Darüber hinaus bleibt — im Gegensatz zum traditionellen Zettelkasten — die innere Struktur der Inventare weitest gehend erhalten, was einerseits ebenfalls für quellenkritische Überlegungen aufschlussreich sein kann, andererseits auch die Möglichkeit eröffnet, Probleme bei der Dateneingabe im Nachhinein zu lösen.« (IX 256) Quellennahe Datenaufnahme — Leser, die heute in der ersten Hälfte ihres Lebens stehen, werden sich fragen, wo das Problem liegt. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die im Jahr 2002 ihre Aktualität schon lange verloren hatte, nämlich um den Umstand, daß man früher einmal Daten über Lochkarten eingelesen hat, die achtzig Stellen hatten und zur Sparsamkeit einluden. Das war jene Epoche, in der Variablennamen in Statistikprogrammen höchstens acht Zeichen lang sein durften und in der man statt »1980« nur »80« schrieb (was Anfang 2000 ein eigenes Problem hervorrief). Damals gab man Daten codiert ein und tippte statt »bürgl. Bäckermeister u. Gastgeb« zum Beispiel die Codenummer 38. In die Versuchung, so etwas zu tun, kommt schon lange niemand mehr. Das Thema spielt nur mehr in methodologischen Beiträgen eine Rolle, deren Autoren sich an dem orientieren, was sie immer schon geschrieben haben.

Was macht nun Pöttler mit seinen Datenbankeinträgen? Gemessen an den Ankündigungen, der Datenbankeintrag einer perfekten Kopie der Quelle samt orthographischen Eigentümlichkeiten und Besonderheiten der Handschrift würde neue Analysemöglichkeiten eröffnen, sieht das Ergebnis bescheiden aus. Für Aufsatz IX, der sich mit »alpiner Sachkultur« beschäftigt, sucht er in Inventaren Gegenstände, die zur Almwirtschaft gehören (IX 259 ff.). Die Zuordnung ist nicht immer ganz einfach, weil Gegenstände nicht immer eindeutig in dieser Hinsicht gekennzeichnet waren und manche Dinge sowohl in der Almwirtschaft als auch im Tal genutzt werden konnten. Typische Almgeräte waren zum Beispiel Kessel (für die Käserei), Aufrahmgefäße, Butterfässer und so weiter, Vieh, Transportmittel für den Weg zur Alm, Hütteneinrichtung, saisonabhängig auch Produkte der Almwirtschaft. Solche Dinge kommen in Inventaren vor. Das ist das Ergebnis.

Die Frage ist, wofür man es braucht. Wofür benötigt man in dieser Forschungsarbeit eine Datenbank? Wofür ist, um dieses Ergebnis zu erhalten, überhaupt ein Inventar erforderlich? Muß man noch nachweisen, daß es in Gebieten mit Almen wirklich eine Almwirtschaft gegeben hat? Daß auf den Almen wirklich Milchwirtschaft betrieben wurde? Daß man für die Käseproduktion wirklich Kessel verwendet hat? Anscheinend ist es so: »Insgesamt erlauben die Angaben zum Almwesen sicher keine geschlossene Darstellung der Almwirtschaft des 17./18. Jahrhunderts, auch wird man aus dem Fehlen von Realiennennungen, die eindeutig der Almwirtschaft zuzuordnen sind, nicht generell auf das Fehlen solcher Objekte schliessen dürfen. Es ist aber doch möglich, einige Hinweise zum Almwesen zu erhalten, die den Stellenwert spärlich überlieferter und meist jüngerer Objekte bestärken oder auch realisieren können. Schon die Nennung von Almgerät in der allgemeinen Auflistung der Fahrnisse und nicht als gesonderte Gruppe ist nicht nur Ergebnis der administrativen Praxis, sondern auch ein Hinweis auf den oftmaligen Gebrauch dieser Objekte sowohl auf der Alm als auch am Talhof und damit wieder interessant für den ›Umgang mit Sachen‹.« (IX 265—266)

