Berthold Unfried

»Ich bekenne«. Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik

Studien zur historischen Sozialwissenschaft 31

 

Frankfurt, New York
Campus
2006
386 S.

 

Habilitationsschrift [2003], Universität Wien

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Herbst 2005, 8—10

»Was passiert ist, halte ich für einen großen Fehler.« »Als ich auf dem Weg zur Sitzung war, war mir der politische Angelpunkt der Angelegenheit nicht restlos bewußt […]. Jetzt sehe ich [es] aber ein.« »Gegen die Eltern oder Vorgesetzten ungehorsam, undankbar, frech, trotzig sein — ihnen Kummer und Verdruß bereiten; — in der Familie oder Jugendgemeinschaft lieblos, selbstsüchtig, ungerecht sein. Die Einrichtungen des Staates mißachten — alte Leute verspotten.« »Auch Selbstanklagen erfand die Erzieherin: Das begangene Delikt mußte beschrieben werden und dann unserer Mutter, Großmutter oder einer anderen Respektsperson zur Unterschrift vorgelegt werden.« »Ich habe mir im Verlauf der Untersuchung klargemacht, dass ich ein sehr schlechter Kommunist war. […] Das fand seinen Ausdruck darin, dass ich in der UdSSR Homosexueller war […], sowie darin, dass ich mich fälschlicherweise als ehemaliger Seemann ausgegeben und mit den Seeleuten getrunken habe.« »Meine Grundfehler […] waren linke-opportunistische.« »Er bereitete uns in seiner mild eindringlichen Weise zur ersten Beichte vor, und ich malte mir gar deutlich die Wonne aus, die mich ergreifen würde nach der Lossprechung von allen meinen Sünden. Sie sind ausgelöscht, sind wie nie begangen: ich werde keine Gewissensbisse mehr haben, weil ich unhöflich war gegen das Stubenmädchen, voll Streitlust gegen meine Brüder, weil ich so heiß gewünscht habe, ein tüchtiger Prügel möge aus den Wolken niederfahren und der Mademoiselle blaue Flecke schlagen. In engelhafter Reinheit werde ich aus dem Beichtstuhl treten, und engelhafte Freude wird mein Herz erfüllen.« »Diesen meinen schweren Fehler habe ich wiederholt und vertieft, als ich in der Parteiversammlung des Sektors (der Leninschule), statt meinen Fehler zuzugeben, zu kritisieren und seine Wurzeln zu analysieren, versucht habe, ihn zu erläutern und zu verteidigen. Ich muss zugeben, dass der Inhalt und das Wesen des Fehlers partei- und sowjetfeindlich sind, dass ich nicht genügend gegen das Eindringen klassenfeindlicher Ideologien gewappnet bin und dass ich noch sehr viel an mir arbeiten muss, um die Reste solcher Ideologien zu entfernen.« »Wir geben Ihnen die Möglichkeit, der Partei gegenüber offen und ehrlich Farbe zu bekennen.« »Später wurde ich wieder immatrikuliert, da ich meine Fehler eingestanden hatte.« »Unschamhaft sein durch unnötiges Entblößen und schamlose Kleidung — durch Anschauen, Reden, Witze, Anhören, Lesen schamloser Zeitschriften und Bücher, durch den Besuch schamloser Filme und Theater; — unkeusch sein in freiwilligen Gedanken und Vorstellungen, durch freiwillige Begierden und Wünsche — Unkeusches tun, allein oder mit anderen — wie oft?« »Ihre Schuld besteht darin, daß Sie der Partei gegenüber unaufrichtig und verlogen sind.« »Ich gestehe es als politischen Fehler ein, daß ich zum XVI. Jahrestag der Oktoberrevolution eine parteifeindliche Wandzeitung herausgebracht […] habe.«

Bekenntnisse — aus den Akten, aus Memoiren und aus der fiktionalen Literatur, aus formularmäßigen Vorlagen und Sitzungsprotokollen, selbst formulierte Bekenntnisse und suggerierte, aber nicht unterschriebene Geständnisse, Bekenntnisse, die dem katholischen Katechismus oder der sowjetischen Parteilinie folgen. Der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Berthold Unfried hat sich in seiner Arbeit mit Selbstkritik unterschiedlicher Provenienz beschäftigt. Die zitierten Stellen stammen aus dieser Arbeit, aus Anatolij Rybakows Die Kinder vom Arbat, wo Rybakow seine eigenen Erlebnisse verarbeitet hat, aus einem Katechismus für katholische Schüler und aus den Erinnerungen von Marie von Ebner-Eschenbach.1

