Roman Sandgruber

Lenzing. Anatomie einer Industriegründung im Dritten Reich

Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 9

 

Linz
Oberösterreichisches Landesarchiv
2010
476 S., 18 Abb.
€ 35,00

 

Rezensent: Gerhard A. Stadler

Historicum, Winter 2011/2012—Frühling 2012, 62—63

Lenzing im April 1939. Bild: Lenzing AG

Als neunter Band der vom Oberösterreichischen Landesarchiv herausgegebenen Publikationsreihe Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus erschien Lenzing — Anatomie einer Industriegründung im Dritten Reich, der sich den Anfängen der Lenzinger Zellwollfabrik sowie deren Entwicklung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren widmet. Der Anstoß für die Studie kam von der Lenzing AG. »Gerade für die Zeit des Nationalsozialismus mit der engen Verschränkung von Staat, Partei und Wirtschaft, mit ihrer öffentlichen Gründungstätigkeit, der starken Einbindung staatlicher Zwangsmaßnahmen in unternehmerische Strategien und einen allgegenwärtigen Überwachungsstaat erweist sich eine Fallstudie für ein einzelnes Unternehmen als sehr erfolgversprechender Weg.« (12) Als notwendige Konsequenz der bislang nur stiefmütterlich behandelten Gründungsgeschichte des Unternehmens sollte die Aufarbeitung zentraler Quellenbestände aus dem Thüringischen Landesarchiv Rudolstadt und dem Archiv der Republik im Österreichischen Staatsarchiv eine profunde Basis für die Darstellung schaffen.

Zunächst der Hinweis auf die Bedeutung Österreichs für die Standortwahl, ehe Lenzing als bereits geschichtsträchtige Lokation einer Papier-und Zellstofffabrik vorgestellt wird. Nach dem »Anschluß« 1938 sollte Oberösterreich infolge des Aufbaus einer Grundstoffindustrie sowie großer Bauvorhaben bedeutende Veränderungen erfahren. Allerdings — so der Autor — bedeutete 1938 nicht jenen tiefen Einschnitt, der Oberösterreich zu einem modernen Industrieland umgestaltete, denn schon früher war ein markanter Aufschwung in Oberösterreichs Industrie unübersehbar. Die Zellstoffabrik etwa, deren Neubau im Frühjahr 1937 begonnen worden war, galt als die modernste Europas, als das Unternehmen der Bunzl & Biach’schen Papier- und Zellstoff-Fabrik durch »Arisierung« von der Thüringischen Zellwolle AG übernommen wurde. Der Beraubungspolitik widmet der Autor ein eigenes Kapitel, stellte Lenzing doch den größten »Arisierungsfall« Österreichs dar. Unmittelbar nach der Standortwahl, die zugleich die Rohstoffgrundlage sicherte, wurde die Zellwolle Lenzing AG am 31. Mai 1938 gegründet. Anfang Juli 1938 erfolgte der Spatenstich, und Ende September 1939 wurde die Produktion aufgenommen, 1940 war der Unternehmensaufbau sowohl technisch als auch organisatorisch abgeschlossen. An der Spitze der im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie hierarchischen Werksgemeinschaft stand der allein entscheidende Betriebsführer Walther Schieber. In der für das NS-System typischen Verschränkung von Wirtschaft, Partei und Staat wurde auch in der Zellwollindustrie ein Konstrukt zwischen privatwirtschaftlicher Eigentümerschaft und staatsnaher Führung etabliert, in dem Parteizugehörigkeit und Netzwerke zu einem wesentlichen Führungsinstrument wurden. Korruption und Bestechung als ein immanentes Element der Wirtschafts- und Unternehmenskultur des Dritten Reichs zeichnet der Autor für Lenzing am Beispiel der Lebensmittelunterschlagung, die 1942 angeklagt wurde, nach. Mitglieder der Werksleitung hatten beträchtliche Mengen an zwangsbewirtschafteten Lebensmitteln abgezweigt. Darüber hinaus wurden Schwarzschlachtungen, die Verschiebung von Bohnenkaffee, von Benzin oder auch der unrechtmäßige Bezug von Wein und Spirituosen aufgedeckt. Weitere Abschnitte befassen sich mit der Zusammensetzung der Arbeiterschaft, mit der Einrichtung eines Außenlagers des Konzentrationslagers Mauthausen für Frauen in Lenzing-Pettighofen sowie mit den in Lenzing betriebenen Versuchen zur Verwertung der Sulfitablaugen des Zelluloseprozesses für die halbsynthetische Gewinnung von Eiweiß und den Ernährungsversuchen mit »Biosyn- oder Holzwurst« in Mauthausen.

Die in jedem Kapitel einströmende Datenflut verstellt letztlich die Sicht auf das Wesentliche. Formulierungen sind oft unpräzise, der Inhalt ist ungenügend strukturiert und auf weiten Strecken überfrachtet mit Ereignissen an Nebenschauplätzen. Dem Autor entgleitet das zentrale Thema der Publikation, nämlich die Gründungsgeschichte des Zellwollwerks Lenzing, nach und nach. Zusammenfassend wird noch einmal auf den nach dem »Anschluß« eintretenden Strukturwandel der oberösterreichischen Industrie verwiesen, zugleich aber betont, daß dieser keine Modernisierung bedeutete. Ebensowenig fand die erwartete beziehungsweise versprochene Modernisierung der Landwirtschaft statt. Lenzing war zwar bloß eine von mehr als zwanzig Neugründungen im Bereich der Zellstoff- und Zellwollwirtschaft des Dritten Reichs, allerdings profitierte das Werk nach Kriegsende von seiner Lage in der amerikanischen Besatzungszone und der Partizipation an den Hilfsmaßnahmen des Marshallplans, sodaß das Unternehmen schließlich infolge der Restrukturierungs- und Entwicklungspolitik im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit zu beachtlicher Bedeutung aufstieg. Die Zusammenfassung ist eine solche nicht im eigentlichen Sinn. Lenzing spielt dabei, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle. Vielmehr wird in diesem abschließenden Kapitel eine Zusammenschau von Forschungsergebnissen zum Thema Oberösterreich im Nationalsozialismus geboten, freilich unter besonderer Berücksichtigung der ökonomischen Entwicklung. Aufbau und Gliederung dieses immerhin mehr als fünfzig Seiten umfassenden Kapitels sind disparat, die Abschnitte scheinen willkürlich und ohne erkennbaren Zusammenhang aneinander gereiht. Der Publikation fehlt ein Roter Faden. So sehr eine Relativierung der Geschichte Lenzings etwa durch Einbettung in die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklung Oberdonaus oder der Ostmark insgesamt notwendig ist, vermag diese Darstellung dieser Anforderung nicht gerecht zu werden.

Allein die unterschiedliche Zitierweise, gespickt mit unzähligen Mängeln und Fehlern, die divergierende Schreibweise ein und derselben Unternehmung oder Person, die vielen, wenngleich unnötigen Abkürzungen, die weder aufgelöst noch in einem Verzeichnis erklärt werden, bestärken diesen Eindruck. Eine ordnende Hand und ein gründliches Lektorat hätten der Publikation nicht geschadet.