Karin Schmidlechner
Frauenleben in Männerwelten. Kriegsende und Nachkriegszeit in der Steiermark
Wien
Döcker
1997
350 S.
Habilitationsschrift [1994]*, Universität Graz
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Frühling 1995, 5—9
Sechs Jahre steirischer Frauengeschichte behandelt die Grazer Dozentin Karin M. Schmidlechner in ihrer Habilitationsschrift aus dem Jahr 1994.* Es wird ein breites Spektrum an Themen behandelt, von den Kriegsereignissen bzw. dem Kriegsende über die Güterversorgung, familiengeschichtliche Fragen und den Arbeitsmarkt bis zur Parteipolitik. Die Arbeit konzentriert sich ganz auf die Steiermark, nur gelegentlich werden zum Vergleich Angaben für das gesamte Österreich gebracht. Inwieweit die verschiedenen Teile des Bundeslandes in den Blick kommen, ist je nach Kapitel unterschiedlich; z. B. werden beim Arbeitsmarkt Angaben auf Bezirksebene gemacht, in anderen Teilen wird nicht in dieser Weise differenziert.
Ergebnisse
Eine Bewertung der Ergebnisse in einem ist schwer möglich, weil die angesprochenen Themen sehr unterschiedlich sind und auch unterschiedlich angegangen werden und weil ein verbindender Gedankengang, eine übergeordnete Fragestellung, fehlt oder jedenfalls nicht expliziert wird.
Zum Kriegsende findet sich eine Darstellung der kurzen Phase der sowjetischen Besatzung und der britischen Besatzungszeit. Abgesehen von Bombenangriffen und Flucht konzentriert sich dieses Kapitel stark auf die Vergewaltigungen und die Geschlechtskrankheiten. Erstere sind Hauptgegenstand des Abschnitts über die sowjetische Besatzung, letztere werden im Briten-Kapitel behandelt — kein Witz. Ansonsten werden die Erleichterung angesichts des Endes der Kämpfe, die Entnazifizierung und die friedlichen Kontakte zwischen Zivilbevölkerung und alliierten Soldaten beschrieben.
Die Güterversorgung (unter der Überschrift »Lebensbedingungen« der zweite Teil) behandelt in durchmischter Form die Versorgungsprobleme bei Nahrungsmitteln, Bekleidung, Energie, Wohnraum etc. und die Reaktionen — Streiks, Demonstrationen, Hamsterfahrten usw. Hier wird die Gesamtversorgung mit Grundnahrungsmitteln und Luxuswaren besprochen, die Aufbringung durch Ablieferung im Inland und Hilfe von außen, der Schwarzmarkt, die Verteilungsprobleme, auch mit Blick auf Kinder und Jugendliche, Männer und Frauen. Zum Wohnungsmarkt gibt es Zahlen von Wohnungssuchenden, auch auf Maßnahmen zur Minderung der Wohnungsnot (Wohnraumverteilung auf dem Verwaltungsweg, Wohnungsbau) geht die Autorin ein. Unter dem Stichwort »Lebensqualität« werden die Preise besprochen, allerdings fehlen die entsprechenden Lohndaten, sodaß die Realeinkommensentwicklung nicht deutlich wird; jedoch wird der Konsum wichtiger Nahrungsmittel angegeben, wobei es allerdings schwierig ist, zu einem Gesamtbild der Entwicklung in den ersten Nachkriegsjahren zu kommen (auch ein Vergleich zum Jahr 1936 wird angestellt).
Insgesamt kommt Schmidlechner zu einem düsteren Bild der Lebensbedingungen in der Nachkriegszeit und schreibt nach einem längeren Zitat aus einer vorwurfsvollen Rede des KPÖ-Abgeordneten Fischer im steirischen Landtag: »Diesen Ausführungen Fischers, der damit eines der zentralen Probleme der Nachkriegszeit berührt, ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Er erkannte, was viele nicht erkannten, nämlich den kausalen Zusammenhang zwischen der Notsituation, der Existenzkrise und dem Hunger auf der einen und den ökonomischen Prioritätssetzungen auf der anderen Seite. Mit zunehmender Verschlechterung der Versorgungssituation kam es zwar zu Hungermärschen und Streiks, oft von Frauen initiiert und dominiert. Die dabei gestellten Forderungen gingen aber über eine Behebung der schlimmsten Auswirkungen des kapitalistischen Wiederaufbaus nicht hinaus, sie trafen nicht seinen Kern: die Mißachtung menschlicher Bedürfnisse, menschlichen Lebens zugunsten materiellen Profits [Fn.]« (2.10.3.).1 Abgesehen vom unverständlichen Schlußsatz stellt sich die Frage nach den Alternativen — was Fischer im Sinn gehabt haben mag, hat sich anderswo nicht sonderlich bewährt.