Was ist Beichte, was ist Selbstkritik? Als Beichte behandelt Unfried das unter dieser Bezeichnung in der katholischen Kirche bestehende Sakrament, also das unter vier Augen ablaufende Gespräch zwischen einem Beichtvater und einem Beichtkind, bei dem der Beichtende seine Verfehlungen im einzelnen benennt, als Sünden eingesteht und bereut und das mit einer Lossprechung von der Sündenschuld endet. Worin Sünden bestehen, wonach sich ihre Schwere bemißt, welcher Art die Reue sein muß und so weiter, wird in der katechetischen Literatur, aus der auch oben zitiert wurde, eingehend beschrieben, die Anleitung durch den Beichtvater ist ebenfalls Thema einer reichhaltigen Literatur. Die Selbstkritik sowjetischen Musters, der Ausgangspunkt von Unfrieds Forschungen, die ihn dann zu der ihm aus eigenem Erleben bestens bekannten Beichte zurückgeführt haben, war ein Geschehen, das viele Spielarten aufwies. Unfried beschränkt sich prinzipiell auf die Selbstkritik unter Parteikadern, die es im großen Stil ab 1928 gab, allerdings wurde ähnliche Selbstkritik auch in anderen Bereichen, beispielsweise unter Komsomol-Funktionären wie im Fall Rybakow, geübt, oft unter Anleitung von Parteifunktionären. Die Selbstkritik ähnelte der Beichte insofern, als sie im Kern eine Erkenntnis eigener Fehler sein sollte, die zu einer Besserung führen sollte, also ein Reinigungsritual. Dies erforderte auch die konkrete Benennung der begangenen Verfehlungen. So wie die Beichte sollte auch die Selbstkritik von Zeit zu Zeit wiederholt werden, um Abweichungen vom richtigen Weg immer wieder zu korrigieren. Und auch die Selbstkritik endete mit einer Art Absolution: Wer die Selbstkritik überstanden hatte, ging gestärkt und befreit aus dem Ritual hervor. So wie die Beichte war auch die Selbstkritik ein Ritual, das man nicht bloß aus außergewöhnlichem Anlaß absolvieren sollte, sondern das grundsätzlich für jeden Parteikader normal zu sein hatte. Noch eine Parallele bestand in den stereotypen Formulierungen, in der Beichte vorgegeben durch den Beichtspiegel, in der Selbstkritik durch etablierte Formulierungen, die oft an die Ausdrucksweise offizieller Verlautbarungen angelehnt waren.

Es gab aber auch markante Unterschiede zwischen Beichte und Selbstkritik. Die Beichte ist, wie gesagt, ein diskretes Gespräch zwischen zwei Personen, dessen Inhalt seitens des Beichtvaters der Geheimhaltung unterliegt (daß die Beichte überhaupt stattgefunden hat, ist jedoch nicht geheim und mußte in der Vergangenheit zeitweise sogar durch Bestätigung nachgewiesen werden). Das Beichtgeheimnis ist nicht nur Norm, sondern wird auch wirklich peinlich beachtet und in staatlichen Gesetzen privilegiert; Geistliche dürfen vor Gericht oder Behörde über das, was ihnen in der Beichte anvertraut wurde, nicht vernommen werden. Und die katholische Kirche hat mehrere Märtyrer, die für die Bewahrung des Beichtgeheimnisses gestorben sind. Im Gegensatz dazu passierte die Selbstkritik in einer Versammlung, beispielsweise in der Sitzung eines örtlichen Parteigremiums oder in der Parteizelle einer Fabrik. Alle Anwesenden hörten das Bekenntnis mit an, sogar Außenstehende konnten es nachträglich mitverfolgen, da es protokolliert wurde. Die Öffentlichkeit und aktenmäßige Dokumentation der Selbstkritik minderte den Wert der »Absolution«: Wer Selbstkritik geübt hatte und entlastet aus der Parteisitzung gekommen war, konnte sich nicht darauf verlassen, daß sein Bekenntnis nicht später doch wieder gegen ihn verwendet wurde.

