Helmut Rumpler und Peter Urbanitsch (Hg.)

Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Band IX: Soziale Strukturen. 2. Teilband: Die Gesellschaft der Habsburgermonarchie im Kartenbild. Verwaltungs-, Sozial- und Infrastrukturen. Nach dem Zensus von 1910

Bearbeitet von Helmut Rumpler und Martin Seger. Kartographische Umsetzung von Walter Liebhart

 

Wien
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
2010
362 S.
€ 131,00

 

Rezensent: Stefan Hofmann

Historicum, Herbst 2009—Winter 2009/2010, 72—75

 

 

Im Rahmen des Zentrums Neuzeit- und Zeitgeschichte-Forschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gibt die Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie (1848—1918) ein umfangreiches Handbuch heraus, dessen erster Band immerhin schon 1973 erschienen ist. Dieser Band war der Wirtschaftsgeschichte gewidmet und mit nicht ganz siebenhundert Seiten noch vergleichsweise schmal dimensioniert (der Band ist 2005 unverändert neu aufgelegt worden, was indiziert, daß entweder in den vorangegangenen drei Jahrzehnten in der wirtschaftshistorischen Forschung zur österreichischen Geschichte nichts weitergegangen ist oder der seinerzeitige Band eine besondere wissenschaftshistorische Attraktion darstellt). Die danach erschienenen Bände — Verwaltung, die »Völker des Reiches«, Konfessionen, Militär, internationale Beziehungen, Verfassung, politische Öffentlichkeit – wurden immer umfangreicher (Band VIII etwa hat über 2800 Seiten), einige von ihnen erschienen deshalb auch in zwei Teilbänden.

Der neueste Band ist Band IX zum Thema »Soziale Strukturen«. Dieser Band erscheint in zwei Teilen. Teil 1 umfaßt ungefähr 1850 Seiten und ist daher wiederum in zwei Teile zerlegt. Teil 2 stellt eine wirkliche Besonderheit im Rahmen des Gesamtwerks dar.

Schon in den früheren Bänden des Gesamtwerks gab es vereinzelt Karten zu ausgewählten Themen. Im vorliegenden Fall war, wie der Herausgeber erklärt, ursprünglich ähnliches geplant, im Lauf der Zeit wuchs sich das Vorhaben aber aus: Den Autoren von Band IX sollte als Unterstützung der Arbeit Kartenmaterial zur Verfügung gestellt werden, da eben viele für das Thema relevante Informationen in einer kartographischen Darstellung gut erfaßt werden können. Die Ideen für zusätzliche Karten häuften sich, und irgendwann gelangte man zur Entscheidung, einen richtigen historischen Atlas aufzulegen. Das Ergebnis ist ein mit 36 mal 28 Zentimetern (Querformat) großformatiger Band, der jeweils eine thematische Karte (ausnahmsweise auch mehrere kleine Karten) auf der rechten Seite mit einem Kurzkommentar auf der linken Seite kombiniert.

Zu vielen Karten sind kleine Tabellen gestellt. Eine umfangreiche Tabelle im Anhang listet Daten zu einer Reihe von demographischen Größen auf, einleitend werden Quellengrundlage und verschiedene Probleme der historischen Kartographie besprochen.
Die Besonderheit des Bandes liegt in der Datengrundlage. Hauptbasis ist ein geschlossener Quellenbestand, nämlich die Volkszählungsergebnisse 1910 (dazu kommen noch Daten der Statistik der Bevölkerungsbewegung und anderes). Die Volkszählung wurde in Cisleithanien und Ungarn zwar nicht in identischer Weise durchgeführt, aber doch so, daß die Ergebnisse gut vergleichbar sind. Es ist daher möglich, Karten für ganz Österreich-Ungarn zu zeichnen, die auf einem ausreichend konsistenten Quellenbestand aufbauen. Die Nutzung der Volkszählungsdaten für historische Kartographie ist an sich ein naheliegender Gedanke. Faktisch liegt das Problem in der ungeheuren Datenfülle, die man in den entsprechenden Publikationen der Österreichischen und der Ungarischen Statistik findet – das schlichte Erfordernis, historische Tabellenwerke zu digitalisieren, bringt nach wie vor einen enormen Arbeitsaufwand mit sich. Ein Verdienst dieses Projekts liegt also bereits darin, daß diese Arbeit geleistet wurde.

