Sabine Veits-Falk
Die »Schweizer Ärztinnen« der Habsburgermonarchie. Weibliche Karrieren, Handlungsspielräume und Grenzüberschreitungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 70
Wien
Böhlau
2026
575 S., zahlr. Abb.
€ 85,00
Rezensentin: Elena Taddei
August 2026

Vier der »Schweizer Ärztinnen« (von oben links im Uhrzeigersinn): Bohuslava Keck, Georgine von Roth, Theodora Krajewska, Sophie Moraczeska-Okunewska. Bilder: wikimedia commons, Illustrirte Welt
Das 2022 als Habilitationsschrift an der Paris Lodron Universität Salzburg eingereichte und jetzt als Ergänzungsband der Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung veröffentlichte Werk schließt — gleich vorwegnehmend — eine große Lücke sowohl in der Frauengeschichte als auch in der Untersuchung ärztlicher Professionalisierung im 19. Jahrhundert. Auf der empirischen Basis von kontextualisierten Kollektivbiographien von 29 Frauen aus der Habsburgermonarchie zwischen 1872 (Jahr der ersten Immatrikulation einer Österreicherin in der Schweiz) und September 1900 (Möglichkeit der Immatrikulation für Frauen in Österreich) zeichnet die Autorin das Medizinstudium von Frauen aus der Habsburgermonarchie in der Schweiz und die Karriereoptionen für die ausgebildeten Ärztinnen nach.
Die Arbeit ist in sieben Großkapitel und diese in zahlreiche Unterkapitel gegliedert. Nach einer ausführlichen Einleitung mit theoretischer Verortung behandeln die Kapiteln des Hauptteils das Studium und die Berufsausübung der »Schweizer Ärztinnen« (mit diesem Hilfsbegriff umschreibt der Autorin das von ihr untersuchte Kollektiv). Untersucht werden die Vorbildung (zumeist autodidaktisch oder mithilfe von Privatlehrern) und die für das Medizinstudium vorgegebenen Aufnahmekriterien ebenso wie die damit einhergehenden allgemeinen Debatten rund um das Frauenstudium. Mit dem Fokus auf die Akteurinnen selbst werden dann ihre regionale und soziale Herkunft, die Motive des Studiums, sein Verlauf und das Studentinnenleben in der Schweiz (vor allem Zürich und Bern) beleuchtet. Schließlich widmet sich ein Kapitel den (auch gescheiterten) Versuchen der ärztlichen Berufsausübung und den Karrieren der in der Schweiz gebliebenen beziehungsweise nach Deutschland oder in die USA ausgewanderten weiblichen Promovierten.
Die erste Frau aus der Habsburgermonarchie, die 1872 in Zürich inskribierte, war die aus einer ungarischen gräflichen Familie stammende Vilma Hugonnai. Sie schloß das Medizinstudium 1879 erfolgreich ab. 1874 kam mit Rosa Welt-Strauss die erste Frau aus der österreichischen Reichshälfte nach Bern und wurde 1878 promoviert. Bis sie in ihrer Heimat selbst Zugang zum Medizinstudium hatten, studierten zwei Generationen von Frauen aus der Habsburgermonarchie in der Schweiz zusammen mit vielen russischen Studentinnen, die schon seit 1860 diese Ausbildungsmöglichkeit nutzten.
Die untersuchten Frauen aus der Habsburgermonarchie stammten aus dem höheren Bürgertum (Groß-, Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum). Sechs kamen aus Galizien, je fünf aus Wien und der Bukowina, drei aus Ungarn, zwei aus Böhmen, jeweils eine kam aus Mähren, Krain, Tirol und Kroatien; zudem gab es drei Russinnen und eine Frau aus Hessen mit österreichischer Staatsbürgerschaft. 13 der 29 »Schweizer Ärztinnen« waren Jüdinnen.
Neben dem Großteil der Ärztinnen, die nicht in ihrer Heimat praktizieren konnten und daher migrieren mussten, gab es auch einige wenige, die, in die Bukowina zurückgekehrt, als Amtsärztinnen tätig werden konnten. Die Studie inkludiert beide Kategorien und geht somit auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und Realitäten innerhalb der Habsburgermonarchie ein. Durch die Weiterführung der Analyse des Werdegangs dieser ausgewanderten Frauen im Migrationsland leistet sie einen Beitrag zur Frage der ärztlichen Professionalisierung weit über den habsburgischen Raum hinaus.