»Gesellschaftliche Entwicklungen«, der dritte Teil des Werkes, sind in dieser Arbeit die Geburten, Eheschließungen, Scheidungen und die »Jugendprobleme« einschließlich der Erziehung. Die Beziehungen zwischen Ehepartnern werden besonders auch im Zusammenhang mit den Erfahrungen von Trennung und Rückkehr besprochen, zur Wahl des Ehepartners werden die maßgebenden Erwägungen besonders der Frauen wiedergegeben; ein Abschnitt beschäftigt sich mit der Abtreibungsdebatte in der Steiermark. Zu den Eheschließungen, Geburten usw. wird auch Zahlenmaterial gebracht.
Zum Arbeitsmarkt (Teil 4: »Die Frauen-Arbeit in der Nachkriegszeit«) finden sich sowohl Ausführungen zu institutionellen Regelungen als auch statistische Daten über Beschäftigung, Löhne und dgl., weiters Abschnitte über die Jugendbeschäftigung und die Hausarbeit. Mutterschutz, Frauenbeschäftigung, Arbeitslosigkeit, die Ausbildung weiblicher Jugendlicher und die Beschäftigung im Ausland sind Themen dieses Abschnitts. Bei den Löhnen werden Lohnsätze für Männer und Frauen in einzelnen Berufsgruppen 1946 angeführt, die tatsächlichen Einkommen und deren Entwicklung sind allerdings nicht erkennbar. Die theoretischen Ausführungen in diesem Abschnitt lesen sich übrigens eher merkwürdig.2
Bei der Politik geht es um Wahlberechtigte und Wähler, um die Frauenorganisationen der Parteien und um die Aktivitäten der prominenteren Politikerinnen mit etlichen Lebensläufen und der Schilderung politischer Karrieren. Von den Parteien werden nur die beiden großen Parteien berücksichtigt.
Fast alle Themen der Arbeit werden zusätzlich zur Arbeit mit schriftlichen Quellen auch gesondert in Form von Erinnerungen von Zeitzeugen behandelt.
Abstrusitäten
Eingestreut in diese Darstellung finden sich die Gesetzchen eines sonderbaren Katechismus, die anscheinend dann heruntergeratscht werden müssen, wenn eine theoretische Einordnung irgendwelcher Beobachtungen nicht möglich oder zu mühsam ist. Das Ergebnis ist eine stattliche Liste von Abstrusitäten, Konspirationstheorien, unsinnigen Verallgemeinerungen, unverständlichen Beschwörungen und apologetischen Behauptungen.
Eine ganze Reihe davon findet sich im ersten Kapitel. Beispielsweise merkt Schmidlechner zu den Vergewaltigungen (offenbar zustimmend) an: »Sander spricht diesbezüglich sogar von einem Trauma, das für manche Frauen so groß gewesen sein muß, daß sie ›nahezu geschlossen in die Restaurationsperiode der fünfziger Jahre marschierten, in der klare Geschlechtsverhältnisse propagiert wurden: die Frau gehört ins Haus‹ [Fn.]« (1.3.2.2.). Manche nahmen's lockerer: »Es gab auch Frauen, die die Vergewaltigungen fast lakonisch hinnahmen, was die Annahme berechtigt, daß ihre früheren sexuellen Erfahrungen sich offensichtlich nicht wesentlich davon unterschieden« (1.3.2.2.). Die zeitgenössische Ablehnung der Verhältnisse, die Österreicherinnen mit alliierten Soldaten unterhielten, wird so kommentiert: »In diesem [sic] Argumentationslinie ist einerseits sehr deutlich die Wirkung der NS-Ideologie zu sehen, in der der nicht-deutsche Mann der Feind ist und Beziehungen mit ihm Verrat an der Heimat darstellen. Andererseits kommt darin auch die patriarchalistische Ideologie zum