Welche Karten findet man nun in diesem Band? Notwendig für das Verständnis der thematischen Karten ist die einleitende Darstellung von Topographie und Verwaltungsgliederung. Die administrativen Einheiten, für die Zensusdaten vorliegen, sind in Cisleithanien Bezirke und teilweise Gerichtsbezirke, in Ungarn und Kroatien-Slawonien Komitate beziehungsweise Kreise; dazu kommen noch Statutarstädte und Munizipalstädte (dazu selbstverständlich die Kronländer und die ungarischen Großregionen). Dies hat zur Folge, daß die Gliederung für Cisleithanien weitaus feiner ausfällt, da die Bezirke der Fläche wie auch der Bevölkerungszahl nach viel kleiner waren als die Komitate — Cisleithanien hatte über vierhundert Bezirke und Statutarstädte, Ungarn und Kroatien-Slawonien nur etwa hundert Komitate und Munizipalstädte.

Der erste thematische Block betrifft die sprachliche Zugehörigkeit der Bevölkerung. Aufgrund der Komplexität der Verhältnisse wird zunächst eine Karte mit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung gezeichnet, dann folgen Karten mit der Verteilung der einzelnen Sprachgruppen. Auf letzteren Karten lassen sich also auch Sprachminderheiten erkennen, was gerade im Vergleich mit der Karte der Sprachmehrheiten aufschlußreich ist — so läßt sich etwa die deutsche Minderheit in Südkärnten nur auf solchen Karten adäquat ausnehmen. Über weite Gebiete gab es sprachliche Mehrheiten, die weniger als drei Viertel, teilweise sogar weniger als die Hälfte der Bevölkerung umfaßten; solche Verhältnisse lassen sich nur in einer solchen mehrteiligen Zusammenstellung abbilden. Nicht berücksichtigt ist dabei das Problem der Mehrsprachigkeit, die regional für größere Teile der Bevölkerung galt und in den Volkszählungsdaten nicht durchwegs adäquat erfaßt ist.

Ähnlich wird die konfessionelle Zugehörigkeit der Bevölkerung behandelt. Auch hier ergänzt die Verteilung einzelner Konfessionen die Darstellung der regionalen Mehrheitskonfession, was vor allem für die kleineren Konfessionen wichtig ist. So würden etwa die Juden auf einer Karte der Mehrheitskonfessionen fast völlig außer Betracht bleiben, die entsprechende Einzelkarte ist hier höchst aufschlußreich. Auch Lutheraner und Reformierte bildeten meist Minderheiten.

Eine zentrale Frage der Sozialgeschichte ist die Demographie. Die Karte zur Bevölkerungsverteilung gibt für jede Gebietseinheit die Bevölkerungszahl mit einer entsprechend großen Blase an; man gewinnt daraus hauptsächlich die Erkenntnis, daß Komitate im allgemeinen größer als Bezirke waren. Nicht leicht zu rezipieren ist auch die Karte zu den Altersstrukturen 1910, bei der zwei Dimensionen — Anteil der Alten und Anteil der Jungen — zugleich dargestellt werden; da grundsätzlich alle möglichen Kombinationen denkbar sind (und auch wirklich vorkommen), ist es nicht leicht, dafür eine Einfärbung zu finden, die eine rasche Orientierung ermöglicht. Ähnlich später bei der natürlichen Bevölkerungsbewegung, die verschiedene Kombinationen von Geburten- und Sterberaten in einer Karte darstellt.