Auch wenn man akzeptiert, daß hier unter Zuhilfenahme von tausend Inventaren das nachgewiesen wird, was ohnehin selbstverständlich ist, ist immer noch nicht ersichtlich, wofür die Datenbank dient. Gewiß, wir erfahren, daß »nicht näher bezeichnete Truhen (vier Mal)« (IX 265) vorkommen. Aber auch für diese irrelevante Information braucht man keine Datenbank. Die »Quantifizierung« erschöpft sich in dieser Arbeit übrigens in derartigen Strichlisten: viermal Butter, siebzig Almbutten, siebzehn Hängekessel, fünf Standkessel, einundvierzig nicht genau bezeichnete Kessel. So etwas kann »allein aber auf Dauer nicht befriedigen«, da hat der Autor recht.

Wiederholungen

Daß Aufsätze einer Sammelhabilitation einander teilweise ähneln, ist an sich nichts ganz Ungewöhnliches. Die Arbeiten wurden ja nicht wie die Kapitel eines Buchs als Teile eines Gesamttextes verfaßt und sind nicht als Gesamtsammlung für Leser gedacht, sondern sollen für sich stehen und gelesen werden können. Unvermeidlich kann es dann sein, daß manche thematischen Einführungen, methodologische Ausführungen und so weiter, die einen der Texte eröffnet haben, in ähnlicher Form auch bei einem anderen Text vorkommen. Im Fall der vorliegenden Sammlung, die, wenn man es vornehm ausdrücken will, im größeren Teil thematisch scharf fokussiert ist, führt das zu einer etwas mühsamen Lektüre. Immer wieder wird man mit denselben Texten konfrontiert, auch die immer gleichen forschungsgeschichtlichen Pflichtübungen wirken nach einiger Zeit etwas abgestanden. Immerhin, man bekommt Gelegenheit zum Lernen — wer am Schluß immer noch nicht weiß, daß Viktor Geramb (für Nicht-Steirer: ein in Graz weltberühmter Volkskundler und Gründer des Steirischen Heimatwerks) 1929 gefordert hat, Verlassenschaftsinventare als Quelle zu verwenden, dem ist nicht zu helfen.

Manchmal zeigt sich gerade im Textvergleich der wissenschaftliche Fortschritt. So bestand im Fall von Pöttlers Forschungsgegenstand im Jahr 1992 noch eine offene Forschungsfrage: »Sind — und wenn ja, in welchem Ausmaß — soziale Verschiebungen festzustellen? Solche Verschiebungen ergeben sich z. B. aus der Tatsache, daß nicht alle Bevölkerungsschichten gleich intensiv erfaßt wurden, sondern eine eindeutige Verschiebung hin zu den sozioökonomisch begünstigten Schichten vorhanden ist. Bei der Quellenauswahl für ein größeres Projekt ist diese Problematik entsprechend zu berücksichtigen, etwa durch die Erstellung eines geschichteten Samples. [Fn.]« (V 34) Noch im Jahr 1999 hieß es gleichlautend: »Sind — und wenn ja, in welchem Ausmaß — soziale Verschiebungen festzustellen? Sie ergeben sich z. B. aus der Tatsache, daß nicht alle Bevölkerungsschichten gleich intensiv erfaßt wurden, sondern sozioökonomisch begünstigte Schichten auch bezüglich der Anlage von Inventaren eindeutig begünstigt waren. Bei der Quellenauswahl für ein größeres Projekt ist diese Problematik entsprechend zu berücksichtigen, etwa durch die Erstellung eines geschichteten Samples. [Fn.]« (VIII 467) Drei Jahre später kann der Autor bei unveränderter Literaturgrundlage aber dann zumindest einen Teil der Antwort liefern: »Oft sind soziale Verschiebungen festzustellen, die sich z. B. aus der Tatsache ergeben, daß nicht alle Bevölkerungsschichten gleich intensiv erfaßt wurden, sondern eine ›Bevorzugung‹ der sozioökonomisch begünstigten Schichten gegeben ist. Bei der Quellenauswahl für ein größeres Projekt ist diese Problematik entsprechend zu berücksichtigen, etwa durch die Erstellung eines geschichteten Samples. [Fn.]« (I 377) Es gab also soziale Verschiebungen — sogar oft! —, offen ist nur noch, »in welchem Ausmaß«.