Diese spätere Verwendung wurde in den Terrorjahren besonders relevant, da die Verfolgungsmaßnahmen zwar in den meisten Fällen nicht rationalen Kriterien folgten, eine nachvollziehbare Begründung aber dennoch gelegen kam. Eine solche Begründung konnte eben auch aus den selbstkritischen Bekenntnissen, sei es neu abgelegten oder solchen aus früheren Jahren, geschöpft werden. In dieser Phase wurden dann auch die heute bekanntesten Bekenntnisse abgelegt, jene der Angeklagten in den großen Schauprozessen. Hier wird deutlich, daß die sowjetische Selbstkritik doch ein weitaus differenzierteres Geschehen als die Beichte ist, weil sie eben bis zu Geständnissen in Strafprozessen reicht. Die Geständnisse in den Schauprozessen waren zwar an sich nichts anderes als sonstige reumütige Geständnisse von Angeklagten im Strafverfahren, können aber doch zu Recht dem Bereich selbstkritischer Reinigungsrituale zugerechnet werden, denen sie nach Inhalt und Sprache ähnelten. Auch in den Konsequenzen bestehen Unterschiede zwischen Selbstkritik und Beichte: Die individuelle Reinigung wurde schon in der Sprache des stalinistischen Regimes zur kollektiven »Säuberung«, zunächst jener der Partei von ungeeigneten Mitgliedern, dann zur »Säuberung« der Gesellschaft in Form des Massenmords. Parallelen zu diese »Säuberungen« gibt es bei der Beichte nicht, da die Verfolgung religiöser Abweichler in der katholischen Kirche nicht auf Bekenntnissen im Rahmen des Bußsakraments basierte, jedenfalls nicht unmittelbar; allerdings gibt es die auch von Unfried erwähnten Fälle, in denen Beichtväter Häretiker, die in der Beichte gestanden hatten, zu einer Selbstanzeige beim Inquisitionsgericht veranlaßten, etwa indem sie ihnen andernfalls die Absolution verweigerten.

Was war und ist zu beichten, wofür kritisierte man sich selbst? Es bestehen hinsichtlich der Themen trotz aller Unterschiede beachtliche Parallelen. Bei der Beichte sind die relevanten Punkte durch den Dekalog, die Kirchengebote und so weiter vorgegeben, prinzipiell gibt es keinen Bereich menschlichen Verhaltens, der ausgenommen wäre. Erstaunlicherweise galt ähnliches auch für die Selbstkritik: Die Selbstkritik war keineswegs einer »politischen« Sphäre vorbehalten, von der ein »privater« Lebensbereich abgesondert und dem Bekenntniszwang entzogen gewesen wäre. Vielmehr blieb den Anforderungen nach das Privatleben dem politischen Leben in dem Sinn untergeordnet, daß sich das Parteimitglied auch vor der Partei für sein Verhalten etwa gegenüber Familienangehörigen verantworten mußte. Ein wichtiges Thema in der sowjetischen Selbstkritik war das Sexualverhalten, auch wenn es keine so dominante Rolle spielte, wie das für die Beichte anzunehmen ist. Freilich können aufgrund der Quellenlage hinsichtlich der Gewichtigkeit bestimmter Sünden in den Beichten nur Vermutungen angestellt werden. Wie Unfried anmerkt, ist aber zu bedenken, daß sich im 20. Jahrhundert vermutlich auch in der Beichte die Gewichte verlagert haben dürften, was mit der geringer werdenden Beteiligung an diesem Sakrament, der dadurch bedingten Änderung in den persönlichen Merkmalen der Beichtenden und mit der nun geringeren Akzeptanz einer Einmischung des Klerus in das Sexualverhalten zu tun hätte.

