Arnold Suppan

Hitler — Beneš — Tito. Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel- und Südosteuropa

Internationale Geschichte 1/1—1/3

 

Wien
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
2014
XXXIX, 2060 S., 140 Abb., 13 Karten
€ 148,00

 

Rezensent: Martin Moll

Historicum, Sommer—Herbst 2012, 61—62

 

 

 

 

Diesem wahrhaft monumentalen Werk gerecht zu werden, fällt ebenso schwer wie dessen Einordnung in eines der gängigen historiographischen Genres. Der Haupttitel könnte darauf hindeuten, daß hier biographische Aspekte dreier für die Geschichte Europas während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblicher Protagonisten im Mittelpunkt stehen, und tatsächlich finden sich ziemlich am Beginn ausführliche Lebensläufe und Würdigungen für Adolf Hitler (1889—1945), den tschechoslowakischen Politiker, Außenminister und Präsidenten Edvard Beneš (1884—1948) sowie den jugoslawischen KP-Chef, Partisanenführer und nachmaligen Staatschef Jugoslawiens, Josip Broz Tito (1892—1980). Der Untertitel wiederum legt die Vermutung nahe, daß man es mit einer Konfliktgeschichte einer recht vage definierten europäischen Großregion in einem bestenfalls durch die Lebensdaten der drei Titelfiguren begrenzten Zeitraum zu tun hat. Beide Auslegungen treffen bestenfalls einen Teil der Wahrheit, denn es handelt sich um ein Werk, das sich jeglicher Kategorisierung entzieht und am ehesten als Versuch seines Autors zu verstehen ist, eine histoire totale vorzulegen. Integriert werden folglich Fragestellungen und Befunde der Politik-, Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Mentalitäts-, Rechts-, Militär- und Diplomatiegeschichte, um nur die wichtigsten zu nennen.

Im Fokus des Autors stehen überwiegend Gebiete, die bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörten und die danach (beziehungsweise ab 1945 neuerlich) entweder an die Tschechoslowakei oder an Jugoslawien fielen (obwohl zu Ostmitteleuropa gehörig, wird also der Raum des heutigen Polens nicht einbezogen). In dieser geographisch nicht geschlossenen, sondern durch Ungarn und das heutige Österreich getrennten Region lebten bis kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges zahlreiche ethnische Gruppen, die Suppan stets bis zu den kleinsten Minderheiten aufzählt, von denen hier aber nur die bedeutendsten angeführt seien: Deutsche beziehungsweise Deutschösterreicher, Tschechen, Slowaken, Slowenen. Serben, Kroaten, Ungarn und Rumänen. Die Siedlungsgebiete waren teilweise voneinander abgegrenzt, teilweise aber auch stark ineinander verwoben. Nach 1945 entwirrte sich das ethnische Geflecht durch Flucht beziehungsweise Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und Jugoslawien sowie durch ein ungarisch-slowakisches Umsiedlungsprogramm. Dies war das Ergebnis von nationalistisch angefeuerten Konflikten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voll in Fahrt kamen, in der Zwischenkriegszeit eine internationale und zwischenstaatliche Dimension erhielten (durch die von den »Mutterstaaten« unterstützten Forderungen nationaler Minderheiten auf Selbstbestimmung), in der NS-Gewaltherrschaft über diese Räume ab 1938/39 beziehungsweise 1941 kulminierten und mit den als ethnische Säuberungen zu klassifizierenden Vorgängen ab Ende 1944 endeten.

Suppan will nun das Entstehen dieser Konfliktgeschichten in ihrer jeweils von den örtlichen Gegebenheiten abhängigen, spezifischen Form, deren Eskalation und deren Nachwirken in der Historisierung und Erinnerung aller dieser Ereignisse bis in die Gegenwart nachzeichnen. Der Verfasser hat zu diesem Zweck eine unglaubliche Fülle gedruckter und ungedruckter Quellen sowie an Memoiren- und Forschungsliteratur in diversen Sprachen ausgewertet; das Quellen- und Literaturverzeichnis umfaßt allein 90 engbedruckte Seiten. Das alles wird in einen rund 1800 Seiten langen, nur von einigen Tabellen unterbrochenen Text eingebaut, der jeweils die beiden behandelten Räume, unterteilt in einzelne Epochen und Subregionen (zum Beispiel Sudetengebiete, Böhmen, Mähren; Slowenien, Kroatien, Syrmien, Banat, Batschka und andere), untersucht: Österreich-Ungarn, Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg, unmittelbare Nachkriegszeit und Nachwirkungen von circa 1950 bis in die Gegenwart.

