Peter Stachel
Über den Umgang mit kultureller Vielfalt in Politik, Kultur und Wissenschaft. Studien zu Zentraleuropa als multiethnischer Region (18.—21. Jahrhundert) und zu methodischen Problemen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit kultureller Heterogenität
Graz
2004
Habilitationsschrift, Universität Graz
Rezensent: Nicolas Wirmaier
Historicum, Frühling 2005, 9—13
Der Grazer Historiker Peter Stachel hat 2004 Sammelhabilitation zum Themenbereich Ethnizität und Multikulturalität mit sechzehn Aufsätzen vorgelegt.* Der Autor war davor zehn Jahre lang Mitarbeiter des Spezialforschungsbereichs Moderne — Wien und Zentraleuropa um 1900 an der Universität Graz, seit 1999 ist er Bediensteter bei der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.
Die Sammlung ist in drei Teile gegliedert. Im ersten (Aufsätze 1—5) geht es um den vom Autor verwendeten Begriff Zentraleuropa und um die Habsburgermonarchie als multiethnischen Staat, im zweiten (Aufsätze 6—14) um den Zusammenhang zwischen der kulturellen Vielfalt insbesondere der Habsburgermonarchie und wissenschaftlicher Theoriebildung, im dritten (Aufsätze 15—16) um methodische Fragen bei der Analyse kultureller Vielfalt.
Zentraleuropa
Unter dem Titel »Zentraleuropa als multiethnische Region in der Moderne, die Habsburgermonarchie als multiethnischer Staat« behandelt der Autor den Begriff Zentraleuropa und staatlich-kulturelle Einheit versus Diversität, insbesondere am Beispiel der Habsburgermonarchie.
Der Begriff Zentraleuropa kommt in der ganzen Aufsatzsammlung, nicht nur in Teil 1, immer wieder vor. Dennoch und obwohl der Autor der Definition des Begriffs unter anderem einen ganzen Aufsatz widmet, muß gesagt werden, daß der Begriffsinhalt bis zum Schluß eher unbestimmt bleibt. In Aufsatz 1 beginnt der Autor mit der Frage, welchen Raum man meint, wenn man von österreichischer Geschichte spricht; das heutige Österreich würde nicht den gesamten räumlichen Bezugsrahmen der österreichischen Geschichte umfassen, österreichische Geschichte könne daher nicht Geschichte eines Nationalstaats sein. Stachels Definition lautet: »Der Begriff ›österreichisch‹ umfaßt in historischer Perspektive den gesamten zentraleuropäischen Raum, der über Jahrhunderte – allerdings mit wechselnden Außengrenzen — durch die Habsburgermonarchie zu einer politischen Einheit zusammengefaßt wurde.« (21) Österreichische Geschichte ist also die Geschichte Zentraleuropas, und die Geschichte Zentraleuropas ist die Geschichte des Habsburgerreiches. Dieses Ergebnis ist zwar nicht eben eine Abkehr von der bisher üblichen Abgrenzung des Fachs, um eine klare und nachvollziehbare Definition handelt es sich dennoch nicht: »Wechselnde Außengrenzen« ist bekanntlich eine zurückhaltende Bezeichnung für die Territorialentwicklung der Habsburgermonarchie, ein dynastisches Prinzip in der Geschichtsschreibung ist eher noch unbefriedigender als ein nationalstaatliches, und intuitiv ist nicht recht einsichtig, wo die spezifischen Gemeinsamkeiten zwischen Freiburg im Breisgau und Czernowitz liegen sollen, außer daß die beiden Städte tatsächlich drei Jahrzehnte lang gleichzeitig zum Habsburgerreich gehörten. Am Ende kommt Stachel aber zu einem forschungspraktischen Schluß: die räumliche Abgrenzung hänge letztlich von der Fragestellung einer Forschungsarbeit ab, der Begriff Zentraleuropa könne sich daher auf unterschiedliche Räume beziehen. Unter bestimmten Bedingungen könnten auch München, Berlin und Zürich zu Zentraleuropa gehören, »bei politischen Fragestellungen – etwa der Frage nationaler Identitätskonzeptionen – wird eher die Donaumonarchie den geographischen Rahmen abgeben, obwohl auch hier die Grenzen der Fragestellung nicht identisch mit den politischen Grenzen des Staates sind.« (24)
Es bleibt also bei einer ziemlich beliebigen Begriffsbestimmung. Dies ist insofern merkwürdig, weil ein technischer Begriff — Zentraleuropa ist ja, anders als etwa Mitteleuropa, in der Alltagssprache ungebräuchlich — normalerweise auf Objekte angewendet wird, für die es entweder keine alltagssprachliche Bezeichnung gibt oder deren alltagssprachliche Bezeichnung unpräzise und mißverständlich ist. Wenn ein technischer Begriff in dieser Hinsicht keinen Vorteil bringt, läßt man ihn am besten weg. Der Ausdruck Zentraleuropa, auch wenn er titelgebend für die Arbeit und für den Grazer Spezialforschungsbereich war, läßt in der Folge keinen spezifischen analytischen Wert erkennen. Wo immer er in dieser Arbeit auftaucht, könnte er zwanglos durch Habsburgerreich, Donaumonarchie, Österreich, Österreich-Ungarn, Mitteleuropa oder dergleichen ersetzt werden, und meistens wäre es gleichgültig, welches dieser Substitute man wählen würde.
