Bernd Roeck, Andreas Tönnesmann
Die Nase Italiens. Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino
Berlin
Wagenbach
2005
240 S.
€ 25,20
Rezensent: Christine Haberkorn
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 66—67

Piero della Francesca, Portrait des Federico da Montefeltro und seiner Gemahlin Battista Sforza, um 1472. Detail. Florenz, Galleria degli Uffizi. Bild: The Yorck Project.

Piero della Francesca, Geißelung Christi, circa 1460—1465. Urbino, Galleria nazionale delle Marche. Bild: The Yorck Project.
Eines der bekanntesten Bildnisse der Renaissance zeigt als Doppelportrait einen Mann und eine Frau im Profil, die Gesichter einander zugewandt, vor einer weitläufigen Landschaft abgebildet. Der Mann, in der rechten Bildhälfte, hat eine Nase, die an der Wurzel tief eingekerbt ist. Das Bild von Piero della Francesca, ungefähr 1472 gemalt, zeigt die Einzelheiten ganz genau, aber es zeigt nur die bessere Seite.
Hätte Piero seinen Auftraggeber, den Grafen von Urbino Federico da Montefeltro, den Gepflogenheiten entsprechend in der linken Bildhälfte gemalt und die Gemahlin des Grafen, Battista Sforza, auf der rechten Seite, hätte er die rechte Hälfte von Federicos Gesichts abbilden müssen. Dann hätten wir ein Bildnis, das nicht nur eine beschädigte Nase, sondern auch ein zerstörtes Auge zeigen würde. Die Verunstaltung des Gesichts von Federico da Montefeltro war die Folge eines Sportunfalls: Bei einem Turnier im Jahr 1451 fuhr die Lanze durchs Visier des damals 29 Jahre alten Grafen und verletzte ihn schwer.
Daß das äußere Erscheinungsbild Federicos so bekannt geworden ist und den Titel des vorliegenden Bandes des Historikers Bernd Roeck und des Kunsthistorikers Andreas Tönnesmann (tätig an der Universität Zürich beziehungsweise an der ETH Zürich) veranlaßt hat, liegt daran, daß sich der Herr von Urbino gerne und oft abbilden ließ, mehr als seine Zeitgenossen, auch mehr als jene, die ansonsten so wie er die Repräsentation pflegten, ihre Umwelt mit großem Aufwand künstlerisch gestalten ließen und sich auf solche Weise auch politisch legitimierten.
Im Fall des Montefeltro war diese Legitimation eine Notwendigkeit auch deshalb, weil die Art und Weise, wie er in dem kleinen Fürstentum in den Marken an die Macht gelangt war, recht dubios war. Die wahrscheinlichste und auch von den Autoren dieses Buchs vertretene Annahme über seine Herkunft geht dahin, daß Federico der uneheliche Sohn der unehelichen Tochter des Grafen von Urbino war und von seinem Großvater, der zu diesem Zeitpunkt keinen Sohn hatte, als eigener Sohn ausgegeben wurde. Als Federico fünf Jahre alt war, stellte sich aber doch ein ehelicher Erbe ein. Dieser Oddantonio, offiziell somit der Halbbruder Federicos, wurde der legitime Erbe des Grafen und trat auch wirklich 1441 die Nachfolge an. Drei Jahre später wurde der Siebzehnjährige (mittlerweile zum Herzog erhoben) zusammen mit einigen Beratern ermordet, nach Auskunft der Chronisten wegen seiner schändlichen Lebensweise und den Untaten, die er Frauen und Mädchen angetan hatte — so jung und schon so schlecht. Federico hielt sich zu dieser Zeit im ungefähr dreißig Kilometer entfernten Pesaro auf, wurde wenige Stunden nach der Tat benachrichtigt und war noch am selben Tag in Urbino, um die Macht zu übernehmen. Diese tatkräftige und rasche Reaktion wurde und wird von Zeitgenossen und heutigen Beobachtern so interpretiert, daß Federico von dem schmerzlichen Ereignis nicht überrascht worden war.
Die Umstände der Machtübernahme bestimmen auch die hier vorgetragene Interpretation von Piero della Francescas Geißelung (die Bernd Roeck in seinem Band Mörder, Maler und Mäzene, München 2006, noch einmal des längeren ausgeführt hat). Die Identität der drei im Vordergrund befindlichen Gestalten ist ungeklärt und hat im Lauf zu vielfältigen Vermutungen Anlaß gegeben — es ist dies eines der beliebteren Themen für kunsthistorische Spekulationen. Eine in der Vergangenheit schon vorgebrachte Erklärung, der auch die Autoren dieses Bandes folgen, identifiziert die mittlere Figur mit dem ermordeten Oddantonio. Neu ist die Interpretation der anderen beiden Gestalten. Die Autoren setzen bei der Legenda aurea an, konkret bei der Pilatus-Geschichte (ein Teil der Passionserzählung) und bei der Judas-Legende (in der Lebensbeschreibung des hl. Matthias enthalten). Die Pilatus-Legende enthält insofern Parallelen mit der Biographie Federicos, als auch Pilatus als unehelicher Sohn beschrieben wird, der seinen legitim erzeugten Halbbruder erschlägt. Auch Judas soll seinen (nur angeblichen) Halbbruder erschlagen haben. Und Judas sei, so die Annahme der Autoren, der bärtige Mann im Vordergrund. Der dritte Mann im Vordergrund sei der Vater des Judas, den der Sohn, der ihn nicht als Vater erkennt, aus einem nichtigen Anlaß erschlägt, um dann die Witwe, also seine eigene Mutter zu heiraten.