Sowohl für Beichte als auch für Selbstkritik läßt sich kaum feststellen, inwieweit das Reinigungsritual wirklich zu der intendierten inneren Veränderung des Menschen führte, da hinter rhetorischen Bekundungen dieser Art alle möglichen wirklichen Haltungen stehen konnten. Im Fall der Beichte waren die Ansprüche variabel: Die gelinde Moraltheologie des Tridentinums, die Thomas von Aquin folgte, begnügte sich mit einer unvollkommenen Reue, die meist aus der Furcht vor der zu erwartenden Strafe kam (attritio) resultierte (von Luther als »galgen rew« bezeichnet) und erforderte keine aus der Liebe zu Gott kommende Herzensreue (contritio); vielmehr betrachtete Thomas die Herzensreue schon als eine vorweggenommene oder als nachträglich sich einstellende Wirkung des Bußsakraments. Diese Auffassung wurde von rigoristischen Moraltheologen, bestritten, explizit etwa von den Jansenisten bis hin zur Synode von Pistoia. Ob diese Unterscheidungen für die Praxis irgendeine Relevanz besaßen, läßt sich freilich nicht feststellen. Das seit dem IV. Laterankonzil bestehende Beichtgebot, das mindestens eine Beichte pro Jahr vorschrieb, und die sonstigen Druckmittel (noch in der Nachkriegszeit konnte Katholiken, die es in extremis ablehnten zu beichten, das kirchliche Begräbnis verweigert werden), machen es wahrscheinlich, daß viele auch ohne inneren Antrieb ihre Beichte ablegten. Das gleiche kann auch von den sowjetischen Selbstkritiken angenommen werden. Unfried: »Der Versuch, eine maximale Sphäre dem Blick der Parteiöffentlichkeit auf den Einzelnen zu eröffnen, hat mittelfristig nur Strategien des Einzelnen begünstigt, sich diesem Blick zu entziehen und sich in einem kleinen privaten Kreis zu individualisieren. Diese Strategie des Verbergens der Gedanken und des persönlichen Lebens vor dem Blick der Parteiöffentlichkeit nahm ihren Ausgang vor den Versuchen der Partei und des Staates in den 1930er Jahren, auf diese Bereiche durchzugreifen. Diese Haltung wurde in dem Begriff vom dvurus*nik oder dvulic*nik (wörtl. dem mit zwei Händen resp. zwei Gesichtern) ausgedrückt, dem Doppelzüngler, der nach außen hin anders redet als er denkt. In nachstalinistischer Zeit ist das geradezu zur Grundhaltung der Sowjetbürger geworden.« (254)

Die Quellenlage ist für Beichte und Selbstkritik ganz unterschiedlich. Für Beichten läßt sich sagen, daß das Beichtgeheimnis in der Praxis außerordentlich gut funktioniert: Protokolle von Beichtgesprächen als Massenquellen existieren nicht, allenfalls gibt es Berichte von Priestern, die allgemein über ihre Tätigkeit als Beichtväter sprechen und eventuell konkrete Beispiele in anonymisierter Form anführen. Auch mündliche Auskünfte dieser Art sind von manchen Priestern zu haben, Unfried selbst hat Gespräche mit (ehemaligen) Priestern darüber geführt. Auch die Sicht von der anderen Seite aus ergibt keine unverzerrten Bilder: Zwar gibt es eine Reihe von Selbstzeugnissen über Erlebnisse der Berichterstatter als Beichtkinder, die mit praktisch irrelevanten Ausnahmen an kein Beichtgeheimnis gebunden sind und daher prinzipiell auch über die einbekannten Sünden sprechen können. Allerdings muß man damit rechnen, daß in solchen Erzählungen Sünden nicht unterschiedslos berichtet werden, sondern harmlose Sünden vielleicht stärker hervorkommen als Sünden, die wirklich rufschädigend wirken könnten. Fraglich ist auch, wieviel Aussagekraft diese Berichte hinsichtlich der Wirkung der Beichte auf das Selbstgefühl der Beichtkinder haben. So wird zwar oft berichtet, daß man von der ersten Beichte enttäuscht weggegangen sei, weil sich das erhoffte Gefühl von Erleichterung und Befreiung nicht eingestellt habe, doch kann nicht ohne weiteres angenommen werden, daß Personen, die keine derartigen Berichte hinterlassen haben, die gleichen Empfindungen gehabt hätten. Ein Ansatz zur »enthüllenden« Beichtforschung italienischer Soziologen bestand darin, daß sich vorgebliche Poenitenten mit interessanten Sündenregistern zu Themen des sechsten Gebots in den Beichtstuhl begaben und die geführten Gespräche aufnahmen, was unterhaltsame, aber vermutlich untypische Ergebnisse erbrachte. Indirekte Quellen sind Beichthandbücher, in die sicherlich Erfahrungen aus der Beichtpraxis eingeflossen sind und die aus diesen Erfahrungen typische Situationen konstruieren. Alles in allem sind die Quellen für eine Geschichte der Beichte, gemessen an der Häufigkeit, mit der früher gebeichtet wurde, eher dürftig.