Aufsatz 2 greift dann sinn- und teilweise textgleich die Ausführungen aus dem vorherigen Beitrag auf. Der Autor spricht über Zentraleuropa als »Großregion Europas mit unscharfen Begrenzungen«, »die sich durch vielfältige Gemeinsamkeiten auf der Ebene langfristiger kultureller Lebens- und Mentalitätsformen auszeichnet« (27). »Elemente der soziokulturellen Situation Zentraleuropas um 1900« würden »auf allgemeine Befindlichkeiten der Kultur der Moderne und Postmoderne verweisen«; »ein wesentliches Moment der Kultur der Moderne und Postmoderne« sei »der Verlust von Eindeutigkeiten«, »von übersichtlichen und geschlossenen Ganzheiten« (28). Der »Verlust von Eindeutigkeiten« liegt dann, so die Konkretisierung, zum einen in der multiethnischen Zusammensetzung der im Zug der Urbanisierung entstandenen Großstädte, zum anderen in den Mehrfachidentitäten in individuellen Biographien. Näher ausgeführt wird dies aber nicht. Das Ergebnis hat eine gewisse Plausibilität, obwohl gerade der Urbanisierungsprozeß auch anderswo multikulturelle Gesellschaften entstehen ließ, im deutschen Sprachraum etwa im Ruhrgebiet. Aber Multiethnizität war fraglos ein Charakteristikum großer Teile der Habsburgermonarchie, auch unabhängig von der Urbanisierung, das ist nicht neu. Daß auch individuelle Mehrfachidentitäten häufig vorkamen, ist ebenso fraglos richtig, obwohl man bezweifeln darf, daß »die individuell-biographische Verankerung in mehr als einer der ethnisch-kulturell-sprachlichen Gruppen der Region« »eher die Regel, denn die Ausnahme« gewesen sei (32). Vielleicht wirken Personen mit Mehrfachidentität einfach nur auffallender für den zurückblickenden Historiker.
Im dritten Aufsatz, den Stachel zusammen mit anderen Autoren geschrieben hat, folgt ein Vergleich zwischen der Habsburgermonarchie, den USA und Kanada hinsichtlich der deklarierten und der faktisch bestehenden Varianten »ethnisch-kultureller Ein-, Ab- und Ausgrenzung« (41). Die Autoren unterscheiden in Übernahme aus der Literatur ein Uniformitätsmodell (bestehend in der Angleichung aller kulturellen Gruppen an eine dominante Kultur mit unterschiedlichen Mitteln von freiwilliger Assimilation bis zum Genozid), ein Komponentenmodell (mit Weiterbestehen ethnischer Vielfalt und Pflege spezifischer Traditionen) und ein Emergenzmodell (mit einem kulturellen Wandel in allen Gruppen und der Entwicklung von Gemeinsamkeiten bis hin zur Schaffung einer neuen integrierten Kultur, die sich von allen beteiligten Kulturen unterscheidet). Im Hinblick auf diese Modelle werden einerseits Staatsdoktrinen in Cisleithanien, den USA und Kanada besichtigt, andererseits die Politik multinationaler Staaten gegenüber einzelnen ethnischen Gruppen besprochen, nämlich die Volksgruppenpolitik Ungarns im allgemeinen, die Situation der Juden Cisleithaniens, einzelne Minderheiten in den USA (Schwarze, Indianer, Deutsch-Amerikaner) sowie die Québécois und die Chinesen in Kanada.