Die Interpretation überzeugt aus mehreren Gründen nicht so recht. Ist Federico jetzt der im Hintergrund thronende Pilatus oder der bärtige im Vordergrund stehende »Judas«? Ist Oddantonio der gegeißelte Christus oder der junge Mann im Vordergrund? Was macht der Vater des Judas auf dem Bild? (Federico da Montefeltro hat seinen Vater nicht erschlagen.) Entgegen der Behauptung der Autoren wird »Judas« nicht entsprechend der traditionellen Judas-Ikonographie dargestellt — ganz typisch wäre ein gelber Mantel oder rotes Haar; freilich gibt es auch genügend davon abweichende Judas-Darstellungen. Wichtiger ist aber, daß Judas keine Ähnlichkeit mit Federico aufweist. Wenn das Bild, wie von den Autoren vermutet, mit der von ihnen beschriebenen Intention von Gegnern des Grafen in Auftrag gegeben wurde, wäre doch zu erwarten, daß dies deutlicher erkennbar gemacht worden wäre. Ganz allgemein empfiehlt sich Mißtrauen gegenüber Interpretationen, die alle Details in ein gar so perfektes Gesamtkonzept integrieren wollen — geht man nach den Autoren dieses Buches, verbirgt Judas in seinem Gewand Äpfel (die Judas-Legende erfordert das), im Hintergrund sehe man auch den dazugehörigen Baum, die Statuette auf der Geißelsäule soll Paris mit dem Apfel in der Hand sein, und die Säule stehe für die Familie Colonna, aus der Oddantonios Mutter stammte. Tatsächlich sind die Äpfel weder zu sehen noch zu erahnen, der Baum ist kein Apfelbaum, der »Paris« (sonst meist nicht als Paris, sondern als Sol invictus interpretiert), hält eine silbrige Kugel in der Hand, und die Säule ist eben ein Inventarstück der Geißelung, das gehört zum Bildtypus.
Abgesehen von dieser Interpretationsübung ist der Band aber eine ganz handfeste Lebensbeschreibung des Grafen und (ab 1474) Herzogs von Urbino. Die Darstellung folgt zwei Strängen: Der politischen und militärischen Rolle des Montefeltro und seiner Bedeutung als Auftraggeber von Kunst.
Politik und Militär bestimmten Lebensführung und wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten (und damit auch die Finanzierung von Kunst) des Herrn von Urbino. Federico war einer der bedeutenden italienischen Condottieri, hatte mit dieser Tätigkeit schon früh begonnen und führte sie bis zu seinem Tod im Jahr 1482 aus. Er übte sie im Auftrag der fünf größeren Mächte, die ständig dabei waren, die Machtverhältnisse in Italien umzuordnen: Venedig, Mailand, Florenz, der Kirchenstaat und Neapel bildeten zwei Parteien in wechselnden Kombinationen, und der Herr von Urbino verkaufte um viel Geld seine Streitkräfte und sein Können als Feldherr an sie. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten, bei wechselnden Bündnissen die Loyalität zu mehreren Auftraggebern aufrechterhalten zu können, meisterte Federico offensichtlich gut; Loyalität gehörte auch zu den Eigenschaften, den er sich von seinen Panegyrikern zuschreiben ließ. Zu den Verwicklungen in die Politik der größeren italienischen Staaten kam noch die spezielle Feindschaft zu den Malatesta im nahen Rimini, die zu langdauernden auch kriegerischen Auseinandersetzungen mit ungünstigem Ausgang für die Malatesta führte.
Die Einkünfte aus dem Kriegshandwerk waren für die Finanzierung der enormen Aufwendungen für Architektur, Kunsthandwerk und Bibliothek (zu schweigen von kleineren Posten wie den Ausgaben für Malerei) essentiell, da die Steuererträge aus dem Fürstentum alleine nicht gereicht hätten. Diese Aufwendungen gipfelten im Herzogspalast in Urbino, einem Neubau Federicos, der im Innenhof ebenso wie in den Innenräumen — von der großzügigen Sala bis zum reich ausgestatteten Studiolo des Hausherrn — eines der eindrucksvollsten Bauwerke der Renaissance-Architektur ist. Der Palast wird in einem eigenen längeren Kapitel eingehend beschrieben.
All dies wird mit vielen Details abgehandelt, es bleibt aber dabei doch unterhaltsam und flüssig zu lesen. Eine empfehlenswerte Darstellung einer eindrucksvollen Persönlichkeit des 15. Jahrhunderts.