Leider ist dieses Beispiel nicht ein bösartig gesuchter Ausnahmefall, sondern es ließen sich zahlreiche weitere Vergleiche dieser Art anführen.3

Sonstige Arbeiten

Wie eingangs erwähnt, geht es, abseits der Inventare, in zwei Aufsätzen um »Dinge« (XVII und XVIII). Der erste gibt einen längeren (was man beim Lesen sehr stark empfindet) Überblick über einschlägige volkskundliche Literatur. Potentiell interessanter ist der zweite Beitrag, der empirische Ergebnisse zusammenfaßt. Erarbeitet wurden sie in mehreren Lehrveranstaltungen im Rahmen eines sogenannten Feldforschungsprojekts, in dem die Teilnehmer mehr als 150 Interviews in der Region Spital am Pyhrn und Windischgarsten führten. Der Text ist unter diesem Gesichtspunkt zu lesen: Es handelt sich um eine praktische Übung, bei der die gegenwärtigen oder rezenten Verhältnisse in einem nicht sonderlich exotischen Gebiet erforscht werden. Thema war das Vorhandensein von bestimmten Objekten (Geräten, mit Schwerpunkt auf technischen Innovationen), die Wahrnehmung dieser Dinge und der Umgang mit ihnen. Die gegebene Fragestellung und das Projektdesign zielte sicherlich nicht auf die Gewinnung überraschender neuer Erkenntnisse ab, im Vordergrund stand die Übung einer Arbeitstechnik.

Die Arbeiten über Erzherzog Johann und Peter Rosegger (XV und XVI) befassen sich sozusagen mit den steirischen Klassikern. Im ersteren Fall beschreibt Pöttler die Darstellung, Beschreibung und Förderung der Volkskultur bei Erzherzog Johann und auch dessen Selbststilisierung. Erzherzog Johann interessierte sich als Beobachter für die Volkskultur, übernahm aber auch selbst gewisse Elemente, etwa in der Kleidung oder beim Ankauf seines Bauernhofs (den er sich freilich umbauen ließ, um die Volkskultur ein wenig erträglicher zu machen). Rosegger ist sowohl in seinen belletristischen Werken als auch in seinen ethnographisch gemeinten Abhandlungen eine Quelle für die Volkskultur, aber natürlich auch für die Rezeption dieser Dinge bei einem vielgelesenen Autor. Pöttler versammelt in seinem Aufsatz vor allem Beschreibungen sozialer Bedingungen aus dem Heimgarten, Roseggers Monatsschrift.

In den inhaltlich teils identischen Aufsätzen über Bauten, Wohnen und so weiter (XI, XII, XIII) beschreibt der Autor beispielsweise Gehöftformen und besondere Gebäudeformen (Almhütten, Weingartenhäuser), Dachformen, die Ausführung von Wänden, Raumeinteilung, Baumaterialien und dergleichen. Nicht nur im Aufsatz für die burgenländische Feuerwehrausstellung kommt das Thema Feuer und Brandschutz zur Sprache. Wie erwähnt, handelt es sich beim Thema »Hausformen« auch um Dinge, die Pöttler in seiner Dissertation behandelt hat.

