Michael Weinzierl
Freiheit, Eigentum und keine Gleichheit. Die Transformation der englischen politischen Kultur und die Anfänge des modernen Konservativismus 1791—1812
Ancien Régime, Aufklärung und Revolution 26
Wien, München
Oldenbourg
1993
224 S.
Habilitationsschrift [1988], Universität Wien
Rezensent: Eberhard Mairbäurl
Historicum, Herbst 1988, 4—6
Problem
Erst ab 1812 gibt es die Tories wieder. Davor liegt ein Jahrhundert Whig-Politik — »Herrschaft der Whigs« wäre eine eher fragwürdige Bezeichnung, da der »Whigkonsens« dieser Zeit ja ohnehin alle umfaßt. »Whigs« sind im 18. Jahrhundert keine Partei, sondern ein politisches Klima.
Doch taucht die Tory-Regierung des Lord Liverpool 1812 natürlich nicht aus dem Nichts auf, so wie die Tories unter Georg I. nicht ins Nichts verschwunden sind. »Whigkonsens« bedeutet eben nicht ideologische Alleinherrschaft von Liberalen, sondern ist völlig unspezifiziert zu verstehen; als Whigs ordnen sich daher nach ihrem Selbstverständnis auch Angehörige ganz unterschiedlicher politischer Strömungen ein: in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts der liberale Fox und der pragmatische Pitt ebenso wie der konservative Burke und der reaktionäre Reeves (S. 5).
Andererseits wird die Regierung Pitts des Jüngeren (ab 1783) in den Schulbüchern (keine Phrase: ich habe in zweien nachgesehen) als Tory-Regierung geführt; ebenso im Brockhaus. Und das liegt nicht nur an der Borniertheit der Schulbuchautoren, die sich nicht ordentlich informieren, oder am Platzmangel im Lexikon, sondern dafür ist auch jener Prozeß verantwortlich, der in der Ära Pitt abläuft: Die Transformation der englischen politischen Kultur und die Anfänge des modernen Konservativismus 1791—1812.
Michael Weinzierl grenzt in seiner Habilitationsschrift gleichen Namens die Untersuchung dieses höchst komplexen Geschehens sozial ein: auf eine »mittlere Ebene«, die etwa Friedensrichter, Landpfarrer, Lokalpolitiker und Publizisten umfaßt (S. 6). Die Ausblendung der »oberen Ebene« ist ohne weiteres einsichtig, da dieser Bereich verhältnismäßig gut erforscht ist. Bei der »unteren Ebene« (die dann auch in der Darstellung nur sporadisch auftaucht) ist die Rechtfertigung schwieriger: Zwar ist die formelle politische Partizipation teilweise ohnehin sehr eingeschränkt, teilweise aber wiederum auch nicht so sehr (s. u. den Fall von Norwich); und dann werden ja informelle Betätigungen gerade auch in der vorliegenden Arbeit berücksichtigt (im Fall der Unterschichten etwa bei den loyalistischen Zusammenrottungen). Quellenprobleme können nur teilweise als Begründung genannt werden, weil ja z. B. detaillierte Wahlergebnisse vorliegen.
Zur Darstellung:
Darstellung
Gegenrevolutionäre Assoziationsbewegung
Das erste Kapitel gilt den Umtrieben der gegenrevolutionären Gesellschaften insbesondere in den Jahren 1792—93. Diese loyalistischen Clubs sind als Antwort auf die gehäuften Gründungen demokratischer Reformgesellschaften v.a. von Kleinhandwerkern und auf die Rezeption von Ideen Paines sowie französischer Revolutionäre zu sehen, wobei die hysterische Revolutionsfurcht ihrer Mitglieder eine wesentliche Rolle spielt. Verbunden sind die Loyalistengesellschaften mit dem Namen John Reeves', eines reaktionären Juristen und Ämterkumulierers, der als ihr Initiator hervortritt (allerdings ist die Bewegung zu einem guten Teil nicht als Neugründung von Vereinigungen zu verstehen, sondern als Umorganisation und Integration bestehender Gesellschaften - auch sie gehören zu den Traditionen der englischen politischen Kultur).