Während die bisherigen Beiträge nur ein Arrangement von (Sekundär-)Literatur sind, werden in Aufsatz 4 auch Quellen verwendet, nämlich die publizierten Schriften der beiden Protagonisten. Einander gegenübergestellt werden der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (1836—1895) und der Publizist und Reichsratsabgeordnete Josef Samuel Bloch (1850—1923). Sacher-Masoch hatte einen ethnisch gemischten Hintergrund mit einem deutschsprachigen Vater und einer polnischsprachigen Mutter (bei Stachel: einem »deutschsprachigen« Vater und einer »polnischen« Mutter, 92). Er stammte aus einer Beamtenfamilie und hatte das Selbstbild eines österreichischen Bürgers slawischer Nationalität, eines deutschen Schriftstellers und Kosmopoliten. Bloch stammte aus einer jüdischen Bäckersfamilie. Er war Rabbiner in Brüx und Floridsdorf, vertrat ein selbstbewußtes Judentum ohne Assimilation, sein Selbstbild war das eines österreichischen Juden oder jüdischen Österreichers im übernationalen Sinn. Das eher vage Fazit: »Die individuellen Positionierungen von Sacher-Masoch und Bloch, die freilich auch auf die dahinterstehenden mentalen Haltungen bestimmter Bevölkerungsgruppen verweisen, könnten wohl als ein punktueller Ansatz für die Erforschung von ›Umfang und Inhalt einer eigentümlichen österreichischen Kultur‹ […] dienen.« (99)
Der den ersten Teil abschließende Aufsatz ist ein allgemeiner Kommentar zur Politik der Europäischen Union, mit ausgedehnten Zitaten von Michael Frank, Tony Judt und Karl-Markus Gauß. Die EU, so Stachel, nehme über den im Vordergrund stehenden wirtschaftlichen Angelegenheiten die kulturellen Unterschiede und Integrationsprobleme nicht genügend wahr. Der Beitrag paßt thematisch wie methodisch nicht in diese Sammlung.
Multikulturalität und wissenschaftliche Theorien
Im zweiten Teil versammelt Stachel Beiträge zum Themenbereich »Metaphorische und reale ›Vielsprachigkeit‹. Der Einfluß der ›Multikulturalität‹ Zentraleuropas auf wissenschaftliche Theoriebildungen«. Nicht alle Aufsätze sind allerdings einschlägig.
Dies gilt insbesondere für den ersten Beitrag dieses Abschnitts, der das österreichische Bildungssystem zwischen 1749 und 1918 im Überblick darstellt. Ein spezifischer thematischer Zusammenhang mit Multikulturalität, Identität oder dergleichen wird hier nämlich nicht hergestellt, ausgenommen den vorletzten Absatz, in dem Stachel kurz die Nationalitätenkonflikte und der Cillier Schulstreit von 1895 erwähnt. Es handelt sich um einen Handbuchbeitrag, der sich auf Schulorganisation, Schulverwaltung und Bildungspolitik konzentriert und in dieser Hinsicht beim gegebenen Umfang akzeptabel ist. Einzelne inhaltliche Gewichtungen kann man diskutieren, zum Beispiel kommt das franziszeische System hier als übermächtiger Überwachungsstaat heraus, was angesichts späterer Vergleichsbeispiele vielleicht ein wenig übertrieben wirkt. Merkwürdig ist, daß der Autor den Einfluß, den die katholischen Kirche nach dem Konkordat 1855 im Bildungssystem ausübte, nicht adäquat abhandelt.
