Werner Telesko
Kulturraum Österreich. Die Identität der Regionen in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts
Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2008
632 S., 244 SW-Abb.
€ 79,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Winter 2007/2008—Frühling 2008
Das hier besprochene Werk ist der zweite Band der Gesamtpublikation unter dem Titel Geschichtsraum Österreich. Im Gegensatz zum ersten Band, der sich den wichtigsten Phänomenen und Protagonisten der facettenreichen »habsburgischen« Ikonographie aus der Sicht des Zentrums und des Gesamtstaates widmete, wird im zweiten Band die regionale Ikonographie der cisleithanischen Kronländer (die zum Teil identisch mit den Bundesländern des heutigen Österreich sind) analysiert.
Die Publikation ist als Forschungsprojekt in den Jahren 2002 bis 2005 mit Unterstützung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entstanden. Untersucht wird als eine zentrale Frage, »wie und mit welchen konkreten Zielsetzungen regionale Gedächtnisstiftungen mit dynastischen Strategien zusammenwirken oder diese zu unterlaufen versuchen«. Als 1817 Erzherzog Johann an den Schriftsteller und Kurator des Grazer Johanneum, Johann Ritter von Kalchberg schrieb: » Österreichs Stärke besteht in der Verschiedenheit der Provinzen, […] welche man sorgfältig erhalten sollte […] Österreich ging nach allem Unglück stets wieder stark hervor, weil jede Provinz für sich stand, ihr Bestehen als unabhängig von den übrigen betrachtete, aber treu zum gemeinsamen Zweck mitwirkte«, charakterisierte er die unterschiedlichen regionalen Identifikationspunkte, die trotz regionaler Gebundenheit sich aber auf den Gesamtstaat bezogen. Die dynastische Strategie war es, zu vereinheitlichen, gemeinsame »Erinnerungsorte« zu schaffen, deren Ikonographie keine Probleme irgendwo in der Monarchie hervorrufen konnten. Damit wollte man Identität stiften.
Bilder und Denkmäler erinnerten an die glorreiche Vergangenheit wie zum Beispiel die Türkenabwehr. Dabei wird auf die Kontinuität der Habsburger und ihrer Erfolge hingewiesen. So wurde 1838 das Gemälde von Ruß Heldenmüthige Verteidigung der Löwel-Basty durch die Bürger Wiens im Jahre 1683 für die kaiserliche Galerie angekauft und ausgestellt. Das Bild wurde in zahlreichen Graphiken und Büchern verbreitet. Im Betrachter des Bildes sollte eine Identifizierung mit den Dargestellten erzeugt und die Bereitschaft geweckt werden, sich mit den Zielen des habsburgischen Gesamtstaats zu identifizieren. Dabei wird geschickt das allgemeine Interesse an der Geschichte genutzt. Der Autor analysiert beginnend mit der Auseinandersetzung mit der »Türkengefahr« im Gedächtnis des 19. Jahrhunderts die Präsenz von zeitgenössischen Ereignissen in der Kunst (Befreiungskriege gegen Napoleon und ihre Mythisierung), das Jahr 1848 sowie den Denkmälerkult unter dem Blickwinkel der Monumentalisierung der Erinnerung. Der zweite Teil befaßt sich mit der Frage Zentrum und Peripherie als Erklärungsmodel für die österreichische Kunst des 19. Jahrhunderts. Dabei werden Wien, Niederösterreich, Steiermark, Tirol und Südtirol, Kärnten und Vorarlberg in eigenen Kapiteln untersucht. Der Autor macht die nebeneinander bestehenden und einander beeinflussenden Strömungen sichtbar. Vereinfachend ausgedrückt, förderte die Monarchie bewußt die Staats- und Dynastiegeschichte, auf der anderen Seite forcieren die Länder und Städte die lokalpatriotischen Verankerungen der Erinnerungskultur. Gerade in Bauten wie Rathäusern wurde das Bildprogramm als Selbstdarstellung der Stadt ausgeführt, Selbstbewußtsein und wirtschaftliche Stärke wurden dargestellt.
Abschließend wird die Landschaftskunst unter dem Blickwinkel der übergreifenden Grundlage österreichischer Identitäten untersucht. Ein Beispiel für die Landschaftsmalerei: 1811 erteilte Erzherzog Johann Jakob Gauermann den Auftrag, die Steiermark zu bereisen und eine »Bestandsaufnahme« von Landschaft und Menschen durchzuführen. Gauermann reiste, fertigte Skizzen an und führte im Atelier die Aquarelle aus. Dabei ist auch das Arbeitsleben im beginnenden Industiezeitalter dargestellt. In einem Schreiben des Erzherzogs an den Maler Matthäus Loder wird dieser angewiesen, nicht nur einzelne Arbeitsschritte, sondern die gesamte steirische Wirtschaft und die Freizeitbeschäftigung bildlich zu dokumentieren. In einem Brief lobt der Erzherzog , daß man in Loders Veduten endlich die »Wahrheit« in der Landschaft erkennen könnte; damit war nicht nur die sachliche Genauigkeit in der Darstellung gemeint, sondern die Steigerung der Gebirgswelt zu einem idyllischen Ort, der das Weltbild des Auftraggebers, die Landschaft und ihre Bewohner als Idylle wiedergibt: Alle Landbewohner sind gut, offen und liebevoll und haben keine Probleme. Der Künstler komponiert die Landschaft, er bestimmt Inhalt und Poesie und gibt kein realistisches Bild im Sinne des Realismus wieder. Es wird ein bestimmter Blickwinkel auf die Landschaft gelegt, die Härte und Brutalität, die sozialen Konflikte des Frühkapitalismus werden ausgeblendet.
Das Buch ist sowohl für den Historiker als auch für den Kunsthistoriker sehr interessant, da fachübergreifende Fragestellungen an die Kunstwerke gestellt werden. Der kritische Leser wird weiterdenken und die hier behandelten Fragestellungen auf die Gegenwart übertragen und sich überlegen, warum und auf welche Weise geschichtliche Ereignisse in populären Medien dargeboten werden, welche Interessen und Ziele heute dahinter stecken und in welche Richtung die Handlungen der Betrachter gelenkt werden sollen.