Charakteristisch für die Tätigkeit dieser Associations ist das Zusammenspiel mit anderen Institutionen: das betrifft sowohl die Gewährung von Hilfeleistungen und Erleichterungen an die Gesellschaften durch öffentliche Institutionen oder ihre Unterstützung durch Geistliche und Laienfunktionäre der anglikanischen Kirche wie auch umgekehrt die in Form von Propaganda, Schnüffelei oder Gewalttätigkeiten erfolgenden Dienste für die Sache der Regierung.
Die soziale Basis der Associations wird von Weinzierl nicht systematisch untersucht; verschiedenen Stellen der Arbeit entnehme ich: Notable (z. B. höhere Geistliche oder Squires) als Initiatoren bei den Gründungen oder die erwähnten kirchlichen Funktionäre auch als Vorsitzende; weiters kommen dazu die sonstigen hilfreichen Instistitutionen, von denen Weinzierl beispielartig Oxford-Colleges, Lloyds-Aktionäre oder die Vereinigung der im Londoner Schuldgefängnis einsitzenden Bankrotteure (!) nennt (S. 31). Soweit es die Massenmobilisierung durch die Loyalistenorganisationen betrifft, denen Weinzierl einen eigenen Abschnitt widmet, wird der »plebeische Loyalismus« im Bereich ländlicher Unterschichten sowie Dienern, Arbeitern und Taglöhnern angesiedelt. Städtische Handwerker und Kleinkaufleute werden eher den demokratischen Radikalen zugeordnet (S. 75). Diese plebeischen Loyalisten äußern sich nach Weinzierl in traditionellen Formen der Volkskultur wie Festen, Riots, Symbolen und Trinkgelagen (S. 82). Alles in allem harrt dieser Bereich aber noch der Erklärung: Nicht nur ähneln plebeische Loyalisten in ihren inhaltlichen Forderungen z. T. ihren jakobinischen Gegnern (S. 81), auch das Wahlverhalten von Webern und Ladenbesitzern, wie es sich in den Lokalstudien darstellt, macht eindeutige Zuordnungen schwer:
Lokalstudien
Anhand dreier Beispiele stellt nämlich Weinzierl den lokalen Rahmen dar: Norwich, Zentrum für Weberei im Verlagssystem, die absteigende Hafenstadt Bristol und das aufsteigende Industriezentrum Manchester — drei Beispiele, die durch ganz unterschiedliche politische Systeme gekennzeichnet sind.
Am ausführlichsten und meiner Meinung nach auch am ergiebigsten ist die Darstellung der Situation in Norwich. Das politische System der Stadt ist durch eine hohe Wahlberechtigung (ca. 20 %) gekennzeichnet; es gibt zwei lokale Parteien, die dem konservativeren und regierungsnahen Bereich einerseits und dem liberaleren Bereich andererseits zugeordnet werden können; erstere sind eher anglikanisch und werden von der Bierwirtschaft finanziert, letztere sind extreme Protestanten mit unitarischen Neigungen und haben v.a. eine Bank hinter sich. Beide Lager haben ihre militante Basis gut unter Kontrolle. Die ökonomische Potenz beider Lager garantiert beiden die notwendigen Mittel, um die damals üblichen anrüchigen Praktiken bei den Wahlen finanzieren zu können.
Wirtschaftlich ist Norwich aufgrund seiner veralternden Produktionsmethoden allgemein im wirtschaftlichen Niedergang begriffen, ein weiterer Akzent ergibt sich aus der kriegerischen Entwicklung, die dem exportorientierten Hauptgewerbe der Stadt im besonderen schadet.