Tragen, die die Frau als Eigentum des Mannes sieht und dementsprechend die österreichischen Frauen als Eigentum der österreichischen Männer« (1.4.2.1.). Tatsächlich ist die Ablehnung von Verhältnissen mit Angehörigen der gegnerischen Streitkräfte3 nicht spezifisch für die nationalsozialistische Ideologie und hat auch nichts mit Vorstellungen von einem »Eigentum« an Frauen zu tun — man vergleiche dazu nur die entsprechenden Passagen in Norman Lewis' nach wie vor lesenswertem Tagebuch Naples '44. Nicht nur im Zusammenhang mit nebelhaften Vorstellungen von Eigentum ist »Patriarchalismus« die Zauberformel: »Gerade an den schlechten Ernährungsbedingungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit wird aber sehr deutlich, daß sich viele Männer im Sinne des patriarchalischen Prinzips als ›Versorger‹ ihrer Familien und daher auch als für deren Ernährung verantwortlich betrachteten. Im konkreten Fall bedeutete dies, daß die Zusatzrationen für Schwer- und Schwerstarbeiter meist nicht von den Arbeitern, für die sie ausschließlich bestimmt waren, allein verzehrt wurden, sondern vielfach auch ihre Familienangehörigen in irgendeiner Weise daran teilhatten« (2.1.7)4. Wie weiter oben (2.1.3., 2.1.5.) mitgeteilt wird, war allerdings ein gleiches Verhalten auch bei Frauen zu beobachten, die Teile ihrer Rationen an ihre Kinder abgaben. Es hat dies also nichts mit »Patriarchat« zu tun, sondern es handelte sich, wie der nüchterne Magnus Pyke von der Wirtschaftsabteilung der Alliierten Kommission feststellte, schlicht um einen »aspect of human nature« (2.1.7.). Weniger nüchtern Schmidlechner: »An diesem Fall zeigt sich, daß die klassische Argumentationslinie, der zufolge die Interessen der Frauen der Durchsetzung der — einheitlichen — männlichen Interessen zum Opfer fallen, nur mit Einschränkungen gültig ist, da hier die Hierarchie der Verpflichtungen von den Männern anders als üblich bzw. erwartet gereiht wurde, indem die Verpflichtung der Familie gegenüber vor diejenige zum Arbeitgeber kam. Man könnte dies auch als ›Sieg des 'internen' gegen den 'übergeordneten oder externen' Patriarchalismus‹ bezeichnen« (2.1.7.).
Nicht nur in diesem Beispiel macht sich ein Zug zur Immunisierung von absonderlichen Hypothesen bemerkbar. Zu den Heimkehrern heißt es: »Bei vielen Heimkehrern erfolgte eine Flucht in die Krankheit, wodurch sie ihren infantilen Status des Frontkämpfers beibehalten und Frau und Kinder zur Übernahme der sorgenden und schützenden Rolle verpflichtet werden konnten [Fn.]« (3.3.2.). In der Fußnote heißt es: »Gerade die am tiefsten depravierten ehemaligen Soldaten und Heimkehrer suchten im wirtschaftlichen Einsatz und Erfolg den Ersatz für ihre verlorene Virilität. Die Ökonomie wurde für sie zum Libidoobjekt und war von einer signifikanten Frauenverachtung begleitet. Diese ,Autopsie des Patriarchats wurde auch von der klinischen Psychiatrie bestätigt« (Fn. 528). Das ist entweder inkonsistent — waren die Heimkehrer jetzt infantile Kranke oder wirtschaftliche Erfolgsmenschen? — oder der Versuch, die These von den defekten Heimkehrern jedem Einwand zu entziehen: Die, die krank waren, waren eh krank, und die Gesunden haben halt ökonomisch kompensiert.