Überwiegend befassen sich somit die Beiträge dieser Sammlung in erster Linie mit Sachen, in zweiter Linie mit alltäglichen Handlungen, Themen, wie sie traditionell einen Schwerpunkt in der volkskundlichen Forschung gebildet haben. Außerhalb dieses Rahmens befindet sich der Aufsatz über Auseinandersetzungen um den Gesindezwangsdienst in der dem Fürstbistum Freising gehörenden Herrschaft Rothenfels bei Oberwölz 1769 (XIV). Dieser Dienst, als »Waiseljahre« bezeichnet, aber nicht nur für Waisenkinder verpflichtend, brachte genug Gelegenheit für Konflikte mit sich: Er war ohnehin unbeliebt, und die Untertanen wären ihn gerne los gewesen; dazu behandelten manche Verwalter die Dienstleute schlecht, verköstigten sie nicht ausreichend oder mißhandelten sie. In der fraglichen Herrschaft führte dies 1769 zu Beschwerden an den Fürstbischof von Freising. Pöttler referiert und zitiert ausführlich den dabei entstandenen Aktenlauf und die Ergebnisse (der Fürstbischof entschied 1770 teils im Sinn der Untertanen, teils im Sinn des Verwalters).

Zusammenfassung

Die vorliegende Aufsatzsammlung ist eine thematisch ziemlich enge Zusammenstellung von Beiträgen insbesondere zu materiellen Kultur und zu methodologischen und arbeitstechnischen Aspekten ihrer Erforschung. Der inhaltlich wichtigste Teil, die Erforschung der materiellen Kultur unter Verwendung von Verlassenschaftsinventaren, leidet vor allem unter dem Mißverhältnis zwischen methodologischem Programm und konkreten Forschungsergebnissen: Der Autor stellt immer wieder mehr oder weniger gleichlautend dar, wie man diese Quelle auswertet und welches Potential für die Forschung sie bietet. Die Ergebnisse der konkreten Übungen bleiben aber dünn.

 

  1. Burkhard Pöttler, Das ländliche Wohnhaus im Gerichtsbezirk Stainz. Eine Untersuchung historischer Hausformen in der Weststeiermark, Wien 1986 (= Druckfassung der Dissertation aus dem Jahr 1984).
  2. Damit ist allerdings nicht der Umstand gemeint, daß Schätzwerte von nachfolgenden Versteigerungsergebnissen abweichen. Pöttler schreibt: »Die Usance, Objekte eher billiger einzuschätzen, ist nicht als generelle Geringschätzung zu interpretieren, sondern zum relativen Wohl der Erben üblich, da — je nach rechtlicher Situation unterschiedlich — irgendwelche Abgaben stets von dieser Summe berechnet werden.« (gleichlautend VII 278; VIII 473) Der Grund liegt einfach darin, daß der Wert gebrauchter Gegenstände so gut wie nie punktgenau festgestellt werden kann, sondern auch unter gleichbleibenden Marktbedingungen zufällig schwanken kann. Grundsatz bei der Bewertung ist es, jenen Wert anzusetzen, der jedenfalls erzielt werden kann.
  3. Wörtlich mehr oder weniger gleichlautende Passagen findet man etwa (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) in I 375—381/VII 265—270, 271; I 379—380/IX 256—257; I 377—378, 379—380/V 32, 34; I 376—378/VI 51—52; VII 265/VIII 466—467. XIII enthält im wesentlichen X.

 