Aufgrund der vorhandenen Quellen sind die Wahlen in Norwich — und damit das politische Verhalten eines relativ großen Teiles der Bevölkerung — gut dokumentierbar. Es gibt Ergebnisse und offene Fragen: Als Ergebnis kann festgestellt werden, daß die religiösen Faktoren bei der Wahlentscheidung 1802 eine Rolle gespielt haben dürften, weiters die Berufszugehörigkeiten (S. 127). Hier jedoch erheben sich Fragen: Weber bevorzugen doch spürbar die »liberale« Partei, die mit Friedensparolen auftritt, kleine Ladenbesitzer stimmen mit einer leichten Mehrheit für die regierungstreue »Kriegspartei«. Das Verhalten der Weber kann noch mit ökonomischen Interessen erklärt werden, das der Ladenbesitzer nicht; auch sonst unternimmt Weinzierl hier keinen Erklärungsversuch. Insgesamt wird in diesem Abschnitt das Verhalten der örtlichen Honoratioren gut erkennbar, die Verbindungslinien zur Basis sind dagegen schwer auszumachen.
Die beiden anderen Lokalstudien sind knapper, auch die Quellen scheinen hier weniger zu sprudeln als im Fall Norwich. Bristol ist eine Stadt, die von einer Oligarchie regiert wird. Hier haben die Tories tatsächlich überlebt und befinden sich im Gleichgewicht mit den ebenfalls vorhandenen Whigs, die ähnlich konservativ sind. Beide Parteien werden von Cliquen dominiert, die in hohem Maß unter dem Einfluß von Sklavenhändlern stehen. In den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts arrangieren sich die beiden Parteien, sodaß es gar nicht zu Wahlen kommt. Auch 1802 scheitern Alternativkandidaten bei den Wahlen. Die Erklärung der politischen Verhältnisse in Bristol mit einer ökonomisch besonders starken Handelsoligarchie mit reformfeindlicher Tendenz (Sklavenhandel!) scheint durchaus plausibel. Der Rest der Bevölkerung flüchtet in häufige Riots.
Zum Unterschied von den beiden anderen Städten ist Manchester parlamentarisch überhaupt nicht repräsentiert; das politische Leben spielt sich in loyalistischen und radikalen Vereinen und Clubs ab, parallel gibt es politisch zuordenbare Gotteshäuser und Pubs. Kurzzeitig gibt es allerdings ökumenische Tendenzen unter Einschluß der Katholiken. Die politische Auseinandersetzung zeigt ausgeprägte Neigung zu gewaltsamen Formen. Die soziale Basis der Institutionen der beiden politischen Richtungen ist ähnlich.
Englische Kirche
Ein Umstand, der bereits angeklungen ist, wird die ganze Arbeit hindurch immer wieder thematisiert und bildet den Gegenstand des dritten Abschnitts: die politische Auseinandersetzung der beiden besprochenen Jahrzehnte wird in hohem Maß von konfessionellen Gesichtspunkten oder jedenfalls konfessionell gebundenen Umständen bestimmt. Das liegt zum einen an den bestehenden Diskriminierungen anderer Konfessionen als der Church of England in öffentlichen Ämtern und sonstigen Berechtigungen; weiters erfolgen Bischofsernennungen in der anglikanischen Kirche durch die Krone, und Bischöfe sind Mitglieder des Oberhauses - beides politisch unmittelbar wirksam; ökonomisch befindet sich die anglikanische Kirche nach der Restituierung ihrer Ländereien in der Restaurationszeit in einer glücklichen Lage, die durch die Einhegungen (Privatisierungen der Gemeinländer, bei denen sich die Kirche ihren Teil sichern kann) noch verbessert wird. Pfarren werden zu einem erheblichen Teil von theologisch und pastoral unbeleckten Pfarrern oder ihren ebenbürtigen — allerdings einkommensschwächeren - Vertretern verwaltet.
Traditionell königstreu, verlieren jene »hochkirchlichen« Teile der Church of England, die auch nach 1688 jakobitische Tendenzen verfolgen, institutionell an Bedeutung; trotzdem bleiben hochkirchliche Strömungen — die eher »anstaltsbetont«, gegen individualistisch-protestantische und aufklärerische Strömungen gerichtet und unter Betonung der Sonderrolle der Geistlichen agieren — im niederen Klerus durchgehend präsent und gewinnen im ausgehenden 18. Jahrhundert auch im Episkopat an Boden. Die Anhänger der Low Church-Partei in der Englischen Kirche mit ihren moralistischen und individualistischen Tendenzen und ihrer wohlwollenden Hinwendung zu gemäßigten Puritanern (einschließlich unitarischer Vorlieben) sind bis zu den 90er Jahren in den oberen Rängen der Hierarchie fest verankert.