Nicht selten werden in der Arbeit Gedanken, die in einem eher trivialen Sinn irgendwie und irgendwo zutreffen mögen, in sinnloser Weise verallgemeinert: »Prinzipiell kommt in der Vergewaltigung als Tat von Eroberern die allgemeine Frauenverachtung zum Vorschein, die Mißachtung der körperlichen und persönlichen Integrität von Frauen. Vergewaltigungen stehen in der jahrtausendealten patriarchalen Tradition als Bestandteil des Krieges des Mannes. Als fester Bestandteil von Kriegshandlungen ziehen sie sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, unabhängig von Nationalität, geographischer Lage, kulturellem Niveau [...] So stellen auch die Vergewaltigungen der Soldaten der Roten Armee nur ein Glied in der Kette einer sexistischen Tradition dar« (1.3.2.). Zwei Seiten weiter wird hingegen festgestellt, daß die Situation in den sowjetisch besetzten Teilen schlimmer war als in den Zonen der westlichen Alliierten (1.3.2.1.). Offenbar galt daher, was ohnehin anzunehmen ist und sich in der Vergangenheit immer wieder erwiesen hat (noch einmal der Hinweis auf Süditalien zu Kriegsende, aber auch auf die jüngsten Ereignisse im Gebiet des früheren Jugoslawien), daß das diesbezügliche Verhalten eben nicht unabhängig von spezifischen kulturellen Mustern ist. Interessant wäre daher anstelle unsinniger Generalisierungen die Erklärung dieser Unterschiede. Der Hinweis auf rassistische und antibolschewistische Stereotype, die auf den Nationalsozialismus zurückgehen würden, als Erklärung für das »Vergewaltigungssyndrom« (1.3.2.) wirkt merkwürdig — haben nun die sowjetischen Soldaten häufiger Vergewaltigungen begangen als andere oder nicht?
Ohne Distanzierung wird in diesem Zusammenhang auch die unbefangene Äußerung des Staatsmanns Oskar Helmer wiedergegeben, wonach Abtreibungen nach Vergewaltigungen, die zu einer Schwangerschaft führten, deshalb vorgenommen werden sollten, weil (Stichwort: rassistische Stereotype) »ein Großteil der schwangeren Frauen außerdem noch durch den Verkehr mit den Russen geschlechtskrank« geworden sei (1.3.2.1.). Auch weiter unten erklärt Schmidlechner die Zunahme von Geschlechtskrankheiten mit den Vergewaltigungen und stellt fest, »daß von diesem Problem Frauen und Männer gleichermaßen betroffen waren, wenngleich die Ansteckungsrate bei den Frauen fast immer weitaus höher als die der Männer war« (1.4.2.); ein Beleg für diese erstaunliche Behauptung wird allerdings nicht beigebracht.
Gerne, auch im Rahmen von Verschwörungstheorien, bemüht Schmidlechner eine »Gesellschaft« oder »Öffentlichkeit«5 (von der obligaten Einheitsfront der Männer abgesehen6) als Protagonisten: Zur fehlenden öffentlichen Diskussion über Vergewaltigungen in der Phase der sowjetischen Besetzung der Steiermark wird festgestellt, daß »die Öffentlichkeit kein Interesse daran hatte, weil dadurch auch die Greueltaten der deutschen Männer in den besetzten Gebieten verschwiegen werden konnten« (1.3.2.); dann sagt Schmidlechner allerdings wieder über ihre Gesprächspartnerinnen, diese hätten ausführlich auf die Greueltaten sowjetischer Soldaten hingewiesen, »um damit unausgesprochen eine Entschuldigung für die der eigenen Soldaten [...] zu haben« (1.3.2.3.).
Unter der Überschrift Mutterschutzbestimmungen ist zunächst von einer »inneren Kolonisierung« der Frauen die Rede; sie erfaßte auch die Vertreterinnen der Arbeiterbewegung7, die offenbar wieder einmal nicht merkten, was vorging, und selbst einen Mutterschutz wünschten: »Vorrangiges Ziel war also, die Frauen entweder aus dem Arbeitsmarkt zu verdrängen oder sie von diesem fern zu halten. Dazu sollte auch die 1927 gesetzlich verankerte Karenzfrist für den Bezug der Mutterhilfe (26 Wochen versicherungspflichtige Beschäftigung innerhalb der letzten 12 Monate vor der Entbindung) dienen« (4.2.1.). Abgesehen davon, daß der Ausdruck Karenzfrist als Bezeichnung für eine versicherungspflichtige Beschäftigung ungewöhnlich wirkt, da er üblicherweise gerade im entgegengesetzten Sinn verwendet wird (worum es hier wirklich ging, konnte ich nicht herausfinden, da die Gesetzesstelle nicht angegeben ist), ist der Mutterschutz sicherlich ein besonders schlechtes Beispiel, um die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt nachzuweisen — beim Mutterschutz überwiegt eindeutig der gesundheitspolitische Aspekt. Auch Maßnahmen wie die im Mutterschutzgesetz von 1942 vorgesehenen (Kündigungsschutz, Wochengeld, tägliche Stillpausen in den ersten sechs Monaten nach der Geburt) dürften schwerlich dazu beigetragen haben, Frauen vom Arbeitsmarkt zu verdrängen. Diese Maßnahmen waren übrigens nicht so gänzlich neu, wie Schmidlechner anscheinend meint, da Kündigungsschutz und Stillpausen bereits 1927 eingeführt worden waren, letztere allerdings 1942 verlängert worden waren. Schmidlechner verwechselt z. T. die Regelungen von 1927 und 1942, wohl deshalb, weil sie offenbar nie in die beiden Gesetze (RGBl. 31/1927, 53/1942) hineingesehen hat; zumindest fehlt jeder Verweis darauf.