Ganz anders ist die Situation bei den Selbstkritiken. Durch die bereits erwähnte routinemäßige Protokollierung solcher Akte sind reichhaltige Archivbestände zusammengekommen, die allerdings aufgrund der Gepflogenheiten in russischen Archiven nur eingeschränkt (und nicht prognostizierbar) benützt werden können. Außerdem hat der Autor weitere Quellen benützt, mit denen Handlungen dokumentiert werden, die eine gewisse Verwandtschaft mit der Selbstkritik aufweisen, nämlich autobiographische Darstellungen, sei es in formularmäßiger Ausfertigung, sei es in freier Formulierung, die bei verschiedenen Gelegenheiten an die Partei zu richten waren. In der Regel bestehen hier deutliche Unterschiede zur Selbstkritik, denn diese Lebensläufe sind eben nicht in erster Linie Bekenntnisse mit dem Ziel einer Reinigung von Schuld, allenfalls auch einer Bestrafung, sondern Selbstdarstellungen mit dem Ziel, ein vorteilhaftes Bild ihres Urhebers zu erzeugen (auch wenn in manchen Fällen frühere Verirrungen und ihre erfolgreiche Bewältigung geschildert werden). Noch weiter weg führen die ebenfalls von Unfried verwendeten Kadercharakteristiken, Beschreibungen von Kadern, die andere Parteiangehörige anfertigten, wofür vermutlich neben anderen Quellen auch die Selbstdarstellungen verwendet wurden. Sowohl die Selbstdarstellungen als auch die Kadercharakteristiken sind allerdings wertvolle Quellen für die Maßstäbe, die an einen Parteikader angelegt wurden, etwa die soziale Herkunft, die berufliche Tätigkeit, das Familienleben oder das Parteiengagement betreffend. Diese Maßstäbe waren nicht unveränderlich, zum Beispiel wurde eine proletarische oder kleinbäuerliche Herkunft, die zunächst noch große Bedeutung für einen Parteikader hatte, ab Mitte der dreißiger Jahre weniger wichtig.

Eine zentrale Frage, die in dieser äußerst interessanten Arbeit nur zum Teil beantwortet wird, ist jene nach der intendierten und der faktischen Wirkung von Beichte und Selbstkritik. Leicht zu klären ist die Funktion, die eine Teilnahme am Ritual für die Poenitenten hatte: Es herrschte ein Zwang zur Beteiligung, Nichtbefolgung zog Nachteile nach sich, Teilnahme war die beste, im Fall der Beichte in der Regel auch eine sichere Lösung. Für manche mochte das Ritual auch wirklich kathartische Wirkung haben, doch wohl nur für eine Minderheit, wie das heutige Ausmaß von (freiwilligen) Beichten nahelegt. Doch worin bestand das Interesse der katholischen Kirche und der Regierung und Partei in der Sowjetunion, ihre Gefolgsleute zu einem solchen Ritual zu nötigen? Und wie erfolgreich war man in der Erreichung dieser Ziele?

Ein wirkliches Ziel war sicherlich jenes, das in der Begründung nach außen hin im Vordergrund stand: »Reinigung«, Einsicht in »Fehler«, Entdeckung von »Feinden«, Aussöhnung mit Gott und Partei, Besserung in der Lebensführung danach, auch die damit verbundene seelsorgliche Bemühung des Priesters (verbunden mit dem von ihm gespendeten Sakrament) und die Bemühungen der Parteigenossen. Wie viele wirklich zu einer solchen Besserung oder auch nur zu einem Besserungsvorsatz gelangten und wie viele das Ritual einfach mit dem erforderlichen Aufwand an Heuchelei absolvierten, bleibt offen.