So beeindruckend Suppans stupendes Wissen und sein Forscherfleiß sind: Der Leser wird nicht nur vom schieren Umfang, sondern mindestens ebenso vom Detailreichtum des Textes im wahrsten Sinne des Wortes erdrückt. Man gewinnt den Eindruck, den Autor beherrsche eine panische Angst, irgendeine vielleicht bedeutsame Einzelheit zu vergessen, sodaß sich nahezu auf jeder Seite lange, nicht selten über zehn oder mehr Zeilen gehende Aufzählungen von Personen, Orten, Betrieben und so weiter finden. Das Personenregister benötigt stolze 74 Seiten, das Ortsnamenverzeichnis weitere 17 Seiten. Es versteht sich, daß hier so mancher Name fällt, den der Leser nicht unbedingt erfahren muß. Die zahllosen Nennungen selbst kleinster Ortschaften kann man nur durch ständiges Heranziehen der in Band 3 abgedruckten 13 farbigen Landkarten einordnen.

Insgesamt leidet die Lesbarkeit dieses voluminösen Textes darunter, daß Suppan in einem eklektischen Stil Faktum an Faktum, Zitat an Zitat aneinanderreiht, ohne auf die Kohärenz des Endproduktes ausreichend zu achten. Besonders deutlich tritt dies immer dann hervor, wenn es um Finanzfragen geht, denn hier finden sich Angaben in Kronen, Gulden, Reichsmark, D-Mark, Dollar, Pfund, Lire, Dinar, tschechischen Kronen und so weiter bunt gemischt und (mit einer Ausnahme auf S. 1756) ohne Umrechnungsschlüssel (zum Beispiel 1665–1667). Vor allem jüngere, in der Euro-Zone aufgewachsene Leser bleiben da ratlos zurück. Hinzu kommen endlose Zitate in mehreren Sprachen (auch auf Italienisch ohne Übersetzung, 1693), die an vielen Stellen deutlich gekürzt oder durch eine Paraphrase des Autors ersetzt hätten werden können; die winzige Schriftgröße dieser Zitate ist ein weiteres Erschwernis. Und wenn so viele Seiten zu füllen sind, gehen selbst dem innovativsten Autor die Ideen aus, was man an einer gewissen Monotonie des Stils merkt. So beginnen etwa zahlreiche Sätze oder Absätze mit »Schon am …« oder »Bereits am …«.

Wenn man so wie der Rezensent die drei Bände in einem Zug durcharbeitet, ist man am Ende förmlich erschlagen. Es gelingt dem Autor nur bedingt, den roten Faden seiner ungemein breiten Darlegungen erkennbar zu machen. Dies leistet allerdings die gute Zusammenfassung am Ende des Textes. Vielleicht kann dieses Monumentalwerk nur rezipiert werden, indem man je nach Interesse einzelne Abschnitte liest. Unbedingt zu empfehlen ist Abschnitt 12 »Erinnerung und Historisierung«, der eine breite Bilanz der ethnischen Umgestaltungen nach dem Zweiten Weltkrieg bietet und unter anderem Rechtsfragen (Beneš-Dekrete, AVNOJ-Beschlüsse, Restitutionen), zwischenstaatliche Fragen (Österreich, BRD, CSSR, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Jugoslawien und dessen Nachfolgestaaten) sowie die Erinnerungspolitik in allen betroffenen Staaten thematisiert. Durch die Auswertung von Quellen, die dem deutsch- und englischsprachigen Leser aufgrund von Sprachbarrieren meist unbekannt sind, leistet dieses Kapitel wirklich grundlegend Neues. Was das Werk als Ganzes betrifft, so ist zu fürchten, daß es wegen seines Umfangs und der Sperrigkeit des Textes nur von wenigen Enthusiasten vollständig rezipiert werden wird. Eigentlich schade!