Einfacher war es, eine griffige Präsentation der Familienstandsverhältnisse zu finden. Basis dieser Karte ist eine Clusteranalyse, die insofern einfache Ergebnisse liefert, als der Anteil der Ledigen mit dem Anteil der Verheirateten aus naheliegenden Gründen negativ korreliert ist; der Anteil der Verheirateten ist wiederum mit dem Anteil der Verwitweten korreliert. Die resultierende Karte ist damit im wesentlichen eine Karte der Ledigenanteile, woraus sich der Rest ergibt. Erwartungsgemäß sehr ähnlich wie die Unterschiede in den Ledigenanteilen fallen die regionalen Unterschiede im Heiratsalter aus. Zwei kleine Karten zu einem besonderen Aspekt der Familienstandsverhältnisse verdienen Erwähnung: Der Anteil der Verwitweten an allen jemals Verheirateten, getrennt für Männer und Frauen, unterscheidet sich regional merklich. Verhältnismäßig hoch war dieser Anteil etwa im alpinen Gebiet, also dort, wo auch das Heiratsalter relativ hoch war; im Heiratsalter dürfte wohl auch die Erklärung zu finden sein — wenn spät geheiratet wird, ist die Dauer der Ehe gegenüber der Dauer des Witwenstands verhältnismäßig kurz (eine andere Erklärung könnte im je nach Region unterschiedlich großen Altersabstand der Eheleute liegen).

Die Bevölkerungsbewegung, also Geburten und Sterbefälle sowie Wanderungsbewegungen, waren nicht Gegenstand des Zensus, sondern jährlicher Erhebungen. Für den Kartenband wurden die Daten aus dem Jahr 1910 genutzt. Die entsprechenden Karten zeigen Geburten- und Sterberaten, Lebenserwartung und wichtige Todesursachen (Infektionskrankheiten im allgemeinen und Tuberkulose im besonderen). Auch hier findet man Karten mit komplexer Thematik, etwa die gleichzeitige Darstellung von natürlicher Bevölkerungsbewegung und Wanderungsbewegung oder auch eine Karte, in der die Distanz von Wanderungen (über Bezirksgrenzen und Ländergrenzen hinweg) abgebildet wird.
Eines der schwierigsten Themen der Sozialstatistik ist die Statistik von Erwerb, Beruf, Stellung im Beruf und so weiter. Dies zeigt sich bereits in den ersten Karten zur Erwerbstätigkeit. Zwei Karten (eine davon praktisch redundant) zeigen den Anteil von Männern beziehungsweise Frauen an den Erwerbstätigen. Wie die Anmerkungen hervorheben, sind die Basisdaten eigentlich kaum brauchbar, zumal sie für große Teile der weiblichen Bevölkerung fälschlicherweise keine Erwerbstätigkeit annehmen. Dies gilt vor allem für Ungarn, ein stark agrarisch geprägtes Land, in dem selbstverständlich der größte Teil der weiblichen Bevölkerung in Wirklichkeit erwerbstätig war; den statistischen Angaben nach wäre aber weniger als die Hälfte der ungarischen Bevölkerung erwerbstätig gewesen, und drei Viertel der Erwerbstätigen oder noch mehr wären Männer gewesen.
Problematisch sind auch die Angaben der Volkszählungen zur Stellung im Beruf. Hier werden eingangs wieder die Regionen in Cluster eingeteilt, die ihrerseits wieder nach den Anteilen an Selbständigen, Arbeitern und so weiter (getrennt nach Sektoren) gebildet werden. In den anschließenden Karten werden diese Kategorien einzeln in ihren regionalen Anteilen dargestellt. Die Probleme liegen vor allem in der Zuordnung der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu Arbeitern, Taglöhnern und mithelfenden Familienangehörigen. Im Ergebnis erhält man etwa für Ungarn niedrige (zum Teil extrem niedrige) Anteile von Arbeitern, weil viele eben als mithelfende Familienangehörige kategorisiert wurden. Selbst die Identifizierung von selbständigen Frauen in der Landwirtschaft ist in den Volkszählungen problematisch, da viele wiederum als Mithelfende geführt wurden.