Bei den Ausführungen über die Rekrutierung von Führungspersönlichkeiten unter den Politikerinnen fällt es schwer zu entscheiden, ob Schmidlechner ihren eigenen Verschwörungsphantasien erlegen ist oder bloß methodisch überfordert war: »Beide Parteien hatten in erster Linie Politikerinnen in der ersten Reihe, die, wie ihre Geburtsjahrgänge zeigen, nicht mehr zu den ganz jungen Frauen zählten. Dies deutet einerseits darauf hin, daß die Frauen erst nachdem sie schon längere Zeit ›gedient‹ hatten, in diese ›Höhen‹ aufsteigen durften und verweist andererseits auf ein sehr typisches Phänomen im weiblichen Lebenszyklus, nämlich die weibliche ›Normalbiographie‹, die ein wesentliches Hindernis für die Partizipation der jüngeren Frauengeneration in der Politik der Nachkriegszeit darstellte, indem gerade die Frauen zwischen 30 und 40 Jahren verstärkt an Küche und Kinder gefesselt wurden« (5.4.). Diese Aussagen stützen sich auf die Kurzbiographien von 5 ÖVP- und 7 SPÖ-Politikerinnen; für 9 von ihnen werden die Geburtsjahre angegeben. Würde es sich dabei um eine kunstgerecht gezogene Stichprobe handeln (was nicht der Fall ist, da Schmidlechner nach eigenem Gusto eine Auswahl getroffen hat), so ließe sich auf dieser Grundlage sagen, daß das Durchschnittsalter der steirischen Spitzenpolitikerinnen des besprochenen Zeitraums im Jahr 1945 mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % zwischen 37,5 und 50,2 Jahren lag. Es darf bezweifelt werden, daß das Durchschnittsalter männlicher Nationalrats- und Landtagsabgeordneter, Mitglieder von Landesregierungen und Landesvorsitzender von Partei-Teilorganisationen (dies waren Ämter, die von den angeführten Frauen bekleidet wurden) davon signifikant verschieden war. Übrigens waren die älteren der angeführten Frauen bereits in der Ersten Republik als Landtagsabgeordnete, Landesfrauensekretärin bzw. in anderen (nicht näher benannten) Funktionen tätig, d. h. das angegebene Alter wäre nicht das Alter, in dem die Frauen Führungspositionen erst übernahmen. Überflüssig zu sagen, daß weder Vergleichszahlen für die männlichen Kollegen gebracht werden, noch geprüft wird, ob es tatsächlich Altersunterschiede zwischen Männern und Frauen in der Politik gab. Die These vom »geforderte[n] ›mütterliche[n] Beitrag‹« (5.4.) ist schlicht Humbug.
Bei nicht wenigen Passagen ist der Gedankengang nicht falsch oder abstrus, sondern bloß unverständlich; zwei nicht weiter kommentierte Kostproben sollen genügen. Zu den Vergewaltigungsopfern äußert Schmidlechner: »Sie erhielten keine Entschädigungen, während sich Männer die Möglichkeiten schufen, ihre traumatischen Kriegserlebnisse in einer Weise zu verarbeiten, die ihre Unfähigkeit zu trauern, eher zementierte« (1.3.2.). Zum Thema »Trennung von Haus und Arbeitsplatz« wird (in Anlehnung an Joan W. Scott) mitgeteilt: »Statt daß diese einen objektiven historischen Entwicklungsprozeß widerspiegle, habe sie einen Faktor eben dieser Entwicklung gebildet« (Fn. 471). Sic.