Im folgenden Beitrag steht die Multiethnizität des Habsburgerreiches hingegen im Zentrum der Fragestellung. Der Autor diskutiert darin zwei Hypothesen: a) Die Erhebung sprachlicher Unterschiede zum primären Identitätsmerkmal von Individuen und Gruppen sei einer vereinheitlichenden Modernisierung der politischen Verwaltung im Weg gestanden, da Normierungsbestrebungen in diesem Bereich als Versuche erschienen, nationale Dominanz durchzusetzen. b) »Das besondere Interesse österreichischer Schriftsteller und Philosophen an Problemen der Sprache erklärt sich zumindest teilweise aus diesem hochpolitisierten vielsprachigen Umfeld« (139). Beide Aussagen sind im konkreten Fall nicht unplausibel, die erste wird aber nicht überzeugend ausgeführt, die zweite gar nicht bewiesen. Nach einigen allgemeinen Bemerkungen über Sprache als Kommunikationsmedium kommt Stachel zum Thema »Vielsprachigkeit als politisches Problem« und findet folgende seltsame Beschreibung des Problems: »Eine verbale Aussage, der in Sprache und sprachlichem Kontext einer Nationalität ein klarer und verständlicher Sinn zukam, konnte linear in eine andere Sprache übertragen widersinnig, ja sogar vollkommen unverständlich werden. Was im Bereich bloßer Alltagskommunikation allenfalls zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hätte, sorgte auf der Ebene der Politisierung von Sprache als Medium kollektiver Identitätsstiftung und daraus ableitbarer Ansprüche, aber auch ganz banal auf jener der Auslegung von Gesetzestexten [Fn.], für politischen Zündstoff der allerbrisantesten Art.« (149—150) Die Nationalitätenkonflikte in der Habsburgermonarchie bestanden aber nicht primär in Übersetzungsschwierigkeiten und daraus resultierenden Mißverständnissen — im Gegenteil, man verstand nur allzu gut, was die andere Seite wollte. Dann erklärt Stachel den Zerfall des Vielvölkerstaates aufgrund der Modernisierung: »Normierung und Vereinheitlichung, gerade auch auf der Ebene des Sprachgebrauchs, waren aber auch fundamentale Bestandteile des verwaltungstechnischen Modernisierungsprozesses, der mit dem sozioökonomishen Modernisierungsprozeß notwendigerweise vielfach wechselseitig verknüpft war. Eine moderne zentrale Verwaltung, die an die Stelle der zumeist nach sehr unterschiedlichen Maßgaben agierenden regionalen Autoritäten vormoderner Staaten trat, beruhte zwangsläufig auf einem hohen Maß von Schematisierung und Formalisierung aller Vorgänge. Auch die Sprache einer modernen Verwaltung und Justiz ist, wie jene der Wissenschaft, immer teilformalisiert, beruht also zwar grundsätzlich auf dem Vokabular und den grammatikalischen Regeln der Umgangssprache, dem aber bestimmte, formal definierte, fundamental bedeutungstragende Begriffe und Verknüpfungsregeln beigeordnet sind. Nationale ›kulturelle‹ Vereinheitlichung und staatlich-verwaltungstechnische Modernisierung stellten so gesehen also zwei Seiten der selben Medaille dar, Nationalisierung war, zumindest potentiell, auch Modernisierung, der Nationalstaat mithin auch der ›moderne‹ Staat. / Das fundamentale Existenzproblem der Donaumonarchie bestand nun eben darin, daß diese beiden Tendenzen, die sich in national homogeneren Staaten gegenseitig verstärkten und unterstützten, hier beinahe unüberbrückbare Gegensätze darstellten. Die Stärkung des auf Sprache rekurrierenden Nationalbewußtseins der einzelnen Volksgruppen stand einer normierenden Modernisierung und Zentralisierung der staatlichen Organe entgegen; Versuche der verwaltungstechnischen Vereinheitlichung mußten beinahe zwangsläufig als Ausdruck nationalen Dominanzstrebens aufgefaßt werden, insbesondere dort, wo eine – aus verwaltungstechnischen Gründen zwingend notwendig erscheinende – Normierung der Verwaltungssprache damit verbunden war.« (153—154) Daran ist richtig, daß Versuche zur Vereinheitlichung der Verwaltungssprache, etwa durch Wahl des Deutschen als allgemeinverbindliche Sprache, desintegrierend gewirkt haben. Nicht überzeugend ist hingegen die Behauptung, daß eine verwaltungstechnische Modernisierung notwendigerweise die Beschränkung auf eine einzige Verwaltungssprache erfordern würde. Die Einsprachigkeit einer modernen Verwaltung in einem multiethnischen Gebiet ist nicht eine Naturnotwendigkeit, sondern Ergebnis einer politischen Entscheidung für eine von mehreren Möglichkeiten. Eine andere prinzipiell realisierbare Möglichkeit ist eine mehrsprachige Verwaltung so wie heute in der ziemlich modernen Europäischen Union oder auch schon im 19. Jahrhundert in der Schweiz auf Bundesebene. Da diese Besprechung in einem Heft steht, das der Geschichte der Kärntner Slowenen gewidmet ist, darf auch darauf hingewiesen werden, daß etwa die merkwürdigen Verordnungen des Kärntner Landeshauptmanns zur einsprachigen Definition eines Ortsgebiets weder etwas mit Mißverständnissen beim Übersetzen eines Textes in eine andere Sprache noch mit einer modernisierenden Vereinheitlichung der Verwaltungssprache zu tun haben. Sprachenprobleme sind nicht nur sprachliche Probleme.