Doch tritt mindestens in der heutigen Wahrnehmung dieses Ziel hinter ein anderes Ziel zurück, nämlich hinter den Wunsch, durch Beichte beziehungsweise Selbstkritik das Verhalten der Bevölkerung zu kontrollieren und zu beeinflussen. Hier wäre wirklich die Frage zu stellen, wie man sich eine solche Kontrolle vorstellte, für welche Zwecke man sie einzusetzen gedachte und wie erfolgreich man damit war. Bedeutete »Kontrolle« im Fall der Beichte mehr als eine Beeinflussung im Sinn der Gebote? Definierte sich die Gemeinschaft der Gläubigen über die Teilnahme an der Beichte (mit dem daraus folgenden Ausschluß der Verweigerer)? Wenn Beichtpflicht ein Element in der Konfessionalisierung der frühen Neuzeit oder auch der Rekonfessionalisierung im 19. Jahrhundert war, welche Funktion hatte sie dann zur Zeit des IV. Laterankonzils oder nach 1945? Erhoffte man sich seitens der katholischen Kirche von der Beichte mehr als ein rhetorisches Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Kirche (zu der es bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts für die meisten ohnehin keine Alternative gab)? Erwartete man sich eine gesteigerte innere Verbundenheit mit der katholischen Kirche und Loyalität zu ihr?

Auch im Fall des Stalinismus (und seiner Ableger in den Jahren nach 1945, auf die Unfried am Ende des Bandes eingeht) bleibt die Frage, inwieweit die Selbstkritik über die Entdeckung von »Fehlern« und »Feinden« und über die »Reinigung« hinaus kontrollierende und herrschaftsstabilisierende Funktionen hatte. Meinte man, daß öffentlich geübte Selbstkritik eine innere oppositionelle Haltung dem Regime gegenüber schwerer machte, weil man sich zutraute, geheuchelte Bekenntnisse als solche zu entdecken? Machte die Selbstkritik den Terror leichter, weil sie den Verfolgern eine Handhabe für ihre Maßnahmen gab? Bedurfte das Regime einer solchen Legitimation? Waren die antihierarchischen Züge, die Selbstkritik aufwies, und die durch Selbstkritik und Terror hervorgerufene Destabilisierung der bürokratischen Strukturen das zufällige Ergebnis einer aus anderen Gründen eingeschlagenen Politik, oder wurden sie bewußt eingesetzt, um die Herrschaft des innersten Machtzirkels zu stabilisieren?

Der Band Berthold Unfrieds ist eine anregende, kenntnisreiche und flüssig geschriebene Untersuchung, die das Bekenntnis katholischer und sowjetischer Prägung in einen erhellenden Vergleich bringt. Die abschließenden Überlegungen über Selbstthematisierungen unterschiedlicher Art — individuelle Schulderfahrung versus öffentliche Beschämung, neuere Formen von Selbstthematisierung im öffentlichen Rahmen in massenmedialen Selbstdarbietungen oder diskret in der Psychotherapie — stellen das Thema noch einmal in einen größeren Zusammenhang. Ein empfehlenswerter Band, nicht nur für religionsgeschichtlich oder sowjetgeschichtlich Interessierte.

 

 

  1. Vgl. das rezensierte Buch, 204, 209, 239, weiters: Katechismus der katholischen Religion, Wien 1961, 137; Peter Bohaumilitzky/Isolde Nägl, Anleitung zu ritualisierter Selbstanklage. Ein Disziplinierungsmittel im Spannungsfeld zwischen ›religiöser Erziehung‹ und bürgerlicher Gouvernantenpädagogik, in: Andreas Heller/Therese Weber/Oliva Wiebel Fanderl (Hg.), Religion und Alltag. Interdisziplinäre Beiträge zu einer Sozialgeschichte des Katholizismus in lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen, Wien/Köln 1990, 90—99, hier 93; Anatolij Rybakow, Die Kinder vom Arbat, Köln 1988, 59—60, 163, 165, 197, 265; Marie von Ebner-Eschenbach: Meine Kinderjahre, in: dies.: Erzählungen. Autobiographische Schriften, München 1958, 804.