Methoden
Wie bereits gesagt, bilden einen wichtigen Teil der Arbeit die Ausschnitte aus Oral-History-Interviews, die mit Frauen und Männern geführt wurden. Diese Texte sind für sich genommen keinesfalls uninteressant, allerdings fragt es sich, wie weit sie über die einbezogenen Einzelpersonen hinaus Aufschlüsse geben können; als Berichte über das erlebte Geschehen wirken die Interviews zwar nicht immer8, aber doch in der Regel überzeugend. Positiv muß vermerkt werden, daß Schmidlechner in den Interviews Themen zur Sprache gebracht hat, die in der Oral History als heikel gelten — es ist nicht einfach, mit Zeitzeuginnen Gespräche über Vergewaltigungen zu führen. Zitiert werden Äußerungen von 37 Frauen und 4 Männern (anscheinend wurden darüber hinaus auch Gespräche mit etlichen weiteren Personen geführt, aber nicht verarbeitet); es handelt sich also um eine ziemlich kleine Zahl, was bei Interviews aufgrund des hohen Erhebungsaufwands auch kaum anders möglich ist (obwohl es Oral Historians gibt, die mit größeren Zahlen aufwarten können). Darüberhinaus wurden offenbar, anders als Schmidlechner meint, die einbezogenen Fälle nicht zufällig ausgewählt, da u.a. auch Personen aus dem engeren Bekannten- und Verwandtenkreis der Autorin vertreten sind (vgl. die Einleitung und Fn. 304). Es sind daher jene Aussagen bei der Besprechung dieser Texte, in denen allgemeine Schlüsse hergestellt und quantitative Abwägungen vorgenommen werden, nicht zu akzeptieren — wenn es aus Gründen des Arbeitsaufwands nicht möglich erscheint, eine taugliche Stichprobe zu ziehen, kann man nicht quasi ersatzweise eine untaugliche Stichprobe für repräsentativ erklären.
Einzelne Abschnitte sollen statistische Analysen beinhalten. Generell ist dazu anzumerken, daß es höchst merkwürdig wirkt, wenn man so wie in dieser Arbeit dauernd die Neue Zeit als wichtige Bezugsquelle für statistisches Material, insbesondere auch demographische und Arbeitsmarktdaten, benützt. Ebenfalls durchgehend gilt für die statistischen Passagen, daß die Analysen sich auf die bescheidensten Ansätze beschränken: Die Daten werden numerisch im Prinzip lediglich in Form von Strichlisten genützt (also z. B. Geburtenzahlen nach Bezirken angegeben). Eine weitere (d. h. multiple bzw. multivariate) Analyse findet nicht statt, obwohl entsprechende Ideen dann und wann vorbeigeistern, im Fall der Geburtenzahlen z. B. ein möglicher Zusammenhang der Geburten mit den Wohnverhältnissen oder der Frauenbeschäftigung. Dies ist deshalb wichtig, weil man die eigenständige Bedeutung einer Größe (z. B. des Geschlechts) in irgendwelchen Lebenssituationen nur dann erfassen kann, wenn man andere Faktoren, die bedeutsam sein können, konstant hält; tut man dies nicht, wird man nur den Schluß ziehen können, daß anscheinend alles mit allem direkt oder indirekt bis zu einem gewissen Grad zusammenhängt. Das ist aber ohnehin bekannt.