Diese beiden zuletzt besprochenen Beiträge sind wieder sekundäre Arbeiten. In den folgenden Aufsätzen zu Sprachkritik und Sprachanalyse als Thema in Literatur, Literaturwissenschaft, Philosophie der Monarchie stützt sich Stachel auch auf die Arbeiten der von ihm besprochenen Autoren, nämlich Bernard Bolzano, Fritz Mauthner, Friedrich Jodl und Alexius Meinong (Briefe), Ludwig Gumplowicz, Gustav Ratzenhofer, Eugen Ehrlich und Ludwik Fleck sowie auf populäre ethnographische Literatur des 19. Jahrhunderts.
Der Aufsatz über Bolzano setzt bei der Hypothese einer eigenständigen österreichischen oder zentraleuropäischen Tradition in der Philosophie an, die auch durch bürokratisch-politische Steuerungsmaßnahmen im Unterrichtswesen bestimmt gewesen sei und auf zahlreiche Theoriebildungen in anderen Teilgebieten eingewirkt habe: »Man kann sie — mindestens im metaphorischen Sinn — durchaus als Fundament einer spezifisch ›österreichischen Weltanschauung‹ auffassen.« (169) Zunächst skizziert Stachel Bolzanos politische Position, besonders seine Prägung durch den Reformkatholizismus: »Diese Bestrebungen waren aufs engste verknüpft mit der von oben verordneten Aufklärung josephinischer Prägung, derzufolge die Kirche als Instrument staatlicher Reformpolitik wirksam gemacht werden sollte. [Fn.] Daß ein Autor wie Bolzano, der ganz in dieser Tradition stand, früher oder später mit den Behörden des reaktionär-absolutistischen Staates Franz’s II. (I.) in Konflikt geraten mußte, erscheint aus heutiger Sicht nur folgerichtig.« (188) Dies überzeugt nicht, zumal es auch im franziszeischen System auf bestimmten Sachgebieten sehr wohl eine Fortführung der Reformpolitik gab, die übrigens auch die Kirche als Instrument der Politik nutzte. Es gab aber keine breitere politische Partizipation — so wie auch unter Joseph II. nicht. Dann beschreibt der Autor die Wirkung von Bolzanos Philosophie nach dessen Tod, besonders die Wirkung auf Robert Zimmermanns Lehrbuch Philosophie Propädeutik und die Gemeinsamkeit des Wiener Kreises mit Bolzanos »Auffassung, daß die Methode philosophische Wahrheiten zu ergründen in der logischen Analyse der Bedeutungen sprachlicher Begriffe liege« (202). Über Zimmermann habe dann Bolzanos Ästhetik auf die Kunstwissenschaften eingewirkt. Ob sich in einem solchen Geschehen schon eine »österreichische Weltanschauung« manifestiert, ist Geschmackssache.
Das Werk Fritz Mauthners bespricht Stachel hinsichtlich der sprachphilosophischen Aspekte, der während des Ersten Weltkriegs verfaßten Schriften und früherer Arbeiten. Mauthner veröffentlichte während des Ersten Weltkriegs eine rabiate Publizistik, die den Krieg als Überlebenskampf darstellte, in dem die üblichen moralischen Maßstäbe nicht gelten würden. Stachel zieht davon eine Verbindungslinie zu Mauthners schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Roman Der letzte Deutsche von Blatna, einem an sich paranoiden Werk über das Ziel der Tschechen, die Deutschen aus Böhmen zu vertreiben, das im Rückblick allerdings auch wieder als Ironie der Literaturgeschichte erscheint. Mauthner, der einen jüdischen Hintergrund hatte, definierte sich selbst als Deutscher, distanzierte sich explizit von der jüdischen Kultur und lebte einen Haß auf Tschechen aus. Stachel wendet sich gegen die Auffassung, daß hier ein Bruch mit Mauthners Sprachphilosophie vorliege, zumal Mauthner Sprache zwar für ungeeignet als Erkenntnisinstrument und für die Abbildung von Wirklichkeit hält, aber für geeignet zur Stiftung von Gruppenidentität; das Volk definiert sich bei ihm als Sprachgemeinschaft. Stachels Argumentation ist durchaus eingängig.
Der Philosoph Friedrich Jodl war Professor in Prag (1885—1896) und Wien (1896—1914), Vertreter eines erkenntnistheoretischen Realismus und einer utilitaristischen, rational begründbaren Ethik. In seinem Nachlaß befindet sich unter anderem ein Briefwechsel aus seiner Prager Zeit mit seinem Grazer Kollegen Alexius Meinong, bestehend aus elf Briefen, in denen sich die beiden Korrespondenzpartner über fachliche Angelegenheiten austauschten. Mit dem Thema von Multikulturalität und wissenschaftlicher Theoriebildung hat dieser Briefwechsel, in dem sich Jodl gegen »praktischen Materialismus einerseits und Kirchentum andererseits« und für »rationalistisch klar durchgebildeten ethischen Idealismus« (249) ausspricht, nichts zu tun.