Nach Haushaltsgrößen und Urbanisierungsdaten werden in einigen Karten die Daten zum Bildungswesen verwertet: Schulwesen (Anzahl von Schulen) und Bildungsgrad, sprich Alphabetisierung sind hier das Thema. Zwar sind die Alphabetisierungsdaten an sich nicht leicht zu interpretieren, das es nicht von vornherein klar ist, worin »Lesekenntnisse« oder »Schreibkenntnisse« bestehen müssen, um als solche anerkannt zu werden. Doch wurde ein wichtiger Aspekt, nämlich die geschlechtsspezifischen Unterschiede, gut gelöst: Eine Karte bringt die prozentuellen Unterschiede im Alphabetisierungsgrad von Männern versus Frauen in den einzelnen Regionen; diese Information ist deshalb erhellend, weil man annehmen kann, daß innerhalb einer Region für Männer und Frauen wohl ähnliche Maßstäbe in der Feststellung des Alphabetisierungsgrads galten, weshalb die ausgeprägten Unterschiede zwischen den Geschlechtern besonders in Galizien, im östlichen Ungarn und in Kroatien-Slawonien ernst genommen werden können.

Auch einige Aspekte der wirtschaftlichen Gliederung wurden berücksichtigt. So wird die Flächennutzung in der Landwirtschaft in einigen Karten dargestellt (Basis ist für Cisleithanien das Gemeindelexikon), und einige wichtige Branchen des industriellen Sektors (Textilindustrie, Maschinenbau) werden auf Basis der Berufsstatistik in ihrer Verteilung abgebildet.

Was fehlt in diesem Band? Die Konzentration auf den Zensus 1910 führt dazu, daß manche Fragestellungen, die eben nicht Gegenstand des Zensus waren, außer acht gelassen werden. Vor allem ist hier das Einkommen zu nennen — unter den gängigen Maßen für Lebensstandard und Entwicklungsstand sind zwar, wie beschrieben, Lebenserwartung und Bildung vertreten, das Einkommen ist aber eben doch von zentraler Bedeutung. Die Datenlage ist dabei schwierig, immerhin hätte man aber gewisse Aspekte mit Hilfe der Einkommensteuerstatistik bearbeiten können. Dabei hätte man auch die Einkommensverteilung zumindest in Teilbereichen erfassen können.

Trotz der genannten Beschränkungen, die sich unvermeidlich aus der Datenlage ergeben, ist dieser Kartenband ein hervorragender Beitrag zur Sozialgeschichte Österreich-Ungarns kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Es ist ein Vergnügen, darin zu blättern und die Fülle von Informationen aufzunehmen, die von der zeitgenössischen Statistik zusammengetragen wurden. Alle Karten sind farbig, die Gestaltung ist auch im einzelnen ansprechend. An einigen Stellen sind allerdings die Unterschiede in den Farbschattierungen zu gering.

Anders als die Textbände des Handbuchs, die für Leser außerhalb des engeren Fachpublikums viel zu umfangreich sind, kann dieser Atlas auch Nichtspezialisten und Nichthistoriker ansprechen. Der Preis ist zwar in Anbetracht des Gebotenen nicht eben wucherisch, der Verlag hätte hier aber ein Produkt, das mit noch günstigerem Preis wahrscheinlich eine stattliche Zahl von Abnehmern finden könnte.

Der schöne Band regt zum Phantasieren an: 1910 war der letzte von mehreren Zensus, die soweit vergleichbar sind, daß auch zeitliche Entwicklungen dargestellt werden können. Mindestens für die Zeit seit dem Ausgleich ist dies möglich. Vielleicht wäre dies ein neues Projekt für die Kommission (nach Abschluß des Handbuchs, der langsam absehbar ist): Eine Erweiterung dieses Kartenbands, am ehesten wohl in elektronischer Form, mit einer Einbeziehung von Daten der früheren Volkszählungen und sonstigen statistischen Erhebungen, die neben den räumlichen Unterschieden 1910 auch die Dynamik der Entwicklung sichtbar machen würde.