In den Kapiteln 4.2.2.3. und 4.2.2.4. werden die Frauenbeschäftigung (»im Spiegel der Statistik«) und die Frauen-Arbeitslosigkeit abgehandelt. Die Ausführungen zur Frauenbeschäftigung leiden darunter, daß Schmidlechner ständig mit absoluten Zahlen anstelle von Quoten operiert, wodurch die vorgenommenen Vergleiche (z. B. zwischen Bezirken) praktisch unbrauchbar werden. Weiters fehlen fast durchwegs parallele Angaben für die Beschäftigung der Männer; die spärlichen Vergleiche zwischen Männern und Frauen, wie sie sich beim öffentlichen Dienst finden, lassen erahnen, daß es hier komplexe Prozesse mit Ab- und Auf-Bewegungen bei beiden Geschlechtern gegeben haben dürfte (Fn. 782). Zu Beginn des Abschnitts wird auf die Probleme bei der Erhebung der Daten hingewiesen; falls damit die Differenzen zwischen den Beschäftigtenzahlen im Text und den Angaben in Fn. 778 gemeint sind, muß die Brauchbarkeit der verwendeten Daten überhaupt in Frage gestellt werden — es gibt differierende Angaben bei den Beschäftigtenzahlen (und zwar nicht in kleineren Teilbereichen, sondern für die Gesamtbeschäftigung von weiblichen Arbeitern und Angestellten) im Ausmaß von ca. 90 %! Bei der Auswertung dieser Daten werden wieder die funktionalen Zusammenhänge nicht ernsthaft untersucht, sondern es wird neuerlich mit der Strichlisten-Mentalität an die Sache herangegangen; auch dabei finden sich aber schwere Schnitzer: So wird sowohl im Text als auch bei den Graphiken, wo es offensichtlich um die Verteilung der berufstätigen Frauen auf Betriebsklassen (z. B. Baugewerbe, Verkehr, Handel usf.) geht, vom »Anteil der Frauen an den Betriebsklassen« gesprochen, was etwas völlig anderes bedeutet. Ebenso mangelhaft ist das Kapitel über die Arbeitslosigkeit. Die verschiedenen Kategorien von Arbeitslosigkeit werden nicht unterschieden, wenn auch einmal zwischendurch von einer saisonalen Arbeitslosigkeit die Rede ist. Die Daten werden ohnehin nur bruchstückhaft angegeben und dabei Äpfel mit Birnen verglichen.9 Die Arbeitslosigkeit wird auch nicht im Kontext des Arbeitskräftepotentials und der Beschäftigtenzahlen (bei den steirischen Frauen 1948—51 ein Anstieg um 14,35 %) gesehen, sodaß eine Aussage wie »Ende 1949 hatten sich die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen weiter verschlechtert« plakativ und erläuterungsbedürftig wirkt; die Auffassung, daß die Frauen von den Männern vom Arbeitsmarkt verdrängt wurden, wirkt schon von daher nicht eingängig, abgesehen davon, daß die entsprechenden Vergleichsdaten für die Männer wieder nicht referiert werden. Beide Kapitel sollten für den Druck völlig neu geschrieben werden.
Dokumentation, Unklarheiten, terminologische Mängel
Die gebotenen Informationen über die Gesprächspartner sind sehr spärlich. Für die Drucklegung wäre jedenfalls zu wünschen, daß die Namen (soweit dazu die Erlaubnis erteilt wird), jedenfalls aber Berufe, Familienverhältnisse und sonstige wichtige Daten angegeben werden.
Diverse Widersprüche im Text bzw. in der Kombination Text/Graphiken10 wären ohne großen Aufwand zu beseitigen. Gleiches gilt für gelegentliche Unklarheiten in Formulierungen, besonders bei der Darstellung von zahlenmäßigen Entwicklungen.11 Ein habitueller Mangel der Autorin sind ihre Schwierigkeiten bei der Bezeichnung von Größen und Größenverhältnissen — Schmidlechner unterscheidet nicht zwischen dem Begriff der Rate oder des Anteils und absoluten Zahlen; dabei gibt es ständig Verwechslungen. Es finden sich u.a. auch eine »Ansteckungsrate (in absoluten Zahlen)« (1.4.2.) und ein »Anteil der Arbeiterinnen nach Betriebsklassen […] (in absoluten Zahlen)« (4.2.2.3.). Auch der Begriff real zur Bezeichnung einer Veränderung wird in ganz ungebräuchlicher Weise verwendet (4.2.2.3.).
Zusammenfassung
Einem Historiker, der die Aufgabe des Fachs nicht in der Förderung aktueller politischer Ziele sieht, kann es gewiß gleichgültig sein, ob eine historische Arbeit frauenpolitischen Anliegen förderlich ist oder nicht. Es ist daher sicher kein Argument gegen die Arbeit Schmidlechners, daß sie den politischen Interessen von Frauen nicht dient: Sie verabsäumt es, über die Wiedergabe individueller Erfahrungsberichte hinaus eine präzise Beschreibung von spezifischen Lebensbedingungen von Frauen in den ersten Jahren der Zweiten Republik zu liefern und die Benachteiligungen zu erklären, denen die Frauen ausgesetzt waren. Es ist das vielleicht ein bißchen schade, aber allzu schlimm ist es, unter politischem Aspekt, nicht: Geschichte wirkt ohnehin nicht.
Unter wissenschaftlichen Aspekten wiegt es schon schwerer. Die Erkenntnis, daß es eine furchtbare Zeit war, ist zu ungenau für eine solche Arbeit. Die Feststellung, daß sie so furchtbar war, weil es ein Patriarchat gab, ist eher ein Losungswort als eine Erklärung.