Anders ist dies beim Beitrag über Gumplowicz, Ratzenhofer und Ehrlich. Ludwig Gumplowicz war Professor für Staats- und Verwaltungsrecht in Graz, im hier gegebenen Zusammenhang ist seine Erklärung von Nationalitätenkampf als Ausdruck sozialer Konflikte relevant. Gustav Ratzenhofer, ein Offizier und Privatgelehrter, betrachtete Soziologie als Verwissenschaftlichung der Politik; er war Antisemit, allerdings nicht in einem rassistischen Sinn, sondern er sah die Assimilierung der Juden als wünschenswert an. Eugen Ehrlich, ein Professor für Römisches Recht in Czernowitz, war Vertreter der Freirechtslehre, die faktisch bestehende Gruppennormen als Orientierung für Recht und Politik annehmen wollte und sich gegen staatliche Normen wandte, die davon losgelöst geschaffen werden. Für die Geschichte der Soziologie ist er wegen seiner empirischen Erhebungen über Normen in den Nationalitäten der Bukowina wesentlich; politisch vertrat er ein positives Bild der nationalen Vielfalt der Habsburgermonarchie. Stachel stellt diese Autoren und ihre Rezeption in den USA dar.
Ludwik Fleck (1896—1961) war ein Bakteriologe jüdischer Herkunft, aber dezidiert ohne Anbindung an das Judentum (seine Emigration nach Israel 1957 erfolgte nicht aus zionistischer Motivation, sondern weil sein Sohn bereits dort lebte). Fleck war in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert; wegen seiner Forschungen über einen Typhus-Impfstoff stuften ihn die Nationalsozialisten als kriegswichtig ein. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Fleck nach Polen zurück. Er veröffentlichte wissenschaftstheoretische Arbeiten, die von seinen Erfahrungen als Mediziner und von einer Analyse des Forschungsgeschehens in der Medizin ausgehen. Seine Grundthesen lauten, daß Wissenschaft nicht nur faktisch im Kollektiv passiert, sondern daß auch das wissenschaftliche Denken durch das Geschehen im Kollektiv festgelegt wird. Das Kollektiv definiere im Fall der Medizin Krankheit und Gesundheit; die medizinische Ausbildung, die Voraussetzung für die Zulassung zum Kollektiv sei, sei eine Einführung in den Denkstil des Fachs, das heißt auch in dessen Wissensbestand. Die Ausbildung sei praktisch eine Einweihung, und eine vom Denkstil unabhängige Realität gebe es nicht. Stachel erläutert diese Gedankengänge, einleitend bietet er eine Einführung, die insbesondere auch auf Thomas Kuhn Bezug nimmt. Dann stellt er das Thema in den »zentraleuropäischen«, multikulturellen Kontext. Stachel sieht bei den auf Fleck wirksam gewordenen Einflüssen einen Zusammenhang zwischen Fleck und Gumplowiczs »Gruppismus«: nicht das Individuum, sondern die Gruppe stelle, so Gumplowicz, die soziale Grundeinheit dar, das Individuum sei durch die Gruppenzugehörigkeit determiniert, und was der Mensch denke, das sei nicht er, sondern die Gemeinschaft, der er angehört (320). Nach der Bezugnahme auf weitere Autoren resümiert Stachel: »Wie bereits ausgeführt, waren alle diese Autoren jüdischer Herkunft. Auch wenn sie sich, anders als etwa Sigmund Freud, nicht unbedingt selbst in jedem Fall als ›jüdisch‹ definierten, kann wohl doch hypothetisch angenommen worden [!], dass auch für sie die spezifischen Erfahrungen von Intellektuellen jüdischer Herkunft in Zentraleuropa dazu beigetragen haben, auf Übereinstimmung mit der ›kompakten Mehrheit‹ zu verzichten und ›in Opposition zu gehen‹, also allgemein als selbstverständlich Vorausgesetztes kritisch zu hinterfragen« (321). Jüdische Kritik, jüdisches Denken? Wenn man sich schon auf solche Thesen einläßt, sollte man sie nicht als abschließende Mutmaßung an das Ende eines Aufsatzes stellen, sondern einem Test unterziehen, etwa durch einen Vergleich jüdischer und nichtjüdischer Autoren. Wahrscheinlich würde sich dann herausstellen, daß Kritik nichts spezifisch Jüdisches ist, sondern einfach zur Wissenschaft dazugehört. Das würde dann zur eingangs (294) referierten Auffassung Ernst Gombrichs zurückführen, daß man es hier mit dem Ergebnis eines Bildungsideals zu tun habe, das Ausdruck einer allgemeinen bürgerlichen Kultur und daher für die jüdische Bevölkerung besonders relevant gewesen sei. Da es unter Juden mehr Akademiker als in der sonstigen Bevölkerung gab, gab es unter ihnen auch entsprechend mehr Wissenschaftler und darunter auch solche mit originellen Ideen. Das ist aber etwas ganz anderes als »die spezifischen Erfahrungen von Intellektuellen jüdischer Herkunft in Zentraleuropa«, die dazu geführt hätten, daß jüdische und nichtjüdische Wissenschaftler unterschiedlich gedacht und kritisiert hätten.