Aufsätze der Habilitationsschrift

  • I. Historische Volkskunde heute: Ansätze — Probleme — Tendenzen, Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 93 (2002), 367—385.
  • II. Vom Bauernhaus zur Wohngemeinschaft. Aspekte volkskundlicher Haus- und Wohnforschung in Österreich, in: Olaf Bockhorn/Helmut Eberhart (Hg.), Volkskunde in Österreich, Wien (im Druck).
  • III. Zur frühen Phase volkskundlicher Haus- und Wohnforschung in der Steiermark, Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 100 (2009), 285—297.
  • IV. Probate Inventories as a Highly Structured Source, in: Matthew Woollard/Peter Denley (Hg.), The Sorcerer’s Apprentice: kleio Case Studies, St. Katharinen 1996, 137—150.
  • V. »Wohnkultur aus dem Computer«. Die Analyse von Verlassenschaftsinventaren mittels datenbankorientierter Verfahren, Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 95, N. S. 46 (1992), 28—50.
  • VI. Von der Quelle zur Datenbank. Rechnergestützte Wohnforschung nach archivalischen Quellen, Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 121 (1991), 49—58.
  • VII. »1 tuzet täller …«. Qualität und Quantität in der rechnergestützten Analyse von Verlassenschaftsinventaren, in: Gernot Peter Obersteiner/Peter Wiesflecker (Hg.), Festschrift Gerhard Pferschy zum 70. Geburtstag, Graz 2000, 265—279.
  • VIII. Aspekte historischer Stadtkultur am Beispiel von Verlassenschaftsinventaren, in: Olaf Bockhorn/Gunter Dimt/Edith Hörandner (Hg.), Urbane Welten. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz, Wien 1999, 465—481.
  • IX. Verlassenschaftsinventare als Quelle zur alpinen Sachkultur, Histoire des Alpes — Storia delle Alpi — Geschichte der Alpen 7 (2002), 253–266.
  • X. Adelige und bäuerliche Wohnkultur, in: Ileane Schwarzkogler (Hg.), Lust und Leid. Barocke Kunst, barocker Alltag. Steirische Landesausstellung 1992, Graz 1992, 307—314.
  • XI. Feuer in Haus, Hof und Gewerbe, in: Helfried Valentinitsch/Jakob Michael Perschy (Hg.), feuerwehr gestern und heute. Burgenländische Landessonderausstellung 29. April — 31. Oktober 1998, Schloß Halbturn, Eisenstadt 1998, 46—65.

  • XII. Weingartenhäuser und Winzergebäude. Flur-, Siedlungs- und Bauformen im steirischen Weinbaugebiet, in: Ileane Schwarzkogler/Harald Vetter (Hg.), Weinkultur. Ausstellungskatalog, Graz 1990, 259—267.
  • XIII. Ländliches Bauen zwischen landschaftsbedingter Materialnutzung, Bauvorschriften und aufgeklärter Reform, in: Harald Heppner/Nikolaus Reisinger (Hg.), Steiermark. Wandel einer Landschaft im langen 18. Jahrhundert, Wien/Köln/Weimar 2006, 221—247.
  • XIV. Der Streit um die »Waiseljahre«. Aspekte des Widerstands grundherrlicher Untertanen gegen den Repräsentanten der Grundherrschaft, in: Meinhard Brunner/Gerhard Pferschy/Gernot P. Obersteiner (Hg.), Rutengänge. Studien zur geschichtlichen Landeskunde. Festgabe für Walter Brunner zum 70. Geburtstag, Graz 2010, 391—404.
  • XV. »… in den Seitenthälern sind sie arm, aber auch besser …«. Erzherzog Johann und die »Volkskultur«, in: Josef Riegler (Hg.), Erzherzog Johann – Mensch und Mythos, Graz 2009, 179—193.
  • XVI. Die Darstellung des »Volkslebens« bei Peter Rosegger, in: Gerald Schöpfer (Hg), Peter Rosegger, 1843—1918, Graz 1993, 263—276.
  • XVII. Zur Materialität der Alltagsdinge, in: Tagungsbericht des 25. Österreichischen Historikertag St. Pölten, 16. bis 19. September 2008, St. Pölten 2010, 432—443.
  • XVIII. Alltagsdinge. Umgang mit Sachen seit 1945, in: Olaf Bockhorn/Margot Schindler/Christian Stadelmann (Hg.), Alltagskulturen. Forschungen und Dokumentationen zu österreichischen Alltagen seit 1945. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 2004 in Sankt Pölten, Wien 2006, 175—196.