Zwei Haupteinwände sind gegen Schmidlechners Arbeit vorzubringen; der eine ist nicht spezifisch für die Frauengeschichte: Eine Verallgemeinerung von Erkenntnissen, die sich aus einzelnen Quellen ergeben, ist häufig nicht möglich, sei es weil schon die Verzerrungen beim Zustandekommen der Quellen nicht abschätzbar sind, sei es weil zu wenige Beobachtungen vorgenommen werden; manche Aussagen in der vorliegenden Arbeit entziehen sich schon von vornherein jeder empirischen Prüfung. Man kann solchen Problemen nicht ausweichen, indem man sich bei der Bearbeitung sozusagen auf eine »weiche« Form von Statistik beschränkt — das Ergebnis ist trotzdem mit gleicher Wahrscheinlichkeit falsch, nur ist man sich über diese Wahrscheinlichkeit vielleicht nicht im klaren. In Schmidlechners Arbeit stehen die Bemühungen um eine theoretische Einordnung nicht in einem ausgewogenen Verhältnis mit den empirischen Beobachtungen — die Beobachtungen tragen die Hypothesen nicht, und es ist kein Wunder, daß viele der allgemeineren Aussagen irgendwo zwischen Beliebigkeit und Trivialität angesiedelt sind.
Der zweite Einwand hat mit dem frauengeschichtlichen Interesse Schmidlechners zu tun, und er dürfte auch für viele andere frauengeschichtliche Arbeiten gelten: Frauengeschichte muß sich ebenso mit den Männern wie mit den Frauen befassen — die spezifischen Lebensbedingungen von Frauen zeigen sich eben nur im Vergleich mit den Lebensbedingungen der Männer (das liegt im Begriff spezifisch). Wenn man die Männer aus einer solchen Untersuchung wegläßt, dann verliert man das Geschlecht als historische Kategorie; technisch gesprochen: Wenn es für eine Größe nur eine einzige Ausprägung gibt, wenn bei Geschlecht immer »weiblich« anzugeben ist, dann ist diese Größe redundant: sie erklärt nichts mehr. In der Arbeit Schmidlechners geht es um »Frauenleben«, und es gibt schon dabei genügend Unklarheiten; die »Männerwelten«, in denen sich dieses »Frauenleben« abgespielt haben soll, sind überhaupt nicht erkennbar.
* Dem Rezensenten lag das ungedruckte Manuskript vor.
Aufgrund des Ausdruckformats des zur Verfügung gestellten Manuskripts wird hier nicht die Seite, sondern der Textabschnitt zitiert.
Nicht näher benannte »Gesellschaftsinstanzen« oder »die Gesellschaft« haben in einer solchen Arbeit nichts zu suchen: »Die Verweigerung einer langfristigen Öffnung ›männlicher‹ Berufe für Frauen kann aber nicht nur auf ideologische Verhaftungen der maßgeblichen gesellschaftlichen Instanzen in alten Rollenklischees zurückgeführt werden« (4.2.5.). »Dies heißt allerdings nicht, daß Männer nicht genauso ihre Anstrengungen verdreifachten, um das Überleben ihrer Angehörigen zu sichern, als politische und wirtschaftliche Gesellschaftsinstanzen versagten« (4.3.1.). »Während dieser Freiraum der Kinder für die unmittelbare Nachkriegszeit von der Gesellschaft, die die Frauen zu diesem Zeitpunkt als Arbeitskräfte dringend benötigte, akzeptiert wurde, setzte parallel zur allgemeinen Tendenz der Verdrängung von Frauen aus dem offiziellen Arbeitsmarkt eine neue — nämlich die alte konservative — Auffassung bezüglich Kindererziehung und Betreuung ein« (4.4.). Zu den von den britischen Militärbehörden initiierten Maßnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten gehörte auch die Kontrolle der Prostituierten und deren zwangsweise Behandlung im Krankheitsfall: »Hinter diesen Kampagnen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten stand eindeutig mehr als nur medizinische und soziale Besorgnis, sondern vielmehr das Bemühen, ein Verhalten von Frauen, das von den Männern und damit der Gesellschaft als unrichtig definiert und daher nicht akzeptiert wurde, in den Griff zu bekommen« (1.4.2.2.).