In den beiden letzten Aufsätzen dieses Teils bespricht Stachel populäre ethnographische Literatur anhand von Werken wie Die Länder Oesterreich-Ungarns in Wort und Bild, Die Oesterreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild und Die Völker Oesterreich-Ungarns. Ethnographische und culturhistorische Schilderungen. Er unterscheidet zwei Traditionslinien volkskundlicher Literatur: eine ethnographische oder humangeographische, die regionale Besonderheiten von Geographie, Landschaft, Klima und Wirtschaft herausarbeitete und nicht ausschließlich »rassisch« oder national ausgerichtet war; und eine Gesamtsicht von Volk, »Urformen«, »völkischer Substanz«, die antimodernistisch und mythisierend daherkam. Die repräsentativen Populärwerke werden anhand von Textausschnitten dargestellt. Beachtlich an dieser Literatur ist nicht so sehr ihr harmonisierender Grundzug (jedes Land oder Volk wird in bemühter Weise in seinem Wert gewürdigt), sondern die Schlichtheit des Gedankens, von der die Beschreibungen geprägt sind und die zu evident falschen, wenn auch freundlich gemeinten Verallgemeinerungen etwa über das Erscheinungsbild oder die Charaktereigenschaften der Menschen führte.
Der zweite der beiden Beiträge führt diese Darstellung in Form von detaillierteren Ausführungen über Bosnien-Herzegowina fort. Stachel bezieht sich dabei auch Maria Todorovas Imagining the Balkans mit der These, daß der Balkan gegen Ende des Osmanischen Reichs als Synonym für unübersichtliche, barbarische Zustände gesehen (was sich in Ausdrücken wie Balkanisierung manifestiere) und auch für rückständig gegenüber dem höheren zivilisatorischen Niveau Westeuropas gehalten worden sei. Die Frage wäre im Zusammenhang von Stachels Thema und Literaturgrundlage allerdings eher, ob nicht der harmonisierende Grundzug der Populärethnographie dazu geführt hat, daß man über solche negativen Aspekte zu leicht hinweggegangen ist. Schließlich war der Balkan tatsächlich in wirtschaftlicher Hinsicht rückständig, politisch instabil und nicht gerade der Inbegriff für moderne Verwaltung.
Methodische Fragen
Der dritte, in jeder Hinsicht eher dünne Abschnitt ist dem Thema »Methodische Probleme bei der wissenschaftlichen Analyse kultureller Vielfalt« gewidmet. Er besteht aus zwei Beiträgen, einer Geschichte des Identitätsbegriffs bei verschiedenen Autoren seit den fünfziger Jahren, und einer Auseinandersetzung mit Samuel Huntingtons A Clash of Civilizations. Während der erste Beitrag praktisch ein Referat aus der Literatur darstellt, dabei besonders ausführlich von Philip Gleason und Rogers Brubaker, die sich mit dem Thema befaßt haben, ist die Besprechung von Huntington eine ausgedehnte Rezension eines viel und auch in der breiten Öffentlichkeit diskutierten Buches. Stachel will hier beweisen, daß Huntingtons These nicht wissenschaftlich sei, und äußert besondere Besorgnis wegen der öffentlichen Wirkung des Buchs: »Wenn nun aber das Auffallende an der Wirkungsgeschichte des Huntingtonschen Buches gerade darin liegt, daß es zwar innerhalb der scientific community — von Ausnahmen abgesehen — kaum allzu ernst genommen, außerhalb dieser jedoch als Werk eines kompetenten wissenschaftlichen Fachmannes eingeschätzt wurde, so wirft dies die Frage auf, wie einer solchen Wirkung von wissenschaftlicher Seite her sinnvoll begegnet werden kann« (409). Daß das öffentliche Echo auf eine wissenschaftliche Arbeit in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Qualität steht, ist wohl nichts Auffallendes. Sinnvoll begegnen sollte man dem jedenfalls nicht mit so schwachen Argumenten wie Stachel.