Den Abschluß des Bandes bilden neben dem Fazit biographische Porträts der »Schweizer Ärztinnen«, zudem eine Übersichtstabelle für den schnellen Vergleich der Protagonistinnen hinsichtlich Familienstand, Kinder, medizinische Fachrichtung, Vorbildung, Tätigkeit, Wissenschaft und Ableben. Zudem unterstützen ein Personen- und ein Ortsregister die Suche innerhalb dieser an Akteuren und Akteurinnen reichen Studie.
Methodisch folgt die Autorin mit der vergleichenden Analyse der Einzelbiographien dem Ansatz der kontextualisierten Kollektivbiographie. Anknüpfungspunkte gibt es zur Bildungs- und Professionalisierungsgeschichte, zu den Diskursen und Debatten rund um das Frauenstudium, zu Medikalisierung und Professionalisierung des Arztberufs. Berücksichtigt werden Aspekte der Sozialgeschichte der Medizin und hier zudem die zeitgenössischen Entwicklungen in der Alternativmedizin, in denen die ausgebildeten Ärztinnen auch zum Teil tätig wurden, weiters der Mobilitäts- und Migrationsgeschichte aus einer Geschlechterperspektive.
Die Analyse ist in reicher Forschungsliteratur eingebettet und von einem substantiellen und vor allem vielseitigen Quellenkorpus bestehend aus Universitätsmatrikeln, Adressbüchern, Zeitungen, Dokumenten aus dem Meldewesen, Medizinalschematismen, Egodokumenten und Selbstzeugnissen sowie einigen Frauennachlässen gestützt.
Die Arbeit geht gut strukturiert und nachvollziehbar den Fragen nach, wer diese Pionierinnen des Medizinstudiums waren, was sie motivierte, die Mühen eines Studiums im Ausland auf sich zu nehmen, welche Strategien sie verfolgten, um aus dem engen bürgerlichen Korsett auszubrechen und schließlich den erlernten Beruf ausüben zu dürfen. Dabei wird begleitend dazu stets ein Blick darauf geworfen, wie ihr Umfeld sie wahrnahm.
Das (eindeutig erreichte) Ziel der Arbeit ist es, Typisches und Besonderes aus diesen Biographien herauszufiltern, Lücken durch autobiographische Quellen abzufedern, um neben dem Studien- und beruflichen Werdegang auch Motivationen, Ängste, Herausforderungen herauszulesen. Besonders interessant sind die Analyseergebnisse der Motivation, sich in der Fremde einem Studium zu unterziehen: Nicht etwa der dem weiblichen Geschlecht zugeschriebene Hang, Gutes tun und Menschen zu helfen, war die treibende Kraft, sondern der Reiz neuer Herausforderungen und die Aussicht auf Unabhängigkeit und einen standesgemäßen Beruf. Einigen dieser Pionierinnen ist zudem rund um den Studienanfang ein Knick in der Biographie gemeinsam, eine Sinnkrise, eheliche Trennung oder Verwitwung. Wenig verwundert die Betonung ihrer besonderen Begabung durch Zeitgenossen, um die Außergewöhnlichkeit beziehungsweise Ausnahmeerscheinung von Frauenstudium und weiblicher Berufsausübung zu betonen.
Die Arbeit besticht durch ein quellengesättigtes Gerüst, eine klare Struktur in der Analyse und in der Kontextualisierung sowie eine angenehme, einwandfreie Sprache. Wollte man unbedingt etwas kritisch anmerken, dann allein die Tatsache, daß sich durch die zumeist mehrfache Betrachtung der Biographien unter verschiedenen Fragestellungen etliche Redundanzen ergeben und die einer Qualifikationsarbeit typische starke Kapiteluntergliederung auch in der Publikation beibehalten wurde. Dieser vernachlässigbare Punkt schmälert aber in keiner Weise den Mehrwert des Buches als bedeutenden Beitrag zur Frauen-, Migrations- und Medizingeschichte.