Dann werden sie jedoch Opfer des Umschwunges, der nicht zuletzt vom niederen Klerus mitgetragen wird; wenn Weinzierl auch die allgemeinen Dispositionen der grundbesitzenden Geistlichkeit für reformfeindliche Haltungen betont, wird unter den kurzfristigen Auslösern doch die Französische Revolution besonders relevant - als Verstärkung konservativer Tendenzen der Hochkirchler ebenso wie im Legitimationsdrang der Vertreter der Low Church, die die Orthodoxie ihrer Stellung beweisen müssen und sich daher von allen radikaleren Positionen zurückziehen.
Unterschichten; Zusammenfassung
Soweit die Grundzüge des Werks. Michael Weinzierl löst, so meine ich, sein Versprechen ein: die Rekonstruktion der politischen Veränderungen auf der »mittleren Ebene« erfolgt in der Arbeit in einer bündigen, einprägsamen und, nebenbei, auch sehr lesbaren Form. In der Erklärung der Veränderungen kehren einige Elemente immer wieder: bestehende Dispositionen aus der Englischen Revolution, der konfessionellen Situation und ökonomischen Interessen; im Schlußteil unterscheidet Weinzierl die Tradition der pragmatischen Whigs von den Erben der »divine right«-Theorien, die sich mit kontinentaleuropäischen gegenrevolutionären Verschwörungstheorien verbinden — zwei Strömungen, die die spezifisch englischen Formen von Konservativismus repräsentieren sollen. Aktuell jedenfalls scheint die Französische Revolution auf dieser Grundlage eine dominierende Wirkung ausgeübt zu haben: Politische Rhetorik wie gegenrevolutionäre Hexenjagd werden von den Obsessionen geprägt, die sie hervorruft oder verstärkt und die auch von den Pragmatikern bei der Durchsetzung ihrer repressiven Politik benützt werden.
So finde ich die Arbeit sehr gelungen — mit einer gewichtigen Einschränkung: Daß die Unterschichten nur in Nebenbemerkungen berücksichtigt werden, ist höchst bedauerlich. Dies aus mehreren Gründen: Zum einen wäre das politische Verhalten dieser Schichten natürlich an sich schon interessant (auch aus aktualistischen Gründen, denkt man an die britische Politik der letzten zehn Jahre); der Aufwand hätte dabei nicht einmal übermäßig sein müssen, etwa wenn bei den lokalen Untersuchungen Wahlverhalten oder Riots etwas eingehender erklärt worden wären — beides bleibt im Vagen. Doch selbst wenn sich ein Autor entschließt, diesen Gegenstand aus der Untersuchung auszuklammern, wäre das Verhalten der Unterschichten zur Erklärung der Tendenzen in den Kreisen der Pfarrer, Publizisten und Honoratioren ausführlicher darzustellen, da ja auch sonst die Wirksamkeit von Aktionen und politischen Äußerungen der formell in politische Entscheidungsprozesse nicht eingebundenen Schichten in zahlreichen Beispielen belegt ist, also auch im Zusammenhang der von Weinzierl untersuchten Fragen solche Einflüsse zu vermuten sind. Obendrein ist in Weinzierls Arbeit selbst vom Zusammenwirken der Associations verschiedener Art mit plebeischen Mobs die Rede. Die vorgebrachten Hinweise auf die Weiterführung volkskultureller Traditionen (»plebeische Protestformen«) werden nicht weiter spezifiziert; vor allem wird nicht im einzelnen klar, wie Vereine, parteiähnliche Verbände u.ä. mit den alten Formen der Patronage umgehen — wer also das Erbe der Patrone antritt und seinen Bedürfnissen anpaßt (und wie das erfolgt) und wer es ausschlägt. Die wenigen Nebenbemerkungen, in denen derartiges anklingt, sind doch zuwenig — dem hätte weiter und vor allem systematisch nachgegangen werden sollen.
Soviel zur Einschränkung einer im übrigen verdienten Anerkennung.