Stachel bringt drei Hauptargumente gegen Huntington vor. Das erste lautet, daß Huntington die von ihm unterschiedenen Kulturkreise in insuffizienter Weise definiert; dem kann man zustimmen. Das zweite Argument geht dahin, daß Huntington zirkulär argumentiere: »Wenn er jene weltpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre aufzählt, auf die sich seine Behauptungen in wesentlicher Weise stützen und dazu anmerkt, man hätte diese mit Hilfe seines Modells voraussagen können, [Fn.] so läuft dies auf die bettelarme [?] Tautologie hinaus, daß man in der Lage gewesen wäre, vorherzusagen was geschehen wird, wenn man es vorher gewußt hätte« (410). Dieses Argument ist unsinnig. Theorien in der Geschichte sind immer Prognosen, die die Vergangenheit betreffen, darin liegt ihr Vorteil. Drittens wendet Stachel gegen Huntingtons Theorie ein, sie sei eine Leerformel, weil sie nicht jeden Konflikt erklären und daher nicht widerlegt werden könne. Sozialwissenschaftliche Allgemeinaussagen erklären aber praktisch nie jeden Einzelfall, sondern sind in der Regel Wahrscheinlichkeitsaussagen (das gilt auch für andere Wissenschaften wie zum Beispiel die Medizin, obwohl dort der Anspruch auf eine höhere Wahrscheinlichkeit erhoben wird).
Der Huntington-Beitrag ist praktisch nicht mehr als eine ausführliche Rezension, er paßt daher nicht in diese Sammlung.
Zusammenfassung
Die Eigenarten dieser Sammelhabilitation liegen in folgenden Bereichen:
In empirischer Hinsicht fällt auf, daß eine Reihe von Aufsätzen bloß sekundäre Arbeiten sind, sei es als Handbuchbeiträge, als Literaturbericht, kritischer Kommentar oder sonstiger Arbeit aus der Literatur. Dies betrifft die Aufsätze 1—3, 5—7, 15 und 16. In den anderen Beiträgen findet eine Arbeit mit primären, meist gedruckten Quellen statt, in einem Fall auch mit Archivalien.
Die zweite Eigenart liegt in der Formulierung von Thesen. Stachel formuliert eine Reihe von großen Thesen, die zum Teil durchaus plausibel, zum Teil aber auch nicht überzeugend sind und die in jedem Fall eine nähere Untersuchung im Licht empirischer Ergebnisse erfordert hätten. Diese Untersuchung bleibt in der Regel aus, teils schon deshalb, weil die These meist nicht den Anfang, sondern das Ende eines Beitrags bildet.
Die dritte Auffälligkeit liegt in den außerwissenschaftlichen Querverbindungen. Wenn ein Autor in so unbestimmter Weise nach einer »eigentümlichen österreichischen Kultur«, einer »spezifisch österreichischen Weltanschauung« sucht und diese in der Habsburgermonarchie findet, dann ist das eher Mythologie als Wissenschaft. Daran ändert es auch nichts, wenn die bekannte »Habsburg-«, »Mitteleuropa-« oder »Donauraum«-Ideologie jetzt in der »zentraleuropäischen« Version daherkommt.
* Die Arbeit umfaßt auf 460 Seiten folgende Aufsätze:
Die Anfänge der österreichischen Soziologie als Ausdruck der Multikulturalität Zentraleuropas und ihre Rezeption in den frühen US-amerikanischen Sozialwissenschaften, 251—290 [in: Karl Acham (Hg.), Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften. Bd. 3/1: Menschliches Verhalten und gesellschaftliche Institutionen: Einstellung, Sozialverhalten, Verhaltensorientierung, Wien 2001, 509—546 und in: Susan Ingram/Markus Reisenleitner, Cornelia Szabo-Knotik (Hg.), Identität — Kultur — Raum. Kulturelle Praktiken und die Ausbildung von Imagined Communities in Nordamerika und Zentraleuropa, Wien 2001, 199—221, hier 208—215]
»Um Gottes Willen, ich sage nicht, daß es so kommt.« Kritische Anmerkungen zum Wissenschaftsanspruch von Samuel P. Huntingtons »A Clash of Civilizations«, 403–421 [in: Monika Mokre (Hg.), Imaginierte Kulturen — reale Kämpfe. Annotationen zu Huntingtons »Kampf der Kulturen«, Baden-Baden 2000, 47—55]